"Das Parfum" im KinoEin großes Nasentheater

Tom Tykwer hat Patrick Süskinds Bestseller »Das Parfum« verfilmt. Eine eigene Bilderwelt hat er aber nicht zu bieten. von 

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Jetzt ist er also in der Welt. Drei Jahre Arbeit und 60 Millionen Euro hat der Film verschlungen, gedreht in Barcelona, München und der Provence, besetzt mit Dustin Hoffman und Alan Rickman, entstanden nach einem Roman, der sich weltweit 15 Millionen Mal verkauft hat. Für unser kleines bescheidenes Kinoländchen ist Das Parfum ein ziemlich dicker Flakon.

Nun ist die Verfilmung eines Buches, in dessen Zentrum etwas Unsichtbares, nämlich der Geruchssinn steht, nicht eben einfach. Patrick Süskinds Parfum war so erfolgreich, weil es sich forsch durch das Gekröse des 18. Jahrhunderts wühlt und von der erstaunlichen Wahrnehmungswelt eines jungen Mannes erzählt, der mit einer hoch sensiblen Nase gesegnet oder auch geschlagen ist. Sein Held Jean-Baptiste Grenouille, der auf dem Boden des Pariser Fischmarktes, »dem allerstinkendsten Ort von Frankreich«, geboren wurde und von dort auszieht, die Welt mit betörenden Düften zu überziehen, ist ein olfaktorisches Genie, das seine Umwelt in Moleküle zerlegt und noch die winzigsten Aromen und Essenzen wittert. Grenouille entpuppt sich als Geruchs-Junkie, süchtig nach Jungfrauenausdünstungen, die er, der von niemandem geliebt wird, zum ultimativen Parfum, zur größten Liebesdroge aller Zeiten, verarbeiten will. Die Wirkung dieser Substanz, für die Grenouille zwei Dutzend Schönheiten um die Ecke bringt, muss man sich ungefähr wie eine Mischung aus Patschuli, Viagra und Ecstasy vorstellen.

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In der Kinoadaption ist von dieser Wundermischung allerdings wenig zu spüren: Der Held des Romans »sieht« mit der Nase. Im Film sehen wir immerzu die Nase des Helden.

Tom Tykwer und der Kameramann Frank Griebe geben sich alle Mühe, dieses Organ, das zu dem jungen, durchaus talentierten Schauspieler Ben Whishaw gehört, abwechslungsreich zu filmen. Im Mondschein und bei Kerzenschimmer, mit angespannten und mit zitternden Nasenflügeln, die Luft genießerisch oder auch erstaunt einsaugend, über einem ölgefüllten Röhrchen schwebend und an den schneeweißen Brüsten einer Jungfrau schnuppernd. Nach der siebenundzwanzigsten Großaufnahme hat man fast ein wenig Mitleid mit Whishaw, der zu ewig gleichen Himmelschören immer wieder aufs Neue die Nüstern beben lässt. Aber was hat dieses Nasentheater mit der pathologischen Sinnes- und Gefühlswelt von Grenouille zu tun? Ist er nicht ein grauenvoller Experimentator, ein Frankenstein der Düfte, besessen von der Idee eines aus Frauenleichen destillierten Gesamtgeruchskunstwerks?

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Tykwer und sein Produzent Bernd Eichinger setzen viel daran, ihre Bilder nicht vom perversen Innenleben dieses Helden infizieren zu lassen. Auf ihrer Leinwand sieht das Paris des 18. Jahrhunderts aus, als werde es immerzu von denselben drei Kerzen angeleuchtet. Alles dämmert in einem produktionstechnisch sicherlich recht praktischen, bräunlich-konturlosen Licht dahin, das von den nächtlichen Gassen mühelos in die Kellerräume einer Parfümerie übergeht. Im etwas angewelkten Etablissement des maître parfumeur Giuseppe Baldini lernt Grenouille sein Handwerk. Dustin Hofman, der sich im Alter zunehmend rampensäuisch am eigenen Spiel erfreut, verleiht dieser Nebenfigur mit rot geschminkten Bäckchen und weiß gepudertem Teint etwas Clowneskes, ja Charlie-Rivel-haftes. Nachdem er alles Parfumwissen aus seinem Meister herausgesaugt hat, zieht Grenouille weiter südlich, nach Grasse, in die französische Hauptstadt der Geruchsfabrikation, wo das Licht etwas heller leuchten darf. Hier – schließlich handelt es sich um einen Betriebsausflug des deutschen Kinos – biegt plötzlich Corinna Harfouch als Manufakturchefin im Miederkleid um die Ecke. Fast hätte man ihr vom Kinosessel aus zugewinkt.

