Berlin Puh, denkt der Bär
Keine Arbeit, kein Geld, kein Bürgertum: In der Haupstadt bewegt sich wenig. Doch die Berliner, die in zwei Wochen ein neues Parlament wählen, stört das nicht
Kein Thema will zünden. Die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus am 17. September gilt schon als gelaufen, und niemand fährt der SPD/PDS-Koalition richtig in die Parade. Wo die Stadt genau steht nach viereinhalb Jahren Rot-Rot, bewegt die Berliner anscheinend wenig. Sie verharren im Wahlkampf in einer seltsamen Zufriedenheitsstarre.
Ein realistischer Blick ist auch schwierig auf dieses Konglomerat aus Parallelgesellschaften, aus Szenen und Soziotopen. Das Berlin der Bundespolitik hat mit dem Berlin der Stadtregierung oder der Bezirke nichts zu tun, das muslimische nichts mit dem Berlin der Laubenkolonien, die Latte-Macchiato-Bar nichts mit der Verzweiflungskneipe an der Ecke. Viele Städte sind in dieser Stadt. Kein politischer Kopf steht heute für das Ganze, keinem aus der Berliner Politik wird das noch zugetraut, folglich repräsentiert auch niemand das Gemeinwohl und das Selbstbewusstsein Berlins.
Arm, aber sexy? Mit 60 Milliarden Euro steht die Stadt in der Kreide
Wahr ist, dass 41 Prozent der Berliner von staatlichen Transferleistungen leben. 290000 Arbeitslose gibt es, das sind zehn Prozent der Bevölkerung, dazu kommen 35000 Ein-Euro- und 60000 Billig-Jobber – wir sprechen von der Hauptstadt des Prekariats. Von 400000 Industriearbeitsplätzen nach der Wende sind kaum 100000 übrig geblieben, das meiste an Dienstleistung gruppiert sich immer noch um diesen Kern – und nicht um irgendwelche »Kreativindustrien«. Eine ernsthafte Industrieansiedlungspolitik gibt es nicht. Die Investitionsquote ist niedrig. Die Beschwerden von Industrie und Gewerbe über Bürokratie, Hochmut der Behörden und den Filz in den Bezirken sind notorisch.
Und die vom Senat bereits ausgerufene Zukunft? Es gibt das erfolgreiche High-Tech-Labor Adlershof, von Land und Bund mit einer Milliarde Euro gefördert, aber sozialabgabenpflichtige Jobs entstehen dort nicht zu Tausenden. Berlin als »Gesundheitsstadt«? Die Quote der wissensbasierten Arbeitsplätze liegt bei 5,9 Prozent – in Köln sind es 10,3 und in München sogar 13 Prozent. Die wahrhaft reichhaltige Wissenschaftslandschaft, das eigentliche Potenzial Berlins, wird durch Sparvorgaben ausgetrocknet. Die Qualität der staatlichen Schulen gilt trotz Dauerreform immer noch als dürftig, obwohl in Berlin ein Hauptschullehrer neun Kinder betreut. Im Bundesdurchschnitt sind es vierzehn. Da ist noch viel Überversorgung bei bescheidenen Ergebnissen.
All das verringert Berlins Chancen. Wenn der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit die Stadt als »arm, aber sexy« bezeichnet, trifft er damit zwar das Selbstbild vieler Berliner, aber im Grunde ist eine solche Aussage ein Skandal: Die Untätigkeit der politischen Klasse wird als Wille der Bevölkerung ausgegeben. Mit 60 Milliarden Euro steht Berlin in der Kreide, den größten Teil davon häufte nach der Wende eine Große Koalition an. Niemals wird die Stadt diese Schulden zurückzahlen können.
Unter all den Luftgeistern, die Berlin schönreden und dann wieder die alte Resignationshymne anstimmen, ist Thilo Sarrazin der Herr der schwereren Elemente. Genauer gesagt, der öffentlichen Gelder – also des eigentlichen Brennstoffes dieser Metropole seit vielen Jahrzehnten. Der Finanzsenator führt Berlin seit Januar 2002 an der Kandare eines harten Sparkurses. Indem er damit den Berliner Politikstil änderte, löste er in der Stadt eine unwillkommene Kulturrevolution aus. Der zwölfköpfigen Hydra des öffentlichen Dienstes, für viele das eigentliche Machtzentrum Berlins, brachte Sarrazin böse Wunden bei.
