Patient Kind Kleine Kinder, große Sorgen
Eltern wollen, dass sich ihr Nachwuchs optimal entwickelt. Jede Auffälligkeit wird begutachtet, jede Schwäche sofort therapiert. Die Grenze zwischen gesund und krank wird neu abgesteckt.
Blass und müde liegt Stefan Huber ( Name von der Redaktion geändert ) in den Armen seiner Mutter. Der Dreijährige hat seit dem Vortag nichts mehr gegessen, und am Morgen hat er sogar einen Schluck Wasser gleich wieder ausgespuckt. Unruhig läuft Frau Huber vor der blauen Tür mit der Aufschrift »Nothilfe« hin und her. Es ist Sonntag, und im Wartezimmer des Kinderhauses des Städtischen Klinikums Harlaching in München drängen sich weitere Eltern und Kinder.
Endlich bittet der Kinderarzt Guido Krandick Frau Huber herein. Nervös berichtet sie von den Symptomen des Jungen. »Das habe ich bei Stefan noch nie erlebt. Ich wusste gar nicht, was ich machen sollte«, sagt die Mutter. Der Pädiater zeigt sich wenig beeindruckt. Mit ruhiger Stimme erklärt er, dass Durchfall und Erbrechen bei Kleinkindern häufig vorkommen und meist harmlos seien. Tee, Zwieback, Bananen solle der Kleine zu sich nehmen, dann gebe sich das in wenigen Tagen von selbst. »Sie haben mich sehr beruhigt«, sagt Frau Huber dankbar.
»Die Verunsicherung ist groß«, sagt Krandick, der seit sechs Jahren in einer Münchner Praxis arbeitet und regelmäßig den Kindernotdienst der niedergelassenen Pädiater in Harlaching übernimmt. Immer weniger Mütter würden sich zutrauen, dem Kind ein Hausmittel oder eine zusätzliche Portion Schlaf zu verordnen und abzuwarten, bis der Nachwuchs ganz allein wieder auf die Beine kommt. Eltern sind schnell alarmiert – und das nicht nur, wenn das Kind kränkelt. Jede Abweichung von der Norm wird registriert und begutachtet.
Kämpften Kinderärzte vor hundert Jahren oft noch um Leben und Tod ihrer Patienten (siehe Grafik), geht es heute vor allem darum, dass sich der Nachwuchs optimal entwickelt. »Jedes Kind muss ein Erfolg werden«, sagt Krandick, Obmann des Berufsverbands der Kinderärzte München. Der Leistungsdruck ist enorm, vonseiten der Kindergärten, der Schulen, anderer Eltern. Wenn das Nachbarskind früher läuft als das eigene oder besser spricht, fürchten Mütter und Väter, dass ihr Nachwuchs nicht mithalten kann. »Sagen Erzieherinnen, dass der lispelnde Sohn dringend zum Logopäden muss, lassen sich Eltern kaum beruhigen«, sagt Krandick. Den Satz »Das wächst sich aus« mag niemand mehr hören.
Wann brauchen Kinder einen Arzt? Was ist normal? Was ist auffällig? Die Grenze zwischen gesund und krank wird bei den Kleinen neu abgesteckt. Das hat viele Gründe. Zum einen fehlt den Eltern heute oft der Rückhalt in der Familie. Es gibt keine Großmutter in der Nähe, die den Müttern und Vätern mit ihrer Erfahrung zur Seite steht. Zum anderen werden die Eltern mit Informationen aus Ratgebern, Internet-Seiten und Zeitungen überschüttet und bleiben verwirrt zurück. Hinzu kommt, dass Mutter, Vater und Kind heute unter Leistungsdruck stehen. Der Nachwuchs muss sich optimal entwickeln, um später in der Gesellschaft eine Chance zu haben. Die Folge: Ein Viertel der Kinder in Deutschland wird in den ersten acht Lebensjahren zu mindestens einer Fördertherapie geschickt.
Von allen Seiten werden Eltern mit Ratschlägen versorgt. Journalisten, Buchautoren und Betreiber von Internet-Plattformen machen den Pädiatern Konkurrenz. Ein hilfs- und heilmedizinisches Heer aus Hebammen und Ergotherapeuten, Ernährungsberatern, Logopäden und Naturheilkundlern bestimmt heute mit, was für Kinder sinnvoll und nützlich ist. Nach Information der Frankfurter Buchmesse bieten 284 Verlage Titel zum Thema Kinderpflege an. Beim Internet-Buchhandel Amazon gibt es allein zu den klassischen Kinderkrankheiten 190 Bücher im Angebot, zum Aufmerksamkeits-Defizitsyndrom (ADS) finden sich 139 Ratgeber in den Regalen des Großversenders.
