Entführung Wer bietet mehr?

Reporter schachern um ein Interview mit Natascha Kampusch. Kann sich die ehemalige Geisel gegen die Paparazzi wehren?

Das Schulkind war keine zehn Jahre alt, als es in einen Wagen gezerrt und in ein Versteck in einem unscheinbaren Einfamilienhaus verschleppt worden war. Fast ein Jahrzehnt lang wurde es dort von einem gewalttätigen Einzelgänger gefangen gehalten. Die meiste Zeit fesselte er sein Opfer an ein Bett. Widersetzte es sich seinen Anordnungen, wurde es misshandelt.

Erst einer Routinekontrolle der Polizei in dem japanischen Städtchen Kashiwazaki verdankte die mittlerweile 18-jährige Fusako ihre Freiheit und die Rückkehr zu ihren Eltern.

Der Fall ereignete sich im Jahr 2000. Doch bis heute existiert kein Foto, das die gerettete Frau nach ihrer Befreiung zeigt. Wie auch bei Natascha Kampusch berichtete das Fernsehen live von dem »Horrorhaus«. Doch gleichzeitig wahrten die nicht immer zimperlichen japanischen Boulevardmedien respektvolle Distanz zu dem Opfer, bedrängten weder die Gerettete noch ihre Eltern, ihre Gefühle zu enthüllen. Erst zwei Jahre nach der Befreiung erzählte der Vater in einem knappen Brief von dem mühsamen Weg seiner Tochter zurück in den Alltag. Als sich vor über einem Jahr Reporter des Magazins Shukan Shincho bei Nachbarn nach dem Befinden der Frau erkundigten – die Eltern verweigern weiterhin jede Auskunft –, nannten sie in ihrem Bericht nur ein Pseudonym. Nach ihrem Trauma blieb es der Entführten erspart, dem Hunger der Medien zum Opfer zu fallen.

Strasshof, zwei Tage nachdem Natascha Kampusch aus dem Verlies in der Heinestraße 60 fliehen konnte: Seit Stunden stehen sich die Reporterteams vor dem Haus die Füße in den Bauch, während die Spurensicherung in weißen Overalls durch den Garten huscht. Hungrig nach jedem Detail. »Bitte, Herr Inspektor! Nur einen Buchtitel!« Die Reporterin will wenigstens wissen, was die Gefangene gelesen hat. Vergeblich setzt sie ihren Charme ein: »I derf net, gnä’ Frau.«

Briten bieten am meisten, Österreicher schließen Allianzen

Die Hundertschaften der Berichterstatter wollen alles rund um den Fall wissen. Sie erkundigten sich sogar in der Gerichtsmedizin danach, in wie viele Teile der Entführer Wolfgang Priklopil gerissen worden sei, nachdem er sich vor einen Zug geworfen hatte. Täglich wächst der Druck der Medienindustrie. »Es ist sehr brutal«, sagt Dietmar Ecker, der seit Beginn der Woche als Medienberater das Betreuerteam, das die Jugendanwaltschaft gebildet hat, verstärkt. Mittlerweile machen etwa hundert ausländische Polizeireporter, viele davon hart gesottene Routiniers, ihren österreichischen Kollegen Konkurrenz. Der Hauptpreis: ein erstes Interview oder Foto des Opfers, das abgeschottet wird und um Ruhe bittet. 90 Prozent der Österreicher, will eine Meinungsumfrage wissen, warten darauf begierig. Das ist die Zeit des Scheckbuch-Journalismus, und die Summen, die am Basar kursieren, klettern immer höher. Vergangene Woche schon habe eine ZDF-Talkshow 30000 Euro geboten, RTL daraufhin mit einem 50000 Euro-Gebot gekontert. In der Redaktion von Österreich, der neuen Tageszeitung aus dem Hause Fellner, wird erzählt, der Scoop für den Erstverkaufstag am 1. September sei dem Blatt an die 100000 Euro plus einer Eigentumswohnung für Natascha wert gewesen. Fellner dementiert das. Auch ein zukünftiger Job in dem neuen Medienhaus habe zur Diskussion gestanden. Konkurrent News will hingegen lediglich an einen Unterstützungsfonds gedacht haben. Das bislang höchstes Gebot kam vom britischen Boulevard: 150000 Euro Cash. Nun wollen Österreich und Krone ihre Ressourcen bündeln, um die Eindringlinge abzuwehren.