»Die Lebenslüge Berlins bestand darin, dass es sich in allem für etwas Besonderes hält und daraus einen erhöhten Bedarf ableitet«, erklärt er. »Wenn man sich die Zahlen ansieht, die der Wirtschaft, der in der Stadt lebenden Migranten, des zahlenden Kulturpublikums, dann sieht man, dass Berlin eben doch nur eine durchschnittliche Großstadt ist.« Es macht Sarrazin Vergnügen, Idealisierern und Apokalyptikern die Wirklichkeit unter die Nase zu reiben. »Wenn ich den Leuten vorrechne, dass die Wirtschaftskraft der Stadt nicht mit Hamburg oder München vergleichbar ist, sondern mit Essen oder Dortmund – und damit auch ihre Möglichkeiten, dann sehen mich immer alle an wie waidwunde Rehe.«
Sarrazin erreichte in dieser Legislaturperiode sein selbst gestecktes Ziel: Der Haushalt 2007 wird als Primärhaushalt einen kleinen Überschuss aufweisen. Der Primärhaushalt sagt etwas über Einnahmen und Ausgaben des Landes aus, ohne Sonderverkäufe von Immobilien oder Privatisierungserlöse und vor allem ohne Zinslasten. Sarrazin hat gezeigt, dass Berlin im Prinzip wirtschaften kann. Das ist wichtig für sein zweites, längerfristiges Ziel: den Bund mittels einer Klage beim Bundesverfassungsgericht dazu zu bewegen, die Hauptstadt teilzuentschulden. Kann das erfolgreich sein, mobilisiert der rot-rote Senat damit nicht alle Vorurteile gegenüber Berlin? »Ja, aber da müssen wir durch, anders geht es nicht«, entgegnet Sarrazin lapidar. »Wir brauchen ein Urteil zur Frage eines bundeseinheitlichen und effizienten Regimes im Umgang mit Haushaltsnotlagen, vor allem zu ihrer Prävention.« Tatsächlich würden die Schulden, die Berlin in den kommenden Jahren aufnehmen muss, bloß um seine Zinsen zu zahlen, jede Sparpolitik zu Makulatur werden lassen.
Sarrazin träumt nicht von 60 Milliarden Euro Bundesmitteln. Im besten Fall könnten die Schulden der Stadt auf den Durchschnitt der Bundesländer abgesenkt werden, dann ginge es um 25 bis 30 Milliarden. Das Bundesverfassungsgericht könnte den Bund dazu bewegen, die zweite Stufe der Föderalismusreform zu zünden, in der der Länderfinanzausgleich neu geregelt werden soll. Sarrazin holt eine bunte Computergrafik von seinem Schreibtisch. Erst wenige, sagt er, hätten sie zu Gesicht bekommen. Die Grafik zeigt die Primärausgaben pro Einwohner im Verhältnis zum Durchschnitt der westdeutschen Flächenländer. Die Berliner Kurve kommt von ganz oben, senkt sich beeindruckend, wird bis 2008 die Linie des (wirtschaftskräftigeren) Hamburg kreuzen und nähert sich, wenn es nach der Prognose des Finanzsenators geht, bis 2020 fast dem Durchschnitt an. 90 Prozent der Hamburger Ausgaben, das ist der künftige Spielraum Berlins. Das heißt: Auch vom Bund teilentschuldet, wird Sarrazin seinen Sparkurs fortsetzen – weniger Busfahrer, weniger Professoren, weniger Oper. Für die gute Laune in der Berliner Politik bleibt der Regierende Bürgermeister zuständig.
Montag früh singt Hans Wall noch das Hohe Lied auf den rot-roten Senat. Am Mittwoch will er die Unternehmenszentrale der Wall AG und seinen Brandenburger Produktionsbetrieb mit 320 Beschäftigten nach Hamburg verlegen. Er ist maßlos enttäuscht. »So kann man nicht mit einem Berliner Unternehmen umspringen,« schimpft er. Wall ist ein echter Mittelständler, also etwas Besonderes in Berlin. Viel verdankt er der Stadt, mit ihren Aufträgen wuchs sein Unternehmen für Außenwerbung und Stadtmöblierung auf 580 Beschäftigte an. Wall versucht der Stadt durch mäzenatisches Engagement etwas dafür zurückzugeben. Jetzt kam er beim Verkauf der Werbetochter der städtischen Verkehrsbetriebe nicht zum Zuge. Nach Ausschreibung und Bieterverfahren ging das Unternehmen an seinen französischen Konkurrenten. Der Berliner hatte ein paar Millionen zu wenig geboten.
