Sylt Insel der Seligen

Wenn irgendwo die westdeutsche Welt noch heil war, dann auf Sylt. Jetzt nagt die neue Zeit an der Insel: Spaßtouristen statt Sommergäste. Nur ein reiches, stures Friesendorf wehrt sich – Kampen

Der Sommer war sehr groß. Er wird den Syltern als der teuerste seit Menschengedenken in Erinnerung bleiben. Und es sind nicht die Champagnerpreise, es ist die Insel selbst. Wer einen Teil von ihr besitzen will, zahlt dafür Summen, die alle Rekorde sprengen. »Ein Jahr wie noch nie« nennt ein alteingesessener Immobilienmann die laufende Saison. Nach Jahren der Depression und Börsenabstürze, in denen mancher Sylter Sommergast ein Vermögen verlor, ist die Lust, sich etwas zu gönnen, jäh wieder da.

Aber dieser Sommer ist auch der giftigste seit langem. Das Grollen der Globalisierung ist deutlich vernehmbar – nein, nicht in Kampen, die High-End-Sommerfrische hat überhaupt keinen Grund, sich zu verändern, aber im Rest des 99-Quadratkilometer-Reservats westdeutscher Sicherheiten namens Sylt. Deutschlands beliebteste Urlaubsinsel muss sich von Gewissheiten verabschieden, die generationenlang galten.

Gewiss, auf einige ist noch Verlass: Der Anteil ausländischer Touristen liegt nach wie vor stabil unter zwei Prozent. Aus der ehemaligen DDR verirrt sich so gut wie niemand auf den Hindenburgdamm. Und »Russen gibt es hier auch nicht«, wie ein Westerländer Tourismusexperte mit Behagen feststellt. Aber der neue, globale Urlaubssurfer wird auch auf Sylt gesichtet: lieber kürzer, dafür öfter. Lieber Hotel als Ferienhaus. Lieber Party als Kurkonzert. New Sylt statt Tante Braderup.

Adieu gute, alte Sommerfrische – hallo Fun-Ferien! Seit dieser Saison landen Linienmaschinen auf der Insel. Aus Berlin, Zürich, Wien, Düsseldorf, Hamburg. Alles scheint auf einmal möglich, sogar eine Universität in List. Studieren und Krabbenbrötchen bei Gosch. Wird Sylt das überleben? Wird man es in ein paar Jahren noch wiedererkennen? Wird allein Kampen das widerspenstige Friesendorf sein, das dem Sturm der Zeit trotzt und dessen Bewohner stur an der altvertrauten Sommerfrische festhalten, weil sie in der glücklichen Lage sind, es sich leisten zu können?

Lauter Fragen im Sommerwind.

Und doch ist da eine Magie. Sie verführt nüchterne Menschen, wofür Hamburger Reeder doch gewöhnlich gehalten werden, für ein Reethaus in Kampen so leichthin Millionen hinauszuwerfen wie andere Leute nicht einmal Hunderter. Keine andere deutsche Insel, kein anderer deutscher Ort ist, klitzeklein aufs möglichst schwarze, großkalibrige Auto geklebt, so sehr Marke geworden, Hieroglyphe für uneingeschriebene Mitgliedschaft im Club der Syltisten. Und Sylt hat immer noch Geheimnisse.

Was ist zum Beispiel mit dem Haus in den Dünen von Kampen, weithin sichtbar überm Meer, aber von nahem uneinsehbar, über dem die Schweizer Fahne weht und das die neugierigen, sehnsüchtigen Blicke der Spaziergänger auf sich zieht?

Ein Haus in Kampen hat sich mancher Reiche oder Berühmte gebaut, aber alle diese Anwesen liegen auf der Wattseite. Ein Haus in den Dünen am Meer, das gibt es nur einmal. Sein Name steht an der weißen Wand, »Kliffende«, in der Steilschrift der dreißiger Jahre – das ist alles, was das Haus hinter dem gut gesicherten Tor und seinen hohen, mit den inselüblichen Wildrosen bewachsenen Friesenwällen von sich verrät. Nur so viel ist zu sehen, dass es eigentlich drei Häuser sind. Wer sich auskennt, weiß vielleicht noch, dass sie einst der Deutschen Bank gehörten, deren Vorständen man nackt in den Dünen begegnen konnte. Auch so eine Inselüblichkeit.

Plötzlich summt das Tor auf, der heutige Hausherr kommt herausgesaust, im offenen 600er Fiat mit Korbsitzen – ein verrücktes Sondermodell wie aus einem Fellini-Film, eigentlich müsste eine junge Frau im groß gepunkteten Sommerkleid drinsitzen. Und Stunden später saust er wieder hinein. Das ist typisch für ihn, er liebt diese Art von Auftritten. Kurz auf die Bühne springen, bevor er erkannt wird, ist er schon wieder fort. So ungern möchte er seinen Namen in der Zeitung lesen, dass er ihn eintragen und schützen ließ wie eine Marke, weltweit. Seine Werke jedoch zeigt er gern, und sein jüngstes ist ebendieses Reetschlösschen in den Dünen. Er hat die Häuser völlig entkernt und neu entworfen. Nur was man von draußen sieht, ist alt. Inwendig ist alles neu. Villen entwerfen und ausstatten ist ein Hobby von ihm. Er hat sich schon viele gebaut, in Palm Beach und anderswo.

Seien wir höflich, respektieren wir seinen Hausfrieden. Nennen wir ihn – er ist praktizierender Rolling-Stones-Fan – a man of wealth and taste. Er lächelt kurz. Er ruht sich niemals in einem Lächeln aus, die Welt ist kein weiches Sofa, er ist auf der Hut. »Ich darf vorausgehen.«

Innen ist alles hell und licht. Den kalkweißen Boden aller drei Häuser hat er in einer südfranzösischen Kirche entdeckt, die Art-déco-Lampen im Eingang in einem Prager Kino, die Türklinken hat er umdesignt, »die mussten länger sein, weil wir die Türen höher gebaut haben«. Der Blick aus seinem Bett geht aufs offene Meer – und auf ein anderes weißes Bett. Er hat sich eines in seine Dünen gebaut. Er fand das schön.