So hangelt sich der Film an den Stationen des Romans entlang, während hin und wieder alte Bekannte auftauchen. Und so schicksalsschwer der Tykwer-typische Herzschlag-Beat pocht, so athletisch sich die Kamera in Kreisfahrten und Reißschwenks übt, bleibt die Versinnbildlichung des Riechens doch recht banal. Immer wieder rast Tykwer über Stock und Stein zu jüngferlichen Nacken oder zoomt sich an ein kopulierendes Paar heran. Das Parfum ist das Werk eines beflissenen Illustrators, der den Roman nicht als Pforte zur eigenen Vorstellungswelt zu nutzen weiß.

Natürlich gibt es kein Rezept für eine Parfum -Verfilmung. Martin Scorsese und Steven Spielberg sollen sich für den Stoff interessiert, Süskind sogar von Stanley Kubrick geträumt haben. Es hätte eine große Kitschoper, eine düstere Leichenfledderer-Geschichte, ein brutaler Serienkiller-Film werden können. Umso seltsamer, dass Eichinger und Tykwer mit viel Aufwand ein derart biederes Werk hergestellt haben, einen Film, der schon beim Verlassen des Kinos auf ein paar Naseneinstellungen im Kostümmuseum zusammenschrumpft.

Er habe einen Regisseur mit Visionen gesucht, sagte der Produzent Bernd Eichinger zu seiner Wahl. Tom Tykwer mag Fantasie und Begeisterung, Ideen und Visionen versprühen, sein Problem ist aber, dass ihm dafür schlichtweg die Bilder fehlen. Er ist der Maler, der, mit allen Farben und Pinseln ausgerüstet, vor seiner Staffelei steht, der, das Motiv vor Augen, von der Überhöhung träumt und am Ende doch wieder beim Malen nach Zahlen landet. In manchen Einstellungen des Films ist diese Diskrepanz zwischen Großausdrucksanspruch und tatsächlichem Bild fast schmerzlich spürbar. Etwa wenn Jean-Baptiste Grenouille vor einer riesigen Menschenmenge für seine Morde hingerichtet werden soll. Mit Hilfe des Jungfrauen-Parfums gelingt es ihm, die Situation zu wenden. Unter dem Einfluss des Duftes verwandeln sich die blutrünstigen Bürger von Grasse in sexuell befreite Früh-Hippies, reißen sich die Kleider vom Leib und sinken zu einer kollektiven Gruppensex-Orgie zu Boden. Wahrscheinlich hatte Tykwer ein großes Menschentableau vor Augen, eine Komposition der exaltierten Körper. Zu sehen ist aber nur ein großes Statistengewühle, über dem der unerotische Geist eines Grünen-Parteitages schwebt, einschließlich eines Rezzo-Schlauch-Doppelgängers in der Rolle eines enthemmten Bischofs.

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Leserkommentare
    • labello
    • 24. August 2006 19:23 Uhr

    wer den namen eines oscar-preisträgers noch nicht einmal richtig zu schreiben vermag, sollte sich etwas mehr mühe geben, bevor sie sich selbst rampensäuisch am eigenen Spiel erfreut. gerade beim klugscheißen nie vergessen, was journalisten schon in er ersten klasse lernen!....

  1. Ich hoffe das niemand den Kommentar meines Vorgängers ernst nimmt. Die Kritik von Katja Nicodemus ist wie fast immer informativ und auf den Punkt.

    • labello
    • 28. August 2006 18:53 Uhr

    "wie fast immer auf den punkt genau" - beneidenswert, das bereits jetzt so selbstsicher beurteilen zu können, wo der film doch erst in drei wochen in den kinos zu sehen sein wird.

