Interviews »Ich bin vollkommen leer, mir fällt nichts ein«

Zwanzig Jahre nach dem Tod Andy Warhols sind seine Interviews wieder zu lesen – und siehe da, »the Pope of Pop« macht uns noch immer fröhlich.

Dieses Buch ist ein Jungbrunnen. Man hatte beinahe vergessen, wie fröhlich Andy Warhol macht. Dabei sagt er weder witzige Dinge, noch lächelt er. Weder befreiend noch verbindlich, noch ironisch, man sieht sein blasses Gesicht zwischen den Zeilen, die Lippen bewegen sich höflich zum traurigen Buster-Keaton-Blick. Man kann das Buch von hinten, von 1987 her, lesen oder von vorne, von 1962, darf auch in der Mitte bei 1977 beginnen, jedes Interview mit dem Pope of Pop bleibt von einer neugierigen Unaufgeregtheit, die gegen alle Denkkrämpfe und jegliche Interviewmüdigkeit immunisiert.

»Sagen Sie mir einfach etwas vor, und ich wiederhole es dann. Ich bin heute vollkommen leer, mir fällt nichts ein«, schlägt er dem Interviewer vor und beruhigt ihn zugleich: »Keine Sorge… das könnte nett werden.« Mit zwei Sätzen erledigt er alle Grundlagen des ästhetischen Diskurses und jeder Talkshow-Übereinkunft, das Frage-Spiel dreht sich, von A zu B und zurück: gegen Interpretation, gegen Schubladen, gegen Authentizität, gegen Individualität, gegen den Zwang, etwas sagen zu haben. Und doch löst er mit dem dritten Satz alle substantivierte Verkrampfung: Haben sie keine Angst, es wird schön werden. Die Interviews folgen meist dem bekannten Warholschen Verweigerungsgestus: Entweder antwortet er nur mit ja und nein, wiederholt mechanisch vertraute Satzbausteine (»Alles ist Kunst«), erweitert sie gelegentlich (»Alles ist gute Kunst«), verweist auf Gott und die Factory (»Gerard, was meinst du?«), wählt die ausweichende Nicht-Antwort, oder er schlägt überraschende Haken (»Sind reiche Leute glücklicher?«, A. W.: »Wenn sie einen Hund haben«).

Manchem mag, fast zwanzig Jahre nach dem Tod Andy Warhols (1928 bis 1987), eine Auswahl von 36 Interviews aus dem bekannten sowie unkatalogisierten Fundus aus rund 600 Umzugkartons (time capsules ) beliebig erscheinen, und doch vermittelt der Herausgeber Kenneth Goldsmith einen aufregenden Einblick in Warhols verschiedene Phasen und Themen, ob Malerei, Film, TV, Zeitschriften, Bücher, Fotografie, Philosophie oder schlicht – Leben. Die Trennung von Arbeit und Privatem war Warhol ohnehin unerklärlich, warum sollte sich ein Einkauf bei Bloomingdale von einem Besuch des Metropolitan Museum unterscheiden? Warum Picasso über Walt Disney stellen (»Eigentlich war es Schneewittchen, das mich beeinflusst hat«)?

»Ich weiß nicht« und »Ich mag das« sind die beiden Zaubersätze, mit denen er sich jeder Theorie und Abstraktion entzieht. Das überfordert manche Fragesteller (und erzählt mehr über sie als ihn), das bringt wunderbare Momente, wenn sie Warhol die Möglichkeit geben, die überraschende Variation zu servieren: »Ich glaube, ein Künstler ist jemand, der etwas gut kann. Zum Beispiel jemand, der gut kochen kann.« I’ll Be Your Mirror, der Song der Velvet Underground, die er protegierte und der er zu Banane und Ansehen verhalf, ist die Hälfte eines Konzepts, das durch Verschwinden des Individuums das Individuum feiert. Andy Warhol, der sich gerne selbst als Nichts, als mechanisch produzierende Maschine sah, wurde paradoxerweise zum bekanntesten Individuum der modernen Kunst: der Schöpfer und Prophet des ewig Gleichen, der Serie als unverwechselbares Einzelstück.

Es ist diese wunderbare amerikanische Dialektik, die alle Interviews durchzieht: die Frage nach der Kunst und die Antwort des Alltags. Er habe Campbell-Suppendosen gemalt, weil er zwanzig Jahre lang Campbell Soup gegessen habe; er habe Filme gedreht, weil er sich nicht mehr die Finger mit Farbe dreckig machen wollte; er habe dieselben Bilder verwendet, weil dies seinem amerikanischen Sparsamkeitssinn entspreche. Metaphysik und die Weihen jeglicher Walhalla scheute er wie Himmel und Hölle, er mochte alles, und (fast) alle mochten ihn (»Alle sind meine besten Freunde«). Ob Lieblingsfilm (»Immer der, den ich zuletzt gesehen habe«), Lieblingsfarbe (»Schwarz und Weiß«), Lieblingszahl (»0«), er bleibt neutral wie die Schweiz: »Ich glaube, ich bin von allen beeinflusst. Das ist Pop.« Er hielt diesen basisdemokratischen Gestus aufrecht, auch wenn ihm später einige »Meinungen« unterliefen. Wichtig war die Haltung, die alles gleich schön finden wollte. Man muss Dinge schön machen, in beiden Varianten: sie verschönern und sie gut machen. »Ich gebe mir immer Mühe, dass die Person gut aussieht.«

»Denkbrühwürfel für den Umgang mit dem Alltäglichen, für die Verwandlung des Alltäglichen in Kunst« nennt Klaus Theweleit in seinem denkwürdigen Vorwort Andy Warhols kondensierte Interview-Sentenzen. Schutzschilde sind sie gegen die Überwältigungstheorien der Kunstkritik oder die Debattensucht der Medien. Doch im Gegensatz zu manchem Pop-Epigonen ruht in Warhol die kritische Theorie, wenn auch in Suppendosen verlötet oder durch Siebdrucke gepresst. Man braucht Tiefe, um sich auf die Oberfläche beschränken zu können. Genießen sie die Leerstellen, blättern sie sich durch und fallen dann wieder in jenen zenhaften Zustand des Amerikanischen Traums: Alles ist warhol.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 24.08.2006 Nr. 35
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    • Schlagworte Andy Warhol | Klaus Theweleit | Walt Disney | Schweiz | Pop | Kunst | Dialektik | Seine
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