Der Boden schmatzt, in den Trittlöchern steht braunes Wasser, Gras und Sphagnum-Moos bilden kleine Inseln. »Vor vier Jahren stand das Wasser hier noch einen halben Meter über Grund«, sagt Hans-Jürgen Hahn und zieht seinen gummibestiefelten Fuß aus dem Schlamm. Er tritt nah an ein Rohr, das aus dem Boden ragt und lässt das Wasserstandmessgerät an einer Schnur in die Tiefe sausen. Plötzlich ein Platschen. »Der Grundwasserspiegel«, sagt er, »in 1,60 Meter Tiefe.« BILD

Vor vier Jahren stellte Hahn im Kolbental im nördlichen Pfälzerwald seine Messanlagen auf. Die Plastikrohre sind so breit wie eine Männerhand und reichen bis hinunter ins Grundwasser. Ein Jahr davor, 2001, begann hier die Entnahme von Trinkwasser, eine Million Kubikmeter im Jahr. Ob der Wasserspiegel im Tal deshalb so drastisch sank? Wie viel die trockenen Sommer der letzten Jahre dazu beigetragen haben? Hahn zuckt mit den Schultern.

Was den 42-jährigen Biologen fasziniert, sind die Tiere, die sich im Grundwasser tummeln. Der Laie würde dort kein Leben erwarten. Es ist eng und kühl, kaum Sauerstoff, kaum Nahrung, kein Licht. Nur echte Spezialisten, Künstler der Genügsamkeit, können dort überleben. Besondere Kennzeichen eines Grundwassertiers? Es ist weiß, sehr klein und meistens blind. Dafür ist es mit langen, filigranen Antennen und einem ausgeprägten Sinn für Nährstoffe ausgestattet. Die Viecher sind so klein, dass man mit bloßem Auge nicht viel mehr erkennen kann als einen weißen Punkt, der, gefangen im dünnen Probenglas, nervös gegen die Glaswand schwimmt.

Ein Krebs flitzt von rechts nach links über den Bildschirm in Hahns Labor an der Universität Landau-Koblenz. Das Krebsrennen unter dem Mikroskop endet abrupt an der Wand der Petrischale. Endlich hält das Tier still. »Schauen Sie mal, was sich hier an seinem Bauch bewegt, das sind die Atemplatten.« Hahn deutet auf den Bildschirm. »Mit denen erzeugt der Krebs einen richtigen Wasserstrudel zu seinen Kiemen hin.« Der Biologe fächert sich selbst Luft zu, imitiert den wedelnden Krebs. Wie in der Petrischale muss Niphargus aquilex auch in seinem eigentlichen Lebensraum um Sauerstoff kämpfen. »Die Werte liegen im Grundwasser meist bei unter 5 Milligramm Sauerstoff je Liter. Verglichen mit 10 Milligramm je Liter in einem durchschnittlichen Bach, ist das nicht gerade üppig«, sagt Hahn und stellt die Schale zurück in die Holzhalterung neben dem Binokular.

Hahn entdeckte den Lebensraum Grundwasser, als er mit seiner Doktorarbeit über versauerte pfälzische Bergbäche beschäftigt war. Je mehr Daten er sammelte, desto klarer wurde ihm: Allein mit dem, was sich an der Oberfläche beobachten ließ, konnte er die biologischen und chemischen Verhältnisse im Bach niemals erklären. »Ich musste ins Grundwasser runter.«

Er bewarb sich um ein Habilitationsstipendium bei der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), um zu klären, wie das Zusammenspiel zwischen oben und unten funktioniert, wie der Wasseraustausch abläuft und wie sich alles in der Fauna widerspiegelt. Womöglich, dachte er, lassen sich die Tiere als Gradmesser für den Zustand des Grundwassers verwenden. Immerhin werden mehr als zwei Drittel unseres Trinkwassers daraus gewonnen.

Die Tiere in den Sedimenten sind notorisch unzuverlässig