    • RSch
    • 28. August 2006 23:41 Uhr

    Den Film kenne ich natürlich nicht: Ich kenne nur das Buch, habe dazu gerade eine Interpretation publiziert: Der verführte Leser. Reicht das, um hier vorweg ein Urteil zum Film beurteilen zu können?
    Zunächst einmal scheint mir das nötig, weil das Urteil ja ‚vernichtend’ ist – und ich genau das erwartet habe. Wenn Frau Nicodemus sagt, dass Tykwer alle Mittel eines Malers zur Verfügung hatte und dann nur beim „Malen nach Zahlen“ landet, ist das ja wohl ein fulminanter Verriss! Wie kommt er – gerade bei diesem Buch – zustande, wenn ich bei dieser Kritikerin (die ja in Kommentaren gelobt wird) durchaus guten Willen – und die nachfolgende Enttäuschung ansetze.

    Für mich ist auffällig, dass Frau Nicodemus ihre Kritik erst einmal nicht an dem orientiert, was im Film vorhanden – und vielleicht erklärungsbedürftig ist, sondern an dem, was in Tykwers Film nicht(!) bietet, was sie aber – aus ihrer Buchlektüre heraus – erwartet hätte. Beispiele:
    „Es hätte eine große Kitschoper, eine düstere Leichenfledderer-Geschichte, ein brutaler Serienkiller-Film werden können.“
    Wozu? Das sind jeweils abgegraste Filmgenres, die eigenen Regeln folgen: Das steigern zu wollen, kitschiger als kitschig, Leichen düsterer zu fleddern als Hollywood das bisher schaffte, die Spezies der Serienkiller noch brutaler geraten zu lassen, ist als reines Filmziel – so behaupte ich – ziemlich unsinnig. Darüber hinaus weist der Roman diese Erwartungen ganz deutlich zurück. Brutal ist Grenouille nicht: Er hasst ja den Moment, in dem er mit seiner Keule zuschlägt. Dazu später.
    Frau Nicodemus beschreibt eine Menge von Großeinstellungen rund um ‚die beste Nase’ von Paris – und dieser, sowie der künftigen Welten. „Aber was hat dieses Nasentheater mit der pathologischen Sinnes- und Gefühlswelt von Grenouille zu tun? Ist er nicht ein grauenvoller Experimentator, ein Frankenstein der Düfte, besessen von der Idee eines aus Frauenleichen destillierten Gesamtgeruchskunstwerks?“ –
    Die Kritik am – vorhandenen – Nasentheater basiert also auf der Forderung nach einem ‚nicht vorhandenen pathologischen Innenwelt-Theater’. Doch genau das, was Grenouille hier sein soll, ‚grauenvoller Experimentator, usw., genau das ist er eben nicht! Und da erwarte ich mir mehr von Eichinger und Tykwer: In einem Eichinger-Interview stand etwa, dass die beiden gerade den „Helden“ suchten, „in dessen Seele man nicht reinkommt, weil er keine Gefühle hat“. Zu Grenouille sagt Eichinger:
    Daß es um etwas Totalitäres gehen soll, ist völlig absurd. Es geht doch vielmehr um etwas ganz Essentielles: daß jemand einer Sache nachläuft, die er für das Wichtigste auf der Welt hält, und dann ist sie nur Schall und Rauch. Das ist das Tragische hier: Grenouille verpaßt durch seine Obsession sein Leben, weil er durch das Parfum am Ende nicht bekommt, wonach er sich sehnt.
    Er hat recht bei der Zusammenfassung des Tragischen in Grenouilles Leben: Das Parfum ist Resultat eines zentralen Lebensirrtums. Er opfert gerade die, die Liebespartnerinnen hätten sein können – nicht um ‚die perfekte Liebesdroge’ herzustellen, sondern um den ‚perfekten Geruch’ – und nichts anderes, denn er kennt nichts anderes – herzustellen. Er suchte keine Liebesdroge: Er weiß überhaupt nicht, was Liebe ist, hat sie nie kennengelernt. Der Mädchenmörder ist völlig asexuell (Ich bin gespannt, wie Tykwer das darstellt – es wäre möglicherweise eine Erklärung für dieses Herumreiten auf den Großaufnahmen der Nase, das die Rezensentin so irritierte)! Was ein Kunstwerk ist, weiß Grenouille auch nicht: Er kann nur besser riechen, als je ein Mensch es konnte – und will den Menschen den perfekten Geruch, das perfekte Parfum, herstellen. Mehr nicht!
    Eichinger hat dann aber nicht recht, wenn er betont, dass es – in Süskinds Buch – nicht um „etwas Totalitäres“ ginge: Nur Grenouille geht es eben überhaupt nicht darum. Doch das, was aus Grenouilles recht simplen Wünschen – sozusagen für die nachfolgende Menschheit - entstanden ist, wäre ‚die Wunderwaffe’ für Manipulatoren schlechthin. Das Rezept ist ja nun bekannt: Man nehme 25 Jungfrauen ... Und dass man über Leichen gehen muss, um zum Machtziel zu kommen, hat noch keinen Diktator abgeschreckt. Und von daher muss man die Massenorgien-Szenen in Grasse sehen – und vor allem den Schluss erklären! In Grasse wollte der unschuldige Mörder Grenouille (nur diese widersinnig scheinende Konstruktion taugt zur Erklärung des Folgenden) den Menschen den schönsten Geruch zeigen, zu riechen geben: Mehr nicht! Und er erlebte ein Debakel! Es gibt also Gründe, gerade diese Szene nicht ins Orgiastisch-Rauschhafte, nicht in „eine Komposition der exaltierten Körper“ hinein missraten zu lassen, wie Frau Nicodemus vorschlägt, sondern – wie hieß es in der Rezension – „ein großes Statistengewühle“ darzustellen, das ‚ziemlich unerotisch’ sein muss, weil hier klar werden muss, was dieser Hässlichkeitsausbund an ‚beglückt verführten Menschen’ in Grenouilles Seele anrichtet (der Grünenparteitag einschließlich Rezzo Schlauch wird’s mir – womöglich - danken!).