Die beiden oberirdisch verbundenen Häuser hat er mit einem Tunnel auch unterirdisch verbunden und daraus eine lange, weiße Fotoflucht gemacht, eine subterrane Privatgalerie: Keith Richards, Dutzende Mal, groß, schwarzweiß. Wer sich immer fragte, wie es wohl wäre, als anonymer Bieter bei einer Auktion ein weltbekanntes Bild zu erwerben, um es von nun an ganz für sich zu haben und mit ihm Zwiesprache zu halten, womöglich in einem eigens dafür gebauten Raum – in diesem weißen Tunnel bekäme er eine Ahnung davon.

Sylt ist die Antithese zum »Zauberberg«

Seit fünf Jahren lebt der Hausherr mit seiner Familie hier, einen Teil des Jahres jedenfalls. Die Bemerkung seines Gastes, das Haus sei einmalig auf der Insel, quittiert er mit einer nachsichtigen Geste. »Dieses Haus ist einmalig auf der Welt.« Und, die Zeile aus Sympathy for the Devil aufnehmend: »Sie sehen, Geld allein ist es nicht. Man muss Geschmack haben – oder?«

Wealth and taste, wie steht es damit in Kampen? »Ach, Kampen, damit habe ich nicht viel zu tun.« Er gehe wenig aus und lebe in seinem eigenen kleinen Reich. »Nackt in den Dünen herumlaufen, so wie damals die Herren Vorstände der Deutschen Bank – das ginge heute nicht mehr.«

Aber das war doch der Zauber von Sylt: dieses Zwanglose, Losgelassene, Simple. Barfuß im Sand, barfuß im Kopf. Dazu passt die exzentrische Lage ganz am äußersten deutschen Rand, das nördliche Licht, das reizende Klima. Ein Foto von Sven Simon zeigt eine Nackte, in einer Schneise im Dünengras liegend, und die Düne selbst, Sylt selbst, wirkt auf dem Bild hingestreckt und nackt.

Man mag das belächeln, diesen Entblößungsspleen des Bürgers in freier Natur, erst im heiligen Ernst der Lebensreform, später als bekiffte Reprise der Hippiejahre. Aber genau das ist Sylt – FKK statt wienerische Psychoschwüle. Lieber Strandanarch im Sommerwind als Dauergast im Neurosenhotel. Sylt ist die Antithese zum Zauberberg, Kampen erstaunlich undekadent.

Ein Mann und ein Ort, die das verkörpern, sind die Strandsauna und ihr Begründer. Dieser Günter, wie Sommergäste ihn posthum duzen, denn er lebt nicht mehr, ist eine gern erzählte Insellegende. Seine Sauna lebt weiter. Sie liegt ein paar Autominuten nördlich von Kampen in den Dünen, was ihren Gästen einen kleinen, rituellen Fußmarsch über gewundene Sandpfade abverlangt. Elke Möbus, Günters Frau, führt sie nun. Ihr Mann muss ein gastronomischer Fundamentalist gewesen sein. »Man brauchte«, sagt sie, »ein gewisses Selbstbewusstsein, um hier bestehen zu können als Gast.«

Es geht auf Mittag zu, der Himmel ist wolkenlos, erste Gäste kommen. Was sucht man eigentlich an einem so heißen Sommertag in der Sauna? »Die meisten machen bloß ein, zwei Gänge am Abend, das ist es gar nicht. Es ist ein Club. Man bleibt den ganzen Tag hier, jeden Sommer, man kennt einander seit Jahren. Manche Familie kommt in drei Generationen.«

Der Strandanarch und Augsteins Dackel

Das da – sie zeigt in den Kral der Saunahäuschen aus Holz – habe ihr Mann selbst gebaut. Es war auch seine Idee. »Strandsauna, so was gab’s vorher nicht.« Eigentlich eine Unmöglichkeit – eine bewirtschaftete Sauna mitten im Naturschutzgebiet. Zumal im Charakter ihres Mannes kein Platz für Behörden und Baugenehmigungen war. Er habe halt gebaut, was er habe bauen müssen, und die Genehmigungen hinterher verhandelt. Es müssen nervenzehrende Besuche der Unteren Naturschutzbehörde gewesen sein.

Im Günterschen Charakter fehlte offenbar auch die Stelle, an der bei gewöhnlichen Menschen der Sinn für Autorität sitzt. »Rudolf Augstein kam mit seinem Dackel und wollte herein. Hunde sind aber in der Sauna tabu. Günter ließ ihn nicht rein. Augstein musste umkehren und seinen Dackel heimbringen, dann erst durfte er rein.« Der Sylt-Effekt ist: Augstein ließ es sich gefallen, aber nur von Günter, nur von der Insel.

Der Anarch in den Dünen stellt eine Sehnsucht vor, die auch Konzernlenker manchmal befällt, vielleicht nur eine Sommerlaune. Eine Hütte am Meer, in der man seine weltliche Rolle in der Umkleide lässt. Sehr simpel, nackt, und mittags gibt es ein einfaches, herzhaftes Mahl. Das gefiel den Augsteins, es gefällt ihnen immer noch.

Natürlich, ein bisschen Prunk und Protz gehört dazu, aber auf der Insel ist das alles nicht so bitterernst wie im richtigen, falschen Leben in Hamburg und Düsseldorf. Für den Kampener Gastronomen ist es eine zentrale Qualifikation, diese Balance zwischen der tatsächlichen Macht seiner Gäste und ihren sommerlichen, manchmal geradezu kindlichen Spielen mitzuhalten. Ein alter Meister darin ist Rolf Seiche, seit vierzig Jahren auf der Insel, Patron des Gogärtchens, der ersten Institution an der »Whiskymeile«, gleich vorn links.

