Die sprichwörtliche Rede, wonach es leicht sei, einen Krieg zu beginnen, aber sehr schwierig, einen gerechten Frieden zu stiften, hat sich an wenigen Friedensschlüssen so eindeutig bewahrheitet wie am Versailler Friedensvertrag vom 28. Juni 1919. Natürlich kann man den missratenen Frieden nicht für alles haftbar machen, was danach geschah. Aber der rasante Aufstieg Hitlers in den zwanziger Jahren und die Machtübergabe 1933 haben auch mit »Versailles« zu tun.

Der englische Ökonom John Maynard Keynes war der Erste, der in seiner 1920 erschienenen und jetzt wieder aufgelegten Schrift Krieg und Frieden die »Katastrophe nach der Katastrophe« (Dorothea Hauser) kommen sah. Allerdings neigte er dazu, hauptsächlich den französischen Premierminister Clemenceau für den »Karthago-Frieden« verantwortlich zu machen, was den englischen Gegenpart Lloyd George entlasten sollte. Fragwürdig ist schon die Bezeichnung »Karthago-Frieden«. Diese Qualifizierung gebührt im 20. Jahrhundert eher dem im März 1918 von der deutschen Heeresleitung der russischen Delegation unter Lew Trotzkij diktierten Friedensvertrag von Brest-Litowsk, der dem revolutionären Russland ungleich härtere Verluste zufügte als der Friede von Versailles ein Jahr später dem Deutschen Reich.

Ein »Karthago-Frieden« wurde weder in Paris noch in London, Washington oder Rom ausgeheckt. Gravierender als die Härte der Forderungen – Deutschland sollte auf 13 Prozent seines Gebietes, 10 Prozent seiner Bevölkerung, 80 Prozent der Eisenerzvorkommen, 25 Prozent der Steinkohlevorkommen und 19 Prozent der Stahl- und Eisenproduktion verzichten – waren die Reparationszahlungen in der Höhe von 132 Milliarden Mark. Die Zahl beruhte nicht, wie Keynes im Detail belegt, auf soliden wirtschaftlichen Berechnungen der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit Deutschlands, sondern auf einer Mischung aus Illusionen, missionarischem Eifer und atavistischen Rachegefühlen. Die Reparationsforderungen waren im englischen Wahlkampf vom Dezember 1919 ebenso demagogisch instrumentalisierbar wie im parlamentarischen Gerangel um den völlig zerrütteten französischen Staatshaushalt oder in den Propagandaschlachten der rechten Parteien gegen die Weimarer Demokratie.

Keynes sieht in der Veranstaltung von 30 Siegerstaaten in Abwesenheit der fünf Kriegsverlierer (Deutschland, Österreich, Ungarn, Bulgarien, Türkei) vor allem eine verpasste Chance, »die Schwelle eines neuen Zeitalters« jenseits von nationalistischer Verhetzung, Militarismus und Imperialismus zu überschreiten. Ihm ging es in den Pariser Verhandlungen – er gehörte der britischen Delegation an – darum, nach dem verheerenden Krieg »die Grundlagen des Lebens« in einem prophetisch als Einheit verstandenen Europa wiederherzustellen. Die Hoffnung darauf war berechtigt.

Noch im Februar 1918 hatte der amerikanische Präsident Woodrow Wilson erklärt, er wolle »weder Annexionen noch Entschädigungen oder Schadensersatz, der den Charakter der Strafe trägt«. Davon rückten die vier Großen (USA, Großbritannien, Frankreich, Italien) schnell ab und erklärten unter anderem Ruhegehälter von Beamten in den Siegerstaaten zu Kriegsschäden, für die die Verlierer einzustehen hätten. Lloyd George beanspruchte pauschal »Entschädigung« für die »durch den Krieg Ruinierten«.

Im Verhalten der Siegermächte sah Keynes einen glatten Verrat. Die deutsche Seite willigte in die Kapitulation im Vertrauen ein, die schriftlich vereinbarten Zusicherungen würden in einem späteren Friedensvertrag eingehalten. Aus fast jeder Zeile des Buches spricht der heillose Zorn gegen die Heuchelei und die Borniertheit der Sieger. Statt nach einer Neuordnung Europas in einem »Freihandelsverband« mit einem wirklich handlungsfähigen »Völkerbund« zu suchen, verhedderten sich die Verhandelnden in einem kleinlichen Gezänk um »Grenz- und Gebietsfragen« und verloren die elementaren Probleme der Lebensmittelversorgung, der Transportinfrastruktur und der Währungsstabilisierung aus den Augen. Mit einem Schuldenerlass unter den Siegerstaaten, einer Anleihe unter Aufsicht des Völkerbundes und einer gezielten und kontrollierten Wiederaufbauhilfe für die Kriegsverlierer hätte man, so Keynes, wahrscheinlich mehr an Reparationen gewinnen können als mit einer Politik, die das Land in kurzer Zeit in eine Hyperinflation stürzte. Seine Prognose, dass die Siegerstaaten mit dieser Politik auch »ihren eigenen Untergang« beförderten, ist im wörtlichen Sinne nicht eingetroffen. Aber die Katastrophe der Weltwirtschaftskrise von 1929 hängt insofern mit den Reparationszahlungen zusammen, als diese zunehmend mit Krediten aus dem Dawes-Plan finanziert wurden. So kam ein schwungvoller Schuldenkreislauf in Gang, der die Krise von 1929 beschleunigte und verschärfte.

Es ist müßig, darüber zu spekulieren, ob die Geschichte der Weimarer Republik anders verlaufen wäre, wenn Keynes Vorschläge, den Friedensvertrag auf rationalere und wirtschaftlich realistische Ziele umzustellen, beachtet worden wären. Die brillante Streitschrift zeigt jedoch, dass die Gefahren früh erkennbar waren und dass es Alternativen gegeben hat.