    Nur diese Sicht erklärt nämlich die Schlussszene: Süskind lässt Grenouille – über ein Jahr später, weil er Zeit braucht, um sich darüber klarzuwerden, was er in seiner ‚Parfumproduktion’, also den Mädchenmorden, und im Bezug auf die Menschen angerichtet hat (ohne das im Geringsten zu wollen), nicht in die Machtzentren gehen, er lässt ihn nicht Kaiser, Papst oder Diktator werden wollen. Grenouille geht zurück zu den Ärmsten und Machtlosesten, den Armen von Paris, den Armen des Cimetière des Innocents – und begeht in dieser kannibalistischen Schlussszene Selbstmord, gibt - sozusagen wie Christus, von dem er auch keine Ahnung hat – ‚Fleisch und Blut’ für sie her: Sie hatten, als sie ihn auffraßen, zum erstenmal etwas aus Liebe getan. Aus welchem Motiv hat er dann wohl gehandelt? (Ich bin gespannt, wie Tykwer das umgesetzt hat, dieses Opfer!)
    Wie kommt all das zustande? „Das Parfum“ wird einfach falsch gelesen! Wer mich jetzt für bescheuert und überheblich erklärt, sollte erst die Alternative abwarten: Es gibt einen Erzähler in diesem Roman, der dieses Kind von Anfang an zu einem Teufel erklärt. Und – von Anfang an – legt er die Schlussfolgerung nahe, dass man ihn hätte umbringen müssen – weil man ja damit 26 Morde verhindert hätte. Ist doch logisch – oder? Neben ‚logisch’ ist das allerdings auch schlicht: faschistisch! Dieses Rezept bezieht sich ja weiter auf alle die, die man ‚nicht riechen kann’: Wer ‚das Parfum’ also so liest, wer diesem Erzähler folgt – kommt beim Uraltrezept aller Inquisitoren und eben beim Rezept der Faschisten an! Bringt die um, die ihr nicht riechen könnt! (Da sollte man sich vielleicht lieber schon einmal anhören, dass man falsch gelesen hat...)
    „Der verführte Leser“ habe ich meine Interpretation genannt. Süskinds Roman hat auf der Basis dieses ‚doppelten Bodens’ alle Qualitäten eines großen Kunstwerks! (Ich habe über 360 Seiten gebraucht, um die ganzen Details um diesen Geschichtskern – und mehr kann ein Film zu einem Buch wohl nicht einlösen – darzustellen). Wenn Frau Nicodemus hier die Darstellung der ‚pathologischen Sinnes- und Gefühlswelt’ Grenouilles vermisst, ist das schon Lesefrucht einer ‚verführten Leserin’: Nicht Grenouille ist verrückt und ‚unmenschlich’ oder ‚teuflisch’ – seine Umwelt, das auf die Revolution zusteuernde 18. Jahrhundert in Frankreich, ist es. Der Erzähler unterstellt Grenouille überall teuflische Absichten, macht ihn (der zunächst einmal überhaupt nichts im geringsten Böses macht) zu einem Zeck (das Bild von den Schmarotzern und ‚Volksschädlingen’ sollte vor allem in Deutschland nicht so unhinterfragt angenommen werden). Hier sind wir nämlich bei den ‚Standard’-Mitteln der Manipulation, der Verführung: So haben die Nazis die Juden ausgegrenzt, verteufelt – und als vernichtenswert dargestellt.
    Warum ist Grenouille ein Mörder? Süskind schreibt das sozusagen vor! Das ist eine der surrealistischen Vorgaben für dieses Experiment mit der Menschenverführung nach realen Mitteln (den Denunziationen des Erzählers) und nach surrealen Mitteln (der Wunderwirkung des Parfums). Wenn es möglich wäre, den perfekten Geruch mit ‚Standardmitteln’ eines (mehr als) weltbesten Parfumeurs herzustellen, hätte Grenouille dies – ohne das geringste Blutvergießen – getan: Nichts anderes wollte er! Süskind hat ihm für dieses Ziel die 25 Morde vorgeschrieben – in einem Rezept, das Gott sei Dank nicht von dieser Welt ist. Doch er hat mit seinem Bestseller sozusagen einer ganzen Welt vorgeführt, wie leicht sie zu manipulieren ist! Auf diesen Erzähler sind sozusagen alle hereingefallen!
    Für dieses Experiment ist es also ganz wichtig, dass der Blick in Grenouilles Seele dort nicht den ‚eingeborenen Teufel’, den ‚Lustmörder’, den ‚grauenvollen Experimentator’ entdeckt.
    Das, so scheint mir, hat Tykwer umgesetzt: Ich bin auf diesen Film sehr gespannt!
    Rainer Scherf