»Ich weiß natürlich alles«, sagt er beim Nachmittagskaffee im Garten, »Wer mit wem wann und wo. Wer pleite ist und wer im Knast. Darüber darf ein Wirt aber niemals reden, und das wiederum wissen die Leute von mir.«

Als er vor vier Jahren den Wein aufgab, war es ein Erlebnis eigener Art, jeden Abend stocknüchtern seinen Gästen zuzuhören. »Man fasst es kaum, was Männer, die große Unternehmen aufgebaut haben, die hoch erfolgreich sind, so alles reden und tun. Wie sie sich um gesellschaftliches Renommee mühen, um den Ritterschlag einer Einladung zum exklusiven Krebsessen etwa. Wie sehr es um Neid, Liebe und Liebesverrat geht. Es ist alles dabei. Kleine, teure Eitelkeiten. Große Dummheiten.«

Man muss sich Rolf Seiche, wie jeden guten Wirt, pastoral vorstellen. Wie er zur Abendzeit an der Tür seines Gogärtchens steht und jedes seiner Schäfchen persönlich begrüßt, wohl wissend, dass es sich bei diesen speziellen Tierchen um solche mit Reißzähnen handelt. Aber eben auch um verspielte Jungs und Mädels jeden Alters. Sache eines guten Hirten ist es, den Menschen, fehlbar und sündig, wie er nun mal ist, zu rechtfertigen, vor Gott und den Menschen. Und vor Journalisten.

»Kampen«, sagt er, »wird sehr verkannt.«

Das Protzen sei ein Spiel und die Whiskymeile nun mal die Vorzeigestraße der Autos. »Als der Maybach rauskam, sah man ihn nirgendwo sonst in Deutschland. Hier standen drei.«

»Ja, früher hatte Kampen eine sehr elitäre Gesellschaft, da kam der Maximilian Schell rein mit der Kaiserin Soraya, die war gerade vom Schah geschieden – und? Sie saß da auf dem Hocker wie alle anderen.« Ein nostalgischer Zug huscht ihm übers Gesicht. »Der Gunter Sachs und der Axel Springer, die hockten da auch gern, da war man den Mädchen gleich nahe.«

Nicht jeder mag diese dörflich-enge Nähe. Oder darf sie mögen. Innenminister Wolfgang Schäuble verbringt seinen Sommerurlaub eher unsichtbar hier. Und Angela Merkel hat still und leise in einem kleinen Hotel in Kampen genächtigt. Mehr wäre ein Politikum. Rolf Seiche erzählt von reichen Russen, die am Wochenende aus Moskau oder aus Sardinien einflögen, aber enttäuscht wieder abreisten. »Die wollen kein Friesenhaus, das ist denen zu klein, die wollen Paläste mit Swarovski-Leuchtern.«

Die deutschen Eliten zieht gerade dies Dörflich-Unkomplizierte an; Verleger und Fabrikanten, Künstler und Reeder – so sehr, dass nun das Bauland der Gemeinde aufgebraucht ist, was die ohnehin exklusiven Sylter Preise erst recht in die Höhe treibt. Den amtlichen Richtpreis von 850 Euro pro Quadratmeter Kampen überbietet die Realität um ein Vielfaches. Für ein mit raffinierter Technik ausstaffiertes Designer-Reethaus am Watt werden über zehn Millionen Euro gezahlt. Schon 2005 überschlugen sich die Preise, wie die Makler von Engel & Völkers berichten: Auf Sylt wurden Immobilien im Wert von 525,6 Millionen Euro verkauft – fast vierzig Prozent mehr als im Jahr davor.

Weil nur noch dort gebaut werden kann, wo abgerissen wird, sind die Kinder von Urkampenern, die studiert haben, in der Großstadt leben und nicht ein Leben lang daheim Zimmer vermieten wollen, sehr versucht, ihr Erbe samt Grundstück an bauwillige Auswärtige zu verkaufen, die auch so eine feine Adresse im Dorf der Millionäre haben möchten. Hoogenkamp. Hobokenweg. Hans-Hansen-Wai. So kommt es, dass heute auf rund 630 Ureinwohner mit Erstwohnsitz rund 1200 mit Zweitwohnsitz kommen. Ein Drittel zu zweien – das ist er, Kampens Goldener Schnitt.

Heftig bejaht Birgit Friese, Kampener Kurdirektorin im siebten Jahr, die Frage, ob denn der reiche Resident überhaupt ein Dorfprogramm wünsche. »Absolut!« Mögen anderswo auf der Insel solche Abende weniger gut besucht sein – »bei uns sind sie ausverkauft«.

Allerdings müssten es Bestsellerautoren sein, in Hamburg und Berlin bekannt, und hier kann man sie treffen: Kurt Biedenkopf, Senta Berger, Daniel Kehlmann, Gudrun Landgrebe, die Teenie-Band Tokio Hotel und, klar, Harry Rowohlt. »Da kommt Berthold Beitz, da kommt Friede Springer, und die kommen auch gern zum Feuerwehrfest.« Doch, das gibt es noch – ein Kampener Dorfleben mit Tanz im Saal und einem unkomplizierten Bier im Stehen.

Ihre schwierigste Zielgruppe, sagt Birgit Friese, sei die zwischen 15 und 30 Jahren, die springe lieber auf den Billigjet nach Ibiza und wolle auf der stillen Elterninsel im Norden nicht mehr gesehen werden. »Die kommen erst wieder, wenn sie etabliert sind und Kinder haben, dann fällt ihnen die eigene Kindheit wieder ein, die Sommer auf Sylt.«

Orte aufzusuchen, die einmal legendär waren, hat etwas Melancholisches. Die Buhne 16 ist so ein Ort. Buhnen sind Wellenbrecher aus Beton und Metall, alle paar hundert Meter ins Meer getrieben den ganzen, langen Weststrand hinauf. Bei Ebbe sieht man ihre kariösen Ruinen. Längst ist diese Art des Dünenschutzes als wenig effektiv erkannt, nun verrotten die Buhnen, an wild gezackte Rücken alter Krokodile erinnernd, die träge im Wasser lauern. Und wirklich, Schilder warnen vor ihnen. Wen eine Welle auf ihre rostigen Zacken wirft, der muss schwere Verletzungen gewärtigen.

