USA Nach der Sintflut die Spekulanten

Vor einem Jahr zerstörte der Hurrikan Katrina New Orleans. Seitdem verhindern weiße Politiker und Baulöwen die Rückkehr schwarzer Flüchtlinge und planen eine Stadt der Reichen.

Ein paar Häuserblocks vom schwer überfluteten und immer noch geschlossenen Campus der Dillard University entfernt verkündet ein zerbeultes Straßenschild die erstaunliche Kreuzung Humanity und New Orleans Street. Nach einem drückenden Tag bricht die Nacht herein, die kühle Brise vom Lake Pontchartrain tut gut. Die Wolkenkratzer an der Canal Street im Stadtzentrum sind bereits hell erleuchtet, aber im Norden und Süden ebenso wie im Viertel Gentilly, wo die Dillard University steht, bleiben große Schneisen in Dunkelheit gehüllt.

Seit nunmehr einem Jahr sind die Lichter aus, und niemand scheint zu wissen, wann – und ob überhaupt – sie wieder eingeschaltet werden. 150000 Häuser im Großraum New Orleans stehen leer; eine riesige Geisterstadt, die im Dunkeln verrottet, während les bons temps in einige meist wohlhabende Viertel am Fluss zurückkehren. Von der schwarzen Bevölkerung allerdings ist ein derart großer Anteil verschwunden, dass mehrere Radiostationen ihr bisheriges Sendeformat von Funk und Rap auf Softrock umgestellt haben.

Der Bürgermeister Ray Nagin, im Mai 2006 knapp wiedergewählt, prahlt gern mit dem Motto »New Orleans ist zurück« und verweist auf die Touristen, die sich im French Quarter vergnügen, oder die Studenten der Tulane University, die sich in den Bistros an der Magazine Street drängen. Doch die Einwohnerzahl von New Orleans am Westufer des Mississippi erreicht gegenwärtig nicht einmal die Besucherzahl an einem normalen Tag in Disney World. Viele der früheren Wähler Nagins – darunter schätzungsweise achtzig Prozent Afroamerikaner – leben immer noch verstreut im Exil und haben keine Möglichkeit zurückzukehren.

In ihrer Abwesenheit hat die lokale Geschäftselite, beraten von konservativen Expertenkommissionen, »New Urbanists« und Neodemokraten, nahezu jede Funktion der Regierung an sich gerissen. Unter weitgehendem Ausschluss des Stadtrates planen vom Bürgermeister ernannte Kommissionen und auswärtige Experten – vorwiegend weiße Republikaner –, eine mehrheitlich schwarze demokratische Stadt radikal umzumodeln. So wurde das öffentliche Schulsystem abgeschafft, zusammen mit den Stellen der gewerkschaftlich organisierten Lehrer und Angestellten. Durch die dauerhafte Schließung des Charity Hospital, der ersten Adresse für kostenlose Gesundheitsversorgung in Louisiana, gingen ebenfalls Tausende gewerkschaftlich abgesicherter Stellen verloren.

Unterdessen hat sich Bushs Versprechen, die Wiederaufbauarbeit schnell zu erledigen, als das gleiche Katzengold erwiesen wie seine frühere Zusicherung, die zerbombte Infrastruktur des Iraks zu erneuern. Stattdessen lässt die Regierung Bewohner von Vierteln wie Gentilly in der Luft hängen: vorwiegend ohne Jobs, Notunterkünfte, Flutschutz, Hypothekenvergünstigungen, kleine Geschäftsdarlehen oder einen koordinierten Wiederaufbauplan. Mit jeder Woche, die ungenutzt verstreicht – der Republikaner Barney Frank nennt es »eine Politik ethnischer Säuberung durch Untätigkeit« – steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die meisten schwarzen Bewohner von New Orleans nie zurückkehren. Wie die New York Times zu Jahresbeginn feststellte, fand der Hurrikan Katrina in Bushs Rede zur Lage der Nation »kaum ein Wort der Erwähnung« und ist »von der Karte der nationalen Prioritäten völlig verschwunden«. Bürgermeister Nagin ringt so verzweifelt um Beistand, dass er im Ausland um Hilfe nachgesucht hat, unter anderem in Frankreich und Jordanien. Während Umweltexperten immer noch klagen, wie töricht es von den Einheimischen sei, in Häuser zurückkehren zu wollen, die unter dem Meeresspiegel liegen, zeigt sich, dass die Hauptursache für den Untergang von New Orleans nicht die brutale Natur, sondern die Fahrlässigkeit der Bundesbehörden war.

