Ich habe einen Traum »Zu Ende befreien«
Die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich träumt davon, dass die Emanzipation der Frauen vollendet wird und dass es nie wieder so etwas gibt wie das Dritte Reich
Ich liebe es zu träumen. Ich träume fast jede Nacht. Das Schönste ist die erste halbe Stunde des Tages, die ich mir manchmal gönne. Da wacht man auf, liegt noch eine Weile im Bett und denkt, aha, so ist das also gewesen. Man versucht sich zu erinnern, spricht mit seinem Gehirn, würfelt seine Gedanken durcheinander, und plötzlich entstehen die besten Ideen. Ich habe ja inzwischen viel Zeit. Ich wohne allein. Etwa dreimal in der Woche gehe ich mit meinem Gehwagen zum Institut. Margarete und ihr Rolls-Royce, sagen die Kollegen.
Der größte Traum meines Lebens ist in Erfüllung gegangen: Nie wieder so etwas wie das »Dritte Reich«. Ich träumte, dass die Deutschen aus ihrer Geschichte lernen, und das haben sie getan. Mein zweiter großer Traum? Die Frauen werden sich irgendwann zu Ende befreien. Ich träume davon, dass eines Tages alle Frauen wirklich frei sind, auch die in den muslimischen Ländern. Denn nur wenn alle Menschen gleich frei sind, können sich Gesellschaften entwickeln und ihr Potenzial entfalten. Mein ganzes Leben lang habe ich mich mit Emanzipation beschäftigt, mit der Befreiung von Zwängen, von Ideologien und Vorurteilen.
Für mich war Emanzipation schon als Mädchen natürlich. Meine Mutter, die ich über alles geliebt und bewundert habe, war eine starke und mutige Frau, eine Schulrektorin. Sie hat die Atmosphäre im Haus bestimmt. Mein Vater war ein sehr ruhiger Mensch, meine Mutter hatte ihn geheiratet, nachdem ihre große Liebe gestorben war. Ich war ein ziemlich wildes Kind, meine Freundinnen und ich haben die dänischen Buchenwälder erobert. Ich habe schon früh jede Form von Zwang gehasst. Erst mit acht Jahren besuchte ich eine Schule, vorher hatte meine Mutter mich unterrichtet.
Als ich nach Deutschland kam, musste ich mich das erste Mal wirklich anpassen. Meine Mutter hatte mich nach Flensburg auf das Gymnasium geschickt, weil sie fand, ich solle studieren. Wie immer im späteren Leben hatte ich dort eine enge Freundin. Wir entdeckten die Literatur, lasen D. H. Lawrence und Thomas Hardy, hielten zusammen wie Pech und Schwefel. Die Nazis fanden wir lächerlich. Wir veräppelten den Hitler-Gruß, dieses ganze Tamtam, das sie auf einmal veranstalteten. Wir wollten nicht zum Bund deutscher Mädels, und das ließen wir sie auch merken. Kurz vor dem Abitur setzten die Lehrer sich wegen uns zusammen. Doch wir hatten noch mal Glück gehabt. Wir durften studieren.
Ich war es gewohnt, zu sagen, was ich denke. Einmal wurde ich deshalb sogar wegen Armee-Zersetzung verfolgt. Einem Freund, der Soldat war, hatte ich erzählt, was ich davon halte. Das eigenständige Denken darf man sich nie verbieten lassen – das hatte ich vor allem von meinem Vater gelernt. Als mir das Germanistikstudium zu braun getüncht war, zu geistlos, bin ich zur Medizin gewechselt. Ich dachte, eine Leber ist eine Leber, den Körper können sie nicht braun machen. Aber natürlich haben sie es auch da versucht.
In meinem Traum lernen die Menschen nachzudenken, zuzuhören, sich in andere hineinzufühlen. Ich träume, dass wir lernen zu erkennen, warum jemand unser Freund oder Feind ist; dass wir nicht gleich um uns schlagen, wenn wir narzisstisch gekränkt werden. Zugegeben, das fällt mir auch nicht ganz leicht. Nur wenn man sich für die frühe Prägung des anderen interessiert, kann man Rücksicht nehmen auf seine Sensibilitäten. Aber leider lernen wir Menschen nicht immer aus unseren Fehlern.
