Die Idee klang gut. Seit Jahrzehnten debattiert die Gesellschaft (und mit ihr diese Zeitung) über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie – warum also nicht mal die eigenen Kinder einen Tag lang in die Redaktion einladen, trotzdem arbeiten und sehen, was passiert? Die britische Zeitung The Guardian hatte das Experiment vor einem Monat gemacht. 17 Kinder kamen. Die Eltern gingen mit der Erkenntnis: »Nie wieder.« Mehr Bilder vom Kindertag sehen Sie hier » BILD

Wir entschieden uns, es dennoch zu wagen, in der Berliner Redaktion der ZEIT , wo das Hauptstadtbüro und das Ressort Leben arbeiten. Wir haben hier öfter Gäste. Vorstandsvorsitzende, Botschafter, Staatssekretäre. Manchmal kommen Minister zum Interview, alles Routine. Doch dieses Mal: Welch Aufregung, und das Tage im Voraus! Dabei würden nur die eigenen Kinder zu Besuch sein, eine vertraute Konstellation eigentlich. Aber jetzt? Fragen, Skepsis, Ängste, als die Rund-Mail kam, dass 19 Kinder erwartet würden, im Alter zwischen 1 und 16. Wie sichern wir die Steckdosen? Wer kocht? Wie sehen unsere Apfelsaftressourcen aus? Was, wenn wir unsere Seiten nicht pünktlich zum Druck kriegen? Und was, wenn mir einer den Rechner vom Schreibtisch reißt? Sind wir gegen so etwas überhaupt versichert?

Ein kinderloser Kollege fragte: »Aber die kommen doch nicht in mein Büro, oder?«

»Einen ganzen Tag lang tue ich mir das nicht an«, sagte eine Sekretärin, Mutter zweier Kinder.

Das Experiment war noch nicht gestartet, da lagen schon die ersten Ergebnisse vor: Es würde nicht nur um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie gehen; die handeln Mütter und Väter Tag für Tag untereinander aus, unterstützt oder behindert durch ihren Arbeitgeber und das so genannte Betriebsklima. Es stand ein clash of cultures bevor, ein Konflikt zwischen ökonomischer Effizienz der Eltern und kindlicher Verspieltheit, eine womöglich kathartische Klärung der Frage, wie weit Arbeits- und Familienwelten heutzutage auseinander liegen, zumal in einer Zeit, in der die Berufsbilder abstrakter werden, die Arbeitszeiten länger und die Urlaubstage weniger. Die Väter unter uns, tagsüber ja eher kinderlos, waren fröhlich gespannt – die Mütter warnten, dass es »ganz schön anstrengend« werden könnte. Sie haben da mehr Erfahrung.

Der Tag – es ist bezeichnenderweise jener, an dem wir unsere Feminismus-Ausgabe voranbringen wollen – beginnt dann sehr ruhig. Es ist kurz vor zehn, eine Kleine-Mädchen-Prozession mit großem Rosa-Anteil läuft scheu über den Flur. Die Großen fragen: »Na, wer bist du denn?« Die Kleinen sagen: »Valerie«, »Lilian«, »Jana«, »Leila«. Da ist noch dieses beidseitige Gefühl von Unbeholfenheit, das stets die Kurzbesuche in der Redaktion geprägt hat. Diese Bürobesichtigungen endeten dann auch immer recht schnell mit dem Satz: »Ja gut, wir gehen dann mal wieder.« Der ist heute verboten.

Die Kinder halten sich dicht an den elterlichen Beinen und begutachten die weißen Gänge. Für sie muss diese Bürolandschaft eine Steppe sein, ödes Teppichflachland, karg möbliert, mit Drehstühlen als einzigem Kinderspielplatz.

Meine Tochter Marie, fünf Jahre alt, sagt enttäuscht: »Ihr habt ja gar nicht geschmückt.«

Schon der Weg zur Arbeit war in ihren Augen vor allem eines: fremd. Die Ernstgesichter in der U-Bahn. Die kinderlose Friedrichstraße. Und jetzt diese Bürotristesse. Marie lädt einen gewaltig großen Rucksack ab, hatten wir unseren Kindern doch geraten, all das mitzubringen, was nötig sein könnte, um einen Tag lang in der fremden Arbeitswelt ihrer Eltern zu überleben. Die kindliche Einschätzung der Lage scheint ernst zu sein: Die Gäste kommen mit Malzeug, Büchern, Hörspielkassetten, Kartenspielen, Fußbällen, Legosteinen, Plastikdinosauriern, Bauklötzen, MP3-Playern, Carrerabahn. Die pessimistischen Mütter halten ein paar Videos und Kinder-DVDs in ihren Taschen versteckt.