Am 29. August 2005 wurde die Humanity Street durch einen Deichbruch im London Avenue Canal überflutet, der – wie die Kanäle Orleans und 17th Street – einen Ausfluss für Flutwasser bildet, das aus niedrig gelegenen Wohnbezirken wie Gentilly gepumpt wird. Nach Katrina behaupteten das Army Corps of Engineers und der New Orleans Parish Levee Board jedoch, der nördliche Teil der Stadt sei überschwemmt worden, weil eine anrollende Flutwelle biblischen Ausmaßes die Flutmauern überspült habe. »Solchen Wassermassen«, sagte Generalleutnant Carl Strock am 2. September 2005, »war dieser Deich einfach nicht gewachsen.«

Bei einer Befragung vor dem Kongress schoben Vertreter beider Fraktionen einem »Hurrikan der Stärke 4 oder 5« die Schuld zu, obwohl das Untersuchungsergebnis eines Experten der American Society of Civil Engineers belegte, dass die Wellen in Wirklichkeit »etwas niedriger waren als die Schutzmauern«, die man für einen Hurrikan der Stärke 3 ausgelegt hatte. Dank weiterer Untersuchungen eines von der National Science Foundation (NSF) unterstützten Ingenieurteams sowie hartnäckigen Nachbohrens der Presse steht nun fest, dass die Bundesbehörden wussten, welche Gefahr die inkompetente Planung, schludrige Bauweise und chronische Unterfinanzierung des städtischen Deichsystems in sich bargen.

Im Falle der 17th Street führten fehlerhafte Bodenanalysen zum Bau von Deichmauern, die nicht fest genug verankert waren, um Verlagerungen in den unteren Bodenschichten aufzufangen. Nachdem das Büro des Army Corps Vicksburg/Mississippi diese katastrophalen Fehler 1990 bei einer Inspektion entdeckt hatte, tat man in New Orleans nichts, um die Mängel zu beheben.

Im Falle der Orleans-Canal-Flutmauer, die laut NSF-Mitarbeitern »schon versagte, bevor der Sturm begann«, ließ man eine lebensbedrohliche Durchflusslücke, um zu verhindern, dass der Wasserdruck die Mauern einer alten Pumpstation bricht. Trotz dringender Appelle des Ingenieur-Corps und des Deichausschusses hatte sich die Bush-Regierung geweigert, zehn Millionen Dollar für den Neubau der Pumpstation und die Vervollständigung der Flutmauer zu bewilligen. Als demokratische Hochburg ist New Orleans eben kein Lieblingskind des republikanischen Weißen Hauses.

Falsche Versprechungen haben Tradition in der Bush-Dynastie. Anfang 1992 besichtigte Präsident George H. Bush in Los Angeles die ausgebrannten Trümmer des Stadtteils South Central und versicherte den Bewohnern, Washington übernehme die »volle Verantwortung, innerstädtische Probleme zu lösen«. Als Reaktion auf die Rodney-King-Krawalle versprach das Weiße Haus den Einwohnern von L.A. und anderen vernachlässigten Städten sofortige Hilfe. Doch das Mitgefühl des Präsidenten erlosch, als die republikanischen Führer im Kongress lautstark gegen eine »Belohnung der Aufrührer« intervenierten.

Nach Katrina imitierte George W. Bush die rhetorischen Gesten seiner Amtsvorgänger Franklin D. Roosevelt und Lyndon B. Johnson, indem er der Nation in seinem Septemberappell am Jackson Square versicherte: »Wir werden tun, was nötig ist, wir werden so lange bleiben, wie nötig, um den Bürgern zu helfen, ihr Leben wiederaufzubauen.« Danach ruhte sich das Weiße Haus den ganzen Herbst lang auf seinen Versprechen aus und ließ zu, dass seine konservativen Vorkämpfer – rund hundert Mitglieder der Republican Study Group, die für den Präsidenten das Wiederaufbauprogramm erarbeiteten – den Kongress mit der Forderung erpressten, die Hilfe für die Hochwassernachsorge am Golf von Mexiko mit Etatkürzungen in Höhe von 50 Milliarden Dollar auszugleichen: und zwar in den Bereichen Medicaid (Gesundheitsfürsorge für Einkommensschwache), Lebensmittelmarken und Studentendarlehen. So verlagerte die Regierung die Last der Katrina-Hilfe auf die Armen.

