Blass und müde liegt Stefan Huber ( Name von der Redaktion geändert ) in den Armen seiner Mutter. Der Dreijährige hat seit dem Vortag nichts mehr gegessen, und am Morgen hat er sogar einen Schluck Wasser gleich wieder ausgespuckt. Unruhig läuft Frau Huber vor der blauen Tür mit der Aufschrift »Nothilfe« hin und her. Es ist Sonntag, und im Wartezimmer des Kinderhauses des Städtischen Klinikums Harlaching in München drängen sich weitere Eltern und Kinder. BILD

Endlich bittet der Kinderarzt Guido Krandick Frau Huber herein. Nervös berichtet sie von den Symptomen des Jungen. »Das habe ich bei Stefan noch nie erlebt. Ich wusste gar nicht, was ich machen sollte«, sagt die Mutter. Der Pädiater zeigt sich wenig beeindruckt. Mit ruhiger Stimme erklärt er, dass Durchfall und Erbrechen bei Kleinkindern häufig vorkommen und meist harmlos seien. Tee, Zwieback, Bananen solle der Kleine zu sich nehmen, dann gebe sich das in wenigen Tagen von selbst. »Sie haben mich sehr beruhigt«, sagt Frau Huber dankbar.

»Die Verunsicherung ist groß«, sagt Krandick, der seit sechs Jahren in einer Münchner Praxis arbeitet und regelmäßig den Kindernotdienst der niedergelassenen Pädiater in Harlaching übernimmt. Immer weniger Mütter würden sich zutrauen, dem Kind ein Hausmittel oder eine zusätzliche Portion Schlaf zu verordnen und abzuwarten, bis der Nachwuchs ganz allein wieder auf die Beine kommt. Eltern sind schnell alarmiert – und das nicht nur, wenn das Kind kränkelt. Jede Abweichung von der Norm wird registriert und begutachtet.

Kämpften Kinderärzte vor hundert Jahren oft noch um Leben und Tod ihrer Patienten (siehe Grafik), geht es heute vor allem darum, dass sich der Nachwuchs optimal entwickelt. »Jedes Kind muss ein Erfolg werden«, sagt Krandick, Obmann des Berufsverbands der Kinderärzte München. Der Leistungsdruck ist enorm, vonseiten der Kindergärten, der Schulen, anderer Eltern. Wenn das Nachbarskind früher läuft als das eigene oder besser spricht, fürchten Mütter und Väter, dass ihr Nachwuchs nicht mithalten kann. »Sagen Erzieherinnen, dass der lispelnde Sohn dringend zum Logopäden muss, lassen sich Eltern kaum beruhigen«, sagt Krandick. Den Satz »Das wächst sich aus« mag niemand mehr hören. BILD

Wann brauchen Kinder einen Arzt? Was ist normal? Was ist auffällig? Die Grenze zwischen gesund und krank wird bei den Kleinen neu abgesteckt. Das hat viele Gründe. Zum einen fehlt den Eltern heute oft der Rückhalt in der Familie. Es gibt keine Großmutter in der Nähe, die den Müttern und Vätern mit ihrer Erfahrung zur Seite steht. Zum anderen werden die Eltern mit Informationen aus Ratgebern, Internet-Seiten und Zeitungen überschüttet und bleiben verwirrt zurück. Hinzu kommt, dass Mutter, Vater und Kind heute unter Leistungsdruck stehen. Der Nachwuchs muss sich optimal entwickeln, um später in der Gesellschaft eine Chance zu haben. Die Folge: Ein Viertel der Kinder in Deutschland wird in den ersten acht Lebensjahren zu mindestens einer Fördertherapie geschickt.

Von allen Seiten werden Eltern mit Ratschlägen versorgt. Journalisten, Buchautoren und Betreiber von Internet-Plattformen machen den Pädiatern Konkurrenz. Ein hilfs- und heilmedizinisches Heer aus Hebammen und Ergotherapeuten, Ernährungsberatern, Logopäden und Naturheilkundlern bestimmt heute mit, was für Kinder sinnvoll und nützlich ist. Nach Information der Frankfurter Buchmesse bieten 284 Verlage Titel zum Thema Kinderpflege an. Beim Internet-Buchhandel Amazon gibt es allein zu den klassischen Kinderkrankheiten 190 Bücher im Angebot, zum Aufmerksamkeits-Defizitsyndrom (ADS) finden sich 139 Ratgeber in den Regalen des Großversenders. BILD

Die Mindestzeit des Stillens (reicht ein halbes Jahr, oder muss es länger sein?), die medizinisch wertvollste Form des Schnullers (Kirschkern, Brustwarzendesign oder kieferorthopädisches Modell?) oder der richtige Ersatz für Kuhmilch im ersten Jahr (darf es Fertigmilch sein, oder muss ein spezieller Cocktail aus Reismilch und Mandelmus her?) entzweit die Ratgeber in Sachen Kindergesundheit. Während manche Hebamme vor dem Impfen warnt, beschreibt mancher Arzt die Kinderkrankheiten, die ohne die Vorsorge eintreten können, mit dramatischen Worten.