Die Buhne 16 war einmal ein Codewort für jung, schön, reich – damals, als Gunter Sachs ein Boy, die Bundesrepublik ein Twen und alles neu und so aufregend einfach war. Jemand stellte eine Bretterbude an den Strand, verkaufte Getränke und schlichteste Speisen, fertig war die Bühne der deutschen Sommerbohème. Wenn etwas jung ist und schön, reichen Sonne, Sand und Kartoffelsalat mit Würstchen. Leichte, selige Inseltage.

Nun will es Abend werden, der Sand unter den nackten Füßen wird angenehm kühl, eben zieht sich die Sonne von der Strandbühne zurück und spielt eine letzte flamboyante Zugabe am Himmel über dem Meer. Sie war nur die Vorgruppe. Gespielt wird heute Abend der Blues.

Blues an Buhne 16 – jetzt etwas »Tannhäuser«, das wär’s!

Viele kennen die Musiker, man kommt seit langem her, manche haben Picknickkörbe mitgebracht, etliche ihre Kinder – das Publikum von Buhne 16 ist heute eines, das seine Jugend hinter sich und längst Kinder hat. Familiär geht es zu im Jahre dreißig plus nach Gunter Sachs. Wie sagte Rolf Seiche, der alle kennt und alles gesehen hat: »Früher gab’s hier keine Restaurants, früher wurde nur gefeiert.«

Ja, das ist sie wohl, die Sylter und irgendwie auch die deutsche Evolution. Früher wurde gefeiert, heute geht man essen. Auch ein alter, gebenedeiter Partyplatz wie die Buhne 16 ist unter die Essengeher gefallen. Das Rauschen des Meeres und das Möwengeschrei sind unterlegt von einem leisen, wohl bekannten Klappern. Besteck an Geschirr. Wo einst ein Kiosk improvisierte, ragt eine massive Holzkonstruktion auf, mit Selbstbedienungsrestaurant, bestuhlter Terrasse, getrennten Toiletten. Nur eines ist gleich geblieben – das Auto bleibt an der Straße stehen, egal ob Golf oder Bugatti, da ist Sylt ganz egalitär, jeder muss den langen, gewundenen Pfad durch die Dünen nehmen, zu Fuß.

»So ist das auf der Insel«, murmelt ein Wanderer mit teurer Uhr am Handgelenk, »man muss sich die Freude erarbeiten.«

Die nimmt jetzt ihren Lauf. Von der Plattform herab träufelt, während die Dämmerung fällt, der Blues auf den Strand. Was war und morgen wird, verschwimmt im gnädigen Dunkel. Umso heller, geradezu geisterhell, leuchtet der kühle Sand. Hell auch die Schar am Meer, das Publikum – wie das Bild eines enigmatischen Malers. Zur Musik sich sacht wiegende Damen in langen Kleidern oder Hosen, teuer, leger, cremeweiß. Herren im Polohemd, Eiskübel balancierend. Kinder, Freunde, Familienszenen, der Blues – der Mensch. Homo Kampen auf seinem Weg durch Raum und Zeit. Nomaden sind wir allzumal. Von Sieg zu Sieg, von Ehe zu Ehe, von Weib zu Weib. Rechnete man ihre Geheimnisse und verglühten Lieben hinzu, wäre die Schar am Strand zehnmal so groß.

Alles steht da, die Füße im kühlen Sand, und lauscht in diese Sommernacht. Offenen Auges traumverloren. Als sei aus dem besinnungslosen Partystrand der frühen Jahre ein spätexistenzialistischer Rastplatz geworden: lauter Wanderer zum Nebelmeer, auf einen schönen Mondaufgang hoffend und auf gute Geschäfte am Morgen danach. Wenn jetzt unerklärlicherweise der Blues weggedimmt würde und Richard Wagners zauberisch Holder Abendstern aus dem Tannhäuser erklänge, würde man meinen, diese Nacht endete nie. Dieses Sylt endete nie.

Es endet doch, gleich hinter Kampen.

Vorbei die Zeiten, in denen der Feriengast verlässlich und dankbar zur Sommerfrische in die vertraute Ferienwohnung zog, um drei oder vier Wochen in Wenningstedt oder Rantum zu verbringen, in Häusern, die »Meereswogen« heißen mochten, »Moin, moin« oder »Kiek mol rin«. Wer sucht, findet die trauten Namen noch immer hinter Zuwegen aus dem Waschbeton der sechziger Jahre: rote Klinkerherbergen, ausgestattet mit denselben Sitzgruppen wie vor 25 Jahren und ausgezeichnet mit den exorbitanten Mietpreisen von heute. Man muss es erlebt haben, wie ein Vermieter solcher Wohnbehältnisse ohne Schamesröte den Zimmerschlüssel zuteilt und dabei schnarrt: »Aber Samstag müssen Sie um 10 Uhr raus sein, spätestens, dann krieg ich die Nächsten!«

Hotelkrieg in Rantum – kein Kurkonzert mehr in Westerland

Auch wenn die Zahl der Autoaufkleber mit dem Umriss der Insel nicht abnehmen will, die große Liebe der Deutschen zu Sylt klingt ab. Heute liegt der Urlauber durchschnittlich nur noch neun Nächte in einem der 65.000 Sylter Fremdenbetten. Er entscheidet sich spontan und nicht aus Gewohnheit, er bucht spät und fährt am Ende sogar, vor zehn Jahren noch undenkbar, lieber in Richtung Ostsee. Ausgerechnet! Weshalb unter den Insulanern diesseits und jenseits von Kampen nun die große Reformdebatte entbrannt ist, die auch auf dem Festland läuft: Wie macht man das altbundesrepublikanische Reservat fit für die Zukunft?

