Taschenbuch Die Generation der ICHlinge
Ein Lesebuch aus Philosophie, Kultur und Wissenschaft
Denkanstöße vorzudatieren ist auch eine Art, den Beweis ihrer Zukunftstauglichkeit zu führen. So kann ich heute bereits Denkanstöße 2007. Ein Lesebuch aus Philosophie, Kultur und Wissenschaft, in der Serie Piper herausgegeben von Lilo Göttermann, lesen. Überhaupt das Wort: »Denkanstöße«; es schmeichelt dem Publikum, weil es unterstellt, man bedürfte nur der Anstöße, und schon dächte es sich super. Ich empfehle dagegen einen Titel, der die ungeheure Schwierigkeit, einen Gedanken zu fassen, thematisiert oder der wenigstens das Publikum beleidigt, das auf Denkanstöße nicht zu warten scheint, sondern sich lieber mit Meinungslawinen – zum Beispiel über Günter Grass – zufrieden gibt. Mir fällt im Augenblick so ein Titel nicht ein, aber ich bin sehr neugierig, was neben den Fächern Philosophie und Wissenschaft »die Kultur« für eine Extrarubrik sein soll. Als studierter Mensch habe ich den einen oder anderen Vortrag des Titels Ist die Philosophie eine Wissenschaft? hinter mir, aber schlimmer noch, mir ward auch der Vortrag zuteil: Auf, auf – hinauf zur wissenschaftlichen Philosophie! Mich packt das Grauen der Allgemeinbildung, das nur durch das Grauen vor der Spezialbildung gesteigert werden kann, aber ich muss mich professionell beruhigen und darf von zwei Denkanstößen, die mir das Buch erteilt hat, berichten.
Da ich ein Egoist bin, haben beide mit meiner eigenen Arbeit zu tun. In einer der vorigen Kolumnen behauptete ich, Max Stirners Philosophie (Der Einzige und sein Eigentum) hätte in unseren Breiten die Massen ergriffen. Mit Freude las ich im vorliegenden Band Ausschnitte aus Deutschlandvermessung von Christian Schüle. Die Geschichte beginnt mit einem auratischen historischen Moment. Mag Goethe Napoleon begegnet sein und Nietzsche darüber gesagt haben: »Goethe hatte kein größeres Erlebnis, als jenes ens realissimum, das Napoleon heißt«, so konnte das ens realissimum unserer Tage durchaus bei einer unvermuteten Begegnung mit Helmut Kohl ans Licht kommen. »Er kam also an mir vorbei«, schreibt Schüle über Kohl, »und in der Tat füllte er den gesamten Luftraum des Cafés«. Der Kanzler, nachdem er artig die Beine unterm Tisch verstaut hatte (»Man sah weiße, unbehaarte Haut zwischen Hosensaum und Sockenende«), bestellte Rindklößchensuppe, die nicht vorrätig war. Er gab sich dann geduldig mit einem Ersatz zufrieden und löste im Betrachter Schüle die Wandlung aus: Nicht mehr der alte abgenudelte Spott gegen den Kohlschen Provinzialismus, sondern Sympathie und vor allem Einreihen in die deutsche Wertegemeinschaft, vermittels der Einsicht, »dass ich trotz allen Trotzes ein sehr deutsches Kind bin, ein Günstling des Vaterländers Helmut Kohl, der ohne weiteres begann, eine Karottensuppe zu löffeln, und das höchst manierlich«.
Man ist leicht ein anderer als der, der man zu sein glaubt
Mit Sympathie begegne ich Menschen, die das, was sie sind, auch in ihren Ansichten vertreten und die keine Ansichten haben, die sie durch die eigene Existenz Lügen strafen. Aber es macht Mühe zu sagen, wer man ist, weil man leicht ein anderer ist als der, der man zu sein glaubt. Schüle sagt, er sei ein »ICHling«, und hier kommt für mich Stirner ins Spiel. »Meine Sache«, deklarierte Stirner, »ist weder das Göttliche noch das Menschliche, ist nicht das Wahre, Gute, Rechte, Freie usw., sondern allein das Meinige, und sie ist keine allgemeine, sondern ist – einzig, wie Ich einzig bin. Mir geht nichts über Mich!« Bei Schüle lautet das: »Bezugsraum meiner Wahrnehmung bin ich allein.« Aber es gibt zwei signifikante Unterschiede zu Stirner: Schüle konstruiert aus seinem Ich allein ein Wir, die Generation der ICHlinge, und während Stirners Konzept triumphierend polemisch war, hat Schüles Wir-Ich etwas Melancholisches, einen Glauben »nur noch« an sich selbst.
Der zweite Anstoß kommt davon, dass ich dick bin. In dieser Eigenschaft will ich seit langem einen Text übers Abspecken und Kafkas Türhüterparabel schreiben. Abspecken nämlich ist das Einfache, das schwer zu machen ist, auch deshalb, weil man nicht leicht den ersten Schritt tut: Überall stehen Fachleute herum, mahnende Hungerkünstler, die in einem fort erklären, wie schwer das Abnehmen ist und wie unverzichtbar sie dafür sind. In Wahrheit braucht man nur durchs Tor hindurchzugehen und diese Türhüter hinter sich zu lassen. Wer abnehmen will, muss wissen, dass es schwer und zugleich einfach ist. »Esst endlich normal!«, nennt Udo Pollmer seine Überlegungen, die zeigen, wie sehr das Theater ums Dicksein ein Teil des Problems und nicht der Lösung ist.
Franz Schuh
- Datum 30.08.2006 - 11:53 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 31.08.2006, Nr. 36
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