Mein lieber Uri,

schon drei Tage lang beginnen fast alle meine Gedanken mit Nein. Nein, er wird nicht kommen, wir werden nicht reden, werden nicht lachen. Nein, er wird nicht mehr da sein, dieser Junge mit dem ironischen Blick und dem irren Humor, dieser weit über seine Jahre gereifte junge Mann. Nein, es wird sie nicht mehr geben, dieses warme Lächeln und den herzhaften Appetit, diese seltene Verbindung von Entschlossenheit und Feingefühl, von gesundem Menschenverstand und Herzensweisheit. Nein, sie sind nicht mehr, Uris unendliche Zärtlichkeit und die Ruhe, mit der er jeden Sturm ausglich. Und nein, wir werden nicht mehr gemeinsam die Simpsons und Seinfeld gucken, nicht mehr Johnny Cash mit dir hören, nicht mehr deine feste, Halt gebende Umarmung spüren. Und nein, wir werden dich nicht mehr lebhaft gestikulierend mit Jonathan gehen und reden oder deine heiß geliebte Schwester Ruthi umarmen sehen.

Mein geliebter Uri, dein ganzes kurzes Leben lang haben wir alle von dir gelernt. Von deiner Kraft und Entschlossenheit, deinen eigenen Weg zu gehen. Ihn auch dann zu beschreiten, wenn er aussichtslos aussah. Wir verfolgten staunend dein Ringen um die Aufnahme in den Panzerkommandeurslehrgang. Wie du deinen Vorgesetzten nicht nachgabst, weil du wusstest, dass du ein guter Befehlshaber sein konntest, und nicht bereit warst, weniger zu geben, als in deinen Kräften stand. Und als du es geschafft hattest, dachte ich: Hier ist ein Mensch, der schlicht und nüchtern seine Fähigkeiten kennt. Der keine Anmaßung und keine Überheblichkeit in sich stecken hat. Der sich nicht darum schert, was die Leute sagen. Der in sich ruht.

Du warst der Linke in deinem Bataillon, und man achtete dich, denn du vertratst deine Meinungen, ohne deine militärischen Aufgaben im Geringsten zu vernachlässigen. Ich weiß noch, wie du mir von deiner "Kontrollpostenpolitik" erzähltest, denn auch du hast ja häufig an den Kontrollposten gestanden. Du sagtest, wenn in dem Wagen, den du stoppst, ein Kind sitzt, versuchst du immer erst, es zu beruhigen und zum Lachen zu bringen. Und du denkst immer daran, dass dieses Kind ungefähr in Ruthis Alter ist. Und stellst dir immer vor, welche Angst es vor dir hat. Und wie es dich hasst und dass es Gründe dafür hat. Und dass du trotzdem alles tust, um ihm diesen schrecklichen Augenblick so weit wie möglich zu erleichtern – dabei aber auch deine Aufgabe ohne alle Abstriche erfüllst.

Als du in den Libanon ausrücktest, sagte Mutter, am meisten fürchte sie dein "Elifelet-Syndrom". Das heißt, wir fürchteten sehr, wenn es einen Verwundeten zu bergen gälte, würdest du – gleich dem Elifelet im Lied (dem vertonten gleichnamigen Gedicht von Nathan Alterman über einen Soldaten im israelischen Unabhängigkeitskrieg, Anm. d. Red. ) – geradewegs ins Feuer rennen, und du wärst der Erste, der sich meldete, um Nachschub an längst ausgegangener Munition zu holen. Und wie du dein Leben lang warst, zu Hause und in der Schule und beim Wehrdienst, und wie du immer bereitwillig auf Urlaub verzichtet hast, weil ein anderer Soldat ihn dringender brauchte oder weil die Lage bei ihm daheim schwieriger war – genauso würdest du auch dort, im Libanon, handeln, mitten im harten Krieg.

Du warst mir Sohn und Freund. Und das warst du auch für Mutter. Wir sind seelenverwandt. Du warst eins mit dir, ein Mensch, mit dem man gern zusammen ist. Jedes Mal, wenn du auf Urlaub kamst, sagtest du: Vater, lass uns reden. Und dann gingen wir gemeinsam weg, meist in ein Lokal, und setzten uns hin und redeten. Ich weiß noch, wie du einmal mit mir überlegt hast, ob du einen deiner Soldaten, der irgendein Dienstvergehen begangen hatte, bestrafen solltest. Wie hast du dich mit dieser Entscheidung gequält, in dem Wissen, dass du dir den Zorn deiner Soldaten zuziehen würdest, und auch den Zorn anderer Befehlshaber, die gewisse Regelverstöße nachsichtiger behandelten. Und tatsächlich hast du gesellschaftlich einen hohen Preis bezahlt für deine Entscheidung, den Soldaten zu bestrafen, aber gerade dieser Vorfall wurde später zu einer der Leitgeschichten des ganzen Bataillons und setzte einen Maßstab für anständiges Verhalten und Achtung der Gesetze. Und bei deinem letzten Urlaub erzähltest du mir in deinem schüchternsten Stolz, wie der Bataillonschef, im Gespräch mit neuen Befehlshabern der Einheit, deine klare Entscheidung als Musterbeispiel für das richtige Verhalten eines Vorgesetzten angeführt hatte.