Die Mindestzeit des Stillens (reicht ein halbes Jahr, oder muss es länger sein?), die medizinisch wertvollste Form des Schnullers (Kirschkern, Brustwarzendesign oder kieferorthopädisches Modell?) oder der richtige Ersatz für Kuhmilch im ersten Jahr (darf es Fertigmilch sein, oder muss ein spezieller Cocktail aus Reismilch und Mandelmus her?) entzweit die Ratgeber in Sachen Kindergesundheit. Während manche Hebamme vor dem Impfen warnt, beschreibt mancher Arzt die Kinderkrankheiten, die ohne die Vorsorge eintreten können, mit dramatischen Worten.
Die Kakofonie der Empfehlungen vermittelt vielen Eltern das Gefühl, ständig etwas falsch zu machen, und bringt sie gleichzeitig dazu, jedem Rat zu misstrauen. In der Praxis des Hamburger Kinderarztes Christoph Runge ist dies ein alltägliches Problem. Der Pädiater hat sich auf Lungenkrankheiten spezialisiert und therapiert asthmakranke Kinder oft mit dem von Eltern gefürchteten Medikament Kortison. Nur in hohen Dosen führt das Hormonpräparat zu Wachstumsstörungen, Gewichtszunahme und einem aufgeschwemmten Gesicht. In kleinen Mengen ist es weitgehend unschädlich. Einige Mütter und Väter trauen dem Unterschied jedoch nicht und setzen das oft segensreiche Medikament auf ihrer Liste der kindergefährdenden Substanzen ganz nach oben.
Heute muss Runge sich besonders anstrengen, dem Kortison sein schlechtes Image zu nehmen. Zwei Tage zuvor wurde eine US-amerikanische Untersuchung über die Langzeitfolgen des Medikaments bekannt, und das Paar, das nun mit einem Kind im Arm vor ihm sitzt, hat darüber gelesen. Es entspinnt sich eine Debatte über die Ergebnisse der Studie im Allgemeinen und den Fall seines Kindes im Besonderen, bevor das Paar überzeugt ist, dass der Doktor ihrem Sohn nichts Böses will.
Der Einfluss der Medien auf die Eltern sei enorm, sagt Runge. Selbst scheinbare Konstanten im Elternverhalten wie die Impfskepsis können plötzlich ins Gegenteil umschlagen, wenn das Fernsehen von einer Masernepidemie berichtet: Dann sitzen im Wartezimmer plötzlich Mütter und Väter, die bereits ihre wenige Wochen alten Säuglinge gegen die Krankheit immunisieren wollen – viele Monate bevor die Impfung ansteht.
Besonders beunruhigt sind Eltern heute bei Kinderkrankheiten, die früher gar kein Thema waren. Statt akuter Infektionen beschäftigen sie chronische Erkrankungen, statt körperlicher psychische Leiden. Entwicklungsabweichungen, Auffälligkeiten im Sozialverhalten oder Aufmerksamkeitsdefizitstörungen (ADS oder ADHS). Die Zahlen, mit denen Experten jonglieren, sind erschreckend. Je nach Studie sollen zwischen einem und 26 Prozent der Kinder an der Zappelphilipp-Krankheit leiden. Fest steht, dass immer mehr kleine Patienten mit dem Wirkstoff Methylphenidat (zum Beispiel Ritalin) therapiert werden: Wurden 1994 in Deutschland nur 1,3 Millionen Tagesdosen der Arznei verschrieben, waren es zehn Jahre später 25,8 Millionen. Die Menge reicht aus, um mehr als 700.000 Kinder ein Jahr lang täglich zu behandeln.
Eltern und Ärzte fragen sich, ob diese neuen Krankheiten nur eine Modeerscheinung sind. Schaffen sich Therapeuten ihre Patienten selbst, indem sie die Probleme gewaltig übertreiben? Beachten wir Verhaltensabweichungen mehr als früher? Oder haben wir es tatsächlich mit neuen Krankheiten zu tun? Die Antwort ist wohl: Alles ein bisschen.
