Roman Im Zwielicht

John Banville erzählt betörend vom Glück und vom Tod.

Man kann ein Gemälde betrachten und sich aufs Abendessen freuen; man kann eine Symphonie hören und an Sex denken – und dabei doch eine künstlerische Erfahrung machen, trotz Ablenkung. Aber ein Gedicht, ohne volle Konzentration gelesen, bleibt ein totes Ding, dem die notwendige Inspiration unserer Aufmerksamkeit fehlt«, schrieb der irische Erzähler John Banville kürzlich in einem Essay. Es war zweifellos auch ein Hinweis für Banville-Leser: Wenn ihr nicht mit allem, was ihr habt, meine romanförmige Elegie beseelt und begeistert, also mit leuchtenden Luftgeistern und zwielichtigen Chimären verseht, dann liegt euch Die See wie Blei vor den Augen und in der Hand, grau und schwer.

So muss es manchen professionellen Lesern gegangen sein, die nicht damit einverstanden waren, dass John Banvilles The Sea bei der Vergabe des Booker-Preises im vergangenen Jahr den Vorzug erhielt vor Kazuo Ishiguro und seinem Roman Never let me go. Mehr sprachliches Feuerwerk als gefühlte Emotionen, so lässt sich die Kritik zusammenfassen. Die Begeisterten andererseits schwärmen von einer sinnlich übervollen Vorstellungswelt, von Gerüchen und Geräuschen, von Sound und Sinn. Die einen sind gelangweilt, die anderen hin und weg. Wie kommt das?

Der Strand, die Dünen, die Wellen und eine erste Liebe

John Banville bewegt sich auf dem schmalen Grat, wo existenzielle Erfahrung und experimentelle Dramaturgie zusammenfinden. Ein einundsechzig Jahre alter Mann namens Max, der seine Frau Anna durch eine Krebskrankheit verloren hat, ist zurückgekehrt an den Ferienort seiner Kindheit, wo er Trost sucht und Erinnerung, wo er abtaucht in die Vergangenheit und wo er den untergründigen Verbindungen nachsinnt, welche die Teile seines Lebens zusammenhalten. Vier Zeitebenen werden dabei miteinander verschränkt, oft unmerklich, manchmal in einem Satz ineinander übergehend: die Gegenwart des Erzählers, zusammen mit einem alten Oberst und der Vermieterin in einem Ferienort an der irischen Küste namens Ballyless, dann die qualvolle Zeit des Sterbens seiner Frau Anna, zuvor die Hochzeit und die gemeinsamen glücklichen Jahre; dann der weiteste Weg zurück, die Kernzeit sozusagen – die Begegnung des elfjährigen Max mit der Familie Grace im Urlaub vor fünfzig Jahren in ebenjenem Ballyless, im Haus Zu den Zedern.

Damals war alles Zwielicht und Betörung, alles war auf dem Sprung, sich zu verwandeln; der Strand, die Dünen, die Wellen, der Saum des zurückfließenden Wassers, immer wieder erzeugen die Bahnen des schräg durch die Wolken brechenden Lichts neue Formationen, die dem Begehren des Knaben eine adäquate Gestalt geben. Erst hat es ihm die Mutter Connie Grace angetan, mit dem Beinschnitt ihres schwarzen Badeanzugs, mit dem Geruch ihres dunklen Haares, mit ihrer lasziven Pose im Sand. Dann freundet er sich mit dem stummen Myles an, der wie ein Poltergeist jeder Familienszene seine Grimasse aufsetzt, tumb oder alles ahnend und aufs engste mit seiner Zwillingsschwester Chloe koordiniert. Sie agiert für zwei, spontan, selbstbewusst, ein dünnes eigenwilliges Wesen, so alt wie Max, erst abweisend, dann kameradschaftlich. Irgendwann schwenken dessen Sinne um, von der Mutter zur Tochter, und es kommt zu einem Kuss im Kino und zum Streicheln nackter Haut. Doch so viel Glück erlauben die Götter im Leben nur einmal, weswegen sie verschwinden, nicht ohne ihre Spuren zurückzulassen, lesbar dem nur, der sie zu beseelen, zu inspirieren bereit ist.

Der alte Max ist bereit. Der Roman beginnt mit dem schönen, ein wenig bedeutungsschweren Satz: »Sie sind gegangen, die Götter, am Tag dieser eigentümlichen Flut.« Später, ganz am Ende erst, werden wir erfahren, dass Myles und Chloe verschwunden sind, ins Wasser gegangen, in einem acte gratuit, unverständlich, von einer höheren Macht getrieben, wie Götter eben. Doch bis dahin lernen wir, dass die See selbst ein spätes Territorium der Götter ist und dass Max zurückgekehrt ist, um sie wiederzufinden – in einem Akt der einbildungsstarken Erinnerung, der dieses Buch ist. Ebendeshalb ist hier nichts nur Beschreibung oder vorwärts treibende Handlung, alles ist in Verwandlung begriffen, zeitlos und äußerst beweglich, in einer Verwandlung, die sich literarisch in einer subtil durchkomponierten Sprache ausdrückt. Doch wenn der Leser den Faden der metaphorischen Einbildung aus der Hand gleiten lässt, ist er bloß noch in einer stummen Szene, einem Romanprospekt, vielleicht voll Kunstfertigkeit, aber ohne Zauber.

Man kann den Roman dieses klugen Romanciers, der sich, obwohl jahrelang Literaturchef der Irish Times, Joyce und Beckett näher weiß als Roddy Doyle oder Frank McCourt, man kann an diesem Roman die Anspielungen auf Ovid und Proust und Shakespeare goutieren; man kann darin Variationen der vierzehn vorangegangenen Romane sehen (besonders des Romans Sonnenfinsternis von 2002), aber mit Genuss lesen kann man ihn nur mit der Bereitschaft, das Irdische in einem göttlichen Zwielicht aufgehoben zu finden.