Die Deutschen nach dem Krieg sind ein gutes Beispiel. Sie verdrängten und konsumierten. Ich kam in dieses Land zurück und war verblüfft: Man tat so, als ob die zwölf Jahre unter Hitler nicht existiert hätten. Die Menschen richteten sich gemütlich ein in den verlogenen, bürgerlichen Moralvorstellungen. Natürlich eckte ich wieder an. Es war Anfang der Fünfziger, ich war ledig und zog allein den Sohn eines verheirateten Mannes groß. Ich war auch noch Dänin. Man wollte meiner Freundin den Umgang mit mir verbieten. Das war aussichtslos. Schmerzhaft aber war es, dass mein Mann sich zunächst nicht scheiden lassen wollte und dass mein Sohn oft nicht bei mir sein konnte. Ich musste beruflich viel reisen. Auch in dieser Zeit war eine gute Freundin sehr wichtig. Bei ihr wohnte ich, sie kümmerte sich um mich und meinen Sohn in den ersten Jahren, später wuchs er dann bei meiner Mutter und der Familie meines Bruders auf. Ich war überzeugt, dass es für ihn das Beste war. Ein Kind kann nur glücklich werden, wenn seine Mutter glücklich ist. Auf alle anderen Regeln muss man nichts geben. Mein Sohn ist heute selbst Familienvater, ich glaube, es hat ihm nicht geschadet.
In meinem Traum hören Frauen auf, diese Vorurteile zu glauben, die ihnen eingeredet werden. Man muss wegen eines Kindes nicht alles aufgeben. Mein Mann Alexander war sehr verständnisvoll, er achtete mich, er wollte immer, dass es mir gut geht. Nur manchmal, wenn ich wieder mal zu viel unterwegs war, beschwerte er sich: Man will mir meine Frau wegnehmen! Mein Mann war kein Macho. Mich nervte oft die ideologische Intoleranz mancher Frauen aus der Bewegung.
Aber damals musste man Farbe bekennen. 1977, in der ersten Nummer von Emma, habe ich also gesagt: »Ich bin Feministin.« Das war damals ein Schimpfwort, Deutschland war das konservativste Land des Westens. Trotzdem habe ich meine Äußerung nicht als besonders mutig empfunden. Wenn man die Nazizeit erlebt hatte, konnte einen so etwas nicht ernsthaft herausfordern.
Alice Schwarzer und ich hatten uns angefreundet, was sie sehr überraschend fand. Sie hatte in Artikeln die Psychoanalyse als frauenfeindlich angegriffen. Kurz darauf saßen wir gemeinsam in einer Diskussionsrunde, und ich gab ihr in manch einem Punkt Recht. Freud war kein Gott, sondern auch nur ein Mann seiner Zeit. Die 68er hatten Recht mit ihrem Versuch, sich mit der Vergangenheit auseinander zu setzen. Auch wenn mich die jungen Leute an der Universität manchmal gehörig nervten. Einige waren nicht besser als ihre Väter: »Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment.« Diese Macho-Haltung war unerträglich!
Ich glaube, die Emanzipation der Frau hat heute viel mehr mit psychischen Zwängen zu tun als mit gesellschaftlichen. Diese seit Jahrhunderten verinnerlichte soziale Degradierung, die Passivität, das geht nicht so schnell weg. Ich habe es in all den Jahren in meiner Praxis erlebt: Es fällt den Frauen immer noch schwer, Aggressionen aktiv nach außen und nicht nur passiv nach innen zu richten. Es ist ein männliches Prinzip. Auch ich habe erst durch einen Analytiker gelernt, sie bewusst herauszulassen, auch mal andere zu verletzen. Ich habe mich eigentlich immer gut vertreten können, aber das Laute musste ich erst lernen. Mein älterer Bruder war immer lauter und aggressiver, ich aber wollte meiner Mutter gefallen, mir fiel es leicht, zu teilen und nachzugeben bei Streit.