Kinder wachsen heute anders auf als früher. »Ein ganz großes Problem ist der exzessive Fernsehkonsum«, sagt Karl Bergmann, Präsident der Kaiserin Auguste Victoria Gesellschaft für Präventive Pädiatrie. In manchen Familien laufe die Glotze den ganzen Tag. »Das ist vergleichbar mit einer Fehlernährung: Wenn Sie nur Süßes essen, werden Sie zwar satt, aber es fehlen Ihnen wichtige Nährstoffe«, sagt der Pädiater. Dauerfernsehen sei eine Art geistige und seelische Fehlernährung. Schon in der vierten Klasse hat heute mehr als ein Drittel der Kinder ein eigenes Fernsehgerät im Zimmer. Kinder zwischen sechs und neun Jahren sehen durchschnittlich 92 Minuten fern, zwischen drei und fünf Jahren 70 Minuten.
Statt ihrem Kind vorzulesen, schieben Eltern oft eine Märchen-CD ein und glauben, damit die Sprachentwicklung der Kinder zu fördern. Manche Mütter und Väter erleben es regelrecht als Einschränkung ihrer Lebensqualität, wenn sie selbst mit den Kleinen spielen müssen. Da überrascht es nicht, dass bei der Schuleingangsuntersuchung 2004 in Nordrhein-Westfalen fast 24,8 Prozent der Jungen und 17,5 Prozent der Mädchen an Sprachstörungen litten.
»Kinderärzte werden immer mehr zu Erziehungsberatern«, beobachtet Harald Bode, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin . Eltern hätten zunehmend Probleme, klare Regeln aufzustellen. So hätten die Kleinen gar keine Möglichkeit mehr, zu lernen, selbst Pflichten und Verantwortung zu übernehmen. Besonders bei älteren Müttern stellt Elke Leonhardt, Kinderärztin im Ostberliner Stadtteil Prenzlauer Berg, regelrechte »Berührungsängste« fest, etwa wenn sie im Behandlungszimmer die Eltern darum bittet, ihre Kinder zur Untersuchung auszuziehen. Statt sich durchzusetzen, erklären Mütter und Väter dem Nachwuchs minutenlang, warum sie die Kleidung ablegen müssen. Der »natürliche Umgang« mit Kindern sei verloren gegangen, beobachtet Kinderärztin Leonhardt.
Wo müssen sich Kinder entfalten können? Wo brauchen sie Grenzen? Was kann man Kindern zumuten, und wovor sollte man sie schützen? Viele Eltern trauen sich heute nicht mehr zu, diese Fragen intuitiv zu beantworten. Dafür gibt es Gründe: Viele Mütter und Väter haben vor der Geburt ihres Kindes nie ein Baby in den Armen gehalten. Und auf diesen Nachwuchs werden nun alle Hoffnungen und Ängste konzentriert. Vor allem Eltern, die lange auf ihr einziges Kind gewartet haben, sind ängstlich. »Es geht immer weniger um das Wohl der Kinder, sondern nur noch um das Wohl des eigenen Kindes. Alle anderen sind Konkurrenten«, sagt Remo Largo, ehemals Leiter der Abteilung Wachstum und Entwicklung am Kinderspital in Zürich. Die Eltern sind existenziell verunsichert und fürchten, dass ihre Kinder in der heutigen Gesellschaft nicht bestehen können. Das geht sogar so weit, dass Eltern in die Praxis der Pädiater kommen und fragen, ob zum Beispiel die Osteopathie – eine Therapie, bei der Krankheiten manuell behandelt werden – ihrem gesunden Kind »irgendwie nützen« könne. Man habe so viel Gutes darüber gehört.
Leicht geraten die Kleinen in eine Mühle von Korrekturmaßnahmen. Wenn sie mit zehn Monaten noch nicht laufen können, bekommen sie eine Lauflernhilfe, obwohl der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte erst kürzlich vor Unfällen mit diesen Geräten warnte. Ein Kind, das nicht bastelt oder keine Bilder malt, kommt zur Ergotherapie, wer stottert, wird zum Logopäden geschickt. In Zürich erhalten von allen Kindern in der ersten bis dritten Klasse fast 60 Prozent eine Fördermaßnahme oder eine Therapie.