Die Republikaner rebellierten auch gegen Hilfe für den Bundesstaat Louisiana, der ihnen als korrupte Dritte-Welt-Gesellschaft ohne Nationalbewusstsein gilt. »Louisiana und New Orleans«, so der republikanische Senator Larry Craig aus Idaho, »hatten schon immer die korruptesten Regierungen in unserem Land. Die Kultur des Iraks ist von Betrug bestimmt. Das Gleiche gilt für Louisiana.« Die Demokraten taten herzlich wenig, um diesen Schlag zu parieren oder Bush wegen seiner Versprechen am Jackson Square die Hölle heiß zu machen. Wie schon 1992 fand die angekündigte landesweite Debatte über städtische Armut nie statt. Und als der damalige Finanzminister John Snow sich weigerte, der Stadt Kommunalobligationen zu gewähren, blieb Bürgermeister Nagin nichts anderes übrig, als ungeachtet Tausender Arbeitsloser in Medizin und Bildungswesen noch 3000 städtische Bedienstete zu entlassen. Die Bush-Regierung blockierte die Erhöhung von Medicaid-Mitteln für Katrina-Evakuierte und weigerte sich, dem Bundesstaat Louisiana, dem in den nächsten Jahren geschätzte acht Milliarden Dollar an Staatseinkünften verloren gehen, einen höheren Anteil steuerlicher Erlöse aus seinen Öl- und Erdgasgeschäften zu gewähren.

Noch ungeheuerlicher war die Haltung der Small Business Administration (SBA), einer nationalen Behörde für Kleinunternehmen, die 82Prozent der Anträge auf Entschädigungshilfe von einheimischen Geschäftsleuten und Hausbesitzern aus schwarzen Vierteln ablehnte. So zerstörte man die Existenzgrundlage der afroamerikanischen Mittelklasse. Außerdem verhinderte die US-Katastrophenschutzbehörde Fema durch ihr himmelschreiendes Versäumnis, vorübergehende Wohnunterkünfte in der Stadt bereitzustellen, dass Arbeiter aus New Orleans, die in Baton Rouge, Houston und Atlanta Zuflucht genommen hatten, Jobs im auflebenden Bauwesen bekamen. So verloren besonders Schwarze mit niedrigem Einkommen ihre Nischen im Baugewerbe und im Dienstleistungssektor an mobilere Zuzügler.

Gleichzeitig hat das Weiße Haus herkulische Anstrengungen unternommen, seine politische Basis aus Großunternehmern und konservativen Ideologen zu belohnen. Zu Recht beklagte sich die demokratische Abgeordnete Nydia Velazquez, die dem Ausschuss für Kleinunternehmen im Repräsentantenhaus angehört, über die SBA, die es zuließ, dass »große Konzerne Bundesaufträge im Wert von zwei Milliarden Dollar erhielten, weil sie sich als Kleinunternehmen verkauften«, während ortsansässige Bauunternehmer leer ausgingen. Hauptnutznießer waren Riesenkonzerne wie Halliburton und die Shaw-Gruppe (das größte in Louisiana ansässige Unternehmen) sowie drei Firmen aus Minnesota, Kalifornien und Tennessee, die mit dicken Aufträgen für Trümmerentfernung bedacht wurden.

So zahlt beispielsweise die Fema für das Anbringen von Planen auf sturmgeschädigten Dächern 157 Dollar pro 10 Quadratmeter an die Shaw-Gruppe. Diejenigen, die die Arbeiten ausführen, verdienen nur 2 Dollar pro Einheit – und die Planen werden kostenlos von der Fema gestellt. Reporter der Times-Picayune stellten verblüfft fest, dass das Festtackern einer solchen blauen Plastikplane den Steuerzahler ähnlich viel kostet wie einen Hausbesitzer das Decken eines Daches mit richtigen Schindeln. Ähnlich zahlt das Army Corps für das Entfernen von Treibgut und Unrat 20 Dollar pro Kubikmeter an große Bauunternehmer, während viele Bulldozerfahrer nur einen Dollar davon erhalten.

Mit anderen Worten: Jede Stufe der baulichen Nahrungskette ist gewaltig überfüttert, nur die untere, auf der die Arbeit ausgeführt wird, nicht. Während die Bush-Freunde aus den Trümmern von New Orleans Gold scheffeln, können sich viele enttäuschte Bergungsarbeiter – oft Migranten aus Lateinamerika, die in städtischen Parks und armseligen Einkaufszentren hausen – kaum über Wasser halten.

Die feindselige Haltung der Republikaner gegenüber New Orleans sitzt natürlich tiefer. Kehren wir einen Augenblick zu der symbolträchtigen Ecke New Orleans und Humanity zurück. Humanity Street und der angrenzende Freeway 610 bilden eine soziale Trennlinie: Im Süden befinden sich ältere Arbeiterviertel mit schmucklosen einstöckigen Klötzen und lang gestreckten, schmalen Doppelhäusern, dazwischen Fertigteilblocks und Sozialwohnungen. Nördlich der Humanity sieht man hübsche Backsteinfassaden: die Wohngegend des schwarzen Mittelstands, zu der der Pontchartrain Park mit Golfplatz und Country-Club ebenso gehört wie die östliche Vorstadt mit Baumärkten und Motels.

