Eine solche Wucht hatte die Wall Street nie zuvor erlebt: Innerhalb weniger Jahre sammelten Spekulanten Milliarden Dollar ein; mittels neuer Finanzinstrumente sprengten sie ganze Konzerne. So gut wie jedes größere Unternehmen geriet in ihr Visier. Der Höhepunkt war die 30 Milliarden Dollar schwere feindliche Übernahme des Nahrungsmittelkonzerns RJR Nabisco. Das war 1989. BILD

Zwei Jahre zuvor hatte ein Kinofilm Premiere gefeiert, der wie kein anderer das Lebensgefühl dieser Jahre zeigte: In Wall Street verkörperte Michael Douglas den Firmenjäger Gordon Gekko, der Unternehmen nur aufkaufte, um sie anschließend aufzulösen – aus reinem Gewinnstreben. Die neuen Finanzinstrumente, die das ermöglichten, hießen Junk Bonds, hoch spekulative Unternehmensanleihen. Lange Zeit galten sie als unverkäuflich, es gab weder einen Markt, geschweige denn einen liquiden Handel. Erst Michael Milken, der Star der Szene, entdeckte Ende der siebziger Jahre, wie sich die Schuldscheine angeschlagener Unternehmen als hoch rentable Zockerpapiere einsetzen ließen. Dieses Wissen machten sich die Firmenjäger zunutze. Sie waren nun unabhängig von Bankkrediten in der Lage, immer schwerere Firmenübernahmen zu finanzieren. Die Spekulation krachte in sich zusammen, als in der Rezession Ende der Achtziger die überschuldeten Unternehmen zahlungsunfähig wurden. Die Investoren blieben auf wertlosen Schrottanleihen sitzen, die finanzierenden Banken rutschten in die Krise. Milken selbst wanderte sogar wegen Insiderhandels hinter Gitter.

Firmen aufkaufen, mit Schulden beladen und einen Dummen finden …

Heute wiederholt sich das alte Spiel. Nur mit anderen Spielern.

Firmen aufkaufen, mit hohen Schulden beladen und einen Dummen finden, der die Schulden kauft: In den Achtzigern waren es die amerikanischen Sparkassen und Pensionsfonds, die den Firmenjägern die Schulden abnahmen. Heute sind es die Hedge-Fonds. Ihnen eilt seit je der Ruf voraus, eine unbändige Macht am Finanzmarkt zu sein. Anfang der neunziger Jahre war es George Soros mit seinem Hedge-Fonds, der das britische Pfund aus dem Europäischen Wechselkurssystem kegelte und mehr als eine Milliarde Dollar Gewinn einstrich. Ende der neunziger Jahre verzockte sich der von Nobelpreisträgern beratene Fonds Long Term Capital Management – die Welt rutschte an den Rand einer Finanzkrise. Und vergangenes Jahr sorgte der Brite Chris Hohn mit seinem Fonds TCI für Aufruhr, als er Werner Seifert, den Chef der Deutschen Börse, herauswarf – ohne eine Kontrollmehrheit an der Börse zu besitzen.

Hedge-Fonds sind die Alleskönner unter den Investoren. Sie unterliegen keinen Anlagevorschriften und spekulieren mit Aktien genauso wie mit Kunstwerken oder Firmenanteiler. Doch was Notenbanker und Finanzaufseher weltweit beunruhigt, ist ihr neues Betätigungsfeld: die Spekulation mit Kreditderivaten. Mit diesen Finanzinstrumenten haben Hedge-Fonds den riskanten Modellen der Firmenjäger neuen Auftrieb verschafft. »Die Masse der weitergereichten Kredite wird von Hedge-Fonds aufgesaugt«, sagt Stefan Hepp, Chef der Schweizer SCM Strategic Management Consulting.

Kreditderivate sind eine Art Versicherung, mit der Banken das Schuldenrisiko eines Unternehmens absichern können. Damit schützen sich Banken etwa vor dem Totalausfall ihrer Schuldner. Die Hedge-Fonds erhalten dafür eine Prämie, müssen aber im Gegenzug die Kreditausfälle der Banken ausgleichen. Das Problem: Kreditderivate werden an keiner Börse gehandelt, sondern over the counter (OTC), nur zwischen zwei Parteien. Zudem sind sie kaum standardisiert. »Bei jedem fünften Fall gibt es Rechtsstreitigkeiten darüber, wer für wie viel Prozent des eingetretenen Schadens haftet«, sagt Bernd Berg, Hedge-Fonds-Experte und Geschäftsführer von BB Consulting.

