Dossier Die Witwe und der Terrorist

Der Libanese Samir Kuntar führte 1979 ein palästinensisches Kommando nach Israel und ermordete dort einen Vater und seine Tochter. Seither sitzt er in Haft. Der jüngste Nahostkrieg begann auch als Versuch, ihn freizupressen

Neben der Stadteinfahrt ins libanesische Sidon hängt in einem Rahmen aus Stahlrohr ein riesiges Poster. Darauf ist ein überdimensionales Gesicht abgebildet, mit buschigen Augenbrauen, fleischiger Nase und einem dichten Schnauzbart. Die auffallend großen Augen starren jeden Autofahrer eindringlich an, 15 dieser monumentalen Bilder sind an prominenten Stellen im Libanon aufgestellt. Es ist das Gesicht von Samir Kuntar, seit 27 Jahren in Israel inhaftiert.

Am 22. April 1979 ermordete der Libanese Kuntar als Führer eines palästinensischen Kommandos in der nordisraelischen Stadt Naharija ein vierjähriges Mädchen und dessen Vater. In Israel gilt er seitdem als einer der brutalsten Terroristen. Für die meisten Libanesen hingegen ist der »am längsten in Israel festgehaltene libanesische Kriegsgefangene« ein Held des Widerstandes. Und mit jedem Jahr der Gefangenschaft gewann Samir Kuntar stärker an Bedeutung und konnte so als Grund für immer blutigere Terrorakte herhalten und als Joker in internationalen Gesprächen über Gefangenenaustausch.

In Sidon – ein gutes Stück hinter dem Poster im Zentrum der Stadt – lebt der Mann, der Kuntar an jenem 22. April 1979 aussandte: Muhammad Jassin, Chef der Palästinensischen Befreiungsfront (PLF), die ihren größten Anhang in den palästinensischen Flüchtlingslagern des Libanons hat und mit der PLO Jassir Arafats liiert ist. Muhammad Jassin steht auf dem Balkon im dritten Stock eines Hauses und begutachtet von oben den Besucher, unten warten drei junge Männer auf seine Anweisungen. Als er zustimmend nickt, nehmen sie dessen Wagen in ihre Obhut und führen den Gast nach oben zu ihrem Chef.

Der spricht über den jüngsten Krieg.

»Viele Leute haben vergessen, warum dieser Krieg ausbrach«, sagt Jassin. »Hisbollah kidnappte am 12. Juli 2006 zwei israelische Soldaten als Faustpfand für Kuntars Befreiung.«

In der Tat, die Entführung der israelischen Soldaten Ehud Goldwasser und Eldad Regev lief unter dem Namen al-Wa’d al-Adeq. »Die Erfüllung des Versprechens«. Jenes Versprechens nämlich, das der Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah am 22. April dieses Jahres, dem Jahrestag von Kuntars Kommandoaktion und Festnahme, gegeben hatte: Noch in diesem Jahr werde er den prominenten Gefangenen nach Hause bringen.

Am vorigen Wochenende nun räumte Nasrallah ein, dass er den Befehl zur Entführung der beiden Soldaten nicht gegeben hätte, hätte er die israelische Reaktion und die Folgen für den Libanon vorausgesehen – und schlug Israel erneut einen Gefangenenaustausch vor.

Samir Kuntar. Wer ist dieser Mann, der aus so langer Haft heraus im Nahen Osten eine so große Rolle spielt, dass er sogar einen Krieg auslösen oder seine Auslösung immerhin populär begründen kann, dessen Name in der übrigen Welt jedoch so gut wie unbekannt ist?

Damals, 1979, sei Kuntar erst 17 Jahre alt gewesen, sagt sein Kommandeur Muhammad Jassin, doch »er hatte die Reife eines 30-Jährigen«. Jassin erinnert sich an den Teenager als »perfekten Kämpfer«. Er habe fraglos jeden Befehl erfüllt. Die Organisation sei ihm wichtiger gewesen als die Familie. 1978 saß er nach einem fehlgeschlagenen terroristischen Unternehmen neun Monate in einem jordanischen Gefängnis. Nach der Entlassung besuchte er nicht sein Elternhaus, sondern kehrte direkt ins Trainingslager zurück. Er wurde, obwohl der Jüngste der Gruppe, von der PLF zum Führer eines vier Mann starken Kommandotrupps ernannt.

Kuntar war auch der körperlich Kleinste. Das sieht man auf einem 1979 aufgenommenen Foto – hinge nicht die Kalaschnikow über seiner rechten Schulter, könnte man meinen, es zeige eine provinzielle Beatles-Nachahmer-Band. Alle vier tragen langes Haar und Schlaghose, auf Kuntars Oberlippe flaumt ein juveniler Schnauzbart. Diese vier waren es, die sich auf die nach dem 1970 gestorbenen ägyptischen Präsidenten benannte »Operation Nasser« vorbereiteten. Eine Operation, von der keiner wiederkehren würde.

Jassin zufolge sollte die Operation Nasser ein Protest gegen den Frieden von Camp David von 1979 sein. In dem dort ausgehandelten Friedensschluss zwischen Israel und Ägypten sah die PLF einen schändlichen Verrat arabischer Interessen. In einem Schlauchbot startete Kuntars Trupp vom kleinen Dorf Sor bei Tyros aus und überwand die israelische Grenze über das Mittelmeer.

»Sie erschossen meinen Mann vor den Augen unserer Tochter«

Geplant war, zumindest ist das Jassins Version, dass der Trupp sich nach der Landung in der Kleinstadt Naharija in zwei Gruppen trennte. Die eine Gruppe sollte die israelischen Streitkräfte in ein Ablenkungsgefecht verwickeln, während Kuntar und ein Mitstreiter einen Mann namens Danny Haran entführten. Haran sei ein prominenter Atomphysiker, hieß es, dessen Adresse der PLF von palästinensischen Agenten zugespielt worden sei. Alles lief nach Plan, bis Harans Tochter sich schreiend an ihren Vater klammerte, als der abgeführt wurde. Am Strand seien dann der Vater und das Mädchen im Kreuzfeuer umgekommen, sagt Jassin.

In einer Beschreibung der Witwe Danny Harans, die die Washington Post vor drei Jahren veröffentlichte, erscheint der Überfall allerdings in einem sehr anderen Licht. »Danny, unsere vierjährige Tochter Einat, ihre zweijährige Schwester Jael und ich wurden nach Mitternacht von Schüssen und Explosionen geweckt«, berichtete Smadar Haran Kaiser. »Ich öffnete die Tür unseres Apartments. In dem Augenblick stürmten die Terroristen das Treppenhaus hinauf. Sie drehten sich um und sahen mich. Da ging das Licht aus. Sie rannten weiter. Eine Nachbarin hastete vorbei. Ich zog sie in unsere Wohnung. Mein Mann half ihr, mir und der kleinen Jael, uns in einem Hohlraum über unserer Wohnung zu verstecken. Dann nahm er Einat auf den Arm und versuchte, in den Luftschutzkeller zu entkommen. In dem Moment stürmten die Terroristen unsere Wohnung. Ich werde nie den Hass und das Jagdfieber in ihren Stimmen vergessen, als sie nach uns suchten. Ich hielt mit meiner Hand Jaels Mund zu, damit sie nicht schreien konnte und uns verriet. Mir gingen die Erzählungen meiner Mutter durch den Kopf, als sie sich mit ihrer Familie im Warschauer Ghetto vor den Nazis versteckte. Dann gaben die Terroristen die Suche nach uns auf und führten Danny und Einat zum Strand hinunter. Dort erschoss einer von ihnen Danny vor den Augen unserer Tochter. Dann zerschlug er ihren Schädel mit dem Gewehrkolben auf einem Felsen. Das war Samir Kuntar. Als meine Nachbarin und ich Stunden später in unserem Versteck gefunden wurden, war meine andere Tochter ebenfalls tot. Ich hatte sie bei dem Versuch, unser Leben zu retten, erstickt.«

Gibt man den Namen »Samir Kuntar« in eine Suchmaschine im Internet ein, stößt man auf die Website »Freiheit für Samir Kuntar«.

Dort wird die Operation Nasser wie folgt beschrieben: »Das Ziel war, eine der größten Militärbasen Israels anzugreifen und der Siedlertätigkeit in diesem Teil Palästinas Einhalt zu gebieten.«

In Naharija, heißt es weiter, befände sich das Hauptquartier der israelischen Flotte. Kuntar habe sein Boot durch sechs Geschwader von Kriegsschiffen manövriert und sei nach einem Gefecht mit einer israelischen Patrouille unter den Augen von Wachsoldaten und Radar hinweg in die Siedlung eingedrungen. Die Gruppe habe erfolgreich das Hochhaus Jabotinskistraße 61 gestürmt. »Die Schlacht endete, als Kuntar versuchte, seinen Trupp zurück zu dem Boot zu führen. Er geriet von allen Seiten unter Feuer und wurde gefangen genommen, als er, von fünf Kugeln getroffen, zu Boden stürzte. Die Israelis begannen unmittelbar, ihn zu foltern, indem sie die Kugeln ohne Narkose entfernten.«

Der Tod des Mädchens findet mit keinem Wort Erwähnung. Die Website wird von Kuntars Bruder Bassam betrieben.

Der Kontakt zu Kuntars Familie kommt auf orientalisch verschlungenen Wegen zustande. Eine Zufallsbekanntschaft führt zu einer Kaffeeeinladung bei einer Maronitenfamilie in Beirut. Die Frage, ob Kuntar in ihren Augen ein Held sei, ruft bei den libanesischen Altchristen Entsetzen hervor.

»Kuntar? Er ist ein Kindsmörder. Die Israelis hätten ihn aufhängen sollen, anstatt ihn einzusperren. Wegen ihm wurde jetzt unser Land zerstört!«

Ein Gast am Tisch sagt: »Ich kenne jemanden, der mit Kuntar befreundet war. Wollen Sie den treffen?«

Dieser Freund heißt Khalid Dschamal. Er ist – wie Samir Kuntar – Druse. Drusen folgen einer platonisch eingefärbten Abwandlung des Islams. Die Religion spielt für sie allerdings eine untergeordnete Rolle. Wichtiger sind ethnische Verbundenheit und Treue zu ihrem Führer Walid Dschumblat, dem Sohn des 1977 ermordeten Drusenführers Kamal Dschumblat. Sie fühlen sich als allein gelassene Volksgruppe. Hinter den Schiiten, sagen sie, stehe der Iran, hinter den Sunniten Saudi-Arabien und hinter den Maroniten der Vatikan. Nur sie seien auf sich gestellt.

Wir treffen uns auf einer Straßenveranda in Beirut. Er sei, erzählt Dschamal, in dem gleichen Bergdorf wie Kuntar aufgewachsen, in Obai. Sie sind Altersgenossen. Ihre Väter arbeiteten im Ausland, Kuntars Vater als Koch in Saudi-Arabien, im Al-Kaki-Hotel in Jeddah. 1976 schlossen sie sich als 14-Jährige der drusischen Jugendmiliz an.

Im Gefolge der Vertreibung der PLO aus Jordanien nach der Niederschlagung des Aufstandes vom Schwarzen September war 1975 der libanesische Bürgerkrieg ausgebrochen. Die Palästinenser, erinnert sich Dschamal, »waren überall«. Samir Kuntar, sein Freund Dschamal und 20 ihrer drusischen Kameraden kamen mit Palästinensern in Kontakt. Sie gaben ihnen Kalaschnikows und 60-Millimeter-Granatwerfer. Sie brachten ihnen bei, wie man damit Christen tötet. Obai ist ein halb von Christen und halb von Drusen bevölkertes Dorf. Die libanesischen Christen hatten sich mit Israel verbündet. Die Front lief mitten durch den Ort.

Einmal im Monat holten die Teenager sich in der Zentrale der PLO ihren Sold ab, 300 libanesische Pfund. Das war eine Menge Geld. Damit stürzten sie sich ins Nachtleben von Beirut. Kuntar, erinnert sich Dschamal, sei allerdings immer ein Eigenbrötler geblieben. Er las viel. »Mehr, als gut für ihn war.« Seine Kameraden stichelten ihn, wenn er mit einem hübschen Mädchen im Bett läge und auf dem Nachttisch läge ein Buch, dann bräuchte sich das Mädchen um seine Jungfräulichkeit keine Sorgen zu machen.

»Alles israelische Propagandalügen«

Samir Kuntar kämpfte für »die Sache«. Seine Kameraden kämpften, weil sie nichts Besseres zu tun hatten, weil es ein Abenteuer war und der Krieg ihnen leicht verdientes Geld versprach. Nach einem halben Jahr war es damit vorbei. Der Drusenführer Kamal Dschumblat kam in ihr Dorf und sagte: »Ihr seid Drusen, ihr dürft euch nicht den Palästinensern unterordnen.« Und die Jungen gaben der PLO die Waffen zurück.

Nur Kuntar nicht. Kuntar zog nach Anami, eine von Palästinensern besiedelte Stadt halbwegs zwischen Beirut und Sidon. Im Frühjahr 1979 kam er noch einmal kurz nach Obai. Dschamal erinnert sich an die Pistole, die Kuntar bei sich trug. In diesen Tagen schien er zum ersten Mal aus sich herauszugehen. Die beiden wurden enge Freunde. Sie gingen ins Kino, in die Nachtclubs und Restaurants von Beirut. Kuntar erzählte ihm, dass er sich der Palästinensischen Befreiungsfront angeschlossen habe. Er hatte sich einen palästinensischen Tonfall angewöhnt und benutzte palästinensische Dialektworte. Aber er verlor kein Wort über die Operation Nasser.