Meist sind es nur die Armen, die nach städtischen Katastrophen verschwinden, doch im Falle von New Orleans war es auch der afroamerikanische Mittelstand. In den Wirren von Katrina ließen sich die meisten weißen Politiker und Medienexperten von gespenstischen Vorurteilen leiten. Die komplexe Geschichte und soziale Geografie der Stadt wurden zur Karikatur eines riesigen Slums reduziert, der von einer kriminellen Unterschicht bewohnt ist. Die bürgerliche Normalität von Gentilly – der Stolz, ein Haus besitzen, oder das begeisterte bürgerschaftliche Engagement der Arbeiter im unteren neunten Bezirk – durfte den Glauben vieler neuer Demokraten und alter Republikaner, dass die schwarze Kultur von Natur aus degeneriert sei, nicht erschüttern.

Und so transportierten die überregionalen Medien das Bild einer überfluteten Stadt unter terroristischer Herrschaft von Schlägern, Vergewaltigern und Zombies. Doch das war größtenteils ein herbeifantasierter urbaner Mythos: Schon Ende September 2005 gestand Eddie Compass, der Polizeipräsident von New Orleans, er habe keinerlei »offizielle Berichte über Morde. Keinen einzigen offiziellen Bericht über Vergewaltigung oder sexuelle Übergriffe.« Trotzdem kolportierten die Medien mit der Legende vom Amok laufenden, zu ehrlicher Selbstverwaltung unfähigen Schwarzen uralte rassistische Klischees – wie sie schon die mörderische White League heraufbeschwor, als sie in den 1870ern ein Komplott gegen die Reconstruction in New Orleans schmiedete. Im Programm der League hieß es, »wo die weiße Rasse herrscht, ist der Neger friedfertig und glücklich; wo die schwarze herrscht, hungert der Neger und wird unterdrückt«. Tatsächlich fürchten heute Bürgerrechtsveteranen, dass die Schlacht an der Canal Street von 1874 (ein blutiger, von der League organisierter Aufstand gegen eine von Schwarzen gewählte Verwaltung) erneut ausgefochten wird – vielleicht ohne Piken und Gewehre, aber mit demselben Ziel, dem schwarzen New Orleans die ökonomische und politische Macht zu entziehen.

In New Orleans definierten sich Macht und Status schon immer durch die Mitgliedschaft in so genannten Krewes (elitären Karnevalsgesellschaften) und privaten Clubs. »New Orleans wird mehr als jede andere Stadt von einer Clique von Eingeweihten geleitet«, schrieb der Historiker John Barry. »Diese Eingeweihten sehen sich alles wie hinter einem Doppelspiegel an und urteilen und entscheiden.«

In den frühen 1990ern erzwangen Bürgerrechtler zwar die symbolische Aufhebung der Rassentrennung im Mardi Gras, dem gigantischen Karnevalsumzug am »fetten Dienstag« vor Aschermittwoch, und einige Clubs ließen widerstrebend ein paar afroamerikanische Millionäre zu. Doch nach Katrina bestimmt nun eine vorwiegend weiße Elite, wie die Stadt wiederaufgebaut werden soll.

Dem heute beherrschenden Krewe gehören an: Jim Amoss, Verleger der Times-Picayune; Pres Kabacoff, Bauunternehmer und Lokalpatron des New Urbanism; Donald Bollinger, Reedereibesitzer und prominenter Bush-Anhänger; James Reiss, Immobilienspekulant und Vorsitzender der Regional Transit Authority (er war für die Busse verantwortlich, die die Menschen nicht evakuierten); Alden McDonald jr., leitender Angestellter der größten in afroamerikanischem Besitz befindlichen Bank; Scott Cowen, Präsident der Tulane University; Janet Howard vom Bureau of Government (ursprünglich von wohlhabenden Eliten gegründet, um der antikapitalistischen Politik des Radikaldemokraten Huey Long entgegenzutreten, der in den 1930ern als Senator von Louisiana mit dem Wahlspruch »Teilt euren Reichtum« Furore machte).