  2. Glücklicherweise ist es schon einige Jahre her seit dem ich "Das Parfüm" gelesen habe. Da muss ich dann im Kino nicht dauernd (unbewust) vergleichen, wie die geschätzte Autorin des Artikels.

    Für mich ist diese Kritik eine prima Werbung, da nach meinem "subjektiven Dafürhalten", verissene Filme meistens klasse sind. Filme mit "guten" Kritiken sind meist öde und nur was für wirklich schwer vergeistigte Cineasten.

  3. @RSch: Sorry, ihr Kommentar ist ziemlicher Nonsens: Man kann ein Buch nicht "richtig" oder "falsch" lesen. Man findet schlimmstenfalls keinen Zugang und legt es dann enttäuscht beiseite (ging mir beim "Parfüm" so, habe es aber diszipliniert zu Ende gelesen). Ehrlich gesagt, die Vorstellung, dass mir jemand erzählt, wie ich ein Buch richtig zu lesen habe, halte ich für ziemlich "faschistisch"...

    Dasselbe kann einem - mutatis mutandis - auch mit einem Film passieren; allerdings werde ich es mir nicht zumuten, nach dieser Lektüre ins Kino zu rennen. Vielleicht ist es der Autorin der Filmkritik so ergangen, dass sie keinen Zugang zu dem Film gefunden hat. Vielleicht ist es aber auch dem Regisseur so ergangen, dass er keinen Zugang zu dem Buch gefunden hat, und es deshalb nicht adäquat umsetzen konnte.

    Sie haben offenbar Ihre Lesart gefunden. Schön. Nur muss die niemand teilen.

    • RSch
    • 08. September 2006 21:24 Uhr

    zu joergFg und exsoeldner.

