Die Unruhe wächst. Monate ist es her, dass der Wiesbadener Mischkonzern Linde den Kauf des britischen Industriegaseherstellers BOC verkündete. Klar war: Linde muss seine Gabelstaplersparte mit 19.000 Mitarbeitern abstoßen, um den Deal zu bezahlen. In diesen Tagen nun, heißt es in Finanzkreisen, wird die Investmentbank Credit Suisse den Verkaufsprospekt abschicken – endlich. BILD

»Auf diesen Deal wartet unsere Branche seit zwölf Monaten«, sagt der Manager eines internationalen Finanzinvestors. Bis zu 3,5 Milliarden Euro könnte der Käufer an Linde überweisen – es wäre die bisher größte Übernahme eines Industrieunternehmens durch Finanzinvestoren in Deutschland.

Größe zählt. Ende Juli kaufte ein Konsortium um Kohlberg Kravis Roberts (KKR) und Bain Capital für 33 Milliarden Dollar den US-Klinikbetreiber HCA. Es war die größte Übernahme, die Finanzinvestoren je getätigt haben, und der vorläufige Höhepunkt einer Entwicklung, die 2005 einsetzte: Inzwischen sind selbst gestandene Konzerne für die Firmenjäger in Reichweite. Die Autovermietung Hertz, die dänische Telefongesellschaft TDC, die Halbleitersparte von Philips – sie alle fanden neue Besitzer, oft für zweistellige Milliardenbeträge.

Größe zählt, weil so viel Geld unterwegs ist wie nie. Finanzinvestoren kaufen Firmen, trimmen sie auf Profit und stoßen sie nach einigen Jahren ab – unter Einsatz von Eigenkapital (Equity) und abseits der Börse (daher Private Equity). Fonds wie KKR, Blackstone oder Carlyle erzielen damit Renditen von durchschnittlich 30 Prozent pro Jahr. Das reizt immer mehr Anleger, ihnen Geld zu geben. In diesem Jahr sammelte eine Hand voll Fonds erstmals zweistellige Milliardenbeträge ein. Rekordhalter ist Blackstone mit 15,6 Milliarden Dollar – vor kurzem undenkbar.

Schätzungen zufolge fließen der gesamten Branche dieses Jahr rund 270 Milliarden Dollar zu, mehr als im Boomjahr 2000, als das Geld für verheißungsvolle Start-ups locker saß. Die Kaufkraft der Finanzinvestoren ist sogar weit größer, als die Zahlen vermuten lassen. Bei Übernahmen ergänzen sie das Eigenkapital stets um Fremdkapital, sprich um Kredite – die später dem gekauften Unternehmen aufgebürdet werden. Weil Kredite seit zwei Jahren weltweit günstig zu haben sind, kommen im Extremfall auf einen Euro Eigenkapital vier Euro Fremdkapital. So gerechnet, verfügen Finanzinvestoren über die geballte Macht von fast 1,5 Billionen Dollar. Kaum ein Konzern ist vor den Firmenjägern sicher. BILD

Was als Nischengeschäft begann, »ist heute eine dominierende Kraft der Weltwirtschaft und des Weltfinanzsystems«, sagt Bruno Raschle vom Schweizer Dachfonds Adveq. Viele hängen von den Finanzinvestoren ab. Die Anleger, die ihr Geld verzinst sehen wollen. Die Unternehmen, die unter den Schulden nicht in die Knie gehen dürfen. Die Banken, die im Krisenfall um ihre Kredite bangen. Die Hedge-Fonds, die Banken oft die risikoreichsten Kredittranchen abnehmen.

Längst gleicht das Geschäft der Firmenkäufer einer Maschine. Firmen scheinen in erster Linie nicht mehr als Güterhersteller da zu sein, sondern um diese Maschine am Laufen zu halten. Inzwischen werden manche Unternehmen schon nach zwei Jahren weiterverkauft; sanieren lassen sie sich in so kurzer Zeit kaum. Immer öfter lassen Fonds sich von ihren Firmen Gebühren oder – schuldenfinanziert – üppige Dividenden zahlen. »Die Maschine ist in den vergangenen zwei Jahren immer schneller geworden«, sagt Stephan Illenberger von Axa Private Equity. Das Geld, das die Anleger von den Fonds zurückbekommen, investieren sie direkt wieder hinein – die Maschine beschleunigt erneut. Der Investitionsdruck steigt, die Kaufpreise steigen. Und der Anteil der Kreditfinanzierung an den Kaufpreisen wächst.