Nahost Blauhelme gegen Bausoldaten

Die UN-Truppen im Libanon dürfen zwar schießen. Sie treffen bei ihrem schwirigen Einsatz aber auf eine Hisbollah, die sich beim Volk beliebt macht

Das Terrain ist bekannt. Die Europäer kehren in den Nahen Osten zurück. Rund ein halbes Jahrhundert nach dem Abzug der letzten Kolonialtruppen werden rund 7000 europäische Soldaten in den Libanon gehen, um den brüchigen Waffenstillstand zwischen Israel und der Hisbollah-Miliz abzusichern.

Spätestens mit diesem aufwändigen Friedenseinsatz bricht die Illusion westlicher Antiterrorstrategen zusammen, man könne die Welt mit kleinen, effektiven Feldzügen gegen Terroristen, Schurkenstaaten oder Miliztruppen sicherer machen. Der Nichtsieg gegen Hisbollah hat Israels strategische Schwächen bloßgelegt, die Niederlage der USA im Irak hat die Weltmacht anfällig für die iranische Herausforderung gemacht, der fortgesetzte Kampf gegen die afghanischen Taliban zeigt, dass auch die Nato als weltmächtigstes Bündnis die Terrortruppe nicht aus dem Feld schlagen kann.

Deshalb sind die Aufräumarbeiten nach dem Krieg umso wichtiger. Jeder missglückte Antiterrorfeldzug bindet aufs Neue westliche Truppen. Seit vier Jahren versuchen sie, Afghanistans Weg zu einem funktionierenden Staat abzusichern, seit drei Jahren verkämpfen sich US-Aufbauhelfer im Irak, nun soll eine aufgerüstete Friedenstruppe im Libanon richten, was Israel im Luftkrieg nicht gelungen ist. Doch im Kampf um den Libanon steht mehr auf dem Spiel als nur ein Waffenstillstand. Welche Herausforderungen warten auf die Europäer?

Zunächst einmal wird es schlicht darum gehen, einen neuen Krieg zwischen Israel und Hisbollah zu verhindern. Die internationale Truppe im Südlibanon soll den Sicherheitsabstand zwischen den verfeindeten Armeen herstellen und Überfälle wie den der Hisbollah-Miliz auf israelische Soldaten im Juli verhindern. Dafür wollen die Europäer die Hälfte der insgesamt 15000 Mann großen Friedenstruppe stellen. Hier die Liste der Nationen, die sich den Frieden in Nahost etwas kosten lassen: Frankreich entsendet 2000 Mann, Italien rund 3000, erst hat Paris das Kommando über die Unifil, danach übernimmt Rom den Befehl. Spanien, Polen, Belgien und die Skandinavier haben noch einmal gut 2000 Mann versprochen. Deutschland, die Niederlande und Griechenland möchten den Libanon gern zur See gegen unliebsame Waffenlieferungen verteidigen, die Briten wollen mit Awacs-Aufklärern hoch über dem Libanon für eine insgesamt bessere Übersicht sorgen.

Und die arabischen Staaten? Nun, man hält sich zurück. Einige Regierungen hat Israel verschreckt, weil es nur Truppen aus Ländern akzeptieren will, die diplomatische Vertretungen in Tel Aviv haben. Das schließt viele muslimische Länder aus. Manche arabische Regime aber sind über dieses Spezialkriterium gar nicht so unglücklich, da sie fürchten, unter westlichem Kommando als Helfershelfer einer neokolonialistischen Expedition dazustehen, während ihr Volk auf den Straßen den »Sieg« von Hisbollah über Israel feiert. Auch ohne Diplomaten in Israel haben asiatisch-muslimische Länder Truppen angeboten: Indonesien, Malaysia, Bangladesch, die allesamt Erfahrung als Blauhelme haben. Die türkische Regierung ringt noch mit sich und mit der öffentlichen Meinung. Die Truppenentsendung müsste vom durchaus eigensinnigen Parlament abgesegnet werden.

Die Gefahren des Einsatzes sind allen Regierungen bewusst. Die Unifil-Truppe wird an der Seite der libanesischen Armee nicht verhindern können, dass Hisbollah über ihre Köpfe hinweg Raketen nach Israel schickt oder dass israelische Bomber auf demselben Weg in den Libanon fliegen. Die Zukunftsfrage des Landes überhaupt, die vielumraunte Entwaffnung von Hisbollah, wird für die Friedenstruppe eine Nummer zu groß sein. Der Chefscheich von Hisbollah, Sajjed Hassan Nasrallah, erträgt es zwar, dass seine Milizen in der Unifil-Zone keine Waffen tragen sollen. Aber die Entwaffnung von Hisbollah im ganzen Land? Wenn überhaupt, wäre dafür ein hoher Preis zu zahlen. Den werden die Europäer nicht für die Libanesen entrichten. Zumal die EU an einer weiteren Front kämpft, die mehr Einsatz verlangt als die Truppenfrage.