    Dass man nicht oder beinahe niemals sicher sein kann, 'richtig' - im Sinne von 'von nun an bis in Ewigkeit' - gelesen zu haben, ist kein Grund dafür, dass die Umkehrung, dass man nicht 'falsch lesen' könne, zutrifft: 'Falsifikation' ist (oder war einmal?) das Hauptgeschäft eines jeden Wissenschaftlers, nicht nur des Literaturwissenschaftlers. Ein wissenschaftliches Lesen ist - weil hier das 'Lesartenmodell', das nicht das meine ist, genannt wurde - im Zweifelsfall das große Lesartensterben im eigenen Kopfe, bis eben jener Zustand entsteht, dass man, nach einem jahrelangen Leseprozess, tatsächlich ein wenig besser zu lesen glaubt, als andere: Deren Irrtümer hat man sozusagen hinter sich.
    Soviel zur Theorie, die nichts weiter behauptet, als dass wer intensiv liest, vielleicht manches (um Himmels willen nicht 'alles' besser) weiß: Ich weiß um die Lücken in meiner Interpretation, sie sind auch - einigermaßen redlich - gekennzeichnet!
    Auch das - und in erneuter Wiederholung vorweg: Ich kenne den Film nicht, habe hier nur gesagt, dass er gerade von diesem Verriss und von anderen Vorinformationen her, meinen Erwartungen nahekommen könnte, dass Tykwer, auf dem Buch basierend, das eigenständige Kunstwerk geschaffen haben: Was dran ist, bleibt abzuwarten... (Und: ich werde dazu eher nichts schreiben, weil ich mich in Sachen Film nicht für übermäßig kompetent halte...)
    Es bliebe die Sache mit dem falschen Lesen: Das kann man durchaus - und bis in die Schlussphase meiner Interpretation habe ich mich regelmäßig dabei erwischt. Die Aussage, dass ein Buch 'falsch gelesen' wurde, verlagert sich ja, wenn man in die Details geht, die jeweils summiert, Verallgemeinerungen nahelegen. Ich habe halt bei sehr vielen Details feststellt, dass ein 'falsches Lesen' hier befördert, dass der Leser 'manipuliert' wird - und da wird eben 'der Erzähler' nötig, den es zu demontieren gilt!
    Deshalb ein paar Beispiele, ein paar Details: Ganz am Anfang wird die Mutter Grenouilles als Kindsmörderin hingerichtet. Vom Erzähler - nicht von Süskind - wird sie (wie? hämisch? gnaden- und gedankenlos?) verspottet, wird das Urteil auch 'uns modernen Menschen' gegenüber gerechtfertigt: die bis in die Sekundärliteratur hinein nachgebetete Tendenz lautet darauf, dass sie eine 'noch junge', durch - sagen wir's neutral und geruchsmetaphorisch - 'anrüchiges' Sexualverhalten aufgefallene, so dumme wie egozentrische, so hässliche wie von ihren (gottgewollten?) Krankheiten gezeichnete, mit Restaussichten auf fünf weitere Jahre Erbärmlichkeit ausgestattete, - kurz: böse - fünfundzwanzigjährige Mutter sei, die ihr Kind - wie vorher vier andere - mehr oder weniger 'umgebracht', im Müll entsorgt hätte und dafür gerechterweise einen Kopf kürzer gemacht worden sei. Unsere 'moderne Menschen'-Bedenken gegen die Todesstrafe sind - weils ja nur 'Erzählen' ist - seltsamerweise außer Kraft gesetzt: 'Abserviert' wurde sie, vom Autor wohl - so meint Werner Frizen: Er ist sozusagen Stand der Forschung - und ist mit Sicherheit einer der besten - unter den 'verführten Lesern'!
    Nichts, aber auch gar nichts davon ist richtig: Warum gebiert sie am Fischstand - und das bereits zum fünften Mal? Sind das Süskind'sche Fehler? Kann man das so stehenlassen, überlesen? Es geht um den Kern dieser kleinen Geschichte: War sie eine Mörderin? Eine Mörderin müsste doch jede Öffentlichkeit für ihre Tat scheuen? Das Problem heißt: Kindsterblichkeit - nicht Kindsmord. Sie musste öffentlichkeitsnah gebären: Auch bei ihrer ersten Geburt konnte sie sich den einen 'Fehltag' bei ihrer Arbeit nicht leisten: Warum? All das ist nicht erklärt, ist zu ergänzen: Sie hätte diese Stelle verloren! Eine Geburt ist für jede Frau eine Riesenstrapaze: Sie darf nicht schreien, stöhnen, überhaupt auffallen - und schon gar nicht ohnmächtig werden! Sind wir so gefühllos, dass wir dergleichen erst nach Nachbohren entdecken? Nicht einmal ansatzweise taucht in dieser Darstellung ein Mitleid für diese Frau auf? Warum? Sie gehört zu den Ärmsten der Armen im dritten Stand: Heiraten darf sie gar nicht, es käme nur in Frage, wenn ein 'verwitweter Handwerker' sich für sie interessierte (vormals war sie also 'die Siebzehnjährige, deren Märchenprinz der etwa vierzigjährige Handwerker ist: Bereits da muss sehr viel Hintergrund zum Ständesystem und zum 18.Jahrhundert 'unterfüttert' werden, weil 'das falsche Lesen' auf den für uns selbstverständlich gewordenen Maßstäben basiert.