Während die Kinder in den Büros der Eltern ihre Spielzeugdepots anlegen, wird das Klimpern aus der Teeküche immer lauter. Dem Drang der Erwachsenen zur Kaffeemaschine haftet an diesem Morgen etwas Drogensüchtiges an, die Warteschlange der Koffein-Junkies wirkt beinahe beschämend. Als wir Erwachsenen unser Nuckelzeug endlich beisammenhaben, fängt die Arbeit an.

Die Eltern trinken aus der Flasche und sagen dauernd »Scheiße«

Aber was ist das, »Arbeit«? Was kann so wichtig sein, dass die Eltern morgens um neun aus dem Haus gehen und erst abends um sieben wiederkommen? Und, auch das eine drängende Frage: Was ist ein »Chef«? Wer ist der Mann, der mit einem einzigen Anruf ein ganzes Wochenende beenden kann? Dem sogar der eigene Vater gehorchen muss?

»Der hat ja rote Haare…«, wispert ein Mädchen in der Morgenkonferenz.

Wir zählen die Kinder. Neun, zehn, elf. Es sind noch nicht alle da, einige haben vormittags Bibelwoche, andere nachmittags Geburtstagsfeiern. Es geht dann um »Seitenabgabe«, »Korrektorat« und »Umlayouten«, nur ein Wortrauschen für die Kinder. Dieses Rumsitzen soll »Arbeit« sein? Durchs Lamellenfenster fallen Lichtstreifen auf gelangweilte Gesichter. Erstes Nasepopeln, Kniekratzen. Mein Sohn Henri, ein Jahr alt, will runter von meinem Schoß. Er fängt an, sich zu winden, dann ächzt er, wirft sich ins Hohlkreuz – und ich habe erstmals einen Konflikt zwischen Vater-Identität und Kollegen-Identität. Als Vater würde ich ihn laufen lassen. Als Kollege fürchte ich, er könnte stören. Was aber halten die Kollegen von einem Vater, der sein Kind knebelt? Vom Sekretariat her ist dauernd der Türsummer zu hören, ein Mädchen sagt: »Das Klingeln macht mich noch verrückt!« Nach zehn Minuten sind die Großen unter sich, die Kinder beginnen mit der Hausdurchsuchung. Der Anblick des Büros eines Kollegen – es gleicht einer Altpapierdeponie – ist dabei nur der Auftakt eines Autoritätsverlustes, den wir Eltern nicht bedacht hatten. Warum noch das Kinderzimmer aufräumen, wenn es hier viel schlimmer aussieht? Überhaupt: Die Erwachsenen trinken aus Flaschen, verstecken Schokolade in ihren Schubladen und sagen dauernd »Scheiße«.

Gegen elf Uhr, die Konferenz ist zu Ende, breitet sich so etwas wie Euphorie in den Büros aus – ähnlich dem elterlichen Triumphgefühl daheim, wenn die Kinder endlich schlafen. »Geht doch«, lautet die geflüsterte Bilanz. Die Mädchen sitzen in trauter Runde und malen Wiesen, Blumen, Prinzessinnen. Die Jungs fahren Carrera. Ivo, sechs, sägt sich aus einem riesigen Druckerkarton ein Häuschen zurecht. Selbstvergessen werkelt er auf dem Flur. Eine kleine Umfrage in die Ruhe hinein: Was ist das nun, »Arbeit«? Valerie, drei, sagt: »Papa sitzt am Schreibtisch und liest und ruft einen an.« Joshua, vier, sagt: »Weiß ich nicht.« Lilian, sechs, sagt: »Mein Papa schreibt Zeitung.« Und wie geht das? »Na: einfach ausdrucken.«

Wenig später steht Lilian in der Tür des Ressortleiters und fragt: »Wieso bist du eigentlich der Chef hier?«

Ja, ähm. Bevor es zu einer Erklärung kommt, hat sie seinen Sessel geentert und spielt: Entlassen.

Der Chef spielt dann Carrera. Es sind an diesem Tag sehr kindliche Männer zu beobachten.