Max leidet unter einer schweren Depression, verursacht vom Tod seiner Frau, die ihn ein frühes Glück halluzinieren lässt, dem der Tod von Anfang an innewohnt. Natürlich ist vom Reich des Pluto die Rede und vom Erzähler als »leierlosem Orpheus«, doch das ist schon überflüssig zu sagen. Die metaphorischen und mythologischen Fäden laufen ungleich feiner – und man muss zugeben, manchmal auch zu fein, im Sinne von zu gewollt und zu gut gekonnt. So ist der Name des Facharztes, zu dem Max mit seiner Frau Anna zur ersten Untersuchung geht, »Mr Todd«. »Ein geschmackloser Scherz eines polyglotten Schicksals«, heißt es da, »anders kann man das nicht sehen. Es hätte auch noch schlimmer kommen können. Im Niederländischen gibt es den Namen t’Od, mit dieser schicken Binnenmajuskel und dem apotropäischen Apostroph, von dem sich niemand in die Irre führen lässt.« – Oder wenn die eigenen verkorksten Eltern als durchsichtig für den snobistischen Sohn beschrieben werden, als »transparente Parentes«; warum nicht gleich als Trans-Parentes? Hier spürt man natürlich, welche schwere Aufgabe die erfahrene Übersetzerin Christa Schuenke zu lösen hatte. Das geht nicht ohne Manierismen ab, wenn man für die ihrerseits schon manieristischen poetischen Volten Banvilles Entsprechungen sucht. So knirscht die Klaviertastatur im alten Golf-Hotel unangenehm in den Ohren, wenn sie als »zahnlückenklaffende Tastengrimasse« (the gapped grimace of its keys) beschrieben wird. Das meiste gelingt Christa Schuenke allerdings mit leichter Hand. An ihr liegt es keineswegs, wenn man gelegentlich zu viel Künstlichkeit im Kunstwerk zu bemerken meint.

Zwei Vorzüge und eine kleine Enttäuschung seien noch angemerkt. Die Szenen einer Ehe, die einen kleinen Roman im Roman bilden, zumal die Zeit des Sterbens von Anna, ist mit einer ergreifenden Genauigkeit des Ausdrucks dargestellt. Man wird unmittelbar Zeuge der Ausweglosigkeit und tief hineingesogen in diese Welt der Verzweiflung, die ihre Fortsetzung und ihren Ausgang in der Erinnerung an Ballyless findet. Traumwandlerisch bewegt sich Banville in diesem Zwischenreich von Glück und Tod, das den ganzen Roman prägt.

Hier die armseligen Verhältnisse, dort das Luftreich der Geister

Ein anderes ist die soziale und familiäre Grundsituation von Max, die für eine Art Erdung des beschworenen Geisterreichs sorgt. Max stammt aus armseligen Verhältnissen. Eine scheu verhutzelte Mutter, ein grobknochig brachialer Vater, gefühlsarm beide, vielleicht auch nur in der Perspektive eines Kindes, das den Glamour der Mittelstandsfamilie Grace erlebt wie ein höfisches Fest auf einem Gemälde von Fragonard. Und mit Anna heiratet der kunsthistorisch dilettierende Max auch eine schöne und reiche Erbin, die die Anknüpfung an frühe Träume erlaubt. Natürlich erfahren wir das nur aus der Perspektive des depressiven alten Mannes, aber es gibt dem ganzen mythisch aufgeladenen Prospekt einen Halt im Realen – sodass eine gewisse Balance gewahrt ist.

Aus dem Gleichgewicht kippt der Roman allerdings auf den letzten zwanzig Seiten. Hier passiert mehr als auf den vorhergehenden zweihundert zusammen. Wie bei einem Krimi, oder passender mit dem englischen Doppelsinn: wie bei einer mystery novel schießen die offenen Fäden erstaunlich konsistent zusammen. Das soll hier nicht erzählt werden, aber dieses plotreiche Ende des Romans, teils krimi-, teils shakespeareartig, ist seltsam für eine Geschichte von jugendlichem Begehren und später Depression, für eine Meditation über Eros und Tod. Tatsächlich steht am Ende auch ein so kurzer wie berühmter Shakespeare-Satz. Nachdem Max am Strand Zeuge des Untergangs der Zwillinge wurde, eilt er ins Ferienhaus zu den Eltern. »Ich bewegte mich durch die Räume, als wäre ich selbst aus Luft, ein schwebender Geist, ein freigelassener Ariel, der sich verirrt hat.« Die drei stehen still, dann stellt mit dem letzten Satz des Abschnitts – ja wer? der junge Max? der alte? oder John Banville uns? die berühmte Ariel-Frage aus dem Sturm: Was’t well done? (Macht’ ich es gut?) Im Sturm löst sich die Geschichte mit diesem letzten Satz Ariels in Wohlgefallen auf. In Die See steht er anstelle einer Todesnachricht. Will der Erzähler eine Antwort? Bei Shakespeare antwortet Prospero: Bravely, my diligence. Thou shalt be free . Und wir, die wir uns den erzählerischen Luftgeist Banville herangeholt haben, stehen nicht an, dies mit Murren und Mäkeln zu unterbieten: Gut gemacht, diese Gratwanderung zwischen existenzieller Erfahrung und experimenteller Dramaturgie. Unsere Nachsicht setze Euch frei.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 31.08.2006, Nr. 36
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    • Schlagworte Roman | Literatur | Roddy Doyle | Kazuo Ishiguro | Frank McCourt
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