Einen »Hühnerstall« nennt er Abdullahs Haus, in dem sich niemand traue, die Wahrheit zu sagen. »Die wissen hier gar nicht mehr, was das Wort Wahrheit bedeutet.« Die Wahrheit sei, »um es mal ganz grob zu sagen«, dass Schiiten »schmutzige Pakis sind«. Pakistaner also. »Ein Hisbollah verschriebener Plebs.«

Und Bassam? Nein, den nennt er gar nicht beim Namen, sondern nur »diesen Typen«, der sich »den Pakis« verschrieben habe.

Warum der das tue, darüber gehen hämische Geschichten im Dorf um. Bassam habe gehofft, heißt es, Drusenführer Walid Dschumblat werde ihm einen Job in einer ausländischen Botschaft zuschanzen. Als daraus nichts wurde, habe er sich beleidigt von ihm abgewandt. Jetzt ist er Redakteur der Hisbollah-hörigen Zeitung El-Akbar. Hisbollah bezahle ihn dafür, dass er den Kuntar-Mythos am Leben erhalte.

Die Drusen sehen zwar wie Hisbollah Israel als Feind an, aber sie folgen ihrem Führer Walid Dschumblat. Und Dschumblat hat sich gegen das Kidnapping als Mittel zur Freipressung Kuntars ausgesprochen. Bassam beschrieb ihn daraufhin in einem Artikel in El-Akbar als Vaterlandsverräter. Wenn Bassam jetzt durch das Dorf geht, spricht kaum ein Mensch ein Wort mit ihm. Niemand lädt ihn zum Kaffee ein. Er veröffentlichte auch zwei ihm durch das Rote Kreuz aus dem Gefängnis zugeschickte Nachrichten des Bruders mit ähnlichen Angriffen auf Dschumblat. Daraufhin wurde ein in Obai aufgestelltes Kuntar-Poster übermalt. Jetzt verrät nichts mehr, dass dies der Heimatort des Widerstandhelden ist.

Abdullahs anmutige Frau Susan ist eine geborene Hamzi. Die Hamzi sind der größte und einflussreichste Clan im Ort. Als Vetter Fausi so richtig über Hisbollah und deren »so genannten Sieg« gegen Israel vom Leder zieht, versucht sie zuerst, die Situation mit ihrem Charme zu retten. Dann wird es ihr doch zu bunt.

»Ist Israel etwa im Recht?«, braust sie auf.

»Ja!«, gibt der Vetter zurück.