Die dominierende Figur und buchstäbliche Nummer eins aber ist Joseph Canizaro, ein betuchter Grundstücksspekulant mit Freunden an den höchsten Stellen. Er hat enge persönliche Verbindungen zu Karl Rove und dem inneren Kreis im Weißen Haus. Außerdem ist er der einflussreichste Mann nach dem demokratischen Bürgermeister Ray Nagin, der im Jahr 2000 Bush unterstützte, und als früherer Präsident des Urban Land Institute mobilisiert er einige der mächtigsten Bauunternehmer und Planungsstrategen im Land.

In einer Stadt, wo das alte Geld oft ebenso öffentlichkeitsscheu ist wie die Vampire in den Kriminalromanen der aus New Orleans stammenden Erfolgsschriftstellerin Anne Rice, posiert Canizaro als tapferer Bürgervertreter, der sich nicht scheut, bittere Wahrheiten auszusprechen. So erklärte er der Associated Press: »Die armen Leute haben nicht die Mittel, in unsere Stadt zurückzukehren, so wie sie auch nicht die Mittel hatten, unsere Stadt zu verlassen. Es werden also weniger als früher sein. Das ist eine Tatsache.« Diese »Tatsache« ist nicht zuletzt durch Canizaros entschlossene Beihilfe zu einer solchen geworden. Obwohl die Zahl der zurückkehrenden Einwohner entscheidend davon abhängt, welche Mittel man ihnen zur Verfügung stellt, ging die Wiederaufbaudiskussion immer von der Prognose aus, die Stadt werde nur noch die Hälfte der Bewohner vom August 2005 zurückgewinnen.

In New Orleans fragen sich viele, ob solche Prognosen nicht eher angestrebte Ziele sind, nachdem Canizaro und seinesgleichen jahrelang über die »brodelnde Unterschicht und die damit einhergehende hohe Verbrechensrate«, die vielen Sozialwohnungen und die starke Zunahme heruntergekommener Häuser geklagt haben. Katrina bot eine geradezu utopische Möglichkeit, ein von der Bürde der Armut befreites New Orleans zu kreieren.

Hinter der Abkürzung BNOB – Bring New Orleans Back – verbirgt sich die wichtigste Initiative der führenden Elite in New Orleans. Sie entstand in einem berüchtigten Treffen zwischen Bürgermeister Nagin und einheimischen Geschäftsleuten (die auch unter dem Spitznamen »die vierzig Diebe« bekannt sind), das zwölf Tage nach der Zerstörung der Stadt durch Katrina in Dallas organisiert wurde. Das Gipfeltreffen schloss die meisten gewählten schwarzen Vertreter von New Orleans aus, und obwohl die 17-köpfige Kommission der Hautfarbe nach paritätisch besetzt war und obwohl der farbige Stadtratsvorsitzende Oliver Thomas sowie der per Videokonferenz aus Manhattan zugeschaltete Wynton Marsalis teilnahmen, lag die eigentliche Macht in den Händen von drei Komiteemitgliedern: Canizaro (Stadtplanung), Cowen (Bildung) und Howard (Finanzen). Sie verhinderten eine Debatte über Themen wie Rasse und Klasse und starteten stattdessen BNOB.

Vielleicht wäre Bring New Orleans Back schon im Herbst implodiert, hätte der raffinierte Canizaro nicht seinen Bürgermeister dazu überredet, das Urban Land Institute (ULI) nach Orleans einzuladen, um mit der Kommission zusammenzuarbeiten. Im November reiste das ULI dann an. Und obwohl es eine eigennützige Vertretung gewerblicher Immobilienspekulanten ist, begrüßten Nagin und Canizaro die 50-köpfige Delegation von Bauunternehmern, Architekten und Exbürgermeistern wie eine Sachverständigenkavallerie, die zur Rettung von New Orleans anrückte. Das ULI präsentierte daraufhin einen Katalog von Empfehlungen, der fortan die Diskussion über den Wiederaufbau beherrschte. Es verkaufte den historischen Wunsch der oberen Zehntausend, den politischen Einfluss der Schwarzen in New Orleans zu verringern, als einen Kreuzzug für öffentliche Sicherheit und vernünftige Infrastruktur.

Da wurden Ursache und Wirkung auf groteske Weise verkehrt, wenn etwa die geringe Einwohnerzahl eines Wohngebietes als Wirtschaftshemmnis beurteilt wurde statt als Folge der lahm gelegten Wirtschaft, die viele Bewohner bis heute an einer Rückkehr hindert. Unter suspekten Voraussetzungen schlugen die auswärtigen »Experten« die beispiellose Zerschlagung einer bis dahin kompakten amerikanischen Stadt in drei Teile vor: Zuerst sollte sich der Wiederaufbau auf höher gelegene Gebiete wie Uptown und den Geschäftsbezirk in der Innenstadt konzentrieren. Später sollte die Peripherie großflächig saniert werden. Und währenddessen war eine dritte Zone niedrig gelegener Viertel – schwarzafrikanische Hochburgen wie Gentilly, ein Großteil von New Orleans East, Broadmoor, Mid-City, Hollygrove und die meisten Viertel des unteren neunten Bezirks – zu Verkauf und künftiger Umwandlung in Grünflächen vorgesehen, um die Stadt vor Überflutung zu schützen.