Ist er in Dschamals Augen ein Held?

»Ja, ganz sicher.«

Obwohl er ein vierjähriges Mädchen ermordete? »Ein vierjähriges Mädchen?« Dschamal hat noch nie davon gehört. Soweit er weiß, tötete sein Freund einen israelischen Atomphysiker und 16 oder 17 Soldaten. Das habe er damals in der Zeitung gelesen. Er fragt andere Männer auf der Veranda. Die meisten sagen, sie wüssten nichts von einem toten Kind. Nur zwei christliche Maroniten erklären, natürlich, das sei doch allgemein bekannt.

Dschamal verzieht das Gesicht.

Ist er angewidert? Oder mag er es nicht glauben? Jede Volksgruppe scheint in ihrer eigenen Wirklichkeit zu leben. Später sagt er: »Ich weiß, was es bedeutet zu kämpfen. Ich war selber Soldat. Es geht um Sekunden. Entweder du tötest, oder du wirst getötet. Es ist hart, einen Menschen zu töten, aber du musst es tun. Ich glaube, dass Kuntar das Mädchen in der Hitze des Gefechts getötet hat.« Hält er Kuntar immer noch für einen Helden?

»Ja.«

Die Straße nach Obai windet sich über abschüssige Talhänge in das Bergland im Südosten von Beirut. Allenthalben sind Spuren des vor 1990 zu Ende gegangenen Bürgerkrieges zu sehen. Von Schüssen durchlöcherte Hauswände, gesprengte Gebäude, bombardierte Bunker. Obai selbst ist ein schöner Ort mit alten Steinhäusern, deren Fenster hoch und spitzbogig auf die Straße blicken. Die Kuntars, ein aus sieben Familien bestehender Clan, bewohnen zehn Häuser im unteren Ortsteil.

Bassam Kuntar, der Bruder des Mannes auf den 15 Postern, lebt in Beirut, aber er ist gerade bei seiner Mutter zu Besuch. Er war ein Jahr alt, als sein ältester Bruder verschwand. Sich selbst bezeichnet er als »Menschenrechtsaktivist«. Er ist derjenige, der die Webseite für Samir Kuntar betreibt.

Auf der Liste hochrangiger Politiker, die er bei seiner Mission, den Bruder zu befreien, traf, stehen UN-Generalsekretär Kofi Annan (der angeblich vom Schicksal der Familie zu Tränen gerührt war), der ehemalige britische Außenminister Jack Straw (der sich angeblich in Israel für Kuntar einzusetzen versprach) und der außenpolitische Emissär der EU, Javier Solana (der laut der Beiruter Tageszeitung Daily Star Samir Kuntar einen durch internationales Recht legitimierten Freiheitskämpfer nannte).

Bassam Kuntar erwähnt in seiner Schilderung des Tathergangs den Tod eines Mädchens – allerdings nur den des von seiner Mutter in Panik erstickten Kindes. Mit dem Kindsmord konfrontiert, erklärt er, das sei eine israelische Propagandalüge. Die ältere Tochter und der Vater kamen ihm zufolge durch israelische Kugeln um, als der Trupp seines Bruders auf dem Rückzug zum Meer mit Hubschraubern und von Marineeinheiten angegriffen worden sei. Israel habe die Propagandalüge erst sieben Tage nach dem Vorfall erfunden.

Und die Mutter, was hat sie zu sagen? Siham Kuntar ist eine voluminöse 65-jährige Mutter Erde mit leidgeplagtem Gesicht. Ihr Mund ist wie zugenäht, ihre Augen sind zusammengekniffen. Nur ganz selten lässt sie sich zu kurzen, scharfen Bemerkungen hinreißen. Sie will dem ausländischen Gast nichts verraten.

»Die wissen hier gar nicht mehr, was das Wort Wahrheit bedeutet«

In der oberen, durch einen anderen Eingang zugänglichen Haushälfte wohnt der dritte Bruder Abdullah. Er hat eine bildhübsche Frau und aufgeweckte zwölfjährige Zwillingssöhne, Sami und Samer. Abdullah druckst herum und will nicht mit der Sprache heraus. Man hat das Gefühl, er habe ständig Angst, er könne anecken. Er sei überzeugt, sagt er, sein Bruder habe das Mädchen aus Versehen getötet. Er mache sich Sorgen um seinen Bruder. Er habe nichts gegen Hisbollah, solange die Organisation versuche, ihn frei zu bekommen. Andererseits sei es natürlich möglich, dass Hisbollah seinen Bruder benutze, um ihre Popularität zu steigern.

Da tritt Fausi Kuntar in Erscheinung, korpulent und überschwänglich, ein Vetter der drei Brüder. Er habe für Abdullahs wachsweiches »Wenn und Aber« nichts übrig, sagt er.

Einen »Hühnerstall« nennt er Abdullahs Haus, in dem sich niemand traue, die Wahrheit zu sagen. »Die wissen hier gar nicht mehr, was das Wort Wahrheit bedeutet.« Die Wahrheit sei, »um es mal ganz grob zu sagen«, dass Schiiten »schmutzige Pakis sind«. Pakistaner also. »Ein Hisbollah verschriebener Plebs.«

Und Bassam? Nein, den nennt er gar nicht beim Namen, sondern nur »diesen Typen«, der sich »den Pakis« verschrieben habe.

Warum der das tue, darüber gehen hämische Geschichten im Dorf um. Bassam habe gehofft, heißt es, Drusenführer Walid Dschumblat werde ihm einen Job in einer ausländischen Botschaft zuschanzen. Als daraus nichts wurde, habe er sich beleidigt von ihm abgewandt. Jetzt ist er Redakteur der Hisbollah-hörigen Zeitung El-Akbar. Hisbollah bezahle ihn dafür, dass er den Kuntar-Mythos am Leben erhalte.

Die Drusen sehen zwar wie Hisbollah Israel als Feind an, aber sie folgen ihrem Führer Walid Dschumblat. Und Dschumblat hat sich gegen das Kidnapping als Mittel zur Freipressung Kuntars ausgesprochen. Bassam beschrieb ihn daraufhin in einem Artikel in El-Akbar als Vaterlandsverräter. Wenn Bassam jetzt durch das Dorf geht, spricht kaum ein Mensch ein Wort mit ihm. Niemand lädt ihn zum Kaffee ein. Er veröffentlichte auch zwei ihm durch das Rote Kreuz aus dem Gefängnis zugeschickte Nachrichten des Bruders mit ähnlichen Angriffen auf Dschumblat. Daraufhin wurde ein in Obai aufgestelltes Kuntar-Poster übermalt. Jetzt verrät nichts mehr, dass dies der Heimatort des Widerstandhelden ist.

