Glosse Ein Sieg auf dem Papier
High-Tech made in Germany
Es dauerte, bis das Forschungsministerium und seine Chefin, Annette Schavan, Betriebstemperatur erreichten. Manch einer fragt sich bereits: Ist die gelernte Theologin die richtige fürs Technikfach? In dieser Woche hat Schavan den Zweiflern eine Antwort gegeben. Sie ist 114 Seiten lang, nicht leicht zu verdauen und trägt den Titel Hightech-Strategie für Deutschland. Der Plan zeigt den Weg auf, wie das Land »zur forschungsfreudigsten Nation der Welt« werden soll – und zwar aus Sicht der gesamten Regierung.
Das hört sich unspektakulär an, ist aber ein – zunächst theoretischer – Durchbruch. Die Wissenschaftsförderung des Bundes ist vielfach zersplittert. Gleich vier Ressorts teilen sich zum Beispiel die Energieforschung, und bislang interessierte es das eine Haus wenig, was das andere tat. Auch der neuen Regierung gelang es nicht, die Zuständigkeiten zu bündeln, im Gegenteil: Der Zerfall der Forschungskompetenz setzte sich fort. Schavan hatte nun die Aufgabe, über Ressortgrenzen hinweg aus dem Puzzle ein stimmiges Bild zu machen.
Das scheint gelungen. Zumindest auf dem Papier verfügt Deutschland nun über eine »Forschungspolitik aus einem Guss«. Offen ist, wie belastbar die Gemeinsamkeiten in der Praxis sind. Noch denkt Schavan zum Beispiel ganz anders darüber, wie man die Forschung mit genmanipulierten Pflanzen fördert, als Landwirtschaftsminister Horst Seehofer.
Zwangsläufig zeichnet sich das Ergebnis einer Fleiß- und Geduldsarbeit wie der Hightech-Strategie mehr durch Vollständigkeit als durch Kreativität aus – lässt man Wortschöpfungen wie »Innovationsplattformen« oder »Spitzencluster« beiseite. Die Beamten haben 17 Zukunftsfelder ausgemacht, zu denen Raumfahrt und Gesundheit ebenso gehören wie Technologiedauerbrenner mit den Kürzeln Nano, Info, Bio. Hier will die Regierung mit Förderprogrammen und Wettbewerben, sprich Geld, helfen, dass deutsche Forscher Neues erfinden – und Unternehmen daraus Produkte machen.
In diesem Punkt setzt Schavan einen für sie überraschenden Akzent. Stärker noch als ihre Vorgängerin betont sie die ökonomische Verwertbarkeit von (Grundlagen-)Forschung. Im Zentrum der Innovationsstrategie stehe, neue Märkte zu erschließen, heißt es unmissverständlich.
Deutschland hat sich verpflichtet, bis 2010 drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Forschung und Entwicklung auszugeben. Der Löwenanteil muss aus der Privatwirtschaft stammen. Die
Hightech-Strategie
zählt deshalb manche Anreize auf, damit wissenschaftliche Institute in Zukunft mit kleinen und mittleren Unternehmen kooperieren. Da nickt man, wie an vielen Stellen des Papiers. Die Wirklichkeit der Wissenschaft in Deutschland – sie könnte so schön sein.
Martin Spiewak
- Datum 31.08.2006 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 31.08.2006, Nr. 36
- Kommentare 14
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Verwertbare Forschung ist angewandt, oder (Produkt-)Entwicklung.
Naja wissen Sie,
Ich habe eine naturwissenschaftliche Ausbildung genossen und dann 1 Jahr lang bei einer großen Pharmafirma im Labor gearbeitet. Jetzt studiere ich Soziologie, nicht weil es einfach ist, sondern weil es mich interessiert.
Glauben Sie also bitte nicht, dass alle Sozialwissenschaftler Träumer sind. Natürlich gibt es auch an meiner Uni eine selbsternannte antifaschistische, prokommunistische Elite die die Häuser verschmiert, den Leuten sagt, was sie lesen sollen (Marx) und das politische System Nordkoreas für ein erstrebenswertes Ziel hält. Aber die haben nicht die Meinungshoheit. Wissen Sie, die meisten meiner Mitstudenten wollen später Geld verdienen, aber nicht durch Staatsposten oder als Sozialarbeiter. Wir lesen und diskutieren hier ja nicht nur, sondern studieren Statistik, politische Systeme, Migration usw. Eben alles, was Deutschland und die Welt bewegt. Das es für den Physiker ein weitaus definierteres Berufsbild
gibt als für den Soziologen/Politologen/Philosophen ist klar. Aber schließlich muss es auch Menschen geben, die sich mit der "Physik der Gesellschaft" auseinandersetzen! Das wir viele sind, da gebe ich Ihnen Recht. Allerdings gilt hier immer noch das Leistungsprinzip. Gehen Sie mal als kommunistischer Jungrevolutionär zum Chef einer Firma und sagen Ihm, sie hätten den Kapitalismus verstanden. Sie verstehen was ich meine.