Da das ULI mit heftigem Widerstand der Bürger gegen eine künstliche Drittelung ihrer Stadt rechnete, plante sie rechtzeitig die Gründung einer neuen städtischen Agentur, der Crescent City Rebuilding Corporation, die die Häuser aufkaufen oder Privateigentum nach staatlichem Enteignungsrecht beschlagnahmen kann, ohne den Stadtrat von New Orleans um Zustimmung ersuchen zu müssen. Ein neu zu gründender Aufsichtsrat wiederum (nach dem Vorbild der New Yorker Municipal Assistance Corporation) sollte die städtischen Finanzen übernehmen, bestehend aus von der ULI berufenen Experten, um den gewählten Repräsentanten die stadtplanerischen Entscheidungen abzunehmen.

Auf Veteranen der Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre wirkte das Ganze wie pure Enteignung und eine Rückkehr zur Bevormundung der Plantagenzeit. In ihren Augen wurde New Orleans seit dem Hurrikan wie ein maroder Staat, ein amerikanisches Haiti behandelt. Konfrontiert mit einer mächtigen Koalition aus Plutokraten, Zeitungsverlegern, Politikern und auch Umweltschützern, die einer Schrumpfung der Metropole das Wort reden, hatten die Gegner des ULI (regionale Gewerkschaften, Kirchen und Solidaritätsorganisationen wie Acorn) enorme Schwierigkeiten, sich Gehör zu verschaffen. So predigte die Times-Picayune zusammen mit den wichtigsten überregionalen Tageszeitungen unaufhörlich, New Orleans habe nur die Wahl zwischen den anarchischen Bestrebungen ihres gewählten Stadtrats oder der Weisheit Canizaros und seiner ULI-Auguren. Allerdings gefiel den wenigsten Einheimischen die Vorstellung, dass die Viertel der Schwarzen in Parks für Weiße umgewandelt werden sollen. »Ich werde mit einem Gewehr an der Tür sitzen«, warnte ein Bewohner bei einer überfüllten Versammlung im Januar, während andere fragten: »Wollen wir zulassen, dass ein paar Baununternehmer, Gauner und Landdiebe unsere Grundstücke und Häuser nehmen, um ein Disneyland daraus zu machen?«

Doch Canizaro scheint sich nicht übermäßig vor den Bürgern zu fürchten. Er hat seinen Anhängern trotz des stückweise begonnenen Wiederaufbaus die zügige Realisierung des BNOB-Plans versprochen, weil er weiß, dass es unabhängig vom lokalen politischen Klima unüberwindbare äußere Kräfte gibt, die einen Exodus der fraglichen Viertel erzwingen können: fehlender Versicherungsschutz, Weigerung von Geldverleihern, Hypotheken neu zu finanzieren. Außerdem weiß jeder, der die Realpolitik im gegenwärtigen Louisiana kennt, dass für New Orleans nichts endgültig entschieden ist, solange nicht ein paar »gute alte Jungs« (und Mädels) in Baton Rouge das letzte Wort gesprochen haben.

Die Armen haben auch keine Stimme innerhalb der Louisiana Recovery Authority (LRA), der Behörde für Wiederaufbau des Staates Louisiana. Sie verwaltet die 7,7 Milliarden Dollar an Fema-Mitteln und Community Development Grants, also Darlehen für stadtteilorientierte Erneuerungen, die der Kongress für den Wiederaufbau Südlouisianas bewilligt hat. Die in der LRA versammelten Unipräsidenten und wichtigen Geschäftsleute sind ein Spiegelbild des Canizaro-Clans, nur fühlen sie sich den schwarzen Wählern und ihren Vertretern in New Orleans noch weniger verpflichtet. Die LRA setzt sich aus 28 Vertretern aus der Wirtschaft, aber nur zwei Gewerkschaftern und nicht einem einzigen Bürgerinitiativler zusammen. Im Unterschied zu Nagins Ausschuss hat die LRA zudem nicht nur Weisungs-, sondern auch Entscheidungsbefugnis. Da seitens des Bundes keine weitere Hilfe zu erwarten ist, hängt die Gefahr einer fremdbestimmten stadtplanerischen Dreiteilung wie ein Damoklesschwert über der Stadt.