Hassan Nasrallah hat sich längst in den neuen Kampf gestürzt – um sein Bild als verantwortungsvoller libanesischer Politiker und Führer der nationalen Aufbaufront zu prägen. Nein, Krieg wolle er nicht, sagt er. Im libanesischen Fernsehen bittet der Schiit um Nachsicht für den Hisbollah-Feldzug und die Zerstörungen (»Ich hätte die israelischen Soldaten nicht entführt, wenn ich die Folgen geahnt hätte«), während seine Helfer sich in jedem Dorf in Stellung bringen. Dschihad al-Binaa – »Bau-Dschihad« – heißt die Konstruktionsabteilung von Hisbollah.

In gut organisierten Büros bitten Hisbollah-Mitarbeiter verzweifelte Menschen, die Haus und Hof verloren haben, Platz zu nehmen. Plakate lasten die Zerstörungen den USA an und preisen den Bau-Dschihad. Die Verluste jedes Einzelnen werden in das Computersystem eingegeben, die Schäden geschätzt, vor Ort begutachtet, dann wird eine Entschädigung gezahlt. Zügig, bar, in frei konvertierbaren Dollar. In den ersten Tagen des Waffenstillstands haben Geschädigte 12000 Dollar in die Hand erhalten. Seither gehen im Libanon die frischen Scheine aus der US-Notenpresse um. Für den Transport ins Land soll der iranische Botschafter gesorgt haben, sagen Hisbollah-Kenner. Viele Millionen Dollar habe er mit Koffern in den Libanon schaffen lassen, damit Nasrallah sein Image polieren könne.

Wo stehen die prowestlichen Kräfte im Libanon im Wiederaufbaukampf, wo stehen die prowestlichen Araber, wo der Westen selbst? Im Süden versuchen Hisbollah-Leute, über jeder Hilfslieferung ihre Flagge wehen zu lassen. Deshalb baut die mächtige Familie des im Februar 2005 ermordeten sunnitischen Expremiers Rafiq al-Hariri in ihrer Heimatstadt Sidon Brücken wieder auf. Die Hariri, eines entschlossenen Modernisierers Gruppe stellt Flüchtlingsbaracken auf, Banken lassen Straßen teeren, Poster informieren über die Geldgeber. Die Saudis und die Kuwaitis haben dreistellige Millionenbeträge versprochen. Das deutsche Technische Hilfswerk baut Wasserleitungen in zerstörten Dörfern. Eine Geberkonferenz in Stockholm wird diese Woche neue Hilfen beschließen. Doch reicht das aus, um den fatalen Eindruck zu zersetzen, erst weise Nasrallah Israel in die Schranken und dann baue er das Land wieder auf?

Der ehemalige US-Spitzendiplomat und Nahost-Kenner Martin Indyk und der Ex-Wiederaufbaubeauftragte der Bush-Regierung, Carlos Pascual, sagen, Washington müsse der libanesischen Regierung jetzt großzügig helfen. Ein Teil des Geldes könne auch vom jährlichen Scheck für Israels Militär in Höhe von 2,3 Milliarden Dollar abgezweigt werden. Solche Umbuchungsgeschäfte seien durchaus in Israels Interesse. Im Ringen mit Hisbollah brauche man symbolisch angereicherte Gesten. Das schnelle Ende der israelischen Seeblockade gegen den Libanon gehört auch dazu.

Hier ist die Lehre aus dem Sommerkrieg im Libanon, den manche gar als Stellvertreterkrieg zwischen Iran und Amerika ansahen. Wenn Bomben und Artillerie die proiranische Hisbollah nicht nachhaltig schwächen können, liegt der Versuch nahe, die weit über Libanons Grenzen populäre Schiitenpartei langfristig politisch zu bändigen. Nasrallahs Baukampf zeigt, unter welchem Druck er steht. Doch wird die Zähmung nur gelingen, wenn der Westen und die Saudis der schwachen Beiruter Regierung mit allen politischen Mitteln den Rücken stärken. Dann würden die Libanesen endlich den Eindruck gewinnen, dass ihre Regierung und ihre Armee ihnen mehr helfen können als Hisbollah.

Mehr zum Thema auf unserer Sonderseite www.zeit.de/libanon

 
Leser-Kommentare
  1. wurde Gestern im Franzöischen Fernsehen vorgestellt, das Radar welches klar unterscheidet wer schoss!
    General Aoun sagte die Hezbollah hielte sich bestimmt an den Waffenstillstand, aber in Israel wird es wahrscheinlich nicht so sein, weil es eben zu durchsichtig wird zu probieren ob Europäer auf Tsahal schiessen werden oder nicht.
    Ich persönlich finde dass Israel sich sehr schnell Positives einfallen lassen muss sowie die USA. Positiv ist nicht Krieg sondern Verhandeln. Es ist erschreckend zu lesen dass manche meinen gegen ein Volk kämpfen zu können und zu siegen.
    Es wird langsam Zeit sich von Träumen der Waffenmacht zu verabschieden, und viele Israelis der Denkenden Klasse haben dies erkannt, aber kann man bei Populisten mit Gehör rechnen.
    50 Zerstörte Panzer müssten zum Denken Anlass geben, die Cheeba Farmen sind diesen Preis nicht wert, Israel geht dem Staatsbankrott entgegen, und zieht die USA mit.
    Nach 2008 wird man ohne Zweifel diese drei Buchstaben GWB mit einer Riesennull gleichziehen...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service