Dieser 4-Jahresplan soll also neue Ideen hervorbringen. Schade dass der Plan selber keine neuen Ideen enthaelt. Zum Thema Nachwuchsfoerderung werden nur Graduiertenkollegs angesprochen, allerdings gibt es in Deutschland bereits genug Doktoranden. Was der Nachwuchs langfristig machen kann --- ausser Auszuwandern --- bleibt weiterhin unklar. Die bisherigen Strategien gehen ja von der Illusion aus, dass nach Emmy-Noether/Heisenberg/Juniorprofessur etc. die besten Leute im Anschluss eine Professur in Deutschland finden. In der Realitaet wird mehr und mehr Professuren nicht wiederbesetzt und Leute die an neuen --- in Deutschland noch nicht etablierten interdisziplinaeren Gebieten arbeiten --- haben keine Chance eine Stelle zu bekommen. Wer innovative Ideen hat, geht ins Ausland und ich sehe nicht, dass der vorgestellte Plan an diesem Problem irgendetwas aendert.
Was ist denn aus den wirklichen Reformen geworden: Eigener Wissenschaftlertarif ohne Verbeamtung von Professoren? Die Einfuehrung eines Overheads die gute Fachbereiche belohnen? Abschaffung der Habilitation zumindest in den Naturwissenschaften? Schaffung von unabhaengigen Nachwuchsgruppen (Privatdozenten und Habilitanden wuerde ich nicht unbedingt als unabhaengig bezeichnen)?
Es ist ja loeblich dass das Ministerium etwas mehr Dynamik im Deutschen Hochschulsystem entfalten will. Besser waere es allerdings wenn das System von sich aus Anzeichen von Leben entfalten wuerde. Wenn es in den Niederlanden, Daenemark und der Schweiz funktioniert, warum dann nicht auch in Deutschland?
BTW: Japan ist gerade dabei das Lehrstuhlsystem, welches vor 100 Jahren von Deutschland uebernommen wurde, abzuschaffen, da es sich im internationalen Vergleich als nicht mehr konkurrenzfaehig erwiesen hat. Soviel zu richtigen Reformen...
Das ist ja mal ein Ding! Wird das Forschungsministerium jetzt heimlich von Stefan Raab geleitet, oder was ist da los?
Zur Erinnerung: der Laden von Frau Schavan (= die CDU/CSU) hat noch zu Zeiten von Rot-Gruen eines der wenigen zumindest im Ansatz sinnvollen wissenschaftspolitischen Reformprojekte der letzten Jahrzehnte (= die Juniorprofessur) mittels Klage vor dem Verfassungsgericht (zur Rettung der Habilitation) torpediert. Damit war die komplette Uneinheitlichkeit des Zugangs zur Professorenlaufbahn in Deutschland besiegelt.
Als die Herrschaften dann vor dem BVG Recht bekam, hatten die sogar noch die Frechheit, das als Sieg zu feiern. Und der Herr Goppel, der durch irgendeinen Unfall Wissenschaftsminister im Freistaate Bayern geworden war (ich glaube, er hat es als CSU-Generalsekretaer nicht gebracht - exzellente Jobreferenz!), durfte den Grinsemann machen - war doch damit gesichert, dass das weltweite "Erfolgsmodell" Habilitation (das ich in England Leuten an der Universitaet erklaeren musste!) auch weiterhin zumindest in Bayern bestehen darf. So fuer die naechsten 500 Jahre oder so.
Und jetzt wollen die also High-Tech-Innovation in Deutschland lostreten...
Habe ich was verpasst? Ist schon der 1. April???
Es ist in der Tat zutreffend, dass die Besoldung von Professoren (gemessen an deren Qualifikation) in Deutschland nicht gerade ueppig ist.
In der Vergangenheit hat man dies etwas kaschiert, indem man Hochschullehrer mit ueppigen sozialen Privilegien versehen hat. Dazu gehoerte u. a. die Verbeamtung auf Lebenszeit (die ich nicht fuer sinnvoll halte, die aber im Kontext des Gehalts eine gewisse Funktion erfuellt).
Das Kuriose ist nun, dass die sozialen Privilegien zunehmend beschnitten werden. Keine sofortige Verbeamtung mehr, Befristung auch von Lehrstuhl-Vertraegen auf zunaechst 5 Jahre, Uebernahme nicht ohne zusaetzliche Evaluation etc., all diese Dinge findet man immer haeufiger. Die Besoldung hat sich jedoch nicht verbessert. Im Gegenteil, die W-Besoldung hat sogar in den meisten Faellen zu einer Gehalts-Verschlechterung (verglichen mit einer hypothetischen C-Besoldung fuer identische Person und Position) gefuehrt.
Der besoldungsrechtliche Befreiungsschlag (weniger soziale Privilegien, dafuer wesentlich hoehere Gehaelter) steht noch aus.
Der Grundgedanke der W-Besoldung ist gut (Grundgehalt mit Leistungszulagen), die Ausgestaltung allerdings ist miserabel.
Um das zu formulieren, muss man auch nicht 114 Seiten Papier bedrucken, Frau Schavan.