    Nichts spricht gegen die Annahme, dass sie ihre Kinder nach ihren Möglichkeiten, mit allem, was sie leisten konnte, versorgt hätte - außer eben ihren nicht vorhandenen Möglichkeiten! Ihre Krankheitsgeschichte ist in jeder einzelnen Krankheit typisch für die Zeit, in ihrer Häufung (Syphilis, Schwindsucht, Gicht) übertreibt Süskind: Um den Kontrast zur Darstellung seines unmenschlichen Erzählers zu verdeutlichen! Warum musste sie alleine gebären, durfte nicht auffallen: Warum hat sie keine Freundin, Nachbarin, irgendeine 'Restbeziehung' aus besseren Zeiten? Sie hat ansteckende Krankheiten - und wird ausgegrenzt: Gerade die Siphylis 'bestraft' solche 'verbotenen Jungmädchenträume' (oder irgendwelche Männer nutzen sie aus). Ein einziges Detailchen steht im Text, unerklärt - und ergänzungsbedürftig: Der Jungmädchentraum vom 'verwitweten Handwerker', den sie sich - mit 25 - völlig aus dem Kopf schlagen könnte, wenn ihr dieser nicht abgeschlagen würde. Warum 'gesteht' sie 'ohne Weiteres' - oder besser: Warum wird, was sie sagt, 'ohne Weiteres' als Geständnis missverstanden, wo doch jede Frau vor einem solchen Gericht weiß, dass es um ihren Kopf geht: Sie würde das Kind 'bestimmt verrecken lassen haben' - sagt sie, und keiner ihrer Richter (bis in die Sekundärliteratur hinein) kommt auf die Idee, dass 'lassen' hier 'zulassen müssen' bedeuten muss...
    Usw. usw. - So geht dies bei jeder einzelnen Figur, bei fast allen so selbstverständlich einherkommenden 'Tatbeständen' weiter: Die Stadt Paris etwa organisiert Waisenkindertransporte nach Rouen, weil's soviele sind, dass die örtlichen Waisenhäuser sie nicht fassen (die Zahl wird genannt, allerdings am falschen Ort: Zehntausend sind es pro Jahr, bei 600.000 Einwohnern!) Ein Blick in den Atlas besagt: Hier gibt es, was Frizen der Mutter Grenouilles im Erzählergefolge unterstellte: Den als Routinehandlung betriebenen Kindsmord! Im Buch steht nur, dass die Strecke zu Fuß, mit bis zu vier Säuglingen in einer Kiepe zurückzulegen war: Dass das 130 Kilometer waren, dass der Todesmarsch also etwa drei Tage dauerte, dass keine Ammen dabei waren, die Kinder nicht gewindelt wurden usw. darf man sich ausmalen, bis in die Gefühle der Träger hinein, die sich so - im von der Stadt organisierten, von der Kirche per Taufschein 'gottgewollt' firmierten Kindsmord ihren Lebensunterhalt verdienten. (Den Kindertransporteur gibts dann noch einmal, beim arg untersuchungsbedürftigen Pater Terrier!) Das also tat jene Stadt, die gerade eine Mutter, der vier Kinder gestorben waren, als Kindsmörderin hingerichtet hatte ...
    So und ähnlich darf man sich fast überall beim 'falschen Lesen' erwischen. Die einen bringen die Waisen um, die anderen werden fürs Gegenteil erzählerisch geprügelt: War Madame Gaillard eine 'böse Mutter'? Nur ein Wörtchen, eine Zahl widerlegt dieses vom Erzähler nahegelegte, sekundär nachgebetete Urteil aus 'falschem Lesen': Zwei Dutzend, in Worten vierundzwanzig (Findel- und Waisen-)Kinder betreut sie jeweils - und zwar weitgehend alleine! Sie hat - von Süskind übers Maß gesteigerte - Überlebensraten, damit man auf die Spur eines 'falschen Lesens' gesetzt wird: Zwei bis drei von 24 sterben ihr weg. Insgesamt hat sie grob gerechnet über 120 Kinder in ihrem Leben bis zu einer Arbeitsfähigkeit versorgt. Soviel Erfolg ist nicht einmal einer reichen Familie Goethe vergönnt gewesen (da überlebten zwei von acht, bei Christiane Goethe geb. Vulpius überlebte eins von fünf Kindern!) Usw. usw.