Also eine klare marktwirtschaftliche Sache. So sieht es auch der Finanzsenator: »Herr Wall muss unterscheiden zwischen dem Staat, der Rahmenbedingungen setzt, und dem Staat als Marktpartner.« Diese Haltung ist natürlich untadelig, die Entscheidungsfindung ist nicht zu beanstanden, aber mit Mittelstandsförderung hat sie wenig zu tun. Die kann durchaus manchmal Prioritäten anders setzen, nämlich lokalpolitisch.
»Wir leben nicht mehr im Jahre 1945, sondern im Jahre 1947«
Man könnte diese Episode als Beispiel für einen korrekten, aber lieblosen Umgang mit einer Schicht lesen, die in Berlin fehlt, geradezu exotisch wirkt: dem mittelständischen Wirtschaftsbürgertum. Und weil dieses Bürgertum als Einfluss nehmende Schicht fehlt, in der die Funktionsbereiche der Stadt, also Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur sich personell vermischten, wird es dauernd beschworen. In keiner Stadt Deutschlands debattiert man so obsessiv übers Bürgerliche wie in Berlin. Die Stadt ist längst nicht mehr das Labor der experimentellen Lebensformen. Die sind inzwischen etabliert und haben sich an den Tropf staatlicher Alimentierung gehängt. Das verwegenste soziale Experiment in Berlin besteht heute darin, ein geordnetes Familienleben durchzuhalten.
Deswegen fehlt in der Stadt auch eine echte bürgerliche Opposition. Sodass der Finanzsenator witzelt, vorläufig müsse er diese Rolle selbst übernehmen. Die CDU tut es jedenfalls nicht. Als einziger Landesverband der Union ist die Berliner CDU eine echte Kleine-Leute-Partei, festgenagelt bei 25 Prozent der Wählerstimmen. Ihr Kandidat Pflüger stolpert glücklos durch die Stadt, versucht mit Hilfe eines gemäßigten Populismus, jedenfalls diese Stammwählerschaft zu erreichen. Liberale Neuberliner spricht er damit nicht an. Dabei ist er selbst ein solcher.
Martin Lindner, Spitzenkandidat der FDP, meint: »In Berlin ist der bürgerliche Mittelstand zu wenig ausgeprägt. Diese Schicht ist politisch engagiert, sie würde auch auf den Senat Druck ausüben, endlich das Schulsystem in Ordnung zu bringen. Wenn man eine kluge Ansiedlungspolitik betriebe, ein exzellentes Bildungssystem hätte und die Stadt endlich von Graffitis und Hundehaufen befreien würde, könnte man diese Leute auch dazu bewegen, mit ihren Familien nach Berlin zu ziehen.«
Wenn Lindner Recht hat, umreißt dies das politische Dilemma Berlins generell. Für jeden Berliner Landespolitiker stellt sich die Frage: Für wen mache ich hier Politik? Für die real existierenden Wähler, selbst wenn die klassische Wohlfahrtsstaatlichkeit Berliner Prägung zukunftslos, weil unbezahlbar ist? Oder für Bürger, die noch gar nicht da sind, deren Interessen aber eine vernünftige Politik ermöglichen würden? Im einen Fall wird er gewählt, im anderen droht er einsame Avantgarde zu sein. Bis dahin bleiben die Landesverbände aller Parteien von sehr provinziellen Provinzpolitikern und ihren Machtspielen beherrscht.
»Herr Senator, wo steht die Stadt genau?« Da lächelt Thilo Sarrazin, und es verheißt nichts Gutes. »Lassen Sie mich mal so sagen: Der Schutt ist abgeräumt. Wir leben hier nicht mehr im Jahre 1945. Sondern wir leben im Jahre 1947.«
ZUM THEM:
Das Blog zur Hauptstadt »
Der mutmaßliche Wahlsieger Wowereit hat höhere Pläne »
- Datum 01.09.2006 - 06:51 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 31.08.2006
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Das darf doch nicht wahr sein, wir reden hier von unserer Hauptstadt, das groesste und praechtigste, was ein Land zu bieten haben muss. Und daran misst man unsere Politik, Wirtschaftskraft, den Erfolg und die Leistung unserer Kultur und Gene.