Zum Beispiel, indem man auf seinem Flughafen für mehr Bewegung sorgt. Seit dieser Saison landen auf dem Westerländer Airport die großen Maschinen von Air Berlin und Hapag-Lloyd. Für die beiden Fluglotsen im Tower – »Der Vogel müsste jetzt schon über Fehmarn sein« – noch jedes Mal ein freudiger Moment. Andere dagegen sehen die Angelegenheit weniger freudig. Die Bewohner von Keitum etwa, die freitagabends um halb elf, wenn der letzte Vogel über sie hinwegdonnert, vors Haus treten und Faust oder Stock erbost zum Himmel recken. »Verdammte Dinger!«

Peter Douven ist für den Tourismus in Westerland verantwortlich und für die Flughafen GmbH gleich mit. Der Flughafen gehört den Inselgemeinden, er macht jedes Jahr über eine Million Euro Verlust. Handlungsbedarf ist gegeben, Douven jedenfalls will mehr Fluggäste. Für ihren Transport trieb er in Süddeutschland sogar einen gebrauchten Gelenkbus auf, der Sylt jedoch nach schwerem Motorschaden nur mühsam erreichte. Jetzt steht das blaue Getüm auf dem Flugplatz herum, eine stille Mahnung, dass Douven mit seinem Motto wohl Recht hat: »Wir alle müssen noch schneller am Rad drehen.«

Wenn der 48 Jahre alte Betriebswirt Westerlands Promenade entlangeilt, dann tut er das mit dem unnachsichtigen Blick des Controllers. »Premium-Class« und »Top-Destination« sind Begriffe, die Douven leicht über die Lippen perlen. Darum folgt während der Sommersaison am Strand nun Event auf Event.

Tagsüber bevölkert eine wilde Elite braun gebrannter Surfer und Kiter am »Fun-Beach« fast ohne Pause jene Orte, wo Kurgäste früher nackt und schweigsam der Nordsee entstiegen. Wem da kein Board startbereit unter dem Arm klemmt, wer da nicht kühn an dünner Seide über der Brandung hängt, wer also all diesen »Champions« nur zuguckt, der sehnt sich schnell fort.

Zum Kurkonzert womöglich. Aber das gibt es nicht mehr. Allein das Wort »Kur«, wenn Douven das schon hört. Er hat es nie gemocht. Also hat er es »gelöscht«, wie er sagt, und durch »Wellness« ersetzt. Dann waren die Kurkonzerte an der Reihe. »Musik am Meer« heißt das heute. Nun müssen nur noch die Kurgäste mitmachen.

Sie wippen ein bisschen mit den Fußspitzen mit, wenn in der 150 Jahre alten Konzertmuschel eine Kapelle in expressionistisch gemusterter Künstlergarderobe aufspielt: die Romada Singers. »Buona sera, signorina, buona sera« – in den ersten Reihen regt sich etwas. Und doch bleibt die Stimmung seltsam verhalten. Eine Gruppe von Jugendlichen schlurft zwischen Muschel und Publikum hindurch, mit einer Kiste Astra-Bier und einem Sixpack Holsten für die gute Laune. Einer blickt plötzlich um sich, er sieht dabei aus wie jemand, der sich soeben in der Tür geirrt hat.

Die Romada Singers in der Muschel geht das alles nichts an. Sie singen ihr Ding mit dem Gleichmut des routinierten Autofahrers, der ja auch nicht lacht und macht, nur weil der Motor anspringt und der Wagen fährt.

Musik am Meer, eigentlich tut der Name nichts zur Sache. An diesem Ort nimmt Westerlands Urlauber einfach seine große Pause, und die ist melodiös untermalt. Er braucht diesen Break, denn über kurz oder lang bekommt er es ja wieder mit der Westerländer Friedrichstraße zu tun. Schon der Name macht Füße schwer.

Friedrich am Morgen, Friedrich am Abend und zwischendurch, das machen alle, da geht man auch mal hin. Auf einer Länge von knapp zwei Kilometern brandet die Amüsiermeile durch den Ort, vom Bahnhof aus, am Casino vorbei direkt zum Meer. Ist Gosch erreicht, der gestählte Flaneur weiß Bescheid, ist die Hälfte geschafft. Von nun an sorgen die Klapptische fliegender Händler für kleine Staus.

Hier handgearbeitete Heizkörperbürsten, dort »ein Safti« zum Entkernen oder wofür auch immer, dahinter ein spinnenartiges Metallinstrument zum Kratzen des Urlauberkopfes. »Davon kriegt man eine Gänsehaut…«, verspricht der Verkäufer, »und manchmal auch mehr.« Immer fiebriger werden die Abverkäufe, von Gosch klingt das Geräusch anstoßender Champagnergläser herüber, eine Gruppe von Nordic-Walking-Freunden will auch noch durch. Westerland außer Rand und Band – Kratzen, Bürsten, Entkernen, welche Neigungen auch immer hier befriedigt, womöglich gar erst geweckt werden – man könnte ins Nachdenken kommen.

Deshalb schien vielen in Westerland die Idee einer Seebrücke auch so plausibel. Im Blick auf den harten Wettbewerb im Tourismus verband Douven mit einem solchen Neubau sogar »das Signal eines Leuchtturms«. Auf einer Länge von gut einem Kilometer knapp neben der Konzertmuschel ins Meer geschlagen, mit Restaurants und Ladenzeile zehn Meter über der Nordsee – eine Friedrichstraße mit anderen Mitteln. Die großen Schiffe hätten hier festmachen, Westerland hätte mit Rügen und Usedom gleichziehen können.

Die Debatten im Gemeinderat waren zäh. »Unrealistisches Hirngespinst«, meinten die einen, und auch die Händler der real existierenden Friedrichstraße waren schwer dagegen. Anders dachte Insel-Reeder Sven Paulsen, der bereit war, 30 Millionen Euro in die Hand zu nehmen. Nun kann Paulsen das Geld sparen, das Projekt ist beerdigt. Hundert Gemeindevertreter gebe es auf der Insel, meint der Reeder ernüchtert.

»Mehr Demokratie geht nicht.«

Wo verstecken sich die Bewahrer, wo zeigen sich die Reformer? Nicht immer sind die Frontlinien so klar zu erkennen wie im Fall von Helge Jansen. Jansen ist Sozialpädagoge und seit 1990 Bürgermeister von Rantum. Viele Jahre versah er unauffällig seinen Dienst. Als Chef der Feuerwehr machte er ebenfalls nicht weiter von sich reden, rund zehn Einsätze im Jahr, zuletzt streute er direkt vor dem Spritzenhaus eine Ölspur ab. Das ist nun anders, der Bürgermeister spürt die Bürde seines Amtes, mit der Idylle ist es jäh vorbei.

