Jetzt ist er also in der Welt. Drei Jahre Arbeit und 60 Millionen Euro hat der Film verschlungen, gedreht in Barcelona, München und der Provence, besetzt mit Dustin Hoffman und Alan Rickman, entstanden nach einem Roman, der sich weltweit 15 Millionen Mal verkauft hat. Für unser kleines bescheidenes Kinoländchen ist Das Parfum ein ziemlich dicker Flakon.

Nun ist die Verfilmung eines Buches, in dessen Zentrum etwas Unsichtbares, nämlich der Geruchssinn steht, nicht eben einfach. Patrick Süskinds Parfum war so erfolgreich, weil es sich forsch durch das Gekröse des 18. Jahrhunderts wühlt und von der erstaunlichen Wahrnehmungswelt eines jungen Mannes erzählt, der mit einer hoch sensiblen Nase gesegnet oder auch geschlagen ist. Sein Held Jean-Baptiste Grenouille, der auf dem Boden des Pariser Fischmarktes, »dem allerstinkendsten Ort von Frankreich«, geboren wurde und von dort auszieht, die Welt mit betörenden Düften zu überziehen, ist ein olfaktorisches Genie, das seine Umwelt in Moleküle zerlegt und noch die winzigsten Aromen und Essenzen wittert. Grenouille entpuppt sich als Geruchs-Junkie, süchtig nach Jungfrauenausdünstungen, die er, der von niemandem geliebt wird, zum ultimativen Parfum, zur größten Liebesdroge aller Zeiten, verarbeiten will. Die Wirkung dieser Substanz, für die Grenouille zwei Dutzend Schönheiten um die Ecke bringt, muss man sich ungefähr wie eine Mischung aus Patschuli, Viagra und Ecstasy vorstellen.

In der Kinoadaption ist von dieser Wundermischung allerdings wenig zu spüren: Der Held des Romans »sieht« mit der Nase. Im Film sehen wir immerzu die Nase des Helden.

Tom Tykwer und der Kameramann Frank Griebe geben sich alle Mühe, dieses Organ, das zu dem jungen, durchaus talentierten Schauspieler Ben Whishaw gehört, abwechslungsreich zu filmen. Im Mondschein und bei Kerzenschimmer, mit angespannten und mit zitternden Nasenflügeln, die Luft genießerisch oder auch erstaunt einsaugend, über einem ölgefüllten Röhrchen schwebend und an den schneeweißen Brüsten einer Jungfrau schnuppernd. Nach der siebenundzwanzigsten Großaufnahme hat man fast ein wenig Mitleid mit Whishaw, der zu ewig gleichen Himmelschören immer wieder aufs Neue die Nüstern beben lässt. Aber was hat dieses Nasentheater mit der pathologischen Sinnes- und Gefühlswelt von Grenouille zu tun? Ist er nicht ein grauenvoller Experimentator, ein Frankenstein der Düfte, besessen von der Idee eines aus Frauenleichen destillierten Gesamtgeruchskunstwerks?

Tykwer und sein Produzent Bernd Eichinger setzen viel daran, ihre Bilder nicht vom perversen Innenleben dieses Helden infizieren zu lassen. Auf ihrer Leinwand sieht das Paris des 18. Jahrhunderts aus, als werde es immerzu von denselben drei Kerzen angeleuchtet. Alles dämmert in einem produktionstechnisch sicherlich recht praktischen, bräunlich-konturlosen Licht dahin, das von den nächtlichen Gassen mühelos in die Kellerräume einer Parfümerie übergeht. Im etwas angewelkten Etablissement des maître parfumeur Giuseppe Baldini lernt Grenouille sein Handwerk. Dustin Hofman, der sich im Alter zunehmend rampensäuisch am eigenen Spiel erfreut, verleiht dieser Nebenfigur mit rot geschminkten Bäckchen und weiß gepudertem Teint etwas Clowneskes, ja Charlie-Rivel-haftes. Nachdem er alles Parfumwissen aus seinem Meister herausgesaugt hat, zieht Grenouille weiter südlich, nach Grasse, in die französische Hauptstadt der Geruchsfabrikation, wo das Licht etwas heller leuchten darf. Hier – schließlich handelt es sich um einen Betriebsausflug des deutschen Kinos – biegt plötzlich Corinna Harfouch als Manufakturchefin im Miederkleid um die Ecke. Fast hätte man ihr vom Kinosessel aus zugewinkt.

So hangelt sich der Film an den Stationen des Romans entlang, während hin und wieder alte Bekannte auftauchen. Und so schicksalsschwer der Tykwer-typische Herzschlag-Beat pocht, so athletisch sich die Kamera in Kreisfahrten und Reißschwenks übt, bleibt die Versinnbildlichung des Riechens doch recht banal. Immer wieder rast Tykwer über Stock und Stein zu jüngferlichen Nacken oder zoomt sich an ein kopulierendes Paar heran. Das Parfum ist das Werk eines beflissenen Illustrators, der den Roman nicht als Pforte zur eigenen Vorstellungswelt zu nutzen weiß.

Natürlich gibt es kein Rezept für eine Parfum -Verfilmung. Martin Scorsese und Steven Spielberg sollen sich für den Stoff interessiert, Süskind sogar von Stanley Kubrick geträumt haben. Es hätte eine große Kitschoper, eine düstere Leichenfledderer-Geschichte, ein brutaler Serienkiller-Film werden können. Umso seltsamer, dass Eichinger und Tykwer mit viel Aufwand ein derart biederes Werk hergestellt haben, einen Film, der schon beim Verlassen des Kinos auf ein paar Naseneinstellungen im Kostümmuseum zusammenschrumpft.

Er habe einen Regisseur mit Visionen gesucht, sagte der Produzent Bernd Eichinger zu seiner Wahl. Tom Tykwer mag Fantasie und Begeisterung, Ideen und Visionen versprühen, sein Problem ist aber, dass ihm dafür schlichtweg die Bilder fehlen. Er ist der Maler, der, mit allen Farben und Pinseln ausgerüstet, vor seiner Staffelei steht, der, das Motiv vor Augen, von der Überhöhung träumt und am Ende doch wieder beim Malen nach Zahlen landet. In manchen Einstellungen des Films ist diese Diskrepanz zwischen Großausdrucksanspruch und tatsächlichem Bild fast schmerzlich spürbar. Etwa wenn Jean-Baptiste Grenouille vor einer riesigen Menschenmenge für seine Morde hingerichtet werden soll. Mit Hilfe des Jungfrauen-Parfums gelingt es ihm, die Situation zu wenden. Unter dem Einfluss des Duftes verwandeln sich die blutrünstigen Bürger von Grasse in sexuell befreite Früh-Hippies, reißen sich die Kleider vom Leib und sinken zu einer kollektiven Gruppensex-Orgie zu Boden. Wahrscheinlich hatte Tykwer ein großes Menschentableau vor Augen, eine Komposition der exaltierten Körper. Zu sehen ist aber nur ein großes Statistengewühle, über dem der unerotische Geist eines Grünen-Parteitages schwebt, einschließlich eines Rezzo-Schlauch-Doppelgängers in der Rolle eines enthemmten Bischofs.