Wie peinlich Berlin wirkt neben Giganten wie Tokyo, New York, Shanghai, Peking, London. Unser Sozialstaat bringt uns noch alle um.
Seit wann muss denn eine Hauptstadt das größte und prächtigste sein, was ein Land zu bieten hat?
Die Hauptstadt der USA, Washington, zeigt hauptsächlich bei seiner Kriminalitätsrate Größe und Pracht. Wollen Sie wirklich in einem Moloch wie Peking leben,wo man vor lauter Smog keine 200 m mehr weit schauen kann. Können Sie sich wirklich die Lebenshaltungskosten von London oder Tokio leisten?
Wenn Ihnen der Sozialstaat zu viel wird, versuchen Sie es doch in diesen glorreichen Metropolen!
Als die Mauer fiel, habe ich mit alten (!) Freunden die Hauptstadtfrage (erinnert sich noch jemand: Bonn war mal Bundeshauptstadt und hat sich daran auch nicht gesundgestoßen...) diskutiert und war überrascht, dass es für diese Menschen ganz selbstverständlich war, dass Berlin wieder Hauptstadt Deutschlands werden müsse. Ich (jung und pragmatisch) argumentierte: warum so viel Geld in dem Umzug stecken?
Jetzt stellt sich heraus, dass das künstliche Biotop, zu dem sich Berlin im kalten Krieg entwickelt hat, ohne diesen Umzug zwar bereits völlig am Boden läge, aber das Maul immer noch bis hinter die Ohrwatscheln aufreißt!
Mein Gott! Diese preußische Sandbüchse, in der "alles 'n Sechser" kostet (Th. Fontane) und einem "alles unter den Händen zerrinnt" (K. Tucholsky) glaubt immer noch, sie sei das Zenrum des Landes; nein, eigentlich ist man in Berlin ja DER NABEL DER WELT. Leute, IHR seid heute das Armenhaus Deutschlands; nicht mehr der Bayerische Wald oder der Vogelsberg oder die Küstengebiete Nordfrieslands.
Fassen wir es kurz zusammen: Wäre Berlin im zweiten Weltkrieg von einer Atombombe getroffen worden, würden wir nichts vermissen... (Kennen Sie noch das Gebet eines Krupp-Arbeiters im Krieg:
"Liebe Tommys, flieget weiter,
hier sind nur die Ruhrarbeiter.
Flieget weiter nach Berlin:
Dort haben sie alle "Heil!" geschrien.")
Eine Hauptstadt muss immer das größte, schillerndste sein was ein Land zu bieten hat? Das ist doch Unsinn. Unlängst habe ich einen Artikel in der ZEIT gelesen, in dem eifrig gegen Pseudo-Urbanisierung in Berlin gewettert wird. Wirtschaftlich läuft in Berlin so einiges unter bundesdeutschem Schnitt, da hat der Autor recht. Finanziell scheint es - wären die großkoalitionären Altlasten nicht - ganz gut zu funktionieren.
Ich glaube ich habe es noch in jedem berlinspezifischen Artikel angemerkt - Berlin ist DIE Kulturmetropole Europas. In Berlin entsteht junges Theater, neue Musik und moderne Kunst auf Höchstniveau, und das zuhauf. Berlin hat eine einmalige Kultur entwickelt, die vor allem potenzielle Mittelstandsbürgerliche fasziniert und für sich gewinnt.
Wer in Berlin die wirtschaftliche Dampflok der Republik sucht, der ist hier ganz falsch. Wer die kulturelle Avantgarde der Welt sucht, der wird finden. Und wie lange ist es her dass Deutschland kulturell überhaupt irgendeine Bedeutung in der Welt hatte?
Leute, ihr könnt stolz sein auf Berlin. Weil Berlin genau das nicht ist, was alle an Deutschland hassen, aber irgendwie alle aus Berlin machen wollen: "bürgerlich" - langweilig.
das Berlin, als es noch in Ost und West geteilt war jeweils von der DDR (Ost- Berlin) und der Bundesrepublik (West- Berlin) ordentlich gepäppelt worden sind. Schließlich standen die beiden Stadthälften in einem "Wettbewerb der Systeme" miteinander. Jede Stadthälfte repräsentierte den "Erfolg" des jeweiligen Systems. Also lebten beide Städte während des kalten Krieges ganz köstlich auf Kosten des restlichen Landes, dem sie zugehörten. Nicht umsonst hieß es früher in der DDR, wenn man Ost- Berlin verließ: "EDV" = Ende der Versorgung. Und in West- Berlin standen in den Grundschulen elektrische Schuhputzmaschinen für die kleinen Schülerlein bereit.
Diese über Jahrzehnte anerzogene Lebensweise läßt sich eben nicht in wenigen Jahren abschütteln, bzw. die Erkenntnis das die fetten Jahre vorbei sind und Berlin nun eine normale Stadt ist (wenn auch Hauptstadt) ist noch nicht so richtig durchgedrungen.
DAS ist das Problem.
Hallo Realität!
Solange in Berlin eine unselige Vereinigung aus West-Berliner Schrebergarten-Mentalität und Ost-Berliner Datschen-Piefigkeit die tonangebende Bevölkerungsschicht stellt, wird sich in dieser Stadt nichts ändern. Alles Gefasel von Hauptstadtkultur, Weltmetropole, Multikultigewusel ist nichts als das Pfeifen im dunklen Wald! Und Herr Sarazin gibt den eiskalten Vollstrecker als häßliche alte Hexe verkleidet. Berlin hat soviel Potential an intelligenten, kreativen, engagierten Menschen, die aber alle unter dem Bleimantel einer haarsträubenden Politik und einer unglaublichen Borniertheit der großen und kleinen Entscheidungsträger, mit Sparmaßnahmen und Hartz IV erdrückt werden. Sowas hat diese Stadt, die einmal ein positives Symbol war, nicht verdient! Es wird Zeit zu gehen.....
@wittmas: Auch wenn die Diskussion absolut sinnlos ist (das haben Sie richtig erkannt), bleiben mir noch zwei Anmerkungen:
1. Die Todeszone um den "ground zero" einer stärkeren Atombombe (thermonuklearer Sprengkopf) hat einen Radius von mehreren hundert Kilometern. Wenn ich so einen Horizont habe, soll es mir recht sein. (De facto ist er größer: Söldner kommen viel in der Welt herum. Ihr Horizont, so scheint es, reicht nicht über Berlin hinaus...)
2. Und wenn Berlin tatsächlich "eine der schönsten Städte der Welt" ist, dann wird es allerhöchste Zeit, dass sich die Menschheit mittels eines weltweiten thermonuklearen Krieges selbst eliminiert...das kann ja kein Planet mit Anstand ertragen!
Manchmal sind die Dinge nicht schwarz oder weiß sondern grau. Das könnte auch in diesem Fall so sein, in dem das Zentralorgan des Berlinbashing einen Artikel veröffentlicht, in dem das Fehlen genau des Einen was Hamburg mehr hat als Berlin - nämlich gut verdienende Akademiker - als das allein Rettende einer ansonsten dem Untergang geweihten Stadt dargestellt wird. Kein Wunder, daß darauf wütend die Transferleistungsfanatiker antworten, regelmäßige Alimentierung gehöre sich auch, denn so wie Strom aus der Steckdose kommt, so komme gefälligst Geld aus einem Automaten, von dessen Geldausgabeschlitzrückseite man möglichst wenig wissen will.
Lieber Herr Schmidt: Es ist ja verständlich, daß man als Hamburger in Berlin sehr verwirrt ist vom Fehlen einer bürgerlichen oberen Mittel- und Oberschicht. Wenn man sich dann aber den großbürgerlichen und kosmopolitischen Rat von Herrn Lindner holt (und sie scheinen dem ja uneingeschränkt zuzustimmen) , Graffiti und Hundekot abzuschaffen, um den bürgerlichen Aufschwung á la Paris und New York nach Berlin zu holen, stellt sich dem unvoreingenommenen Leser doch das Gefühl ein, heimlich einer Satire aufgesessen zu sein. Um das Wahlkampfprogramm der welt- und hauptstädtischen Liberalen noch zu komplettieren: die anderen Themen heissen: "Gegen die Parkabzocke" (In der Tat muß man jetzt schon in der Innenstadt fast halb so viel zahlen wie in Hamburg vor 15 Jahren) und "Schlaglochsanierung sofort" (Finanzierungsmöglichkeiten fehlen leider, wären aber angesichts des recht guten Straßennetzes relativ leicht zu beschaffen). Zugegeben möchte die FDP auch das Bildungssystem verbessern, aber Parteien, die das nicht wollen sind nicht angetreten (hier könnte die FDP auch eine große kleine Koalition mit der Partei "Mensch und Tier, MUT" anstreben).