    Deshalb zu Herrn JoergFg: Es ist nicht 'die Essenz' meines Buches, die Sie zusammengefasst haben. Das haben Sie durchaus wohlwollend getan, weil Sie sich aufs Geschriebene eingelassen haben - und dem nur das Wörtchen 'wirr wirr' als Überschrift gaben. Verwirrung ist zunächst einmal der von Süskind durchaus angestrebte Zielzustand - vor dem genaueren Lesen! Was Sie zusammengefasst haben, ist die Basis, das Skelett, dem - wie Sie vielleicht an den drei kleinen Beispielen sehen - noch sehr viel Fleisch fehlt. Mein Buch ist im Tectum-Verlag in Marburg erschienen, ist allerdings recht teuer: 29,95 Euro - was nicht an mir und meiner Geldgier, sondern eher an den Publikationsbedingungen für Literaturwissenschaftler liegt. Ich hoffe die Druckkosten zurückzuerhalten, mehr nicht: Meine Arbeit ist 'Freizeitbeschäftigung' und - durchaus spannendes - 'genaueres Lesen und Recherchieren' gewesen. "Das Parfum" ist meiner Meinung nach gerade durch diesen doppelten Boden eins der besten Bücher dieses Jahrhunderts!
    Noch eins zu 'exsoeldner' und zu:
    "die Vorstellung, dass mir jemand erzählt, wie ich ein Buch richtig zu lesen habe, halte ich für ziemlich "faschistisch"...". Das Wörtchen sei Ihnen geschenkt; ich habe es in einem Zusammenhang verwendet, in dem jeder sich die Frage stellen muss, was denn schlimmer ist: Das eigene Lesen zu verteidigen, oder einem anderen Leser (mit übelsten Besserwisserambitionen) zuzuhören: Ich halte es für ein großes Problem, dass alleine der Anspruch, dass jemand nach langem Lesen etwas besser weiß, sowohl in den gängigen Interpretationsmodellen unserer Zeit als auch im Feuilleton gleich - und geradezu reflexhaft - auf die Schiene vom dogmatisierenden Besserwisser zu führen scheint. Ich spreche nicht von Ihnen: Bücher sind Angebote - das gilt auch und leider in allerhöchstem Maße für Interpretationen zu Büchern. Doch die Langzeitkomponente im Leseprozess ist doch schon über das schlichte Nebeneinanderleben von Schriftsteller und Leser (und eben vor allem: Berufsleser) angelegt. Es sind ja Urteile, die hier - zu äußerst frühen Zeitpunkten - so oder so gesprochen wurde: Dass ein Feuilleton die aufs bessere Wissen zielenden, doch recht simplen Lesefortschritte einer Literaturwissenschaft zu vormals aktuellen Gegenständen geradezu heldenhaft ignoriert, ist in meinen Augen ein ganz zentraler Fehler.
    Rainer Scherf

  4. Manchmal frage ich mich welche Kriterien die Filmkritik anlegt? Selten allerdings hat mir eine Kritik so die Vorfreude auf einen Film versaut, wie die von Frau Nicodemus. Gott sei Dank wird mich das nicht beeindrucken, da mir die Filme, die von der Kritik zerissen werden oft ganz gut gefallen, da sie unterhaltsam sind. Herz, was willst du mehr. Das Buch ist ja auch nur unterhaltsam und dennoch gut.

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