Anfangs hatte sich die umstrittene Zunft der Medienvermittler vor allem an die Eltern des Opfers herangepirscht. Sie sollten den Weg ebnen. Ein einschlägig bekannter Geselle tauchte regelmäßig im Schlepptau von Vater Ludwig Koch auf. Einmal konnten die Betreuer gerade noch verhindern, dass der Vater ein Foto seiner Tochter knipste, um es »der Verwandtschaft« zu zeigen. Ein anderes Mal wartete der Begleiter bereits an der Schwelle zur Tür, hinter der Natascha saß. Doch die junge Frau wollte niemanden sehen. Aus der Paketlösung inklusive der Buchrechte für den potenziellen Bestseller (gegenwärtiger Handelswert: 200000 Euro) wurde vorerst nichts. Nach wie vor umkreisen aber die hartnäckigsten Hyänen der Branche ihre Beute.

Nach dem chaotischen Medienmanagement der ersten Tage ist es dem Betreuerteam vorläufig gelungen, den Druck der Reporter auf das Opfer ein wenig zu lindern. Die Eltern klagten bereits darüber, dass sie nicht mehr über ungehinderten Zugang zu ihrem Kind verfügten. Und der Brief, in dem Natascha um Verständnis für ihr Schweigen bittet, hat bei den Verantwortlichen der österreichischen Boulevardmedien den Verdacht genährt, dass allzu aggressive Reportermethoden vermutlich bei der eigenen Leserschaft nicht gut ankämen. Auch die sechsstellige Summe, die Medienanwälte als Strafe bei Abdruck eines nicht autorisierten Paparazzi-Fotos in den Raum stellen, dämpft den Drang nach exklusivem Bildmaterial.

Die vorläufige Schonzeit in der Infojagd will das Betreuerteam jetzt nutzen, eine Medienstrategie zu entwickeln, die den Bedürfnissen aller Beteiligten gerecht wird. Gedacht ist an einen kontrollierten Informationsaustausch, bei dem einem Pool von Berichterstattern ein Gespräch mit Kampusch ermöglicht wird. Es sollen Zwischenhändler ausgeschaltet und eine weitere Bieterschlacht verhindert werden. Erträge aus Verwertungsrechten sollen einem Zukunftsfonds der Betroffenen zugute kommen. Stimmt sie dem Plan und dem vorgeschlagenen Mix aus in- und ausländischen Medien zu, könnte die Öffentlichkeit bereits in ein bis zwei Wochen ihre Neugierde stillen. Auch der ORF könnte so doch noch die Gelegenheit zu einem Interview erhalten, obwohl der Sender zuletzt wegen seiner ersten Thema- Sondersendung heftig kritisiert wurde, in der eine interviewte Polizistin naiv über eventuellen sexuellen Missbrauch spekulierte. Für Medienanwalt Michael Rami, der auch den Finanzminister vertritt, eine »krasse Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereiches«. Ähnlich empfand es auch Frau Kampusch, als sie davon erfuhr.

Zu dem Zeitpunkt, zu dem ihre japanische Schicksalsgefährtin entkommen konnte, war Kampusch bereits seit zwei Jahren gefangen. Während sie nun mit der Neugierde der Reporter kämpft, erholt sich die nun 26-jährige Fusako abseits der Medien noch immer von den Schrecken, die hinter ihr liegen. Sie pflanzt Reis, fotografiert und sucht die Einsamkeit.

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Leser-Kommentare
  1. Angeblich hatte Frl.Kampusch doch ein 'zaertliches'Verhaeltnis mit ihrem Entfuehrer,sie trauert auch um ihn ...da kann doch Leid keine Rede sein.
    Allerdings ist es mir ziemlich egal welches Presse-Organ den hoechsten Zuschlag bekommt-Ich lese den Unsinn nicht.
    Man sollte der jungen Frau eher Zeit geben die ganze Sache zu bewaeltigen anstatt noch mehr Schlagzeilen davon machen.

  2. 2. \N

    @rijukan

    Wäre der Mensch ein Engel, bräuchten wir keine Gesetze. Große Teile des StGB befassen sich Strafandrohungen für "zutiefst menschlichen Verhalten", das der Mensch evolutionär herausgebildet hat (oder wenn man Haare spalten will: seine Primatenvorfahren). Weder geht die Gleichung "ererbtes Sozialverhalten = gut" auf, noch leben wir heutzutage in einer Welt, wo uns die evolutionär mitgegebenen Regeln für Sozialverhalten viel nützen.

    Wir können lange philosophische Diskussionen darüber halten, inwieweit der Staat erwachsene Menschen vor sich selbst schützen soll, da sind wir vielleicht gar nicht so weit von einander entfernt (siehe mein Raucherbeispiel). Ich gebe nur ein paar Punkte zu bedenken

    1. Von Freiwilligkeit kann bei solchen Vorfällen selten die Rede sein. Die Alternative ist doch meistens: Wir maches es mit dir gegen Geld, oder halt ohne dich.

