Wenn ihre Idee nur nicht so gut gewesen wäre, dann hätten sie jetzt den ganzen Ärger nicht. Seitdem fünf Studenten der TU Berlin ihre Website www.meinprof.de freigeschaltet haben, schlagen sie sich mit empörten Hochschulrektoren, schmollenden Professoren und neuerdings sogar mit dem Berliner Beauftragten für den Datenschutz herum. In dieser Woche läuft die Frist ab, um dessen Forderungen zu erfüllen, sonst droht die Abschaltung. Die angehenden Wirtschaftsingenieure haben offenbar einen Nerv getroffen mit ihrer Seite, auf der Studenten ihre Professoren benoten können. »Normalerweise rennt man in der Uni herum, quatscht auf gut Glück ältere Semester an und versucht herauszufinden, welcher Kurs sich lohnen könnte«, erklärt Daniel Pruss, 24. »Wir dachten, es geht auch anders.« Abstimmung: Mit Mausklicks Professoren bewerten BILD

Anders heißt: Man klickt sich zum jeweiligen Professor durch und schaut sich die Bewertungen an. Oder vergibt gleich selbst Zensuren für den Professor, in dessen Vorlesung man sitzt. Die Skala reicht von 1 bis 5, gewertet wird in fünf Kategorien: allem voran das Verhältnis der Note zum Aufwand, dann der Spaßfaktor, aber auch Fairness, Unterstützung und Verständlichkeit. Die besten Professoren finden sich unter »Tops« wieder, die schlechtesten werden als »Flops« gelistet.

Tausende Nutzer haben sich bereits registriert, die Seitenabrufe summieren sich mittlerweile auf drei Millionen im Monat. Kein Wunder, dass Professoren die Website zunehmend fürchten. Ihr enormer Erfolg spiegelt auch das neue Selbstverständnis der Studenten in Zeiten von Studiengebühren wider: Deutschlands Studenten stellen Ansprüche. Sie wollen ihre Meinung sagen und auch gehört werden. »Es kann nicht sein, dass man uns erst in Fragebögen nach unserer Meinung fragt und uns dann die Ergebnisse vorenthält«, sagt Pruss. Tatsächlich haben viele Hochschulen in den vergangenen Jahren regelmäßige Evaluationen eingeführt, doch die Auswertung der Daten ist meist nur den Dozenten zugänglich.

Vorbild für die Berliner Studenten war die USSeite www.ratemyprofessor.com. »Wir haben auch ein Recht auf Information. Darum haben wir unser Forum eingerichtet«, sagt Daniel Pruss.

Für den Datenschutzbeauftragten der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen allerdings war die Seite kein Forum, sondern ein Pranger. Folglich drohte die Hochschule den Betreibern mit rechtlichen Schritten, sollten sie die Aachener Professoren nicht komplett aus dem Rating entfernen – was die postwendend taten, denn einen Rechtsstreit können sich die Studenten nicht leisten. Die Präsidentin der Fachhochschule München, Marion Schick, wiederum stellte ihren Professoren einen Musterbrief zur Verfügung, mit dem sie die Erwähnung ihres Namens auf der Website bequem untersagen konnten. Überraschenderweise machten nur 30 von 430 Professoren davon Gebrauch. Doch so wie die Wirtschaftsingenieure die Begeisterung der Studenten für ihre Idee unterschätzt hatten, unterschätzten die beiden Hochschulen das Medienecho auf ihre Offensive – es war verheerend: Den Studenten mit dem Anwalt zu drohen sei feige und fragwürdig dazu, wenn eine Universität wie Aachen, die sich am Elitewettbewerb beteiligt habe, öffentliche Kritik mit der juristischen Brechstange zu verhindern versuche. »Unser Anliegen ist unglücklich herübergekommen«, räumt der Aachener Rektor Burkhard Rauhut mittlerweile ein – um www.meinprof.de gleich wieder zu kritisieren. »Wer genauer hinschaut, entdeckt sofort, dass diese Seite methodisch komplett unseriös ist. Ein paar anonyme Wertungen reichen, um es ganz an die Spitze schaffen oder unter den Schlechtesten zu landen«, sagt er. Die Uni-eigenen Evaluationsverfahren seien viel fairer und transparenter. Allerdings sind sie bis auf wenige Ausnahmen nicht öffentlich.

Evaluationsexperten streiten derweil über Nutzen und Schaden der Website. »Solange nicht alle 30000 Professoren in Deutschland begriffen haben, dass sie die Meinung ihrer Studenten als Experten ihrer eigenen Lerninteressen ernst nehmen sollten, haben solche Aktionen ihre hochschulpolitische Berechtigung«, sagt Karin Fischer-Bluhm, Geschäftsführerin des eigens für Evaluationsfragen geschaffenen Verbundes Norddeutscher Universitäten. Christiane Spiel, Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Evaluation, hält dagegen: »Das ist eine Konsumentenbefragung, bei der die Effekte weder absehbar noch kontrollierbar sind. Das kann sogar das Klima für gute Evaluation verderben.« Studenten könnten naturgemäß nur gewisse Aspekte einer Lehrveranstaltung bewerten, ganz sicher jedoch nicht, wie gut ein Professor vorbereitet sei oder ob er die aktuellsten und akzeptiertesten Theorien und Literaturzitate bringe. »Wenn sie dies alles wüssten, brauchten sie vermutlich nicht mehr zu studieren.«

Dass www.meinprof.de ,abgesehen von seinen methodischen Schwächen, grundsätzlich die Persönlichkeitsrechte der betroffenen Dozenten gefährdet, wie der Berliner Datenschutzbeauftragte Alexander Dix jetzt kritisierte, ist allerdings selbst unter seinen Kollegen umstritten. »Jeder Professor ist in gewisser Weise Persönlichkeit des öffentlichen Lebens und muss sich eine öffentliche Bewertung gefallen lassen«, sagt Hannes Federrath, der Vorstandsvorsitzende des Berufsverbandes der Datenschutzbeauftragten. »Schwierig wird es nur dann, wenn die Informationen in dem Portal beleidigend oder offenbar manipuliert sind.«