Ausgerechnet hier. Ausgerechnet in Ruß und Rost, zwischen Siebtrommeln, Becherwerken, Setzbecken und all den anderen Maschinen, die archaisch vor sich hin schweigen, ausgerechnet hier auf Zeche Zollverein in Essen, einem der eindrücklichsten Denkmale des Industriezeitalters, soll nun die Zukunft in Produktion gehen. Es ist eine kühne, eine brachiale Verwandlung: Ins Gedränge der Zylinder und Rohre, die einst Kohlebrocken wuschen, sie von Schieferton und Schwefelkies und Brandschiefer trennten, hat sich eine großartige Ausstellung hineingesägt, hineingestemmt. Für 100 Tage füllt sie nun die dunklen Nischen, Bunker, Schächte der Vergangenheit mit einer lichten Frage: »Wie werden wir morgen leben?« Das computergesteuerte Designerknie »C-Leg« von Otto Bock. Mehr Bilder zeigt diese Bildergalerie » BILD

Im Grunde beginnt damit eine aktive Denkmalpflege, eine Wiederinbetriebnahme. Zollverein war immer ein Ort des Fortschritts und der Zukunft, schon die Architektur aus den zwanziger Jahren, heute Weltkulturerbe, strahlte überweltlich modern, bauhauskühl und erhaben – bis es plötzlich aus war mit dem Fortschritt. Vor 20 Jahren musste die Zeche schließen, just als auch sonst die großen Utopien stillgelegt wurden und der Glaube an die Zukunft verrauchte. Umso verzweifelter versucht man nun, das Visionieren wieder zu lernen und eine neue Ressource zu erschließen – nach der Kohle die Kreativität.

Wo einst Lärm war, Gestank und Hitze, widmet man sich dem Schönen, dem Aufpolieren von Ideen. Viele kleine Büros und Ateliers haben sich bereits angesiedelt, und auch die Ausstellung in der Kohlenwäsche mit Namen Entry weiht sich dem Design. Doch zum Glück zeigt sie etwas anderes, als sie vorgibt: keine Toaster mit eingebautem Fernseher, keine fliegenden Autos, keinen Messehype und kein pseudofuturistisches Expo-Spektakel. Nicht um Produkte geht es ihr, sondern um etwas Unausgeformtes: um die Frage nach dem Menschen und seinem Verhältnis zu den Dingen.

Die Designer der Zukunft gestalten das Unsichtbare – Bits und Gene

Das klingt reichlich abgehoben, erweist sich aber rasch als durchaus RTL2-kompatibel. Denn so wie dort geht es auch hier ums Menschsein, das sich in ein Dingsein verwandelt, um Körper, die zum Design-Objekt werden. Zu sehen gibt es Schönheitsoperationen, krude Tätowierungen oder auch nur ein mikroprozessorgesteuertes Kniegelenk, mit dem das Gehen quasi zum Selbstläufer wird. Ein simples Plastikschälchen ist ebenfalls zu besichtigen, darin rot schimmernder Zellersatz, gewonnen aus der abgetrennten Vorhaut eines Jungen und wunderbar geeignet, um Beingeschwüre zu kurieren.

Vom Zellersatz ist es dann nicht mehr weit bis zur größten denkbaren Ersatzhandlung: Eine Replik des Sündenfalls wird gezeigt, Adam und Eva wunderbar lasziv gemalt vom Renaissancekünstler Hugo van der Goes, und unweit davon ist wandhoch eine Stammzellkultur zu bewundern – der Mensch als hoffender Schöpfer, als künftiger Designergott seiner selbst, so wird er hier vorgeführt.

Unversehens rutschen wir hinein ins Universale, und das heißt in diesem Fall: in ein Universum, das nur mit dem Mikroskop zu entdecken ist. Dort beginnt das, was die Ausstellung B-A-N-G-Design nennt, es ist das Reich der fitzeligen B-its, A-tome, N-euronen, G-ene, hier öffnet sich der Baukasten für die Zukunftsschöpfer. Sie gestalten keine schönen Hüllen, sie bosseln vielmehr am Wesenskern herum – denn nur wer der Welt ein neues Programm einschreibt, wird alle drängenden Probleme lösen.