Wie schon von anderen Leserbriefschreibern vorher angemerkt, ist das Ausschreibungsverfahren vorgeschrieben, und man kann nicht an einer Stelle über Filz jammern, und an anderen Stellen sagen, die Auftragsvergabe solle man doch mal eben unbürokratisch machen. Das ist vielleicht in Hamburg möglich (so gesehen wäre ein Umzug von Wall nach Hamburg eventuell sinnvoll), in Berlin nicht. Im Artikel fehlt der Hinweis, daß Wall auch sehr gut eingebunden war in das Berliner Beziehungsgeflecht der Vor-Bankenskandal-Zeit und dem Anschein nach gute Beziehungen zu einer Partei pflegt, die in Berlin im Moment (und in naher Zukunft wohl auch nicht) an der Regierung ist, früher aber für unbürokratische Vergabe-, Bürgschafts- und andere Verfahren bekannt war. Wegen dieser Verfahren ist die Situation ja so verfahren.
Und jene besagte große Partei übt sich darin, die pawlovschen Reflexe ihrer Stammklientel (In Berlin sind das von der Größe ihrer Stadt überforderte Kleinbürger) zu bedienen. Zum Glück wächst diese Gruppe nicht, und so kann die FDP als 'CDU für Menschen mit einem IQ über 85' auf Stimmenzuwachs hoffen, den sie im Erfolgsfall jedoch - Pawlov lässt schon wieder grüssen - als Juniorpartner in eine Koalition mit der CDU einbrächte.
Herr Sarrazin zieht sich als roter Faden durch den Artikel. In der Tat scheint der Mann ein Glücksfall für Berlin. Vielleicht, weil er nicht in erster Linie ein Politiker ist, der sich seiner direkten Klientel und dem Populismus verpflichtet fühlt, sondern eher Technokrat sein will. Solche Leute sind in Berlin sehr selten. Es ist daher zu hoffen, daß er seine Arbeit fortsetzen kann. Dann hat Berlin nämlich auch bei großen Industrieansiedlungen eine Chance. Da treten Firmenvertreter ziemlich hart auf, und wenn eine Stadt M oder HH eine Million Euro mehr Förderung gibt als eine Stadt B, dann geht ein Unternehmen nach M oder HH und nicht nach B. Vielen Firmen ist dabei egal, daß sie nach 4 Wochen die eingeholte Mehrsubvention schon wieder ausgegeben haben. Für laufende Kosten scheinen andere Abteilungen zuständig zu sein als für Standortfindung. Das kann man gut finden oder auch nicht, es ist leider eine Tatsache. Und da Berlin nix in der Tasche hat, kommt auch niemand (Wichtiges). Armut kommt manchmal von der pauvreté. Und das ist auch das beste Argument für eine (Teil-) Entschuldung. Kommt sie nicht, wird Berlin auf absehbare Zeit keine Wirtschaftsansiedlung und -entwicklung betreiben können, und in der Konsequenz mehr Geld kosten und Deutschlands wirtschaftlicher Entwicklung mehr schaden als ohne (Teil-)Entschuldung. Auf Gerechtigkeitsdiskussionen zu setzen ist jedenfalls keine Lösung, wie die unterschiedlichen Leserkommentare schon zeigen. Langfristig muß - und wird - Berlin aber in der Lage sein, sich selbst zu alimentieren. Denn leider bekommt man nach längerem Aufenthalt in Berlin den Eindruck, die Berliner sähen ihre Kompetenz eher beim Geld ausgeben als beim Geld verdienen. Und über die Herkunft dieses Rohstoffs zu räsonieren gilt als unintellektuell. Solche Eindrücke sind natürlich nicht belegbar, dann wären es ja Tatsachen, aber mir ist es so gegangen: Als ich nach Berlin kam, glaubte ich, nach fünf Jahren würde Berlin alle anderen Städte in die Tasche stecken, nach fünf Jahren glaubte ich, es wären zehn Jahre. Jetzt mag ich kein Datum mehr angeben. Aber der Tag wird kommen, denn die Infrastruktur und die Lebensqualität Berlins sind so gut, daß irgendwann ein Spruch wie "Berlin ist arm aber sexy" nicht mehr dafür herhalten muß, das Fehlen politischer Visionen dadurch zu verklären, daß der Notstand zum Ziel umdefiniert wird.
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