Gesundheit Kassenpatient bei der TUI

Reiseveranstalter locken mit Präventionsprogrammen, die bezuschusst werden

Als Peer Steinbrück mitten in den Sommerferien vorschlug, die Deutschen sollten die eine oder andere Urlaubsreise unterlassen, um das gesparte Geld für Alter, Gesundheit und Pflege auszugeben, erntete er den vorhersehbaren Sturm der Entrüstung. Doch während der Bundesfinanzminister den Verzicht predigt und sich um die Zukunft der Sozialversicherungssysteme sorgt, haben findige Reiseveranstalter eine Idee zur Serienreife entwickelt, die Urlaub, Gesundheit und Genuss mit einem erklecklichen Zuschuss von der Krankenkasse kombiniert.

Vorreiter ist die TUI, die seit dem Frühjahr mit den gesetzlichen Krankenkassen DAK und KKH kooperiert: Der aktuelle Gesundheits- und Wellness-Katalog Vital enthält erstmals mehr als 30 Programme, die als Präventionsmaßnahmen von den Kassen anerkannt sind. KKH-Versicherte, die sich im Hotel Bon Sol auf Mallorca dem Vorsorgepaket »Bewegung mit Qi Gong und Yoga« unterziehen, werden dafür mit 150 Euro unterstützt. Mit derselben Summe bezuschusst die DAK zum Beispiel in Bad Wurzach das Programm »Bewegung und Entspannung«, das mit Nordic Walking, progressiver Muskelentspannung, Stress-Seminar und diversen Massagen aufwartet. Generell gibt es maximal einmal im Jahr 75 Euro, deckt aber ein Kurs zwei Aspekte ab, sind es 150 Euro.

Den Kassenpatienten macht es Deutschlands führender Reiseveranstalter denkbar einfach: Dank der Kooperation mit KKH und DAK reichen die Urlauber ihre Teilnahmebescheinigung nach der Heimkehr bei ihrer Krankenkasse ein und erhalten den Zuschuss. »Das ist schließlich nicht 08/15-Wellness«, sagt TUI-Vital-Manager Mehdi Langanke, »sondern das sind von den Kassen zertifizierte Kurse, die die Qualitätsstandards unserer Partner erfüllen.«

Präventionsmaßnahmen gehören erst seit dem Jahr 2000 wieder zum Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen. Knapp 150 Millionen Euro wurden 2004 für Maßnahmen zur Gesundheitsvorsorge aufgewendet, zumeist in Angebote am Wohnort. »Durch die Integration in einen Urlaub schaffen wir neue Anreize, diese Prävention auch zu nutzen«, sagt DAK-Sprecherin Nina Waldheim. »Es ist doch egal, ob die Versicherten diese Programme nach Feierabend oder im Urlaub machen, Hauptsache, sie tun es überhaupt.« Die Nachfrage nach den Kassenleistungen im privaten Wellness-Urlaub ist der DAK zufolge höher als erwartet.

Für die TUI ist die konzertierte Aktion mit den beiden Krankenkassen schon kurz nach dem Start ein Erfolg. Im neuen Winterkatalog wächst die Angebotspalette um 50 Prozent, außerdem sind erstmals Kurzreisen zu haben. Die Krankenkassen-Siegel im Katalog verleihen dem Vital-Programm quasi medizinische Weihen – ein erheblicher Wettbewerbsvorteil in einem Markt, dessen zentrales Lockmittel »Wellness« längst verwässert ist. Seriöse Anbieter grenzen sich inzwischen mit dem Schlagwort »Medical Wellness« ab, mit 1,6 Millionen Kunden im vergangenen Jahr ein stetig wachsender Markt.

»Wir bewegen uns von der Wellness zum Gesundheitsurlaub, und diesen Weg werden wir nicht verlassen«, sagt TUI-Manager Langanke. Auch Dertour und der Kurspezialist Fit-Reisen werben neuerdings mit Arrangements, die als Präventionsmaßnahmen anerkannt und bezuschusst werden. Allerdings müssen sich Versicherte bei diesen Angeboten vor der Reise bei ihrer Krankenkasse erkundigen, ob sie die Kosten für einen Nordic-Walking-Kurs oder ein fünftägiges Herz-Kreislauf-Training in Warnemünde bezuschusst.

Zwar sind die meisten Kassen dem Vorbild von DAK und KKH gefolgt und halten derartige Programme für förderungswürdig – aber nicht alle: So bezuschusst die AOK Rheinland/Hamburg grundsätzlich keine Präventionsmaßnahmen im Wellness-Urlaub. »Laut Gesetz sollen Präventionsmaßnahmen nachhaltig sein, die Teilnehmer sollen das Gelernte anschließend in ihren Alltag einbauen«, sagt AOK-Sprecherin Ellen von Itter. »Dafür taugt aber das Urlaubsumfeld aus unserer Sicht nicht.«

Vorsorgemaßnahmen, so forderte Gesundheitsministerin Ulla Schmidt, sollten vorrangig sozial bedingte Ungleichheit von Gesundheitschancen abbauen. Allerdings ist nichts davon bekannt, dass sich diese Zielgruppe nun in den teuren Wellness-Oasen tummelt – nur weil anschließend 150 Euro Kassenzuschuss winken.

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Leser-Kommentare
  1. Als Hartz IV Empfänger sollte man überhaupt nicht nach Mallorca, in den Urlaub oder sonst wohin. Woher nehmen wir uns das Recht heraus, dass man als Arbeitsloser Urlaubsansprüche geltend machen kann? In anderen Ländern verhungert man, wenn man arbeitslos ist.

  2. Welcher Hartz IV-Empfänger kann sich einen Wellness-Urlaub auf Malle leisten.
    Welche Witwe...´
    ...
    Erstaunlich, wofür die GKV Geld ausgibt.

  3. Die TUI sollte in ihren Fliegern lieber mal den Sitzabstand vergrößern.Das würde für die Gesundheit ihrer Kundschaft das meiste bringen.

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