Womit die Eliten aber nicht gerechnet haben, ist der Fats-Domino-Faktor. Am Haus des in New Orleans geborenen Musikers Fats Domino hängt wie bei Hunderten anderen wassergeschädigten, aber von der Bausubstanz her gesunden Häusern ein trotziges Schild: »Rettet unser Viertel: Keine Planierung.« Der Rhythm-and-Blues-Star galt nach dem Hurrikan zunächst als vermisst. Er hatte trotz des heraufziehenden Unwetters in seinem Haus bleiben wollen, aus dem er dann mit einem Boot flüchten musste und wohin er im Oktober zurückkehrte. Domino, der seinen Wurzeln im Arbeiterviertel Holy Cross immer treu geblieben ist, weiß genau, dass sein am Fluss gelegenes Viertel und der Rest der Lower Ninth Ward bevorzugte Ziele der Stadtschrumpfer sind. Tatsächlich veröffentlichte die Times-Picayune am Weihnachtstag 2005 unter dem Motto »Bevor eine Gemeinde neu bauen kann, muss sie träumen« eine Vision davon, wie ein kleineres, aber besseres New Orleans aussehen könnte: »Unterdessen besichtigen Touristen und Schulkinder ein lebendiges Museum, zu dem das frühere Haus von Fats Domino und die Holy Cross High School gehören, ein viele Straßenzüge umspannendes Denkmal für Katrina.«

Lebendiges Museum klingt wie ein schlechter Witz, ist aber die tatsächliche Vorstellung weißer Eliten von einem afroamerikanischen New Orleans. In der kühnen New-Urbanist-Welt von Canizaro kommen Schwarze (zusammen mit den Cajuns, der anderen Minderheit) nur noch als Entertainer und Karikaturen ihrer selbst vor. Die elektrisierende Energie, die früher die Kneipen, Sozialwohnungsprojekte und Second-Line-Paraden belebte, soll jetzt in einem Louisiana-Musikerlebnis-Viertel für Touristen in der Innenstadt sicher einbalsamiert werden.

Aber diese künftige Varieténummer muss erst die beachtliche Geschichte der einheimischen Bürgerinitiativen überwinden. Das am besten gehütete Geheimnis von Big Easy nämlich war das Wiederaufleben von Gewerkschaft und Gemeindeorganisationen seit Mitte der 1990er. Tatsächlich ist New Orleans die einzige Stadt im Süden, in der die Gewerkschaft stark genug war, um einen Generalstreik auszurufen, eine wichtige Feuerprobe der neuen sozialen Bewegung.

Vor allem ist New Orleans die Keimzelle von Acorn, einer landesweiten Organisation von Hausbesitzern und Mietern aus der Arbeiterklasse – gegründet im Arkansas der 1970er, zählt sie zu ihren Mitgliedern in New Orleans über 9000 Familien vorwiegend aus den gefährdeten schwarzen Vierteln, auch Fats Domino. Seit Katrina hat sich Acorn als wichtigster Gegner der ULI-Pläne hervorgetan. Acorn-Gründer Wade Rathke spottet über die Prognose der Rand Corporation, der zufolge die meisten Schwarzen die Stadt verlassen. »Glaubt nicht diese getürkten Zahlen, wir haben unsere vertriebenen Mitglieder in Houston und Atlanta befragt. Die Leute wollen unbedingt zurückkommen, aber sie wissen, dass es ein harter Kampf wird, da wir gleichzeitig an zwei Fronten kämpfen: Wir müssen die Häuser herrichten und die Arbeitsplätze zurückzuholen. Es ist ein Rennen gegen die Zeit.«

Ohne auf finanzielle Mittel, die Flutzonenpläne der Fema oder die Erlaubnis von Canizaro zu warten, arbeiten Acorn-Teams und Freiwillige derzeit rund um die Uhr, um die Häuser von 1000 Mitglieder-Familien in vier der am stärksten gefährdeten Gebiete zu reparieren: Gentilly, New Orleans East, Hollygrove und Lower Ninth Ward. Ihre Strategie ist es, die Stadtschrumpfer durch wieder belegte, lebensfähige Nachbarschaftskerne vor vollendete Tatsachen zu stellen. Während sich andere Hausbesitzer möglicherweise durch entmutigende Herausforderungen wie Versicherungskosten und das Enteignungsrecht des Staates abhalten lassen, baut Acorn auf das politische Bewusstsein seiner Mitglieder und ihren festen Glauben an Großfamilien, Kirchen und Gemeinden.

