Ich liebe es zu träumen. Ich träume fast jede Nacht. Das Schönste ist die erste halbe Stunde des Tages, die ich mir manchmal gönne. Da wacht man auf, liegt noch eine Weile im Bett und denkt, aha, so ist das also gewesen. Man versucht sich zu erinnern, spricht mit seinem Gehirn, würfelt seine Gedanken durcheinander, und plötzlich entstehen die besten Ideen. Ich habe ja inzwischen viel Zeit. Ich wohne allein. Etwa dreimal in der Woche gehe ich mit meinem Gehwagen zum Institut. Margarete und ihr Rolls-Royce, sagen die Kollegen. »Der größte Traum meines Lebens ist in Erfüllung gegangen: Nie wieder so etwas wie das ›Dritte Reich‹. Mein zweiter großer Traum? Die Frauen werden sich irgendwann zu Ende befreien« BILD

Der größte Traum meines Lebens ist in Erfüllung gegangen: Nie wieder so etwas wie das »Dritte Reich«. Ich träumte, dass die Deutschen aus ihrer Geschichte lernen, und das haben sie getan. Mein zweiter großer Traum? Die Frauen werden sich irgendwann zu Ende befreien. Ich träume davon, dass eines Tages alle Frauen wirklich frei sind, auch die in den muslimischen Ländern. Denn nur wenn alle Menschen gleich frei sind, können sich Gesellschaften entwickeln und ihr Potenzial entfalten. Mein ganzes Leben lang habe ich mich mit Emanzipation beschäftigt, mit der Befreiung von Zwängen, von Ideologien und Vorurteilen.

Für mich war Emanzipation schon als Mädchen natürlich. Meine Mutter, die ich über alles geliebt und bewundert habe, war eine starke und mutige Frau, eine Schulrektorin. Sie hat die Atmosphäre im Haus bestimmt. Mein Vater war ein sehr ruhiger Mensch, meine Mutter hatte ihn geheiratet, nachdem ihre große Liebe gestorben war. Ich war ein ziemlich wildes Kind, meine Freundinnen und ich haben die dänischen Buchenwälder erobert. Ich habe schon früh jede Form von Zwang gehasst. Erst mit acht Jahren besuchte ich eine Schule, vorher hatte meine Mutter mich unterrichtet.

Als ich nach Deutschland kam, musste ich mich das erste Mal wirklich anpassen. Meine Mutter hatte mich nach Flensburg auf das Gymnasium geschickt, weil sie fand, ich solle studieren. Wie immer im späteren Leben hatte ich dort eine enge Freundin. Wir entdeckten die Literatur, lasen D. H. Lawrence und Thomas Hardy, hielten zusammen wie Pech und Schwefel. Die Nazis fanden wir lächerlich. Wir veräppelten den Hitler-Gruß, dieses ganze Tamtam, das sie auf einmal veranstalteten. Wir wollten nicht zum Bund deutscher Mädels, und das ließen wir sie auch merken. Kurz vor dem Abitur setzten die Lehrer sich wegen uns zusammen. Doch wir hatten noch mal Glück gehabt. Wir durften studieren.

Ich war es gewohnt, zu sagen, was ich denke. Einmal wurde ich deshalb sogar wegen Armee-Zersetzung verfolgt. Einem Freund, der Soldat war, hatte ich erzählt, was ich davon halte. Das eigenständige Denken darf man sich nie verbieten lassen – das hatte ich vor allem von meinem Vater gelernt. Als mir das Germanistikstudium zu braun getüncht war, zu geistlos, bin ich zur Medizin gewechselt. Ich dachte, eine Leber ist eine Leber, den Körper können sie nicht braun machen. Aber natürlich haben sie es auch da versucht.

In meinem Traum lernen die Menschen nachzudenken, zuzuhören, sich in andere hineinzufühlen. Ich träume, dass wir lernen zu erkennen, warum jemand unser Freund oder Feind ist; dass wir nicht gleich um uns schlagen, wenn wir narzisstisch gekränkt werden. Zugegeben, das fällt mir auch nicht ganz leicht. Nur wenn man sich für die frühe Prägung des anderen interessiert, kann man Rücksicht nehmen auf seine Sensibilitäten. Aber leider lernen wir Menschen nicht immer aus unseren Fehlern.

Die Deutschen nach dem Krieg sind ein gutes Beispiel. Sie verdrängten und konsumierten. Ich kam in dieses Land zurück und war verblüfft: Man tat so, als ob die zwölf Jahre unter Hitler nicht existiert hätten. Die Menschen richteten sich gemütlich ein in den verlogenen, bürgerlichen Moralvorstellungen. Natürlich eckte ich wieder an. Es war Anfang der Fünfziger, ich war ledig und zog allein den Sohn eines verheirateten Mannes groß. Ich war auch noch Dänin. Man wollte meiner Freundin den Umgang mit mir verbieten. Das war aussichtslos. Schmerzhaft aber war es, dass mein Mann sich zunächst nicht scheiden lassen wollte und dass mein Sohn oft nicht bei mir sein konnte. Ich musste beruflich viel reisen. Auch in dieser Zeit war eine gute Freundin sehr wichtig. Bei ihr wohnte ich, sie kümmerte sich um mich und meinen Sohn in den ersten Jahren, später wuchs er dann bei meiner Mutter und der Familie meines Bruders auf. Ich war überzeugt, dass es für ihn das Beste war. Ein Kind kann nur glücklich werden, wenn seine Mutter glücklich ist. Auf alle anderen Regeln muss man nichts geben. Mein Sohn ist heute selbst Familienvater, ich glaube, es hat ihm nicht geschadet.