Natürlich sei es sinnvoll, mit einem ungeschickten Kind das Ballspielen zu üben, damit es weniger gehänselt werde, sagt der Zürcher Pädiater Largo. Doch sei es nutzlos, Kinder zu Fähigkeiten anzutreiben, die vielleicht ihrem Alter, aber nicht ihrem Entwicklungsstand entsprechen: »Auch Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.«
Vergessen werde auch, dass bei der normalen Kindesentwicklung stets große Variationen vorkommen. »Die klassischen Spätentwickler wird es immer geben.« Dass Kinder natürlicherweise Stärken und Schwächen haben, möchte niemand mehr wahrhaben. Die Kleinen spüren die Erwartungen und haben das Gefühl, ihnen nicht zu genügen. »Sie halten den Leistungsdruck nicht aus und werden krank«, sagt Largo. Sie werden unruhig oder ziehen sich zurück, werden depressiv, nässen ein, leiden an Schlafstörungen. »Man täte gut daran, dies als gesellschaftliches Problem anzusehen«, mahnt der bekannte Pädiater.
Denn der Wunsch nach einer Therapie muss gar nicht direkt von den Eltern kommen. Im Fall des vierjährigen Sander waren es die Erzieherinnen im Kindergarten, die dazu drängten. »Der Junge verhält sich dort unruhig und aggressiv«, sagt die Mutter. Zu Hause dagegen kämen die Eltern gut mit ihm zurecht. »Da haben wir klare Regeln«, berichtet sie. Tatsächlich spielt der Junge ganz friedlich in der Kinderecke, stülpt konzentriert einen roten, dann einen blauen und einen grünen Holzring über eine Stange. Dennoch: Ein Konsortium aus Ergotherapeuten und Psychologen, Logopäden und Neurologen soll den Jungen demnächst begutachten.
Auch von überforderten Lehrern werden Kinder früh stigmatisiert. Nina von Zedlitz zum Beispiel kann ihren Kummer nicht verbergen, wenn sie von den Problemen ihrer Tochter in der Schule erzählt. In der Kita hatte Lara noch als frech, lebhaft und kreativ gegolten. In der Schule dagegen eckte sie an und kam mit dem Leistungsdruck überhaupt nicht zurecht. »Sie sagte immer: ›Ich bin dumm, die anderen mögen mich nicht.‹ Es war eine Katastrophe«, sagt die Mutter. Die Kinderärztin diagnostizierte ADHS, und die Mutter willigte in eine Therapie mit Ritalin-Tabletten ein. »Was bleibt mir denn anderes übrig?«, sagt sie. Dennoch hat die Mutter ihren Job als Rechtsanwaltsfachangestellte aufgegeben: »Sonst wird das mit der Schule nichts.«
Kinderärzte stehen den Sorgen der Eltern oft ratlos gegenüber. Die normale Kindesentwicklung und die neuen Kinderkrankheiten kommen in ihrer Ausbildung nur am Rande vor. Da lernen sie vor allem, wie sie Infektionskrankheiten, Krebs, Knochenbrüche erkennen und therapieren können. Um diese Lücke zu schließen, entstehen immer mehr Einrichtungen, die sich speziell mit der Entwicklung von Kindern befassen. Gab es im Jahr 1988 nur 14 dieser sozialpädiatrischen Zentren, ist die Zahl bis heute auf 126 angewachsen. »Man muss den Eltern zeigen, wie sie mit ihren Kindern umgehen können«, sagt Bergmann.
Gemeinsam mit seiner Frau arbeitet der Pädiater in einer Elternschule der Berliner Charité. In einem Kurs sind immer fünf Familien beisammen. »Wir erklären bei jedem Termin, was in den nächsten Wochen auf die Eltern zukommen wird, wie sie bei Fieber reagieren sollen, wie sie Karies vermeiden können, welche Ernährung optimal wäre für ihr Kind.«
In den Kursen lernen die Väter und Mütter das kleine Einmaleins der Elternschaft: Wie die Kindesentwicklung abläuft, dass man die Kleinen fördern kann, indem man sich Zeit für sie nimmt. Typisch sei zum Beispiel jenes Paar gewesen, das gar nicht wusste, dass es mit dem vier Monate alten Säugling reden sollte. »Was sollen wir ihm denn sagen? Er ist doch noch so klein.« Dann erklärt Bergmann den Eltern, dass sie etwa beim Wickeln erzählen sollen, was sie gerade tun: »Jetzt hebe ich dein linkes Bein, jetzt das andere, jetzt gebe ich deiner Nase einen Stups.« Dann juchzen die Säuglinge, schmatzen und glucksen. Das sei vorsprachliche Kommunikation. »Wenn allerdings niemand auf die Geräusche reagiert, hören sie damit auf«, sagt Bergmann. Und dann fehle ihnen ein wichtiger Schritt in der Sprachentwicklung.