Ich habe zwei Enkeltöchter, beide Anfang 20, sie studieren und sind sehr fleißig. Ihnen geht es gut, sie sind sehr selbstständig – und trotzdem haben sie gelegentlich Komplexe wie so viele junge Mädchen: Sie finden sich zu dick, zu dünn, zu groß, zu klein. Bei manchen Frauen ihrer Generation wünschte ich, sie würden sich bewusster machen, dass sie ihr Leben in der Hand haben. Jeder hier kann heute werden, was er will. Das ist Luxus. Doch viele Frauen sind nach wie vor träge. Man braucht einen enormen Widerstand, um aus der Passivität herauszukommen. Ich glaube fast, um sich zu emanzipieren, braucht man Wut, vielleicht auch ein wenig Hass.
Wenn mein Traum Wirklichkeit wird, achten Frauen auf ihre Gefühle. Und alle Menschen nähmen sich mehr Zeit zum Nachdenken, über ihre Umwelt, über sich selbst. Erkenne dich selbst: Das hat mich immer angetrieben. Warum handelst du so und nicht so? Gefühle und Erfahrungen gedanklich zusammenzubringen, das ist unglaublich spannend. Man lernt nie aus. Ich bin fast 90, mein Gehör macht nicht mehr richtig mit, ich habe einen Gehfehler – und trotzdem entdecke ich ganz oft noch etwas Neues an mir.
Aufgezeichnet von
Anita Blasberg
Margarete Mitscherlich, 89, ist Tochter einer Deutschen und eines Dänen. Sie studierte in
München, Heidelberg und in England Medizin. Durch ihren Mann Alexander Mitscherlich entdeckte sie die Psychoanalyse. Gemeinsam leiteten die beiden das Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt. 1967 verfassten sie die Gesellschaftsanalyse »Die Unfähigkeit zu trauern« über die
Nichtbewältigung der Nazivergangenheit. Ihr wichtigstes Buch über die Emanzipation der Frau schrieb Margarete Mitscherlich 1985: »Die friedfertige Frau«, über weibliches Rollenverhalten in der Politik. Margarete Mitscherlich praktiziert nach wie vor am Sigmund-Freud-Institut als Psychoanalytikerin
- Datum 28.08.2006 - 05:12 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 24.08.2006 Nr. 35
- Kommentare 9
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Es kann doch nur die logische Konsequenz dahingehend sein, dass die Frauen das Ruder übernehmen. Die von Männern dominierte Welt liegt fast in Scherben vor uns. Diese Welt wird zwangsläufig in die Abgeschiedenheit galoppieren.
Männer wollen den Frauen imponieren, zetteln dadurch Kriege an und machen allerhand anderen pubertären Blödsinn bis ins hohe Alter hinein. Das haben sie eindrucksvoll unter Beweis gestellt und die Frauen haben endlich, und das nicht erst seit gestern, begriffen wie schwach und peinlich die Männerwelt auf Macherebenen tatsächlich ist.
Schein frisst Sein, nun ist die Duokonträrmetamorphose an der Reihe.
Wenn es ein Viertes Reich nicht geben soll, liegt es nur in der Hand der Frauen.
So einfach ist es!
Nach der Lektüre dieses Textes komme ich - wieder einmal - zu dem Ergebnis, dass Psychoanalyse tatsächlich eine ernsthafte Störung ist. Dass man/frau damit auch noch Publizität genießt und viel Geld verdient ist ein Skandal.
Sehr geehrte Frau Dr. Mitscherlich.
Danke für Ihre Arbeit und Ihre Stimme.
Über das Laut sein.
In den U.S. habe ich, das Laut sein als Frau gelernt.
Im einem Gestalt Institut in Artizona habe ich gelernt, dass es ok für eine Frau ist,
Ärger auszudrücken.
Wegen einer Lebenskrise ging ich dieses Jahr freiwillig in eine psychosomatische Klinik
(Harlaching, München). Innerhalb einer Therapiegruppe drückte ich Ärger aus, ich war LAUT.
(ich bedrohte oder beschimpfte niemand, sondern es ging um Mobbing im Beruf.)
Dennoch wurde mir nahe gelegt, zur Beruhigung Zyprexa zu nehmen (nicht, dass Sie schizophren wären, aber das hilft, Sie zu beruhigen, wir haben da gute interne Erfahrungen). Ich sagte den Ärzten und Ärztinnen mein Ärger ist nicht unkontrollierbar ich wollte ihm nur hier Worte und einen Ausdruck geben. Und so kontrollierte ich meinen Ärger eben wieder - wie gehabt. Ich weiß nun, dass das Kontrollieren meines Ärgers, das Leise sein, lebenswichtig in unserer Gesellschaft ist, sonst kann man unter Umständen sehr sehr zerstörerische Medikamente aufgedrängt bekommen.