Verwertbare Forschung ist angewandt, oder (Produkt-)Entwicklung.
wenn ich laufend solche regierungsfreundlichen, völlig unkritischen Beschönigungsartikel auf unterstem Informationsniveau lese, spare ich mir in Zukunft die Artikel und lese nur noch die Kommentare.
Die Kommentatoren scheinen sich offensichtlich mehr Mühe zu geben bei Recherche und Einschätzung der Probleme bzw. Lösungsansätze.
Während an den geisteswissenschaftlichen Fakultäten der deutschen Universitäten Zehntausende Soziologen, Psychologen, Historiker usw. zu Intellektuellen" ausgebildet werden, sinkt die Zahl der Studenten in den naturwissenschaftlichen, technischen und ingenieurwissenschaftlichen Fächern ständig. Während in diesen volkswirtschaftlich wichtigen Fächern der prozentuale Anteil derjenigen, die in der Lage sind, ein derart anspruchsvolles Studium erfolgreich abzuschließen, geringer wird, erhöhen die geisteswissenschaftlichen Disziplinen ihre Studentenzahlen Jahr für Jahr.
Und sogar der Notendurchschnitt der Studenten wird ständig besser, da die geistigen Anforderungen für eine sehr gute Note ständig heruntergeschraubt werden, ihre Professoren sich aber dadurch einbilden können, auch jedes Jahr besser zu werden. Was sie aber in Wirklichkeit lehren und ihre Studenten studieren, ist ihre Massenarbeitslosigkeit. Dafür hassen die Intellektuellen die kapitalistische Gesellschaft, die Unternehmer, die Ingenieure und Erfinder (stimmts, Herr/Frau almeyer?) und misstrauen ihnen, und erdenken sich ihrerseits immer neue Visionen einer idealen Gesellschaft, in der alle Menschen zwar gleich sind, die Denker, die selbst nicht produzieren und erfinden, jedoch die Macht haben. Dass diese Gesellschaften bisher immer totalitäre waren, stört die Intellektuellen dabei nicht. Um der aktuellen Arbeitslosigkeit zu entgehen, müssen die Intellektuellen - gemeinsam mit der ebenfalls wachsenden Zahl von Juristen - sich immer neue gesellschaftliche Aufgaben ausdenken, mit der sie dem produktiven Sektor knebeln und Mittel entziehen. Neben der Bewältigung der Vergangenheit, der Kontrolle der politischen Korrektheit, der Erforschung des Friedens und aller psychischen Probleme sind es nicht nur die Gefahren der Gentechnik, sondern die Gefahren jedweder Technik und Veränderung, die nach der Gründung von Vereinen, Stiftungen, Kuratorien, Kommissionen und Lehrstühlen rufen, die sich gegenseitig in ihrer Wichtigkeit als Bedenkenträger bestätigen.
Besonders begehrt sind Dauerarbeitsplätze im Öffentlichen Dienst und Abgeordnetenmandante. Von dort aus lässt sich die bürokratische Hemmung jedweden unternehmerischen und wissenschaftlichen Fortschritts am besten betreiben. Nur der Kapitalismus kann sich bisher leisten, ein akademisches Proletariat in wachsender Zahl auszubilden. Aber wie lange noch, ohne dass die gesamtwirtschaftlichen Schäden dieser Entwicklung offensichtlich sind und kaum noch zu reparieren?
Denn die Zahl der Studenten pro Professor wird immer größer, weil eben auch das nicht mehr wie bisher vom produktiven Sektor bezahlt werden kann. Und die Hälfte dieser Akademikerinnen bleibt kinderlos, und verlässt sich auch in diesem Punkte auf die anderen. Während früher der Adel die überzähligen Töchter ins Kloster schickte, wo sie kinderlos blieben, schickt man sie heute zu einem Studium.
Dort geht es zwar nicht wie in einem Kloster zu, der biologische Effekt für die Nachwelt ist aber der gleiche.
Ach, so, Schavan hat wieder einmal einen Fünfjahrplan, Verzeihung (da ist der Ossi mit mir durchgegangen) eine Hightech-Strategie für Deutschland entwickelt. Klingt gut, nicht?
Da wird wieder mal ordentlich Geld locker gemacht.
Geld mit dem mehr Forschung finanziert wird? Pustekuchen. Deutschland ist inzwischen dermaßen versypht, dass von den Milliarden bei der Forschung nichts ankommen wird; überhaupt nichts. Denn dieses Geld geht erst mal in den Dienstweg. Da sind geisteswissenschaftlichen Fakultäten, die Gleichstellungskommissionen (die Zeit der Gleichstellungsbeauftragtinnen geht zu Ende, jetzt kommen die Kommisionen), der Rat für Antidiskriminierung (zunächst nur im Schavan-Ministerium, dann in jedem Bundesland, dann in jeder Uni, dann in jeder Fakultät), die Migrantenförderungsprogramme, die Frauenförderungen, die Dummenförderungen, die Kommission Technikfolgeabschätzung, die Kommission ...
Und die Physiker lesen dann erstaunt in der Zeitung, dass sie mehr Geld erhalten hätten.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren