Kein Thema will zünden. Die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus am 17. September gilt schon als gelaufen, und niemand fährt der SPD/PDS-Koalition richtig in die Parade. Wo die Stadt genau steht nach viereinhalb Jahren Rot-Rot, bewegt die Berliner anscheinend wenig. Sie verharren im Wahlkampf in einer seltsamen Zufriedenheitsstarre. Bürgermeister Wowereit schiebt den müden Berliner Bären, sein CDU-Herausforderer Pflüger wird ihn kaum dabei stören können BILD

Ein realistischer Blick ist auch schwierig auf dieses Konglomerat aus Parallelgesellschaften, aus Szenen und Soziotopen. Das Berlin der Bundespolitik hat mit dem Berlin der Stadtregierung oder der Bezirke nichts zu tun, das muslimische nichts mit dem Berlin der Laubenkolonien, die Latte-Macchiato-Bar nichts mit der Verzweiflungskneipe an der Ecke. Viele Städte sind in dieser Stadt. Kein politischer Kopf steht heute für das Ganze, keinem aus der Berliner Politik wird das noch zugetraut, folglich repräsentiert auch niemand das Gemeinwohl und das Selbstbewusstsein Berlins.

Arm, aber sexy? Mit 60 Milliarden Euro steht die Stadt in der Kreide

Wahr ist, dass 41 Prozent der Berliner von staatlichen Transferleistungen leben. 290000 Arbeitslose gibt es, das sind zehn Prozent der Bevölkerung, dazu kommen 35000 Ein-Euro- und 60000 Billig-Jobber – wir sprechen von der Hauptstadt des Prekariats. Von 400000 Industriearbeitsplätzen nach der Wende sind kaum 100000 übrig geblieben, das meiste an Dienstleistung gruppiert sich immer noch um diesen Kern – und nicht um irgendwelche »Kreativindustrien«. Eine ernsthafte Industrieansiedlungspolitik gibt es nicht. Die Investitionsquote ist niedrig. Die Beschwerden von Industrie und Gewerbe über Bürokratie, Hochmut der Behörden und den Filz in den Bezirken sind notorisch.

Und die vom Senat bereits ausgerufene Zukunft? Es gibt das erfolgreiche High-Tech-Labor Adlershof, von Land und Bund mit einer Milliarde Euro gefördert, aber sozialabgabenpflichtige Jobs entstehen dort nicht zu Tausenden. Berlin als »Gesundheitsstadt«? Die Quote der wissensbasierten Arbeitsplätze liegt bei 5,9 Prozent – in Köln sind es 10,3 und in München sogar 13 Prozent. Die wahrhaft reichhaltige Wissenschaftslandschaft, das eigentliche Potenzial Berlins, wird durch Sparvorgaben ausgetrocknet. Die Qualität der staatlichen Schulen gilt trotz Dauerreform immer noch als dürftig, obwohl in Berlin ein Hauptschullehrer neun Kinder betreut. Im Bundesdurchschnitt sind es vierzehn. Da ist noch viel Überversorgung bei bescheidenen Ergebnissen.

All das verringert Berlins Chancen. Wenn der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit die Stadt als »arm, aber sexy« bezeichnet, trifft er damit zwar das Selbstbild vieler Berliner, aber im Grunde ist eine solche Aussage ein Skandal: Die Untätigkeit der politischen Klasse wird als Wille der Bevölkerung ausgegeben. Mit 60 Milliarden Euro steht Berlin in der Kreide, den größten Teil davon häufte nach der Wende eine Große Koalition an. Niemals wird die Stadt diese Schulden zurückzahlen können.

Unter all den Luftgeistern, die Berlin schönreden und dann wieder die alte Resignationshymne anstimmen, ist Thilo Sarrazin der Herr der schwereren Elemente. Genauer gesagt, der öffentlichen Gelder – also des eigentlichen Brennstoffes dieser Metropole seit vielen Jahrzehnten. Der Finanzsenator führt Berlin seit Januar 2002 an der Kandare eines harten Sparkurses. Indem er damit den Berliner Politikstil änderte, löste er in der Stadt eine unwillkommene Kulturrevolution aus. Der zwölfköpfigen Hydra des öffentlichen Dienstes, für viele das eigentliche Machtzentrum Berlins, brachte Sarrazin böse Wunden bei.