Sein Fitness-Plan für Rantum ist der Bau eines »Dorfhotels«, was eher niedlich klingt. Gebaut wird jedoch ein Haus mit mindestens 300 Betten, betreiben soll es die hannoverische TUI. Seitdem die Pläne bekannt sind, herrscht Krieg unter den gut 500 Rantumern, jedenfalls schlagen die Wogen deutlich höher als beim Sturm Anatol, der im Dezember 1999 über Rantum hinwegfegte.

Die Gegner des Dorfhotels nennen es ein »Verbrechen«, sprechen von Korruption, vermuten Vorteilsnahme. Allen voran Thomas Nissen, Spross der ältesten Rantumer Familie, der heute am Ort den Sparmarkt betreibt. In Kampfbroschüren fordert er den Widerstand der Bürger. Hauptsorge: »Sie machen uns privaten Vermietern Konkurrenz!!!«

Im Mai war es schließlich so weit, Nissen rannte in Jansens Büro und schrie: »Wann trittst du endlich zurück?« Der Bürgermeister aber denkt nicht dran. An ihm prallt alles ab. Der Westerländer Getränkehändler Ipsen habe zwar vorgeschlagen, »mich von der Insel zu jagen«, berichtet Jansen, sei’s drum. Mit einem Brief im März hat Jansen seinen Rückzug aus der dörflichen Skatrunde mitgeteilt – »Das Geld der Skatkasse werde ich auf dein Konto überweisen« –, im Übrigen hält er Kurs.

Einen Dämonen stellt man sich irgendwie anders vor. Wallendes graues Haare, wohlbeleibt, an den Füßen Gesundheitsschuhe, einer wie Jansen geht eher als Leiter eines Kurorchesters durch denn als Speerspitze in einem Gemeindekrieg. Sein Büro hat der Bürgermeister im ersten Stock eines ehemaligen Kasernengebäudes eingerichtet, Kommandounterkünfte aus der Zeit vor 1945, von denen Rantum noch viel zu viele hat.

Hielt Jansen früher den Kopf aus dem Fenster, dann sah er jahrelang vor allem nur diese Kasernen. Kann schon sein, dass man irgendwann genug hat von solchen Gemäuern. Blickt der Bürgermeister jetzt hinaus, dann streifen seine Augen über eine Batterie von sechs Baukränen, die das Dorfhotel in den Rantumer Himmel ziehen. Stimmen damit die Proportionen noch?

Eine Erbin erbarmt sich des unterentwickelten Südens

Als Sozialpädagoge ist Jansen geschult, manches notfalls dreimal zu erklären. Doch das reicht dieser Tage in Rantum nicht aus. Also beschwört er noch einmal die Fakten, den gefährlichen Sog, den die steigenden Immobilienpreise erzeugt haben. 1950 gab es für den Quadratmeter Rantum 35 Pfennige, heute wird in bester Lage ein Preis von 1000 Euro gezahlt. Also verkaufen die Einheimischen, was sie haben, und immer mehr Zweitwohnsitze für wohlhabende Hamburger und Düsseldorfer entstehen. »Rantum wird Bevölkerungsmasse entzogen«, sagt der Bürgermeister besorgt. Also will er etwas tun.

Sylts grummelnder Süden. Wer Rantum hinter sich lässt und auf der Hauptstraße weiterfährt, den letzten Posten gastronomischer Zivilisation passiert, den Parkplatz der Sansibar, Herbert Seklers tagsüber familiär, abends prominenter besetzter Skihütte am Meer, der fährt noch immer in ein Nirgendwo. Kasernen, Schullandheime, Kasernen – wäre die Erde eine Scheibe, wäre hier vermutlich ihr Rand.

Dann kommt Hörnum.

Ausgerechnet hier ist die fremde Frau auf die große Düne von Budersand gestiegen und hat sich die Landschaft ohne die grauen Gebäude des ehemaligen Fliegerhorstes vorgestellt. »Es war ein spontaner Entschluss.« Der gebar einen Zaun, schwarze Planen verhindern seitdem den Blick auf die größte Baustelle von Sylt. Rund 30 Millionen Euro lässt es sich Claudia Ebert kosten, in der wohl unwirtlichsten Gegend der Insel einen Golfplatz zu bauen und nebenan ein Hotel. Wer tut sich so etwas an?

Es ist das Phänomen der Erwachsenen, die sich irgendwann ihrer Sylter Kindertage erinnern. Auch sie ist als Kind mit den Eltern auf die Insel gefahren, dem Vater gehörte das Wella-Kosmetik-Imperium, mittlerweile ist es verkauft und die Tochter noch immer ein Fan von Sylt. Also werden in Hörnum knapp 80 Hektar Land auf links gedreht. Mit schwerem Gerät werden Kasernenmauern geschreddert, alte Öltanks entsorgt, dann kommen die Leute vom Kampfmittelräumdienst und kümmern sich anhand alter Karten um verdächtiges Metall.

Einen roten Teppich hat man ihr noch nicht ausgerollt, Hörnum wartet ab mit der Bezeugung größerer Zuneigung. Immerhin, bei ihrem ersten Besuch im Gogärtchen neulich wurde ihr der Wirt vorgestellt. Als Rolf Seiche hörte, wen er vor sich hatte, machte er erst mal eine tiefe Verbeugung: »Also, wenn Sie mal Schwierigkeiten haben, ich kenne hier ein paar Leute…«

Dieser Sommer in Kampen. Am letzten Freitag im Juli zeigte das Thermometer noch einmal 33 Grad. Ein Wüstenwind wehte die Whiskymeile herunter, umkreiste das Restaurant Rauchfang, ließ die weißen Sonnenschirme bedenklich flattern. Gott sei Dank war der metallic-dunkle Maybach geschützt seitlich hinter dem Haus geparkt, so bekam das gute Stück wenig ab von dem Wind, den Blättern und dem Staub.

Der erste Maybach!

So etwas wie ein Bote für ein besonderes Wochenende, eines, von dem auch Kampen nicht genug kriegen kann. Von allen heißen Wochenenden gilt dieses als das heißeste, als der wahre Hot Spot dieses Sommers:

Die MS Europa kommt!

Mangels Hafen dampft das Kreuzfahrtschiff nicht direkt durch bis nach Kampen, notgedrungen wirft es oben im Norden vor der entfesselten Fischbudenkulisse von List seinen Anker. Das war schon mal anders geplant. Vor drei Jahren machte der Dampfer in Höhe der Sansibar Halt, was irgendwie viel besser kam. Bei jener Visite wollte man die Gäste der Dünentränke an Bord holen und im Tausch die Passagiere der Europa in Sansibar-Strandkörbe setzen. Dann spielte das Wetter nicht mit. Wind, immer mehr Wind, jeder blieb, wo er war, der Abend geriet zu einer Enttäuschung. Deshalb nun List, an der Grenze zum Watt, wo es ruhiger ist. Nun ja.

Es zählt die Lage, das gilt sogar für den Friedhof mit Seeblick

»Europa meets Sansibar!« So heißt das Motto noch immer. »Fünf Sterne plus« haben Kritiker diesem Schiff gegeben, eine Begegnung auf Augenhöhe also, aber Sylt macht gerne den Diener. Statt eines roten Teppichs hat man mit Hilfe des Hauses Porsche eine Flotte schwarzer Geländewagen der Marke Cayenne S nach List geschickt, mit »S-WM« auf den Nummernschildern. »Ja, wir kommen direkt von der Fußballweltmeisterschaft in Berlin«, raunt einer der Fahrer einer interessierten Kleingruppe aus Bochum zu, die schwarz-rot-goldene T-Shirts spazieren tragen. »Lieber Dritter als Petze« steht darauf. Bochum muss lachen und Porsche auch.

Alles will jetzt nach List, die Kampener und all die anderen auch. So endlos lang ist der Treck nach Norden, dass die Sorge begründet scheint, in dieser Nacht könnte die ganze Insel Schlagseite kriegen und kopfüber in die Nordsee kippen. Wohin man schaut, Tausende von Menschen mit Brötchen, Aal, Makrelen, Matjes, auf der Mole und neben der Mole. Ein einzig glückliches Kauen – in das sich erst leise und dann immer lauter das Geheul von Sirenen mischt. »Was meinst du, Heinz, ist was mit der Europa?«

Blaulicht, Löschfahrzeuge, Männer mit Schutzhelmen und ernsten Gesichtern. »Herrschaften, machen Sie doch bitte Platz!« Schwerfällig rangieren die Feuerwehrwagen durch die Menge, vor und zurück, die Minuten vergehen, die rußigen Schwaden von Dieselmotoren umwabern die Tische von Gosch.

Dann springt der Truppführer aus dem Führerhaus und gibt das Kommando: »Reicht mir mal ’nen Messbecher rüber!« An einem Steg treiben ein paar Fische kieloben im brackig-öligen Hafenwasser, das ist beileibe kein Spaß. Aber auch noch nicht die Apokalypse. Man wird auf der Stelle Proben nehmen müssen, also her mit dem Köfferchen und den Reagenzgläsern.

Fotoapparate kommen zurück in die Taschen. Wie es aussieht, hat Sylt noch einmal Glück gehabt. Am nächsten Morgen lichtet die Europa den Anker, Kurs Kopenhagen. In Keitum hat das Poloturnier begonnen. Kampen fährt hin.

Auf dem Weg ans Watt liegt auch das Gotteshaus von St. Severin. Pfarrer Traugott Giesen hat im Laufe der Zeit so manchen dazu gebracht, hier einen eigentlich unplanmäßigen Stopp einzulegen. Eine Pause zu machen, sei es auf dem Weg zu einem Golfturnier oder an ein Krankenbett. »St. Severin ist warm gebetet«, hat Giesen oft gesagt. Vor gut einem Jahr hat er sich in die Rente zurückgezogen, aber eine Art letzte Instanz der Insel ist er geblieben.

Den Schlüssel zur Sakristei trägt der hünenhafte Mann noch immer in der Tasche. Bei all der Zuneigung, die er erfahren habe, sagt er, habe er sich manchmal richtig mühen müssen, »klein zu bleiben«. Er kann nur jedem empfehlen, dies für sich auch zu tun.

Dann geht Giesen den schmalen, sandigen Weg voraus zum Friedhof hinter der Kirche. »Einer der wenigen mit Blick auf das Meer«. Ja, die Lage – sie ist das A und O einer guten Immobilie. Sylt ist eine einzige Lage. Hier hat sogar ein Friedhof, haben sogar hingegangene Seelen eine Lage mit Seeblick. Mancher, sagt Giesen, lasse sich ihretwegen einen Platz reservieren, »für später«.

Fünfzig Euro kostet ein Platz auf diesem Gottesacker, das sind 1250 Euro für 25 posthume Jahre auf Sylt. »Im Vergleich gar nicht so teuer«, sagt der Pastor.

Hat er sich selber bereits umgesehen?

Also, Keitum könnte ihm gefallen.

»Wenn es sich ergibt.«

 
Leser-Kommentare
  1. Zusatz: Ohne Bunte ist es eben "nur" eine Nordseeinsel.