Die Finanzaufseher macht das zunehmend nervös. Knapp 20 Billionen Dollar beträgt das weltweite Volumen der Kreditderivate nach Angaben der International Swaps and Derivatives Association (ISDA). Zuletzt wuchsen vor allem Kreditderivate auf riskante Schuldner ungewöhnlich schnell, hat die Rating-Agentur Fitch herausgefunden. Ihr Anteil am gesamten Kreditderivatemarkt stieg von fünf Prozent im Jahr 2002 auf mehr als 20 Prozent. Dahinter stecken Hedge-Fonds, die scharf auf das hohe Risiko sind. Ähnlich rasant ist das Wachstum der Hedge-Fonds-Branche insgesamt, die es nach Angaben der Europäischen Zentralbank inzwischen auf rund 7000 Einzelfonds mit einem Anlagevolumen von 1,4 Billionen Dollar bringt. Aber: Erst durch ihre durchschnittliche Verschuldung vom Drei- bis Vierfachen des Anlagevolumens und ihren aktiven Handelsstil avancierten sie zur »neuen Großmacht an den Finanzmärkten«, so Fondsexperte Berg.

Erst im Mai forderte Timothy Geithner die Banken auf, einen »kühlen, harten Blick« auf die Summen zu werfen, die sie Hedge-Fonds leihen. Geithner weiß, wovon er spricht. Er ist Chef der New York Fed, jener Notenbank, die für das amerikanische Federal Reserve System den Kontakt zu den Banken hält. Auch Emil Henry, zuständig für Banken und Fonds im US-Finanzministerium, gab unlängst folgende Losung aus: Am besten könne das Risiko beobachtet werden, wenn man sich auf die »Verbindung von Hedge-Fonds und den OTC-Derivatemärkten, speziell den Kreditderivaten« konzentriere.

Die Sorge der Aufseher gilt nicht einzelnen Hedge-Fonds, die sich verspekulieren und Pleite gehen. Sie fürchten das Risiko im System: dass die Pleite eines Fonds andere Fonds oder Banken mitreißt und auf diese Weise die Stabilität des globalen Finanzsystems gefährdet. Die Banken sind ja nicht nur Versicherungsnehmer bei den Hedge-Fonds, sie gewähren diesen auch die Kredite, um ein größeres Rad zu drehen. Die Ansteckungsgefahr beschreibt der Internationale Währungsfonds in seinem jüngsten Finanzmarktstabilitätsbericht sehr anschaulich. Wenn sich die Kreditqualität eines großen Schuldners stark verschlechtere, könne das am Kreditderivatemarkt zu Verwerfungen führen. Die auf Kredit spekulierenden Hedge-Fonds könnten gezwungen sein, andere Titel abzustoßen, um ihr Risiko in den Griff zu bekommen. So könnte das Problem auf der Kreditseite Verwerfungen in anderen Finanzmärkten auslösen.

Hinzu kommt, dass Kreditderivate noch nicht unter widrigen Bedingungen getestet worden sind. »Ihre Bewährungsprobe steht noch aus«, sagt Leslie Rahl, die in den Achtzigern die Derivateabteilung der US-Großbank Citigroup leitete und heute ihre eigene Beraterfirma Capital Market Risk Advisors hat. In den vergangenen Jahren seien die Zinsen historisch niedrig gewesen, zudem habe die Weltkonjunktur gebrummt. Doch was geschieht, wenn der Abschwung kommt?

Ein erster Schock: Große US-Konzerne werden herabgestuft

Einen Vorgeschmack bekamen Händler, Investoren und Aufseher im vergangenen Jahr. Als die Rating-Agentur Standard & Poor’s Anfang Mai ihre Bonitätseinstufung für Ford und General Motors von »relativ sicher« auf »riskanter Schuldner« senkte, traf das den Markt für Kreditderivate wie eine Bombe. Ford und GM zählen zu den größten Industrieschuldnern der Welt, mit zusammen rund 450 Milliarden Dollar ausstehenden Anleihen. Plötzlich stürzten auch die Aktienpreise großer Investmentbanken wie die der Deutschen Bank ab. In Gerüchten war von Schieflagen bei großen Hedge-Fonds die Rede, gepaart mit Problemen bei Investmentbanken, die im Geschäft mit Kreditderivaten sehr aktiv sind. Mehrere Hedge-Fonds und die Deutsche Bank sahen sich genötigt, die Gerüchte öffentlich oder auf Analystenkonferenzen zu dementieren. Das Desaster blieb aus. Das lag vor allem an den beiden anderen Rating-Agenturen, die ihre Bonitätseinschätzung auf »relativ sicher« beließen. Denn Anlagevorschriften in Amerika erlauben es einer Vielzahl regulierter Fonds nicht, spekulative Anleihen zu halten. Hätte eine zweite Rating-Agentur den Daumen gesenkt, hätte dem Markt eine Verkaufswelle bevorgestanden.

Die Gefahr ist da. Doch auch in Zukunft wird viel Geld in die globale Zockerbranche strömen. Sowohl in Europa als auch in Amerika werden gerade ohne viel Aufhebens Gesetzentwürfe verabschiedet, die es Pensionsfonds erleichtern, mehr Geld in Hedge-Fonds zu stecken. Von Regulierung ist zwar immer wieder die Rede, gehandelt wurde bisher indes nicht. Noch immer müssen Hedge-Fonds weder die Höhe ihrer Fremdfinanzierung noch das eingegangene Risiko veröffentlichen.

Auch der Markt für Schrottanleihen wurde erst Ende der achtziger Jahren reguliert – als die Verluste bereits in der Welt waren.

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