Acorn hat sich auch mit der schwarzen Bürgerrechtsorganisation NAACP (die in den Fünfzigern eine Aufhebung der Rassentrennung an amerikanischen Schulen bewirkte) und dem Gewerkschaftsverband AFL-CIO zusammengetan, um die Arbeiterrechte zu verteidigen und beim Wiederaufbau auf die Beschäftigung einheimischer Bürger zu drängen. Rathke sagt, Katrina sei die perfideste von der Regierung gefahrene Attacke gegen die Gewerkschaften seit 1981, als Präsident Reagan streikende Fluglotsen entließ. Er zeigt auf einen zerbeulten grünen Mülltransporter, der am Jackson Square vorbeirollt. »Die Müllabfuhr im French Quarter war früher eine von der Dienstleistungsgewerkschaft SEIU geschützte Arbeit. Jetzt hat die Fema die Arbeit an eine Streikbrecherfirma von außerhalb vergeben. Kann man so New Orleans zurückbringen?«

Während Acorn versucht, seine Mitglieder nach Hause zu holen, wehren sich verschiedene Organisationen gegen den geplanten Abbruch der Lower Ninth Ward – darunter der Peoples’ Hurricane Relief Fund (der auf die Black Panthers zurückgeht), das Common-Ground-Kollektiv, die Grüne Partei von New Orleans sowie fortschrittliche Jurastudenten aus dem ganzen Land. Nach Weihnachten 2005 wollte die Stadt klammheimlich über hundert Häuser niederwalzen, weil sie angeblich eine öffentliche Gefährdung darstellten, ohne auch nur zu versuchen, deren Besitzer ausfindig zu machen oder sie zu benachrichtigen. Da eilten einheimische Aktivisten und freiwillige Helfer herbei und stellten sich in den Weg, um Zeit für den Bürgerrechtsanwalt Bill Quigley zu gewinnen, ein ordentliches Gerichtsverfahren einzuklagen. Beiden Seiten war klar, dass sie nur den ersten Zusammenstoß im kommenden Kampf gegen Massenabrisse und Stadtzerstückelung absolvierten.

Es wäre ermutigend, in der tobenden Schlacht um New Orleans die Geburtswehen einer erneuerten Bürgerrechtsbewegung zu sehen, aber noch fehlt es den Engagierten an solidarischer Unterstützung durch die Arbeiterbewegung, fortschrittliche Demokraten, die schwarzen Stimmen im Kongress, Presseerklärungen und Delegationen.

Dem Historiker Ted Tunnell zufolge führte im 19. Jahrhundert das Ausbleiben des Widerstands aus dem Norden gegen die Weißen in New Orleans zum Scheitern der ersten Reconstruction. Damals, nach dem Bürgerkrieg 1861 bis 1865, wurde die Wiedereingliederung der Südstaaten in die Union der Vereinigten Staaten von Amerika verzögert. »Man kommt nicht um ein harsches Urteil umhin: Die Reconstruction am unteren Mississippi schlug hauptsächlich deshalb fehl, weil die Weißen in Louisiana stärker an die weiße Vormachtstellung glaubten als die radicals an die Menschenrechte.« Sollte unsere Kapitulation vor den Folgen von Katrina etwa dazu führen, dass sich diese Niederlage für die Menschenrechte wiederholt?

Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit

Mike Davis ist der bedeutendste US-amerikanische Stadtsoziologe. Bekannt wurde er mit gesellschaftskritischen Analysen moderner Urbanisierungsphänomene in seiner Heimat Kalifornien. Zu seinen wichtigsten Werken zählen »City of Quartz« und »Ökologie der Angst«. Auf Deutsch erschienen zuletzt »Vogelgrippe« und »Die Geburt der Dritten Welt«, im September kommt der Band »Planet der Slums« heraus (alle beim Verlag Assoziation A). Davis unterrichtet an der Universität von Kalifornien in Irvine und ist Mitglied der irischen >Socialist Workers‹ Party. Er lebt in San Diego

 
Leser-Kommentare
  1. Viele Leute,auch Weisse werden ihre verlorenen Haeuser nicht wieder aufbauen koennen da sie keine Versicherung finden werden fuer ihre neuen Haeuser es sei denn dass die US Regierung einen Sonderfond einsetzt der den Leute ermoeglichen wird aufzubauen.Das Risiko dass eine aehnliche Flut wieder ueber die Stadt kommt ist einfach zu gross - genau wie damals als ein Hurrikan in Florida grosse Schaeden verursachte.Etliche Versicherungs Gesellschaften schreiben keine neue Policen in Florida und haben sich voellig aus dem Staat zurueck gezogen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service