Abdullahs anmutige Frau Susan ist eine geborene Hamzi. Die Hamzi sind der größte und einflussreichste Clan im Ort. Als Vetter Fausi so richtig über Hisbollah und deren »so genannten Sieg« gegen Israel vom Leder zieht, versucht sie zuerst, die Situation mit ihrem Charme zu retten. Dann wird es ihr doch zu bunt.

»Ist Israel etwa im Recht?«, braust sie auf.

»Ja!«, gibt der Vetter zurück.

Ein Gewitter braut sich zusammen. Es donnert und blitzt, am Himmel und auf der Veranda, die so einen friedlichen Eindruck machte mit den rosa und weißen Topfpflanzen und der über dem Eingang rankenden Klematis. Fausi Kuntar steht unter der Klematis und ruft jetzt provokativ: »Ich bin für die Amerikaner!«

Susan lacht: »Du bist ein Idiot!«

Die Wolken verziehen sich wieder. Worüber streitet man eigentlich? Ist Kuntar nach all den Jahren denn überhaupt noch eine fassbare Person? Ist dieses allgegenwärtige Gesicht nicht längst zur politischen Maske degeneriert, von der jeder nach seinen Interessen Gebrauch macht?

Samir Kuntar, politisches Gespenst des Nahen Ostens – der Geist von Hass und Gewalt und Rache und wieder Gewalt. Er geht seit 20 Jahren um.

Der erste Versuch, Kuntar freizupressen, lief am 7. Oktober 1985 an. Eine Einheit der Palästinensischen Befreiungsfront besetzte das italienische Kreuzfahrtschiff Achille Lauro auf der Fahrt von Alexandria nach Port Said. Die Geiselnehmer drohten, die 50 Passagiere nacheinander zu töten, bis ihre Forderung nach Freilassung von 50 Palästinensern und Gesinnungsgenossen erfüllt werde. Der erste Gefangene, den sie namentlich nannten, war Kuntar. Der erste Passagier, den sie erschossen, war der gehbehinderte amerikanische Jude Leon Klinghoffer. Sie warfen ihn mitsamt seinem Rollstuhl über Bord. Nach zweitägigen Verhandlungen gab die Befreiungsorganisation auf. Ägypten und Italien gewährten ihnen freien Abzug.

Zwischen 1994 und 2003 gab es sechs weitere Versuche, Kuntar freizupressen. 2003 vermittelte die Bundesregierung einen Austausch von 400 arabischen Insassen israelischer Gefängnisse gegen den im Libanon festgehaltenen Geschäftsmann Elhanan Tannenbaum und die Leichname dreier im Jahr 2000 gefallener israelischer Soldaten. Der an den Verhandlungen beteiligte Nasrallah weigerte sich bis zuletzt, dem Tauschgeschäft zuzustimmen, solange Kuntar ausgeklammert bliebe. Die Israelis bestanden für ihr wertvollstes Faustpfand auf Angaben über den Verbleib ihres Luftwaffenoffiziers Ron Arad.

Arad war verschollen, seit er sich 1984 bei einem Bombenangriff auf Sidon mit dem Schleudersitz aus seiner abstürzenden Phantom F-4 rettete. Erst hielt ihn die Schiitenmiliz Amal fest. Niemand scheint zu wissen, was dann mit ihm geschah. Israelische Kommandoeinheiten nahmen 1989 das Hisbollah-Mitglied Abdul-Karim Obeid und 1994 den Sicherheitschef der Amal, Mustafa Dirani, gefangen, um Informationen über sein weiteres Schicksal aus ihnen herauszupressen. Beide wurde 2004 entlassen. Kuntar blieb im Gefängnis.

Im Oktober 2005 machte sich der palästinensische Präsident Machmud Abbas für Kuntar stark. Sein Chefunterhändler Saeb Erekat forderte bei den Vorverhandlungen für ein Gipfeltreffen mit dem damaligen israelischen Ministerpräsidenten Ariel Scharon die Freilassung von 20 palästinensischen Häftlingen – und Samir Kuntar. Anfang 2006 trug die palästinensische Regierung Kuntar die Ehrenbürgerschaft an.

Im Juni 2006 war Kuntar schließlich Teil eines ausgefeilten diplomatischen Manövers, mit dem der libanesische Ministerpräsident Fuad Siniora und der Nahostgesandte der Vereinten Nationen, Terje Rod-Larsen, die Grenze zwischen dem Libanon und Israel befrieden wollten. In Punkt sechs eines Vertragsentwurfs stand:

»Hisbollah zieht sich aus dem Grenzgebiet zurück… Israel lässt Samir Kuntar frei.«

Wie es weiterging, ist bekannt. Nasrallah ließ die beiden israelischen Soldaten entführen, um Kuntar freizubekommen, und erntete einen Krieg, in dem über tausend Libanesen starben und eine Million auf die Flucht getrieben wurden.

In Luftlinie sind es von Obai bis Naharija – Kuntars Heimatort und dem Ort seiner Tat – kaum hundert Kilometer. Aber statt ein oder zwei Stunden dauert die Fahrt einen ganzen Tag über drei Grenzen und durch vier Länder. Erst zurück nach Beirut, dann nach Damaskus, von dort nach Jordanien und schließlich von dort über die Scheich-Hussein-Brücke nach Israel.

Naharija ist ein Westerland am Mittelmeer. Eine Strandpromenade, ein Vergnügungspark, Hotels, Restaurants, Imbissbuden, Cafés. Keine Spur von einem Militärstützpunkt, einem Marinehafen oder einer Nukleareinrichtung, wie Bruder Bassam auf seiner Web-Seite schreibt. Es ist auch keine »Siedlung«, sondern einfach eine israelische Stadt.

Überall werden durch den Krieg beschädigte Häuser wieder bewohnbar gemacht. Über 800 aus dem Libanon abgefeuerte Raketen schlugen hier ein, fünf Menschen wurden getötet, über 200 verletzt. Der Großteil der Bevölkerung floh in den Süden. Jetzt sind sie alle wieder zurückgekehrt. Eine Woche nach Kriegsende wimmeln die von Eukalyptusbäumen beschatteten Bürgersteige der zu beiden Seiten eines kleinen Flusses entlangführenden Hauptstraße von Teenagern. Am Abend steigt ein Popkonzert.

Jossi Tsachor gehört zu der Minderheit, die während des Hisbollah-Bombardements in der Stadt blieb. Sein Hobby sind exotische Vögel, die in einem hohen Aviarium im Garten herumschwirren. Die kann er nicht alleine lassen. Und Tsachor ist an feindliches Feuer gewöhnt, sein Leben war das Militär. Er ging als General in den Ruhestand – damals, am 22. April 1979, war er Oberst. Er erinnere sich genau an jene Nacht. Es war sein Geburtstag.

Um zwei Uhr früh hörte er Schüsse und explodierende Handgranaten. Er sei aufgestanden, habe sein Gewehr gegriffen und sich ins Auto gesetzt. Auf der Fahrt zum Strand – aus der Richtung war der Lärm gekommen – funkte er seine sieben Kilometer südlich von Naharija stationierte Einheit an. Auf der Strandpromenade, berichtet Tsachor mit einer Präzision, als habe es sich erst kürzlich zugetragen, fand er einen an eine Hauswand geprallten und durch eine Granate zerstörten Streifenwagen. Daneben lag ein toter Polizist. Als er ihn untersuchte, riefen ihn zwei weitere Polizisten, die sich in einem Busch versteckt hatten, an. Drei Terroristen, berichteten sie, hätten einen Mann und ein kleines Mädchen zum Meer gezerrt. Vor lauter Angst, gestanden sie kleinlaut ein, hätten sie nichts getan, um sie zu stoppen. Den vierten Terroristen, so stellte sich später heraus, hatte ein Bewohner des Hauses an der Jabotinskistraße erschossen.

Die von Tsachor angeforderte Verstärkung traf ein, zwei Jeeps mit je drei Mann. Der Oberst und die sechs Soldaten gingen langsam zum Meer hinunter. Dort lag ein Haufen von Felsbrocken. »Wir waren fünf oder sechs Meter herangekommen«, sagt Tsachor, »als ich den Schrei eines Kindes hörte. Er ging mir durch Mark und Bein. Ich gab Befehl anzuhalten. Im gleichen Augenblick richtete sich einer der Terroristen auf. Es war Kuntar, ich konnte seinen Schnauzbart sehen, so nahe war er. Er schoss mit einem Maschinengewehr.«

Tsachor wurde voll getroffen. Er zeigt drei von den Einschüssen zurückgebliebene Narben. Was danach passierte, hat er nie erfahren. Der Feldwebel, der ihm das Leben rettete und ihn zurück zur Straße schleppte, hat nie mit ihm darüber gesprochen. Soldaten, sagt Tsachors Frau, redeten nicht gerne darüber, was sie im Krieg erlebt haben. »Sie fressen es in sich hinein, sie verarbeiten es jeder für sich.«

Der Feldwebel heißt Gali Rosenbaum. Er arbeitet in einem Kibbuz unweit von Naharija. Um zu erzählen, was nach den Schüssen passierte, kommt er aus dem Pferdestall heraus. Er redet stockend, immer wieder nach Worten suchend, als falle es ihm jetzt noch schwer, mit den Vorfällen jener Nacht ins Reine zu kommen. In jener Nacht, sagt er, sei er um 20 Jahre gealtert. Seither trage er ständig eine Pistole am Gürtel. Sogar bei seiner Hochzeit.

Rosenbaum kroch auf dem Bauch zurück zu seinen Kameraden und wartete. »Wir wollten die Situation beruhigen«, erklärt er, »um die Geiseln zu retten. Der Morgen dämmerte. Plötzlich sah ich Danny Hadar. Drei, vier Schüsse krachten. Er brach zusammen. Wir sprangen auf. In dem Moment zertrümmerte Kuntar den Schädel des Kindes mit seinem Gewehrknauf auf einem Felsen. Ich konnte es genau sehen, ich war ganz nahe.«

Die Soldaten erschossen einen der Terroristen. Kuntar, der vermeintliche Held des antizionistischen Befreiungskampfes, ließ seine Waffe fallen und ergab sich mit über dem Kopf erhobenen Armen. Zwei Soldaten führten ihn ab.

»Mein größter Fehler war, Kuntar nicht erschossen zu haben«

Rosenbaum lief zu dem Kind, kniete neben ihm nieder und versuchte, es aufzuheben. Er schob eine Hand unter seinen Kopf. Ein Stück Schädeldecke war abgerissen. Er steckte es in die Tasche. Er trug das Kind zur Straße, wo eine Ambulanz wartete. In der Panik vergaß er, dem Notarzt das Schädelfragment zu geben. Das fand er später, als er in der Kaserne seine blutverschmierte Uniform auszog. Er raste zurück nach Naharija ins Krankenhaus. Das Mädchen war schon tot.

Vermutlich war es schon tot, als er es am Strand aufhob. Aber kann man sicher sein?

Sein größter Fehler sei gewesen, sagt Rosenbaum, dass er Kuntar nicht erschossen habe. »Der Mann hat seither so viel neues Leid verursacht.«

Die Mutter des toten Mädchens und Witwe von Danny Haran lebt heute noch in Naharija. Smadar Haran Kaiser liebt die Stadt. Sie wohnt in einem schönen, von grün wuchernden Bäumen umstandenen Haus. Vor vier Jahren installierte sie ein eisernes Gartentor, das sich nur elektronisch öffnen lässt. Nicht wegen Dieben, Kriminalität gibt es hier kaum, sondern nach einem von Hisbollah ganz in der Nähe verübten Überfall. Das Tor würde Terroristen ein Eindringen zumindest erschweren.

Gleich links vom Eingang liegt der Luftschutzraum, eine aus dickem Stahlbeton gegossene, schlafzimmergroße Zelle mit gut 15 Zentimeter starken Läden vor dem Fenster. Seit dem Rückzug Israels aus dem Libanon im Jahr 2000 diente der Raum im Durchschnitt einmal im Monat als Zuflucht vor Raketenbeschuss aus dem Norden.

»Genug, um uns daran zu erinnern«, sagt Frau Kaiser, »dass wir immer bedroht sind. Wir hören ständig das Grummeln im Bauch des Vulkans. Es wird bei jedem Ausbruch stärker, aber die meisten Leute ziehen vor, es zu ignorieren.«

Man kommt in das Haus und fürchtet den Schatten jener schrecklichen Nacht. Aber alles ist auf eigentümliche Weise normal. Smadar Haran ist schon lange wieder verheiratet. Kaiser ist der Name ihres zweiten Mannes. Jacob Kaiser ist Psychologe. Die beiden haben zwei Töchter. Die eine ist 25 Jahre alt und studiert Tanz in Jerusalem, die andere ist zu Hause, ein munterer, 18-jähriger Teenager. Sie bereitet Caffè Latte für den Gast. Der erste Versuch geht daneben, der zweite erbringt ein hinlängliches Resultat.

»Mein Herz blutet für die Libanesen. Ich wünschte, sie fühlten auch so«

Die Einrichtung ist modern und elegant. Ein Anflug von Bauhaus, viel Formgefühl und schöne Proportionen. An den Wänden hängen mehrfarbige und monochrome Stiche, viele davon sind Frau Kaisers eigene Werke. Sie hat in Haifa Kunst studiert. Dort hatte sie auch ihren ersten Mann Danny kennen gelernt. Er studierte Soziologie und Auswärtige Beziehungen.

»Wie bitte? Er soll doch Atomphysiker gewesen sein.«

Sie kann kaum glauben, was für Geschichten auf der anderen Seite der nahen Grenze in Umlauf sind. Die Heldengeschichten vom Eindringen in eine bis an die Zähne bewaffnete Militärfestung, die »Propagandalüge«, der gezielte Entführungsversuch. »Mein Mann war Manager einer Textilfabrik. Viele seiner Mitarbeiter waren Araber. Er träumte immer davon, ein arabisch-jüdisches Dorf in Galiläa zu gründen.«

Frau Kaiser war immer »links«, was in Israel bedeutet: Sie unterstützte jede Friedensbewegung. Der 1995 von einem jüdischen Extremisten ermordete Ministerpräsident Jitzhak Rabin lud sie 1994 ein, ihn zum Abschluss der Friedensverhandlungen mit Arafat nach Washington zu begleiten. Erst sagte sie zu, dann lehnte sie ab. Sie trug ihm auf, er solle dem PLO-Chef auch in ihrem Namen die Hand reichen. Sie würde ihn von zu Hause aus unterstützen.

Die Bekanntschaft mit Rabin hatte knapp zehn Jahre vorher begonnen, »mit einem schrecklichen Streit«. Rabin hatte Achmed al-Abrass, den zweiten überlebenden Terroristen des Anschlags vom 22. April 1979, in einem Gefangenenaustausch freigelassen. Frau Kaiser ging an die Öffentlichkeit und beschwerte sich, dass sie als Betroffene nicht einmal vorher informiert worden sei. Rabin rief sie an und bat um ein Treffen. Die Zusammenkunft gestaltete sich ziemlich lautstark. Frau Kaiser ist eine temperamentvolle Person, die mit ihren Meinungen nicht hinter dem Berg hält.

Zwei Tage später rief Rabin wieder an. Er habe darüber nachgedacht, was sie ihm vorgeworfen habe, sagte er, und lud sie zu einem zweiten Treffen ein. Was sie denn an seiner Stelle getan hätte, wollte er wissen. Wenn er Soldaten in den Krieg schicke, müssten die darauf bauen können, dass die Regierung alles Menschenmögliche für ihre Befreiung täte, sollten sie in Gefangenschaft geraten. Also Austausch, oder nicht?

Frau Kaiser erwiderte, sie könne ihm keine Antwort geben. Für ihn gehe es um die Staatsräson, für sie um Emotionen. Danach wurden sie Freunde.

Wie stark sind die Emotionen heute? Erfüllt die Erinnerung an Kuntar sie mit Hass?

»Als Mensch interessiert er mich nicht. Ich lasse mich nicht von Hass verzehren. Ich würde lieber sterben, als so viel Hass zu spüren, wie andere für uns haben. Das tötet die Emotionen, den Geist, die Menschlichkeit. Mein Herz blutet für die Menschen im Libanon, die in den letzten Wochen gelitten haben. Ich wünschte mir nur, sie könnten dasselbe für uns fühlen.«

Und die Erinnerung an jene Nacht – überfällt die sie nicht immer wieder?

»Immer wieder, selbstverständlich. Aber« – sie lächelt – »das Leben in Israel ist ein einziger großer Flashback. Wir sind eine traumatisierte Nation. Wir wissen gar nicht mehr, was ein normales Leben ist, ohne Terroranschläge, ohne die tägliche Bedrohung. Immer wünscht uns jemand den Tod, weil wir Juden sind.«

Wie gelang es ihr, nach dem Albtraum ein neues Leben aufzubauen? »Entweder man lässt zu, dass der Lebensmut abgetötet wird, oder man lebt weiter. Als Juden wissen wir, dass wir immer mit Tragödien konfrontiert werden, dass es keine Sicherheit gibt. Ich finde den Willen zum Überleben tief in meinen Wurzeln und in meiner Erziehung. Ich wuchs in einem von Überlebenden des Holocaust gegründeten Kibbuz auf.«

Ihre linken Überzeugungen hat sie unterdessen gründlich revidiert. Erste Zweifel kamen in ihr auf, als Arafat wenige Jahre nach dem Handschlag mit Rabin die zweite Intifada vom Zaun brach. Nach dem Rückzug aus dem Libanon bombardierte Hisbollah dann mit stets wachsender Intensität den Norden Israels. Nach dem Rückzug aus Gaza im vorigen Jahr geriet auch der Süden unter zunehmenden Raketenbeschuss. »Vielleicht«, sagt sie, »haben wir nie richtig verstanden, was es bedeutet, im Nahen Osten zu leben. Wir denken als Europäer. Ich hatte immer daran geglaubt, dass wir hier eines Tages in Frieden leben werden. Jetzt glaube ich, ich war naiv.«

Im Nahen Osten, sagt sie, gehe es jetzt um Leben und Tod. Das Judentum bedeutet für sie die Anbetung des Lebens. Im Islamismus erkennt sie einen Todeskult. An der Verherrlichung Samir Kuntars könne man das wunderbar erkennen.

»Jeder«, sagt sie, »hat seine Helden. Zeig mir deine Helden, und ich weiß, wer du bist.«


Hintergrund:
Drusen, Maroniten, Palästinenser

Die Drusen sind im Libanon, in Syrien und Israel verbreitet. Die Religionsgemeinschaft entstand um 1010 aus dem Islam. Etwa 360000 Drusen leben in Syrien, rund 107000 in Israel. Eine größere politische Rolle spielen die 280000 (andere Quellen sprechen von 400000) Drusen im Libanon, die von Walid Dschumblat vertreten werden. Im Konflikt mit Israel stellte er sich nun gegen Hisbollah.

Die christlichen Maroniten sind nach dem Heiligen Maron benannt, einem syrischen Mönch des 5. Jahrhunderts. Im 9. Jahrhundert flohen sie vor arabischer Verfolgung ins Libanongebirge. Im 12. Jahrhundert schlossen sie sich der römisch-katholischen Kirche an. Die etwa 1000000 Maroniten im Libanon bilden fast ein Drittel der Bevölkerung und stellen nach der Verfassung den Präsidenten. Sie fürchten eine Machtübernahme der Schiiten. Viele denken an Emigration.