In dieser psychosomatischen Klinik gab es übrigens jede Menge junger Frauen, die sich beinah zu Tode gehungert hatten, und /oder permanent schnitten. Dann gab es jede Menge jüngerer und älterer Frauen, die wegen eines sexuellen Traumas immer wieder mal in die Klinik mussten, über Jahre hinweg. Deren Art von Autoagression zeitigte ein noch radikaleres, vielfältigeres Spektrum. Aber Täter, so scheint es sind gesellschaftlich faszinierender als Opfer, und für einen Täter gibt es unendlich mehr Fürsprecher als für die Opfer sexueller Gewalt.
Nachdem ich das erlebt habe, und weiß, dass es eine Unmenge ähnlicher Klinken bei uns gibt, bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass es in Deutschland keine Liebe und keinen Platz für das Wesen einer Frau an sich gibt. Und jeder Emanzipation zu Grunde liegt die Liebe, denn ohne sie kann kein Gesetz diese erzwingen. Danke für Ihre Arbeit und Ihre Stimme.
GittaGitta
Die arme Frau, wie originell.
"...bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass es in Deutschland keine Liebe und keinen Platz für das Wesen einer Frau an sich gibt."
Für Frauen gibt es Liebe, wenn sie diese verdient haben. Haben sie aber nicht.
Warum sollte man auch jemanden lieben, der Krieg gegen einen führt?
PS: Die Selbstmordrate von Männern ist dreimal so hoch wie die von Frauen. Aber dadurch kommt man natürlich nicht auf die Idee, die Männer könnten möglicherweise ebenfalls mal ein Aufbrechen ihres Rollenbildes gebrauchen. Nein, das dazugehörige Verhalten macht man dem Mann lieber zum Vorwurf.
Die arme Frau, wie originell.
"...bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass es in Deutschland keine Liebe und keinen Platz für das Wesen einer Frau an sich gibt."
Für Frauen gibt es Liebe, wenn sie diese verdient haben. Haben sie aber nicht.
Warum sollte man auch jemanden lieben, der Krieg gegen einen führt?
PS: Die Selbstmordrate von Männern ist dreimal so hoch wie die von Frauen. Aber dadurch kommt man natürlich nicht auf die Idee, die Männer könnten möglicherweise ebenfalls mal ein Aufbrechen ihres Rollenbildes gebrauchen. Nein, das dazugehörige Verhalten macht man dem Mann lieber zum Vorwurf.
von allen beiträgen zum thema hab ich ihren am liebsten gelesen, in den scheinbaren abschweifungen wurde viel leben sichtbar, so dass man im mitgehen und -fühlen etwas "mitbekommt".
"mein mann war kein macho"... ja meiner auch nicht - es tut gut zu hören, wenn jemand gleichzeitig differenziert und liebevoll und klar in der sache ist.
Frau Margarete Mitscherlich spricht für die Oberschicht. Das ist schön. Viele meiner Freundinnen werden ihre Freude daran haben, meine 5 Kinder und 8 Enkelkinder auch. (Aber nur dann, wenn sie kein kritisches Bewusstsein entwickelt haben oder entwickeln werden.) Privilegierte Mädchen und Frauen werden, gerade in der neuen Phase der Globalisierung, mit der durch den feministischen Kampf neu gewonnenen Freiheit alle Vorteile wahrnehmen können und die menschliche Kultur vorantreiben. Ihr Leben wird interessanter mit den weltweiten Möglichkeiten. Mit der Bertelsmann-Stiftung und ähnlichen Stiftungen wird diese Eliteentwicklung weltweit gefördert, auch mit
"friedensichernden" robusten Einsätzen. Diese Fortschritte werden im Gang der Geschichte für die nachfolgenden Generationen als hohe Kultur sichtbar, denke mensch nur an die Pyramiden, die ohne motorisierte Kräne gebaut sind, an den Kölner Dom etc...
Ich denke aber an die Mehrheit der Frauen in unserem Land, in muslimischen Ländern und in den sogenannten Entwicklungsländern weltweit. Wenn im Fernsehen die Einweihung einer Mädchenschule in Afghanistan gezeigt wird, wird uns etwas vorgegaukelt. Die Befreiung der Frau wird nicht durch die Antiterrorkriege vorangetrieben, im Gegenteil.
Dass die Freiheit der Frau ohne Schaden für das Kind unter privilegierten Bedingungen möglich ist, bezweifle ich auch nicht. Aber gerade jetzt sehe ich keinen Grund, die Befreiung der Frau zu feiern, wohl die Befreiung weniger Frauen. Das wird bleiben.
Frau Mitscherlich schreibt:"Jeder hier kann heute werden, was er will." Dieser Traum scheint z.Z. ausgeträumt. Die Wirklichkeit zeigt das grausame Gegenteil.
Frau Mitscherlich schreibt: "Der größte Traum meines Lebens ist in Erfüllung gegangen: Nie wieder so etwas wie das Dritte Reich."
Dazu sage ich: Die Erfüllung dieses Traumes war nie in so weite Ferne gerückt wie heute. In "Unfähigkeit zu trauern" von 1967 sieht die Welt und die Psyche der Deutschen für Frau Mitscherlich anders aus. Wie sollte sich plötzlich so unmerklich die psychische Struktur in diesem Land verändert haben. Vieles deutet auf eine Aktivierung des autoritären Charakters hin. Er wird durch die Politik gefördert.
(Christoph Butterwegge, FR 03.08.05 "Mit dem Sozialstaat stirbt die Demokratie. Eine Erinnerung an die Weimarer Republik - Unterschiede und Gemeinsamkeiten mit der Situation heute", Sebastian Haffner, posthum veröffentlicht "Geschichte eines Deutschen Die Erinnerungen 1914-1933")
Rita Schu, 37445 Walkenried
Wollt Ihr die totale Emanzipation? Jaaaahh! Dies fällt mir bei der Rede von der vollen Emanzipation als erstes ein. Aber sicher es gibt hier noch immer ein paar Konservative, Leute auch, die sich den Sachzwängen ergeben aber nicht direkt froh darüber sind.
Mag sein, dass es zur vollen Emanzipation keine Alternative gibt, und sicher ist es gut und wichtig, ja wohl überlebenswichtig, dass ein jeder all seine Gefühle gedanklich verarbeitet. Diese können aber schon sehr negativ sein, und vor allem auch über einfache Aggressionen im persönlichen Bereich hinausgehen, wenn man an all die A-Waffen und Kriege, und all ihre schönen Begründungen und Ursachen denkt. Emanzipation heißt Befreiung und Selbständigkeit. Befreiung von den Fesseln der Natur aber auch von gegenseitigen Abhängigkeiten. Die volle Emanzipation von Mann und Frau kann auch heißen, gemeinschaftlich in der Kultur die Grundlagen dafür zu schaffen, dass ein jeder auch ohne Kinder bis in ein höheres Lebensalter ein gutes Leben führen kann und, ganz persönlich, Befreiung von dem Gefühl sich fortpflanzen zu müssen. (Ja, erst eine Frau, die beruflich erfolgreich ist, und zudem selbst keine Kinder bekommt, ist im Kern genauso wie ein Mann!) Dann erst hat der Mensch sich von seiner Natur wirklich vollends emanzipiert, so erweist er sich dann als ein wirklich ganz besonderes, andersartiges, Tier! Jesus, der legendäre Jesus zumindest, hat uns dies ja vorgemacht.
Sicher ist die hochgewichtige Selbsterkenntnis auch eine individuelle Sache, gleichermaßen wohl fast, aber auch eine gesellschaftliche. Auch hier werden wir alle, oder die meisten von uns, trotz - oder gerade wegen!- unserer langen Geschichte, wohl noch etwas (wieder-) entdecken...
>>Es geht in Ordnung, dass Kommentarreihen, die zu persönlichen Kleinkriegen ausarten und mit dem zu kommentierenden Artikel nichts mehr zu tun haben, von der Redaktion gelöscht werden - allein schon aus Respekt vor deren Autoren. Dies hier ist eben ein privates Forum. Insofern sehe ich ein, dass auch mein Beitrag, der ebenfalls mehr von Emotion denn Verstand geprägt war, gelöscht wurde. Andererseits halte ich es nicht für positiv, Kommentare mehr als streitbaren Inhalts unkommentiert im Raum stehen zu lassen.
Freiheit ist auch heutzutage (leider) keine Selbstverständlichkeit. Sie
ist im Gegenteil eine große und großartige Errungenschaft,
Gesellschaftlich wie persönlich. Freiheit zu sagen, was man denkt,
Freiheit zu leben, einfach zu sein, trotz Anfeindungen, trotz fehlender
Einsicht, manchmal auch gerade deswegen. Abartig, andersartig, ungleich?
Minderheitenschutz gehört zu der wertgebundenen Ordnung, die das
Grundgesetz geschaffen hat. Identitätserhalt und -entwicklung ist für
Angehörige solcher Gruppen vielfach problematischer.
Meinungen anderer schlicht zu unterminieren, sie pauschal abzulehnen
oder gänzlich zu verleugenen, schafft ernstzunehmendes
Konfliktpotential, auf völkerrechtlicher Ebene ist die Unterdrückung von
Minderheiten eine der wichtigstenen Quellen kriegerischer
Auseinandersetzungen. In einer pluralistischen Gesellschaft ist jeder
gehalten, sich mit verschiedensten Ansichten und Lebensweisen
auseinanderzusetzen, Kritik zu üben, aber auch mit Kritik an der eigenen
Meinung umzugehen zu lernen. Vielfalt bzw. Andersartigkeit sollte nicht
als Bedrohung wahrgenommen werden. Ich zitiere Frau Mitscherlich: "Und
alle Menschen nähmen sich mehr Zeit zum Nachdenken, über ihre Umwelt,
über sich selbst.[...] Man lernt nie aus."
Im Hinblick auf die Freiheit der Meinungsäußerung, ist aber - gerade vor
diesem Hintergrund - zu bedenken, dass wir, um der Gemeinschaft willen,
gebunden sind. Jeder kann, darf soll, sagen, was er denkt - solange er
eben dieses Recht anderen nicht abspricht. Hier bestehen Grenzen, die
nichts mit Diktat zu tun haben, sondern Notwendigkeit sind. Gerade um
der Freiheit willen.
Insofern entschuldige ich mich, in erster Linie bei Frau Mitscherlich,
für die inadäquaten Kommentare meinerseits zu diesem Artikel.
Mit freundlichen Grüßen,
jaffa
Das Verhalten, das Verschweigen von Aggressionen bei Frauen, das Sie beschrieben, ist rollengerechtes Verhalten. Wohlbekanntes Verhalten auch - besorgte Psychologen udn Psychiater schlagen bereits lange Alarm. Sicher wird es auch nicht lange dauern, bis auch hier der Staat wieder mal ein wenig frauenfördert.
Übrigens: Das entsprechende Verhalten dazu bei Männern ist das Verschweigen aller Gefühle außer der Aggression - und aller Probleme.
Wieso nur wird aber letzteres den Männern stehts vorgeworfen, während ersteres von irgendwelchen selbstgerechten Opferrollenliebhabern als eine Art Benachteiligung dargestellt wird, die von der Gesellschaft bekämpft werden müsste?
Und wieso sollte man als Mann an der "Emanzipation" der Frau hin zum offenen Eingestehen ihrer Aggressionen interessiert sein, wenn dieselben Frauen einem erst als Mütter beibringen, ausschließlich diese zu zeigen und dann als Freundinnen und Ehefrauen dieselben zum Vorwurf macht, wie die restliche Gesellschaft ebenfalls?
Ohen dabei als Frau tatsächlich etwas über die Gefühle von Männern erfahren zu wollen, natürlich - Frauen wollen eben Männer, die sich um die Gefühle von Frauen kümmern, aber selbst keine haben, das ist bequemer.
Das Wahrnehmen der Rechte und Interessen anderer beruht schon auf Gegenseitigkeit - also, kann mir jemand einen Grund nennen, warum die Männer daran interessiert sein sollten, dieses Rollenverhalten überflüssig zu machen, während die Frauen permanent neue, widersprüchliche Anforderungen an das männliche (Rollen)Verhalten entwicklen und nicht im Traum darüber nachdenken, dem Mann einen gewissen Freiraum, ein gewisses Recht auf Menschlichkeit, zu gewähren?
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