Hokuspokus Unser inneres Afrika
Wir waren nie so modern, wie wir glauben. Wir brauchen Hokuspokus. Der Kulturwissenschaftler Hartmut Böhme klärt auf, wie »Fetischismus und Kultur« zusammenhängen.
Die Aufklärung eilt bekanntlich von Sieg zu Sieg. Von Tag zu Tag werden wir klüger, während die Dunkelzonen des Aberglaubens dahinschmelzen wie Schnee in der Sonne. Den Fetischismus haben wir besiegt, unser Verhältnis zu den Dingen ist sachlich und nüchtern, wir benutzen sie allein als Mittel zum Zweck. Überhaupt ist uns der Tanz ums Goldene Kalb sehr fremd geworden. Nur afrikanische Medizinmänner bringen ihre Fußballmannschaften mit Amuletten auf Trab und salben profane Knochen mit heiligem Kuhdung. Gott bewahre.
Dass wir den Fetischismus erfolgreich niedergerungen haben und sachliche Menschen geworden sind, prägt den Stolz der Gegenwart. Nun hat der Berliner Kulturwissenschaftler Hartmut Böhme in einer glänzenden Studie aus dem aufgeblasenen Selbstbewusstsein der Moderne, man muss es so sagen: die Luft herausgelassen. »Die Moderne ist viel weniger aufgeklärt, als sie dies von sich annimmt.« Sie tut sehr vernünftig, dabei blüht im Landesinneren ihrer Lebenswelt das Fetischwesen bizarrer als je zuvor – Food- und Sexfetischismus, der popmoderne Starkult und die Sakralisierung des Automobils, die Götzenverehrung im Sport und die Lustökonomie des Konsums, um nur die allerliebsten Kultformen zu nennen. Vormoderne Energien, die wir glaubten überwunden zu haben, »flottieren durch alle Systemebenen der modernen Gesellschaft«.
Fetischismus ist sozialer Klebstoff. Er bindet Affekte, schafft Loyalität
Und warum? Weil die Feste und Riten, in denen diese Energien früher eingebunden waren, zwar aufgelöst, die damit verbundenen Bedürfnisse aber nicht aufgehoben worden sind. Die liberale, technisch-funktionale Moderne, so Böhme in seinem Buch Fetischismus und Kultur , biete für die kultische Integration keinen Ersatz und keine »gehaltvollen Identifikationen, welche sie in attraktiver Evidenz erfahren lassen«. Deshalb ist Fetischismus für ihn ein wichtiger sozialer Klebstoff. Er sichert Massenloyalität und Affektbindung. Würde man ihn abschaffen, »so würde nicht das Reich der Freiheit anbrechen, sondern die Gesellschaft zusammenbrechen«.
Bis zu der schmerzhaften Einsicht, dass es auch in der modernen Gesellschaft ein »inneres Afrika« des Fetischismus gibt, hat es lange gedauert. In verzweigten kulturgeschichtlichen Expeditionen zeigt Böhme, wie im 19. Jahrhundert die einschlägigen Wissenschaften Fetischismus und Dingmagie bei den kolonisierten Völkern entdeckten, nur nicht bei sich selbst. Die Moderne projizierte den Aberglauben nach außen, um ihn nach innen umso besser verdrängen zu können. Als dann die kapitalistische Dingproduktion mit Macht die Wohnzimmer überschwemmte und aufgeklärte Zeitgenossen ums Goldene Kalb tanzten, war der westliche Fetischismus nicht mehr zu übersehen – und musste fortan mit allen Mitteln bekämpft werden.
Alsbald fällt bei Böhme der Name Karl Marx, der das innere Afrika des Kapitalismus, den Fetischismus der Ware, entdeckt und deren »theologischen Mucken« in großartigen Wendungen beschrieben hat. Die Lektüre des entsprechenden Kapitels (und des nachfolgenden über Konsumkultur) sind eine Delikatesse. Böhme zieht vor Marx kurz den Hut, und danach ist kein Halten mehr. Er tadelt die Verbissenheit des Aufklärers sowie dessen Dogma, Kapitalismus sei nichts anderes als Warenfetischismus. Diese Behauptung sei nicht empirisch gedeckt, sondern durch Begriffsfetischismus, nämlich durch ein Feuerwerk funkelnder Formulierungen bloß rhetorisch erzeugt. Allerdings brennt Böhme selbst eine ganze Batterie argumentativer Blendraketen ab und produziert ganz nebenbei ein Stück brillanter Wissenschaftsprosa, die gewiss bald Kult wird. Der Leser bewundert ihn für diese Teufelsaustreibung sehr, während Karl Marx immer sympathischer wird. Dass die gute alte Theorie des Warenfetischismus einen solchen akademischen Abwehrzauber provoziert, beweist nur, wie viel gefährliche Magie noch immer in ihr steckt. So hat Böhme ein Stück mausetoter Kritik ins Leben zurückgezaubert und ihr zu neuer Strahlkraft verholfen. Lest Marx.
Fetischisiert Böhme die eigene Theorie? Natürlich, das bleibt nicht aus. Sein Durchgang durch die Deutungsgeschichte des Fetischismus in Religionswissenschaft und Ethnologie, Ökonomie und Sexualwissenschaften, Psychoanalyse und Feminismus ist ja nur deshalb so luzide, weil er bei jedem rechten Winkel den Grundritus der Aufklärung wittert, den heiligen Kampf gegen Fetischismus. Kurzum, es kommt nicht oft , dass wissenschaftliche Vernunft eine derart magische Wirkung entfaltet wie dieser fast 600-seitige Durchgang durch den Fetischismus. Auch wenn Böhmes Haltung zum kapitalistischen Konsumkult unentschieden bleibt und die Differenz zwischen Mythos und Religion nicht immer scharf markiert wird (was in den Kulturwissenschaften längst zum guten Ton gehört): Am Ende muss der zweifelnde Leser zugeben, dass der Hokuspokus im Leben der Gesellschaft eine bedeutende Rolle spielt. »In unheimlicher Weise sind wir als Subjekte und ist unsere Kultur auf eine dauernde Verzauberung angewiesen, um sich vor Dissoziation, Anomie und Zugehörigkeitsverlust zu schützen.«
Auch die Demokratie braucht Kulte. Umgekehrt stimmt das leider nicht
Diese beunruhigende Einsicht macht freilich sehr vernünftig, und man ist schnell bereit, in heiliger Nüchternheit den marktgängigen Wiederzauberungsprojekten im »Land der Ideen« zu trotzen. Das ist keine Bösartigkeit, denn genauso möchte Böhme sein Opus magnum verstanden wissen: als aufklärende Reflexion über die unaufgeklärte Moderne, verbunden mit der bangen Frage nach ihrem Schicksal. Setzt sich die Moderne in den traditionalen Kultpraktiken fort, oder haben diese längst von ihr Besitz ergriffen? Warum das einem Fetischforscher Sorge bereitet, liegt auf der Hand. Die Demokratie bedarf der Kulte, aber die Kulte bedürfen nicht mehr der Demokratie. Damit hört auch für Hartmut Böhme der Spaß auf.
- Datum 24.08.2006 - 04:11 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 24.08.2006 Nr. 35
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Vielleicht sollte der interessierte Leser doch eher zur 'Dialektik der Aufklärung' greifen, die nicht den Mythos in der aufgeklärten Gesellschaft sondern die aufgeklärte Gesellschaft als Mythos beleuchtet.
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