Es ist das größte Bauvorhaben in New Yorks jüngerer Geschichte, und der Mann, der es durchzieht, ein schmaler älterer Herr. Trotzdem verströmt Larry Silverstein Energie: Wer neben dem bald 75-Jährigen steht, fühlt sich wie in einem elektrischen Spannungsfeld. Der New Yorker Immobilienunternehmer – im sommerlich blauen Anzug mit abgestimmtem gestreiftem Hemd, Krawatte, Einstecktuch – wird niemals müde, seine Objekte zu preisen. »Ist es nicht spektakulär?«, fragt er in verschwörerischem Maklerton und deutet auf die Fensterfront in seinem Büro, die den Blick auf die Dächer Manhattans und den East River freigibt. Larry Silverstein BILD

Dass er hier vor einigen Wochen seinen Schreibtisch aufbauen konnte, ist Silversteins jüngster Erfolg: Der gläserne Büroturm World Trade Center Sieben, der ihm gehört, ist seit Mai fertig und ein großer Teil bereits vermietet. »Es war das letzte Gebäude, das am 11.September fiel, und es ist das erste, das wieder steht.« Die Genugtuung ist nicht zu überhören. Zu solchen Leistungen sei privates Unternehmertum fähig, sagt Silverstein. Eine Spitze, ganz bewusst. Für ihn steht fest, warum sich der Wiederaufbau um Jahre verzögert hat. Am Kleinkrieg waren neben ihm auch der Gouverneur des Staates New York, der Bürgermeister, die Hinterbliebenen der Opfer und allerlei Behörden beteiligt. »Alle haben mir gesagt, du kannst es nicht schaffen, du wirst es nicht schaffen – das ist der Beweis, was wir erreichen, wenn sich keiner einmischt.«

38 Stockwerke tiefer liegt Ground Zero. Ein paar gelbe Planierraupen und Laster schleppen sich müde über die Baustelle. Als graue Vierecke sind auf der freigeräumten Erde die Grundrisse der beiden gefallenen Türme zu erkennen. Es braucht schon ein Verkaufstalent wie Silverstein, um an dieser symbolträchtigen Aufgabe nicht zu verzweifeln. Schwieriger als Politikerzoff, Ingenieurleistungen und die Finanzierung: Silverstein muss das, was viele New Yorker als offenes Grab empfinden, in ein pulsierendes Geschäftszentrum verwandeln. Kein Wunder, dass er fast gebetsmühlenartig wiederholt, die neuen Türme würden die »sichersten der Welt«, und die Tonnen an Stahl, den Betonkern, die breiteren Nottreppen aufzählt.

Von Anfang an sollte für den gebürtigen New Yorker das World Trade Center der krönende Schlusspunkt einer fünfzigjährigen Karriere werden. Zwar war Silverstein schon lange Multimillionär und Herr über Millionen Quadratmeter in einer Metropole, in der jeder von Immobilien geradezu besessen scheint. Im Gegensatz zum Selbstdarsteller und Rivalen Donald Trump brachte er es jedoch nie zum Medienstar. Vor allem aber fehlte Silverstein ein historischer Deal. Deshalb reagierte er prompt, als die Port Authority – ein Staatsbetrieb, der unter anderem Tunnel, Brücken und Regionalbahnen zwischen New York und dem Nachbarstaat New Jersey verwaltet – den Bürokomplex samt den Twin Towern zur Pacht auf 99 Jahre ausschrieb: »Es war eine wundervolle Gelegenheit.«

Neben Silverstein reichten Dutzende weiterer Bieter ihre Angebote ein. In der entscheidenden Phase, im Januar 2001, wurde Silverstein von einem Auto angefahren und brach sich die Hüfte. Von den behandelnden Ärzten verlangte er, die Morphiumdosen herunterzusetzen: Er brauchte einen klaren Kopf für die Verhandlungen. Noch im Krankenhausbett erfuhr er, dass sein Angebot von 3,2 Milliarden Dollar knapp durchgefallen war. Doch als der Sieger überraschend zurückzog, unterschrieb Silverstein den Vertrag. Das war am 24. Juli 2001. Sechs Wochen später steuerten Terroristen zwei Flugzeuge in die Türme.

»Ich zahle jeden Tag 300.000 Dollar Miete, Sonn- und Feiertage inklusive«

Am Morgen des 11. September will sich Silverstein auf den Weg zum Frühstückstreffen im Restaurant des Nordtowers machen. Doch seine Frau Klara, mit der er seit 50 Jahren verheiratet ist, schickt ihn zum Hautarzt – Silversteins langjährige Begeisterung für Wassersport hat Spätfolgen. Noch während der Debatte meldet sich der Kapitän von Silversteins Yacht, die an einem Pier oberhalb des World Trade Center ankert: »Larry, schalt den Fernseher ein.« Am Abend steht keines der sieben Gebäude mehr.