Niemand kann den Eltern den Leistungsdruck nehmen. »Aber wir vermitteln ihnen Wissen«, sagt Bergmann, »und wir zeigen ihnen, wie sie intuitiv spüren können, was gut ist für ihr Kind – fernab von allen Therapievorschlägen.«
Patient Kind:
Die ZEIT-Serie
»
- Datum 31.08.2006 - 07:07 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 31.08.2006 Nr. 36
- Kommentare 4
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





Es ist überraschend zu lesen, daß die Desinformation trotz immer mehr werdenden Informationsquellen zunimmt. Die Leute sich auf der einen Seite um immer mehr Syndrome sorgen und professionelle Hilfe aufrufen, die Zuwendung aber trotzdem immer mehr abnimmt.
Anstatt sich Zeit für die Kinder zu nehmen und sich persönlich um sie zu kümmern, werden immer neue elektronische Babysitter aus dem Hut gezogen, damit diese bloß nicht von den Eltern unterhalten werden müssen. Und dann wundert man sich noch, wenn die fernseh- radiorecorder- und videospielversorgten Kinder im Schulalter verhaltensgestört und wenig konzentrationsfähig sind.
Vielleicht sind es auch die traditionellen Weisheiten der Kindererziehung, die verloren gehen, weil immer weniger die Oma, die Tante oder sonst ein Familienmitglied vor Ort ist.
Frage ich mich nur, ob der industrialisierte Kontaktboom der heutigen Jugendlichen, wie Handy, Myspace und Chat ein Ergebnis dessen ist, daß sie im Kindesalter immer weniger persönliche Bindungen zu den Eltern hatten. Müssen sie deshalb jetzt auf Teufel komm raus über elektronische Hilfsmittel tratschen, flirten oder Nonsensbotschaften rumschicken, da sie auf normalem Wege keine Kontakte mehr knüpfen können?
Sie haben recht.
Sehr geehrte Zeitredaktion, Herr Spiewak und Frau Viciano,
Ihr Artikel hat mich zu einigen Bemerkungen angeregt.
Ein Aspekt Ihres Artikels kann ich unterschreiben: die Verunsicherung der Eltern in Bezug auf die körperliche, geistige und emotionale Entwicklung ihrer Kinder und über Erziehungskonzepte (ein "nein"gibt es nicht)wächst.
Das führt meiner Erfahrung nach pauschal gesehen zu zweierlei Reaktionen:
-zu überinformierten und überfördernden Eltern, die schon Vorschulkinder mit vier und mehr Terminen pro Woche überladen und trotzdem in Bezug auf ihr Kind verunsichert sind.
-zu lethargischen Eltern, nach dem Motto "es wird schon klappen" und das Fernsehen wird es schon richten.Die Kinder werden mit Medien ruhig gehalten und entwicklungsbedingte Verhaltensweisen der Kinder werden missverstanden und falsch gedeutet.
Bei Ihrer Beurteilung über unsere Berufsgruppe stimme ich jedoch keineswegs überein.
Hebammen, Ergotherapeuten und Logopäden absolvieren eine intensive staatlich anerkannte Ausbildung in Ihrem jeweiligen Fachgebiet über mehrere Jahre.
Eine der Grundlagen der Ausbildung als Ergotherapeut ist die normale Entwicklung von Kindern; dann erst werden die Abweichungen gelehrt. Zusätzlich ist eine Ausbildung in sensorischer Integration (SI) als Zusatzqualifikation neben der Berufserfahrung das Fundament der Ergotherapie bei Kindern.
Die Therapie setzt da an wo d a s K i n d i n s e i n e r momentanen Entwicklung s t e h t. Dies setzt eine gründliche diagnostische Abklärung voraus. Danach werden in der Therapie, vom jeweiligen momentanen Entwicklungsstand ausgehend, gezielt Anreize gegeben, damit sich das Kind altersgemäß entwickeln kann. Keineswegs werden Kindern Fähigkeiten antrainiert. Das Kind entwickelt selbst seine Fähigkeiten, die es auch akkomodieren kann. Selbstverständlich werden Entwicklungsvariationen berücksichtigt.
Ein weitere Schwerpunkt unserer Arbeit ist die Elternberatung: Informationen über die Entwicklung und altersgemäße Förderung der Kinder (Spielen!),Lenkung der Aufmerksamkeit der Eltern auf die Stärken Ihrer Kinder und Sicherheit im Alltag.
Häufig schicken Pädiater Kinder zur genauen Klärung des Entwicklungsstandes zu einem Ergotherapeuten.
