Russland : Sommer am Kältepol

Werchojansk in Jakutien rühmt sich, die kälteste Stadt der Welt zu sein. Wenn sie auftaut, spielen die Jungen Fußball bis vier in der Früh.

Für zwei Stunden verschwindet die Sonne hinter dem Kamm der umliegenden Berge. Es ist Mitternacht und fast taghell. Wer jetzt schläft, muss krank sein. Den acht Monate andauernden Winter lang waren die Menschen in Nordjakutien, dem Sibirien Sibiriens, von Schwärze umfangen. Im kurzen Sommer saugen sie das Licht in der gleißenden Tundra auf. Die Jungen kicken bis vier Uhr morgens auf der aufgegebenen Flugzeugpiste, die jetzt als Fußballplatz dient. Die Dorfschönheiten tragen den Zopf hüftlang und stolzieren gemächlich durch den Matsch der Hauptstraße. Wer sich »in fünf Minuten« am Revolutionärsdenkmal verabredet, kommt vielleicht erst in einer halben Stunde. Oder noch später. Hier verschwindet so schnell keiner. Mehr Bilder aus Werchojansk » BILD

Olga schaut aus dem Fenster des kleinen Hotels. Der Himmel liegt so nah und breit über Werchojansk, als umarme er die Erde besonders eng, solange sie aufgetaut ist. Der graue Geländewagen der Dorfpolizisten rattert in eigenwilliger Kurvenfahrt vorbei. »Die sind schon wieder breit«, sagt Olga. Dann geht sie über brüchige Betonplatten und in den Schlamm gelegte alte Heizkörper nach Hause zur Ernte im Gewächshaus. Im Mai hat sie begonnen, den Ofen zwischen den Tomaten- und Gurkenpflanzen anzuheizen, um aus dem Boden herauszuholen, was er in zwei Monaten Vegetationszeit noch hergibt: Kartoffeln, Kohl und Rüben. Um zwei Uhr nachts setzt sie sich vor den Fernseher. In einem der drei russischen Kanäle läuft eine Show, zu deren Höhepunkt sich Männer als Dorfweiber verkleiden.

Zuweilen fühlt sich Olga hier nördlich des Polarkreises wie eine moderne Verbannte. Für eine Flugreise in die Republikhauptstadt Jakutsk müsste sie knapp drei ihrer Monatsgehälter hinlegen, 350 Euro. Also bleibt sie in Werchojansk und bekocht die Gäste des Hotels mit seinen vier Zimmern. Wenn mal eines belegt ist. Das Küchenfenster im Erdgeschoss ist Olgas Lieblingsplatz: Sie raucht eine Zigarette und schaut den Passanten hinterher. Ein jeder hat Nachrichtenwert. Am Ortseingang ragen die Hörner des Betonmammutkopfes, des Wahrzeichens von Werchojansk, in den violetten Nachthimmel. Ein Zettel am hölzernen Kulturzentrum kündigt einen Horrorfilm an . Aus dem Lautsprecher auf dem Dach des Posthauses gegenüber schnarren jakutische Schlager. Tag und Nacht schallt das Radioprogramm über die Hauptstraße, das bröckelige Kriegerdenkmal und den lang gezogenen Teich, den die Einwohner ihren »Baikalsee« nennen.

Werchojansk ist kein Ort wie jeder andere: Es rühmt sich, Kältepol der bewohnten Welt zu sein. 1885 hat hier ein Verbannter des Zarenreiches den Rekord von minus 67,8 Grad gemessen. Im Januar liegt die Durchschnittstemperatur bei minus 50 Grad. Doch im Juli nimmt Werchojansk seine Einwohner zuweilen in den Schwitzkasten – mit fast 100 Grad Temperaturunterschied zum Winter. Nur in der Erde, in den drei Meter tief eingegrabenen Speisekammern im Garten, mahnt der Dauerfrost an die Macht der Kälte. Preiselbeeren, Rentierleber und die heimische Fischspezialität der Großen Maräne, die gefroren zerkaut wird, lagern hier. Olga hat genug vom Norden: »Hier ändert sich nie etwas.«

Die Brüche der russischen Geschichte sind auch in Werchojansk zu spüren gewesen, mit Jahren Verzögerung, aber unverminderter Härte. Nach dem Ende der sozialistischen Subventionswirtschaft vor 15 Jahren fühlten sich die Menschen den Wolfsrudeln ringsum zum Fraß überlassen. Hunderte zogen weg, vor allem die Russen. Übrig blieben die Alten, die Sturen und die Jakuten. Kosaken hatten Werchojansk 1638 auf ihrem Eroberungszug nach Osten gegründet. Im 19. Jahrhundert kamen Anarchisten und polnische Aufständische in dieses Gefängnis ohne Gitter. Bolschewiken und Weißgardisten kämpften noch um die Siedlung, als Lenins Leiche längst im Formalinbad konserviert wurde. Ein Teil der Schädeldecke des ersten Kommunisten von Werchojansk, dessen Denkmal wegen des saftigen Grases rundherum von den Kühen geschätzt wird, ruht als Revolutionsreliquie im Heimatmuseum. Später zogen Komsomolzen in die Einöde, um Zinn- und Goldvorräte auszubeuten. Gulag-Häftlinge hackten Wege in die Baumtundra und arbeiteten sich in den Minen zu Tode. Wer überlebte, konnte in den späten Jahren der Sowjetunion auf eine sichere Existenz und Sonderprämien hoffen.

Heute erweist sich der Norden als Nostalgiefalle. Jakutien ist achtmal so groß wie Deutschland und reich an Diamanten, Gold und Öl, doch viele Werchojansker sind in die Naturalienwirtschaft ihrer Vorfahren zurückgefallen. Arbeitsplätze gibt es nur in der Verwaltung und in der Schule. Das Denken hängt der Vergangenheit nach. Im Lokalblättchen werden noch Erntepläne verkündet und Subbotnik-Arbeitseinsätze propagiert – nur kommt kaum einer mehr. Als Hoffnung bleibt der Tourismus.

Mit einem Mückenwedel vertreibt Kirillina die bösen Geister

Anzeige

Wandern, Radfahren und frische Wiesenluft

Starten Sie Ihren Urlaub in den Bergen

Reise starten