Die anfängliche Bibliothekenstille in unserer Redaktion währt nicht lange, schnell sind sich unsere Kinder selbst nicht mehr genug. Josephine, ein Jahr alt, räumt im Sekretariat erst die Hängeregister ihrer Mutter aus, dann kaut sie auf deren Handy. In der Fotoredaktion reißt Henri die Bildbände aus dem Regal, dumpf sind die Einschläge zu hören. Auf dem Flur entfaltet sich ein Fußballspiel mit Stadionatmosphäre. Die ersten Windeln müssen gewechselt werden. Telefonklingeln wird ignoriert. Im Konferenzraum hat ein Mädchen einen Sushi-Bestellzettel entdeckt. Lange studiert es die schönen, bunten Kleinigkeiten. Dann fragt es: »Papa, was ist das?« – »Das ist Sushi.« – »Was ist Zuschi?« – »Kalter Fisch.« – »Iiih!« Stadtrand trifft Hauptstadt an diesem Tag, nicht nur dieses eine Mal. Ein kinderloser Kollege (in grober Fehleinschätzung der Lage im blütenweißen Hemd erschienen) verschwindet unauffällig in die Mittagspause, die dann ungewöhnlich lange dauert. Die ersten Türen schließen sich. Die Kinder melden Hunger und Langeweile und hängen sich wieder an die Elternbeine. Eine Kollegin meint, im Büro sei es heute »wie zu Hause: Multitasking eben. Telefonieren und gleichzeitig gucken, dass sie nicht die Schränke ausräumen.« Eine Sekretärin sagt, sie sei »sehr angestrengt: Ich fühle mich für meine Kinder verantwortlich, ich will ja, dass die was zu tun haben – habe aber auch noch was zu tun.« Die Kollegen ohne Kinder bleiben ungestört, sofern sie sich nicht als Spielonkels und -tanten andienen. Einen kurzen Moment lang lasse ich Henri aus den Augen und gebe bei der Internet-Suchmaschine Google »Vereinbarkeit von Beruf und Familie« ein. 1150000 Treffer. »Atomausstieg« hat nur die Hälfte. Da ruft eine Kollegin in mein Büro: »Du, ist das dein Sohn, der da ans Spülmittel geht?« Es sind noch sechs Stunden.

Zum Glück klingelt in dem Moment der Pizzabote. Eine halbe Stunde Beschäftigung. Wir essen mit Händen. Der Boden füllt sich mit Krümeln, Ketchup-Broschen schmücken die Hemden.

Die erste Stunde nach dem Mittagessen fühlt sich ziemlich bleiern an. Der Nachmittag liegt vor uns wie ein graues Meer. Ein Schläfchen wäre jetzt nicht schlecht. Ein paar Gedanken in der Trägheit: Verrät das Auftreten der Kinder eigentlich den Charakter ihrer Eltern? Was sagen Lilians Chef-Spiele über das Hierarchieverständnis ihres Vaters? Wieso ist Willi so verschüchtert – erzählt seine Mutter nur Horrorgeschichten von der Arbeit? Bin ich der Distanzlosigkeit überführt, dadurch dass meine Tochter gerade auf dem Schoß einer Kollegin klettert?

Am frühen Nachmittag geht dann das Rumpeln los. Die Kinder haben eine neue Disziplin erfunden, den E-Mail-Wettlauf. Der geht so: In einem beliebigen Büro eine E-Mail abschicken, mit ihr um die Wette rennen zum Empfänger, von dort aus weiterleiten und so weiter. Trampelnd tragen sie Harmonie bis in die letzte Ecke, ihr Rennen läuft kreuz und quer durchs Haus, vom Hauptstadtbüro ins Leben , vom Kulturkorrespondenten zum Blattmacher, von Eltern über Nicht-Eltern zu Noch-nicht-Eltern, die Kinder versenden ihre Botschaften ohne Kenntnis der Hierarchien und Lebensentwürfe. Die Schulkinder schreiben: »lieber tomas wie geht’s? Wir haben hier viel Spaß mit der Email-Maschine! fdeswujikollpp44589 vvcxxxyaw das ist Quatsch!!!!!!« Die Kindergartenkinder schreiben »öödlsksöslö«. Zusehends bemächtigen sich Töchter und Söhne der Tastaturen und Telefone ihrer Eltern. Mütter werden angerufen. »…gibt viele Computer hier… der Kickertisch ist toll.« Leon und Moritz, beide 13, helfen dem Blattmacher beim Formulieren der Überschriften. Charlotte, 7, aktualisiert ihren Judo-Blog im Internet. Nina, 6, blockiert die Grafik und vertieft sich in die digitale Malerei.