Die PLF entstand 1970 aus palästinensischen Fraktionskämpfen und spaltete sich dann selbst in eine »syrische«, eine »libysche« und eine PLO-nahe Fraktion. Letztere wurde durch die Entführung des Kreuzfahrtschiffes »Achille Lauro« bekannt. Sie hatte ihr Hauptquartier in Bagdad. Ihr Führer Abu Abbas starb 2004 in US-Gefangenschaft. Seit dem Irak-Krieg ist die PLF im Libanon ansässig.

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Leser-Kommentare
  1. @buysse
    Zunaechst ist es mehr als nur eine unverschaemtheit, mir eine Rechtfertigung an dem Tod des Maedchens zu unterstellen. Ihre Unwissenheit entschuldigt diesen niedertraechtıg versuchten Rufmord nicht. Die Beleidigungen sind nicht der Rede wert, da diese nur ein Zeugnis für ihre Persönlichkeit ausstellen.

    Auch wenn es Ihnen und vielen anderen an Informationen Mangelt (an denen Sie wohl ohnehin nicht interessiert sind) gibt es eine zumeist auf Lügen basierende Propaganda israelischer Regierungen. Eine Suche bei Google mit dem Stichwort ‘Angriff auf die Liberty’ müsste eigentlich klar stellen, in welchen Dimensionen die Lügen angesetzt sind.
    (in diesem Vorfall wollte die israelische Regierung durch die Versenkung des US-Aufklaerungsschiffes Liberty einen atomaren Angriff auf Kairo provozieren. Glücklicherweise war die von ihrer US-Regierung im Stich gelassene Besatzung der Liberty tüchtig genug, um sich den Israelischen Angriffen zu erwehren, und auch (leider erst 20Jahre nach dem Vorfall) die Geschehnisse publik zu machen.)
    Schliesslich haben es mit Regierungen einer Nation zu tun, deren Geheimdienst gegenwaertig
    im Westjordanland Agenten in friedliche Demos der Palaestinenser mischt (gegen die verbrecherischen Enteignungen von Palaestinensern zugunsten der völkerrechtlich illegalen Siedlungen), die dann zu Gewalt anstacheln sollen, damit man den Palaestinensern Gewaltbereitschaft unterstellen kann. Man muss nur den israelischen Friedensaktivisten zuhören, um sich aufklaeren zu lassen.

    Demnach Frage ich mich nur, weshalb jemand entführt werden soll, wenn er dann doch umgebracht wird. Abgesehen davon kommen zwar bei Selbstmordattentaten israelische Kinder ums Leben, aber es ist eher untypisch für Moslems Kinder Aug um Aug zu toeten. Das ist eher von der israelischen Armee bekannt, dss sie auf steine werfende Kinder schiessen.

    Abgesehen davon habe ich meinen Kommentar so ausgelegt, dass dieser Vorfall wie beschrieben stattgefunden hat, auch wenn immer Zweifel an den Aussagen israelischer Behörden angebracht sind.

    Weiterhin müsste ich Ihnen antijüdische Resentiments unterstellen, wenn Sie die Israelis unterstützen, die Israel als Unrechtsstaat etablieren, anstatt jene Israelis zu unterstützen, die mit vorbildlichem Einsatz gegen jene Kaempfen, die gegenüber den Moslems Rassismus und Unterdrückung praktizieren wollen. Das schadet naemlich den Juden mehr, auch wenn der Rassismus gegen Araber derzeit sehr populaer ist.

    Falls Sie wirklich interesiert sind, und nicht nur antiislamische Resentıments unterstützen wollen, geben Sie die Stichwörter/Namen Uri Avnery, Amira Hass, Noam Chomsky, btselem, zmag in eine Suchmaschiene ein. Ansonsten gehaben Sie sich wohl bei Ihren hilflosen Versuchen, andere Menschen zu unrecht zu stıgmatisieren.

    • Colon
    • 04.09.2006 um 3:06 Uhr

    ad lef (03.09.2006 22:22:49)

    Die Behauptung, Kofi Annan habe "Mitleid" mit dem Terroristen
    Samir Kuntar gezeigt, ist von Ihnen, "lef", aufgestellt.

    In Herrn Luykens Bericht steht ausdrücklich "angeblich" und zudem der Hinweis, dass es sich hier um Angaben des Bruders von Samir Kuntar handelt. - Dieser ist, wie im Artikel beschrieben, in eigentümlicher Mission unterwegs.

    • sorry
    • 09.09.2006 um 11:58 Uhr

    Das ZEIT-Dossier ist sicher hochinteressant und informativ, besonders im Vergleich zu den meisten Materialien im Web und auch zu dem von Sympathisanten verhunzten Artikel "Samir Kuntar" in der deutschen Wikipedia.

    Trotzdem eine Frage:

    Ausführlich werden Umstände und Inhalt des Gesprächs mit einem "Muhammad Jassin, Chef der Palästinensischen Befreiungsfront (PLF)" dargestellt, auch "Kommandeur" genannt, mit dem Reiner Luyken in einem Haus in Sidon zusammentraf und der Kuntar 1979 den Auftrag zu dem Anschlag auf Nahariya erteilt haben will. Der Erzählung dieses Mannes zufolge sollte Danny Haran als "prominenter Atomphysiker" entführt werden, was man auch anderweitig lesen kann, und die Adresse von Danny Haran soll "der PLF von palästinensischen Agenten zugespielt" worden sein. Wäre die Aussage glaubwürdig, so wäre also davon auszugehen, daß das Terrorkommando Kuntars in Nahariya nicht einfach wahllos zuschlug, sondern tatsächlich von vorneherein die Entführung Harans geplant war.

    Merkwürdig ist aber, daß von einem Muhammad Jassin (oder Yassin) als Führer oder hochrangigem Mitglied der PLF nirgendwo etwas bekannt zu sein scheint. Zumindest nicht in Internetquellen. Die 1977 gegründete und von Abu Abbas und Tal'at Ya'akub angeführte PLF hatte sich in den 80ern zeitweise in drei Fraktionen gespalten, von denen sich die libanesische (Ya'akub) und die tunesisch/irakische (Abbas) nach dem Tod von Ya'akub 1989 unter der Führung von Abu Abbas wieder zusammenschlossen. Nach dem Tod von Abu Abbas wählte das Zentralkomitee Anfang April 2004 dessen Stellvertreter Umar Shibli (Abu Ahmed Halab) zum neuen Führer. Von einem Nachfolger Shiblis scheint nichts bekannt zu sein.

    Deshalb meine Frage: Hat Luyken tatsächlich mit einem bisher unbekannten Führer der PLF gesprochen, oder hat die ZEIT womöglich nur einer Ente zum Flug verholfen?

  2. Inhaltlich haben Sie nichts aber auch gar nichts an meinem Kommentar, bzw. Aussagen widerlegen koennen (abgesehen von sinnloser Beschaeftigung mit Rechtschreibfehlern, die mir hier völlig egal sind).

    Netto bleibt übrig, dass Sie sich über die Verehrung eines islamischen 'Freiheitskaempfers', der 'Terrorist' genannt wird, und ca. 10-15 Tote auf dem Gewissen hat, empören zu vermögen, aber an der Wahl des Massenmörders Sharon zum Staatsoberhaupt, der weit über tausend palaestinensische Flüchtlinge allein bei den Massakern in Sabra und Shatila auf dem Gewissen hat, nicht die Spur einer Kritik finden.

    Wenn man beide Waagschalen betrachtet, laesst sich diese Haltung nur rassistisch begründen, oder mit der Mathematik eines Vorschulkindes, welches 10 und 1000 nicht zu unterscheiden vermag.

    PS: Es hat Methode, dass die Trauergeschichten nur eine Seite der Opfer zeigen. Hier in der Zeit ist das schon nach der Hommage an den gefallenen israelischen Soldaten die zweite, wahrscheinlich ohne das in der Redaktion die Idee aufkommt, islamische Opfer so Detailgenau in ihren Tragödien darzustellen. Derer gibt es ein Vielfaches.

    • alon
    • 05.09.2006 um 13:01 Uhr

    Dass im Nahostkonflikt mehr als eine Wahrheit gilt und dass vor allem die arabische Seite weder von Selbstkritik noch von akribischem Umgang mit Fakten und Tatsachen agekränkelt ist, dürfte inzwischen bekannt sein, auch dass ihre (Selbst)-Inszenierung bei nicht wenigen westlichen Zeitgenossen auf offene Ohren trifft, vor allem, wenn es darum geht, die Machenschaften der bösen Israelis blosszulegen. Dann hält man sich eben, wie im vorliegenden Fall, an die libanesische Version und sieht in Samir Kuntar einen der Helden des Widerstands, oder rechnet eifernd und geifernd, wie im vorigen Kommentar unseres engagierten Freundes, die Schandtaten der Israelis gegen die Irrtuemer und Versehen der tapferen Freiheitskämpfer damals (und Gotteskrieger heute) auf. Oh, diese Helden, die nachts in Schlauchbooten übers Meer kommen,um sich mit kleinen Maedchen zu messen, die sich heute mit Sprenstoffgürteln unter Schulklassen mischen oder steinewerfende Jungen als lebende Schutzschilder benutzen. Ihren Namen wird man rühmen in den Bazaren von Bagdad und besingen ihre ruhmreichen Taten - oder auch nicht, wenn nämlich die arabische Welt und der weltoffene Islam endlich in später Selbsterkenntnis die Initiative ergreift und gegen all diejenigen Organisationen und Regime vorgeht, die aus welchen Motiven auch immer dem Rest der Welt den Heiligen Krieg erklärten und ihre Fusstrupps losschicken, kleinen Maedchen den Kopf einzuschlagen.

    • lef
    • 04.09.2006 um 11:13 Uhr

    OK, aber bitte selbst auch genauer hinsehen,
    ich hatte nicht von Mitleid mit dem Täter, sondern mit der Familie gesprochen.
    Nun ist Kofi Annan aber ganz sicher nicht sehr unparteiisch, deswegen halte ich die Vermutung für nicht sehr abstrus.

    Ansonsten schließe ich mich in der Gesamtmeinung einem Vorredner an:
    Ein hervorragend gur recherchierter Artikel.

    Zwei Aspekte kommen etwas zu kurz:
    1. die Gespaltenheit des Libanons in viele einzelne Gruppen,
    auf die Parteilichkeit des Ministerpräsidenten hatte ich hingewiesen, aber es ist gut, dass im Artikel auch von anderen meinungsbildenden Gruppen die Rede ist.
    Umso wichtiger ist es im Interesse des Libanons (und mittelbar auch Israels), dass eine unabhängige Armee die schiitisch geprägte Hisbollah ablöst,

    2. die Internationalität des Problems der Rekrutierung von Kindersoldaten!
    Das Hauptproblem ist hier nämlich, dass gerade Jugendliche, wenn sie als Anführer oder Vorbilder glorifiziert werden, durch ihr Auftreten bzw. Glorifizierung andere Jugendliche oder gar Kinder zu ähnlicher Selbstaufopferung oder Gewalttaten ermuntern. Sie haben ein Charisma, das Erwachsene Täter eben NICHT ausstrahlen.
    Die Glorifizierung dieses Mörders ist also Teil eines Systems zur Neurekrutierung von Kindern+Jugendlichen.
    (Auf ARTE lief gestern (9.9.Wdh) eine Sendung über die Kinderkreuzzüge im Mittelalter. Schon damals war das Problem der Kindersoldaten und eben auch das Phänomen der Rekrutierung von Kindern mittels charismatischer Jugendlicher immanent.)

    lef

  3. Mein Bedauern an Frau Schamir, die ein aehnlich furchtbares Trauma zu erleiden hat, wie viele Tausend Palaestinenser es durch jüdischen Terror erfahren haben.

    Allerdings sollte sie sich mit ihrem Urteil, dass der Islam ein Todeskult waere, etwas zurückhalten. Gemessen an den Opferzahlen von Israel und den Feinden Israels, die sich gegen den Landraub im Golan (Shebaafarmen) und Westjordanland wehren, ist der Islam gegenüber dem Judaismus harmlos. Wer zaehlen kann, dürfte eigentlich zu keinem anderen Ergebnis kommen.

    So schlimm die Verherrlich Samir Kuntars auch ist, sofern die Artikelangaben wahr sind (schliesslich weiss man ja, dass Israel eine höchst eigene 'Wahrheit' zu praesentieren vermag) ist die Verherrlichung Sharons, speziell durch seine Wahl zum israelischen Praesidenten, meiner Meinung nach weitaus schlimmer. Sharon hat ja nicht nur ein Maedchen getötet, sondern wie er sich selber in seiner eigenen Biographie rühmt, 69 Frauen und Kinder in ihren Haeusern in die Luft gesprengt. Seine Massaker in Sabra und Shatila mit 500-1500 abgeschlachteten palaestinensischen Flüchtlingen dürften mit seiner Wahl zum Staatsoberhaupt irgendwann die besonder Aufmerksamkeit geben, die dieser Umstand verdient. Bis dahin müssen wir uns hier mit der Berichterstattung abfinden, die die israelischen Besatzungsverbrechen unterstützt und die Israelis im Stich laesst, die nicht Verantwortlich für die mittlerweile 40jaehrige(!) Freiheits- und Eigentumsberaubung der Palaestinenser durch Israelis sein möchten.

  4. Es wundert nicht, dass manche nicht mal in der Lage sind zu bemerken, dass Sie Aussagen von Israelis und US-Bürgern als islamische Propaganda darstellen. Inhaltsleere solcher Postings ist selbstredend.

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