Ein paar Häuserblocks vom schwer überfluteten und immer noch geschlossenen Campus der Dillard University entfernt verkündet ein zerbeultes Straßenschild die erstaunliche Kreuzung Humanity und New Orleans Street. Nach einem drückenden Tag bricht die Nacht herein, die kühle Brise vom Lake Pontchartrain tut gut. Die Wolkenkratzer an der Canal Street im Stadtzentrum sind bereits hell erleuchtet, aber im Norden und Süden ebenso wie im Viertel Gentilly, wo die Dillard University steht, bleiben große Schneisen in Dunkelheit gehüllt. Flucht ins Ungewisse: Ein Bewohner von New Orleans auf der Canal Street, Ende August 2005 BILD

Seit nunmehr einem Jahr sind die Lichter aus, und niemand scheint zu wissen, wann – und ob überhaupt – sie wieder eingeschaltet werden. 150000 Häuser im Großraum New Orleans stehen leer; eine riesige Geisterstadt, die im Dunkeln verrottet, während les bons temps in einige meist wohlhabende Viertel am Fluss zurückkehren. Von der schwarzen Bevölkerung allerdings ist ein derart großer Anteil verschwunden, dass mehrere Radiostationen ihr bisheriges Sendeformat von Funk und Rap auf Softrock umgestellt haben.

Der Bürgermeister Ray Nagin, im Mai 2006 knapp wiedergewählt, prahlt gern mit dem Motto »New Orleans ist zurück« und verweist auf die Touristen, die sich im French Quarter vergnügen, oder die Studenten der Tulane University, die sich in den Bistros an der Magazine Street drängen. Doch die Einwohnerzahl von New Orleans am Westufer des Mississippi erreicht gegenwärtig nicht einmal die Besucherzahl an einem normalen Tag in Disney World. Viele der früheren Wähler Nagins – darunter schätzungsweise achtzig Prozent Afroamerikaner – leben immer noch verstreut im Exil und haben keine Möglichkeit zurückzukehren.

In ihrer Abwesenheit hat die lokale Geschäftselite, beraten von konservativen Expertenkommissionen, »New Urbanists« und Neodemokraten, nahezu jede Funktion der Regierung an sich gerissen. Unter weitgehendem Ausschluss des Stadtrates planen vom Bürgermeister ernannte Kommissionen und auswärtige Experten – vorwiegend weiße Republikaner –, eine mehrheitlich schwarze demokratische Stadt radikal umzumodeln. So wurde das öffentliche Schulsystem abgeschafft, zusammen mit den Stellen der gewerkschaftlich organisierten Lehrer und Angestellten. Durch die dauerhafte Schließung des Charity Hospital, der ersten Adresse für kostenlose Gesundheitsversorgung in Louisiana, gingen ebenfalls Tausende gewerkschaftlich abgesicherter Stellen verloren.

Unterdessen hat sich Bushs Versprechen, die Wiederaufbauarbeit schnell zu erledigen, als das gleiche Katzengold erwiesen wie seine frühere Zusicherung, die zerbombte Infrastruktur des Iraks zu erneuern. Stattdessen lässt die Regierung Bewohner von Vierteln wie Gentilly in der Luft hängen: vorwiegend ohne Jobs, Notunterkünfte, Flutschutz, Hypothekenvergünstigungen, kleine Geschäftsdarlehen oder einen koordinierten Wiederaufbauplan. Mit jeder Woche, die ungenutzt verstreicht – der Republikaner Barney Frank nennt es »eine Politik ethnischer Säuberung durch Untätigkeit« – steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die meisten schwarzen Bewohner von New Orleans nie zurückkehren. Wie die New York Times zu Jahresbeginn feststellte, fand der Hurrikan Katrina in Bushs Rede zur Lage der Nation »kaum ein Wort der Erwähnung« und ist »von der Karte der nationalen Prioritäten völlig verschwunden«. Bürgermeister Nagin ringt so verzweifelt um Beistand, dass er im Ausland um Hilfe nachgesucht hat, unter anderem in Frankreich und Jordanien. Während Umweltexperten immer noch klagen, wie töricht es von den Einheimischen sei, in Häuser zurückkehren zu wollen, die unter dem Meeresspiegel liegen, zeigt sich, dass die Hauptursache für den Untergang von New Orleans nicht die brutale Natur, sondern die Fahrlässigkeit der Bundesbehörden war.

Am 29. August 2005 wurde die Humanity Street durch einen Deichbruch im London Avenue Canal überflutet, der – wie die Kanäle Orleans und 17th Street – einen Ausfluss für Flutwasser bildet, das aus niedrig gelegenen Wohnbezirken wie Gentilly gepumpt wird. Nach Katrina behaupteten das Army Corps of Engineers und der New Orleans Parish Levee Board jedoch, der nördliche Teil der Stadt sei überschwemmt worden, weil eine anrollende Flutwelle biblischen Ausmaßes die Flutmauern überspült habe. »Solchen Wassermassen«, sagte Generalleutnant Carl Strock am 2. September 2005, »war dieser Deich einfach nicht gewachsen.«

Bei einer Befragung vor dem Kongress schoben Vertreter beider Fraktionen einem »Hurrikan der Stärke 4 oder 5« die Schuld zu, obwohl das Untersuchungsergebnis eines Experten der American Society of Civil Engineers belegte, dass die Wellen in Wirklichkeit »etwas niedriger waren als die Schutzmauern«, die man für einen Hurrikan der Stärke 3 ausgelegt hatte. Dank weiterer Untersuchungen eines von der National Science Foundation (NSF) unterstützten Ingenieurteams sowie hartnäckigen Nachbohrens der Presse steht nun fest, dass die Bundesbehörden wussten, welche Gefahr die inkompetente Planung, schludrige Bauweise und chronische Unterfinanzierung des städtischen Deichsystems in sich bargen.