  2. wie wohl jeder auch andere mit persönlichen Erfahrungen mit der Insel vermisse ich einige Dinge aus meiner Perspektive. Schade finde ich, dass Sie nichts über den kürzlich erfolgten Abriss des Dünenhäuschens (in den Dünen am Watt Richtung List, direkt nach der Abzweigung nach Klappholttal) schreiben.
    Das hätte zwar einerseits nicht unbedingt in ihre Perspektive auf Sylt als Insel der Reichen und Schönen gepasst, wäre aber zum Einen als Kontrastpunkt (auch "normale" Menschen lieben Sylt) schön gewesen und gehört zum Anderen meiner Meinung nach zwingend in den Artikel, weil inhaltlich Beziehungen zum geplanten Bau des TUI-Luxus-Hotels in Rantum bestehen. Mich würde wundern, wenn Ihnen bei Ihren Recherchen der ambivalente Umgang der unteren Baubehörde mit dem Naturschutz nicht aufgefallen sein sollte, da der Vorgang in der Bevölkerung ein breites Echo fand. Das Luxushotel im Naturschutzgebiet wird genehmigt, während ein historisches (seit der NS-Zeit bestehendes) Dünenhäuschen abgerissen wird - wobei die durch den Abriss entstandenen Umweltbelastungen (Bagger auf der Düne) mit Sicherheit weitaus größer sind, als sie es bei einem Fortbestand des Gebäudes gewesen wären. Hier war eben kein Großkapital beteiligt. Wietere Informationen unter www.duenengeist.net

    Gruß
    maxchaw

  3. Ein toller Artikel. Ein schöner Streifzug über die Insel.

  4. sollte es an der Nordseekueste schon geben. Wir haben als Kinder in den 40-Jahren jeden Sommer dort Ferien ( das hiess nicht Urlaub ) gemacht, sind aber dann wegen des staendig groesser werdenden Lach -und Schiess-Ambientes, vor allem aber, weil uns die Metalitaet der sog. Sommergaeste nicht mehr gefiel ( nur noch Geld, Akohol und Sex ), spaeter nach Amrum gegangen.

    Empfehle der Sylter Stadverwaltung oder wie das heisst, sofort alle Preise, Taxen, Gebuehren, Steuern, Abgaben
    zu verzehnfachen. Die Leute bezahlen das. Der Reibach muss gemacht werden bevor Sylt, wie auch alle anderen Inseln und Halligen, in einer der naechsten Monstersturmfluten bedingt durch Erderwaermung und Steigen des Pegels der Ozeane, fuer immer verschwindet.

  5. Toll geschrieben, auch humorvoll. Aber mein Sylt haben Sie nur kurz gestreift. Es ist das Sylt meiner Kinder und das Sylt des Meeres. Es ist der Ort, wo ich als erstes den Strandkorb so drehe, dass die Zeitung nicht flattert und wo ich ungestört ein paar Tränen über die Worte von David Grossmann an Uri weinen darf, die der Wind gleich trocknet. Und wenn die Zeitung gelesen ist, wird der Strandkorb zum Meer gedreht, diesem immerwährenden Zauberspiel aus Wellen- und Wolkenbergen, während die Kinder mit anderen ihre Landschaften in den Sand bauen und ihre Urlaubsfreundschaften jedes Jahr erneuern. Und zwischendurch stürzen sie sich in die Wellen, und man wundert sich, wie lange sie die Kälte aushalten. Mein Sylt ist auch bei Starkwind bei Wonnemeier unter der wetterfesten Markise sitzen und Papas arrugadas con mojo oder einen ganzen Fisch teilen, während unten die Brandung tost oder bei Kalle Nissen im Seepferdchen den Sonnenuntergang bei einem guten Essen genießen. Mein Sylt ist auch erschwinglich. Es kann teuer und exzellent sein oder erschwinglich und genauso phantastisch. Es ist nicht still, aber die Schwingung machen der Wind und die Wellen. Und das schönste an Kampen und an der Gegend zwischen Wenningstedt und Kampen ist das Dünengras, ein eigenes wogendes Meer. Ja und das ist, warum die Kinder später wiederkommen, wegen dieser unbeschwerten kreativen Bauerei im Sand und wegen des unvergleichlich schönen Naturschauspiels, was einen, in der Tat manchmal still werden lässt. Und ehrlich gesagt, die meisten von uns sind nicht mehr nackt. Nur die älteren sind nackt und schämeten sich nicht. Abends graben die Eltern die tiefsten Löcher zu, damit kein Altachtundsechziger nackt hineinfällt und einen verklagt.

  6. Diese Syltstory erinnert an Hildesheimers komisch-makabre Novelle von der versinkenden Insel, auf der eine Gesellschaft in grosser Abendtoilette atemlos einem Kammerkonzert lauscht, ohne zu bemerken, dass ihnen das Wasser bereits bis an die Knie gestiegen ist. Der Untergang des Abendlandes bedarf keiner besseren Illustration.

  7. Recht haben Sie, Maxshaw. Wenn man die Insel kennt, findet man den Artikel amüsant, z.B. die Pssage über "Pastor" Seiche und seine Schäfchen. Und natürlich ist auch die Passage über Kliffende interessant. Dass aber Sylt mit so einem Artikel kein Gefallen getan wird, ist völlig klar. In etwa sieht das so aus: Reiche und Massentourismus im Zwist. In Wirklichkeit ist in der Mitte Platz für jeden. Durch die vielen Spitzenrestaurants haben die kleineren nachgezogen in der Qualität. Gut, es ist alles etwas teurer als zu Hause, aber eins ist sicher: es ist billiger als in Dänemark, in der Schweiz und in Frankreich. Ein gutes Hotel in England oder den USA erwähne ich lieber gar nicht.
    Dieser Artikel ist somit nur sinnvoll für Leute, die Sylt schon kennen. Andere fahren wahrscheinlich verschreckt nach Amrum oder Norderney (auch sehr schön).
    Das andere Extrem ist, wie eine Sylter Politikerin kürzlich Rügen schlecht geredet hat. Sylt und Rügen lassen sich nicht vergleichen, denn Rügen ist bekanntlich eine Ostseeinsel, und zwar eine sehr schöne.

  8. 8. Rantum

    Der Text ist nicht schlecht, nur schade, dass wenige so schlau sind und begreifen, was Helge Jansen für ein falsches Spiel treibt. Der wartet bis seine Amtszeit zu Ende ist und dann zieht er wieder nach Glücksburg und nimmt sein verdientes Geld (TUI)mit. Komisch, dass die Gemeidevertreter ihn nicht durchschauen.

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