Das liebste Spiel der Kinder: E-Mails abschicken und hinterher laufen

Wer Zeit hat, setzt sich dazu und hilft. Wer keine Zeit hat, wird langsam fickrig. Die Deadline – ein Wort, das an diesem Tag behutsam übersetzt werden muss – rückt näher. Wie jetzt die Kinder aus dem Büro kriegen? Eine Kollegin, wirklich im Stress, setzt meine Tochter als Briefbotin zwischen sechstem und siebtem Stockwerk ein und ist sie so für ein paar Minuten los. Der Chef holt Eis.

Plötzlich stehen zwei Frauen im Foyer. Kinder rufen »Mamaaa!« Ein Vater winkt grinsend aus dem Hintergrund und sagt: »Ich muss jetzt wirklich mal arbeiten.« Es ist vier Uhr nachmittags, ein Dammbruch setzt ein. Kinder verschwinden, Väter atmen durch. Aus 19Gästen werden 16, 15, 14, werden 10, 9, 8. Die Übriggebliebenen befällt eine Bräsigkeit, die man sonst nur spürt, wenn ein Kindergeburtstag in die letzte Runde geht. Die Luft ist schlecht. Die Zwillinge Naima und Shahira wälzen sich auf dem Teppich. Jakob weint nach einem Fußballstreifschuss. Der Fotograf vermisst ein Objektiv. Eine Mutter greift zum Narkotikum: Der kleine Eisbär auf Video. Die Kinder sammeln sich vorm Fernseher im Chefbüro. Anna, fünf, dämmert arglos auf dem Sofa weg, auf dem anderntags Personalgespräche geführt werden. Stille. Schnell noch einige Telefonate, eine Reisekostenabrechnung. Vom Politikflügel her riecht es nach Zigarre.

Ich setze mich an meinen Schreibtisch und ziehe das Archivmaterial zum Thema Vereinbarkeit von… heran – einen Papierstapel, dick wie ein Telefonbuch. Obenauf liegt eine Sammlung von Positivbeispielen: Ein Unternehmen in Schwaben pflanzt für jedes neue Kind seiner Mitarbeiter einen Baum; Kollegen halten junge Eltern während der Elternzeit mit Patenschaften auf dem Laufenden. Ein Handwerksbetrieb in der Oberpfalz gibt seinen Angestellten zwangsfrei, wenn die Kinder Geburtstag haben, eingeschult werden, Kommunion feiern. Doch das sind Ausnahmen, ich muss nur weiterblättern. »Ein Drittel der westdeutschen Frauen nimmt nach der Elternzeit ihre Erwerbsarbeit nicht wieder auf, da die angebotenen Arbeitszeiten nicht ihren Wünschen bzw. Möglichkeiten entsprechen«, lese ich in einer Studie des Familienministeriums. Dann die Statistiken: Die Zahl der unbezahlten Überstunden wächst, meldet das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung. 30 Prozent der Beschäftigten nutzen ihren Jahresurlaub nicht mehr vollständig aus, 28 Prozent der Selbstständigen nehmen im Jahreslauf nicht einen einzigen Tag Urlaub.

Und wir? Zugegeben: Wir haben nicht mehr getan, als einen Tag lang kinderkompatible Welt zu spielen und das dann journalistisch zu verwerten. Wir hatten vorgearbeitet und werden nacharbeiten können. Zwischen Pizza, Eis und Eisbär werden unsere Kinder kaum begriffen haben, was wir hier Tag für Tag tun und was daran wichtig sein könnte. Vielleicht haben wir Erwachsenen heute mehr erfahren als unsere Kinder: Wir waren allesamt weicher als sonst. Da war ein Zauber, der hoffentlich eine Zeit lang in den Räumen bleibt.

Sechs Uhr, die Phase des Flurplauschs beginnt, die blaue Stunde des Büroalltags, eine etwas zwielichtige, nur noch halb dienstliche Situation, in der manchmal bloß Zeit vertrödelt wird, manchmal aber auch Ideen entstehen und Weichen gestellt werden. Nicht jedoch heute. Der Film ist zu Ende. Henri taumelt über den Flur. Willi starrt mit gläsernen Augen ins Nichts. Anna wälzt sich auf dem Schoß ihres Vaters und brummt: »Will nach Hause.«

So früh war schon lange nicht mehr Schluss.

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