    2. Frau Kampusch ist 18 Jahre alt. Wäre sie ein Jahr früher entkommen, hätte sie solche Medienverträge vermutlich (ein Jurist möge mich aufklären) gar nicht eigenständig abschliessen dürfen. Sie sag mag nun nach den Buchstaben des Gesetzes volljährig sein, ob sie aber die entsprechende Reife besitzt, wage ich angesichts ihrer Lebensgeschichte zu bezweifeln.

    3. Wenn ich meine Intimdetails "freiwillig" verkaufen darf, wieso nicht eine Niere? Die Probleme (wie freiwillig ist freiwillig, und weiß der Mensch wirklich, was er da tut) sind doch wohl die gleichen. Nur dass man mit einer Niere tatsächlich einem Menschen helfen kann.

  3. manchmal geht mir etwas nahe, obwohl ich kein TV habe und mich normalerweise nicht für klatschanfällig halte. diese natascha-geschichte berührt etwas tiefes in mir, die ich gerne zurückgezogen lebe. der gewaltige wechsel von frau kampuschs verlassenheit im verliess und jetzt die herausgeworfenheit in die welt. 8 jahre verborgen, wenn ich mir nur schon vorstelle, sie hat die ganze zeit keine frau gesehen/gesprochen ... jetzt wird sie zu einer art vorbildfrau, die die nerven behalten hat um schliesslich zu obsiegen (er hat sich mit der falschen angelegt)
    viel mitgefühl habe ich auch mit den eltern, welche unmenschliches erlitten haben.
    grundsätzlich würde ich raten, die medien-öffentlichkeit weitestgehend zu meiden. mit jeder aussage entsteht ein neues bild, welchem die betreffenden dann nachzuleben haben. welche hölle. kaum zu erfassen, welche gefangenheit die grössere ist, die isolierte oder die externe.

  4. keine falsche Empörung.

    Wir lesen diese Artikel. Die ZEIT berichtet genauso ausführlich über die Bedingungen der Entführung, wenn auch mit dem Anschein ehrlichen Entsetzens.

    Deshalb sind wir nicht besser als die Leser der bunten Blätter. Vielleicht nur gebildet genug, um unsere Neugier besser verstecken zu können.

    Woher weiss die ZEIT den Namen der Japanerin? Und, falls es ein Pseudonym ist, wieso ist das nicht vermerkt?

  5. "Vergangene Woche schon habe eine ZDF-Talkshow 30000 Euro geboten..."

    Es ist schon interessant, erhellend und zugleich erschütternd, wohin teilweise die von der GEZ erhobenen Gelder zu fließen scheinen...

  6. Der Staat fühlt sich z.B. befugt, privaten Restaurantbetreibern vorzuschreiben, ihren freiwillig versammelten, erwachsenen Gästen das Rauchen zu verbieten. Da verstehe ich nicht, warum es mit unseren Freiheitsrechten nicht vereinbar sein soll, solchen Boulevardjournalismus Grenzen zu setzen. Es geht hier nicht um Massenentlassungen bei BMW, den nächsten Nahostkrieg oder eine Korruptionsaffaire im Kanzleramt. Kurzum, es besteht kein berechtigtes Interesse der Öffentlichkeit an dem Fall, nur den ekelhaften Voyeurismus von dir und mir.

  7. Was geht es uns an, ob und wie das Mädchen gequält wurde? Was geht es uns an, in wieviele Teile es den Täter bei seinem Sprung vor den Zug zerlegt hat? Was bitte haben wir davon, wenn wir solche Dinge lesen?

    Es werden Unsummen geboten, weil Unsummen verdient werden können. Die Leute lesen es, die Auflage steigt, es werden mehr Anzeigen verkauft. Muss man eigentlich keinem erklären. Wo ein Markt, da Verkäufliches.

    Wenn ihm mehr Geld geboten wird, als er je selbst zurücklegen könnte, da kann sich wohl auch ein Vater einreden, ein "Foto für die Verwandschaft" sei doch wohl nichts Schlimmes. Für die fünfzehn berühmten Minuten kann auch eine Polizistin verdrängen, wem sie verpflichtet ist und da geben mediengeile Psychiater Statements zu einem Fall ab, zu dem sie das Opfer weder gesehen noch befragt haben und den sie so in ihrer Praxis noch nicht erlebt haben dürften.

    Und darüber wird ausführlich geschrieben werden: wie die Medien Natascha Kampusch zum zweiten Mal zum Opfer machten.

  8. Eine Frage drängt sich allmählich auf: Sind die kolportierten Preise für die Veröffentlichung das Zeugnis einer perversen Öffentlichkeit oder der Beleg für die Geschäftstüchtigkeit der Anbieter?

    Mal so gesagt: Welcher Vater würde nach solch einem Entführungsfall zunächst durch alle greifbaren Talkshows tingeln? Und dies ist nur eine Merkwürdigkeit von vielen.

    korfstroem

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