Verantwortungsvoll handelnde Ergotherapeuten beenden eine Verordnung, wenn keine behandlungsbedürftigen Defizite vorhanden sind.
In ihrem Artikel erwähnen sie häufiger ADS bzw. ADHS.Die Autoren besitzen offenbar nur rudimentäre Kenntnisse über diese Entwicklungsvariante.
Normalerweise werden bei diesen Kindern Medikamentierung und Therapie beim Ergotherapeuten erst eingesetzt, nachdem eine Diagnose durch Pädiater, Neurologen und Psychologen erfolgt ist. Die Kinder und ihre Eltern benötigen verhaltenstherapeutische Hilfe, um in der heutigen Gesellschaft bestehen zu können.
Diese Kinder sind frech, lebhaft und kreativ, außerdem emotional intuitiv. Das befähigt Sie für viele Berufe. Berühmte Beispiele reichen von Churchill bis Whoopi Goldberg.
Die Kinder benötigen klare Regeln ( wie Sander sie zu Hause erhält), Hilfe bei Anforderungen , die Ihnen nicht so liegen, wie z.B. still sitzen im Unterricht ( wie vermutlich ihr Beispiel Lara), Struktur bei der Bewältigung von "langweiligen" Aufgaben.
Diese Kinder werden auffällig, weil unsere Gesellschaft andere Eigenschaften braucht und fordert als in der Vergangenheit.
Dazu gehört lange Zeit sitzen, sich visuell und akustisch konzentrieren und dabei viele starke Umweltreize ausklammern.
Churchill wurde als Schüler von einer weisen Lehrerin öfters weggeschickt, um ein paar Runden um das Schulgebeäude zu laufen, damit er sich wieder konzentrieren konnte.
Das sind nur ansatzweise die interessanten Aspekte von ADS. Wie wäre es mit einem fundierten Kapitel über ADS mit und ohne Hyperaktivität?
Als Mutter von drei Kindern wünsche ich mir sichere Eltern und fröhliche Kinder
Mit freundlichen Grüßen
Ingrid Angst-Gatterburg
Wen wundert es, daß heutzutage nicht nur Eltern, sondern jeder der sich mit Themen der Gesundheit (die geistige eingeschlossen) auseinandersetzt, also auch mit der eigenen, maximal verunsichert ist, wenn es zum einen niemanden gibt, dem man traut, zum anderen aber die eigene Einsichtsfähigkeit und Erfahrung doch nicht so weit reicht, um sich guten Gewissens darauf zu verlassen.
Da fehlt vielen die Selbstsicherheit, die es einem ermöglicht ohne Todesangst eine Woche auf die Genesung einer kleinen Durchfallerkrankung zu warten, dann konsultiert man den Arzt (am besten den Facharzt, da man dem Allgemeinmediziner ohnehin nichts zutraut) um seinen Rat anschliessend anzuzweifeln und sich mit irgendwelchen schlecht fundierten Tips aus obskuren Quellen (einschlägige Zeitschriften, esoterische Freunde) für die Zeit der Selbstheilung Gewissenserleichterung zu verschaffen und am Ende mit dem Brustton der Überzeugung für diese obskuren Methoden ebenfalls Werbung im Freundeskreis zu machen (sie haben ja geholfen).
Das Dilemma mit der eigenen Gesundheit und der, der eigenen Kinder, ist im wesentlichen der Vertrauensverlust in alle Richtungen: Verlust an Selbstvertrauen, darauf eine Erkältung richtig zu diagnostizieren und mit der Entscheidung nichts zu tun richtig zu liegen, Vertrauen darauf, daß der Arzt keinen Vorteil hat, einem schlecht zu raten und im Zweifel über mehr Erfahrung verfügt als man selbst, Vertrauen drauf, daß diejenigen Therapieempfehlungen, die von den führenden Köpfen einer Fachrichtung ausgeheckt werden und als Leitlinien oder Evidenz basierte Medizin einen breiten Konsens finden besser sind, als irgendwelche unfundierten Behauptungen charismatischer Wunderheiler, was die Erziehung anbetrifft, Vertrauen darauf, daß der Lehrer schon vielen Kindern zum Klassenziel verholfen hat und dass es auch gut für Kinder ist externe Autoritäten anzuerkennen (auch wenn die Eltern es nicht können), und schlussendlich auch Vertrauen darauf, daß das eigene Kind sich schon durchbeißen wird, auch wenn irgendetwas in seiner eigenen Entwicklung oder seinem Umfeld nicht 100% in der Nom liegt.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren