Film Sie oder sie

Die junge Berliner Regisseurin Valeska Grisebach hat einen wunderbaren Liebesfilm gedreht: »Sehnsucht«.

Ein Mann und eine Frau, eng umschlungen in einer Wolke aus blau-weiß gepunkteter Bettwäsche. Sie scheint ihn auch noch im Traum zu suchen. Und er hält die kleine Frau mit seinen großen Händen dabei ganz fest. Keine Feder, kein Blatt passt zwischen die beiden Körper. Und doch gibt es da diesen Raum, der sich durch keine Innigkeit wegdrängen lässt und der sich langsam mit einer noch ungerichteten, aber bereits schmerzhaft pochenden Sehnsucht füllt. Einer Sehnsucht, die größer ist als ein kleines Leben an diesem einen Ort, mit diesem einen Menschen. So groß, dass man sich verfielfältigen müsste, um sie ganz zu erkunden. Und um nicht in ihrer Wucht unterzugehen.

Ella und Markus lieben sich, seit sie denken können. Sie leben in dem brandenburgischen Örtchen Zühlen, das nur aus ein paar schmucklosen Häusern, Werkstätten und Straßen zu bestehen scheint und doch ihre Zweisamkeit wie ein kleines Königreich beschützt. Markus arbeitet als Schlosser und bei der freiwilligen Feuerwehr, Ella putzt in der Nachbarschaft und singt im Chor. Das Paar lebt in einer Dorfgemeinschaft, in der man nicht viele Worte verliert über die Liebe und den Tod. Statt umständlicher Erklärungen ihrer Gefühle bauen hier die Männer lieber einen neuen Zaun oder eine Zentralheizung ein, wenn ihre Frauen im Krankenhaus den Nachwuchs zur Welt bringen. Und wenn ein Kollege Markus, der nach seinem Einsatz bei einem Autounfall noch unter Schock steht, mit einem holperigen »Das Leben an sich ist nur ein Hauch« aufmuntern will, merkt man diesem wackeren Feuerwehrmann an, dass ihm Begriffe wie »Hochdruckbelüftungsgerät« deutlich leichter fallen.

Sehnsucht erzählt die Geschichte von Markus, der sich zwischen zwei Frauen nicht entscheiden kann, der eigentlich nur alles richtig machen möchte und genau dadurch alles zerstört. Es ist der zweite Spielfilm der Berliner Regisseurin Valeska Grisebach, und er ist ein Meisterwerk geworden. Seine ruhigen Bilder und klaren Kadrierungen tasten so sorgfältig eine Wirklichkeit ab, bis in der Geschichte von Vertrauen, Betrug und Verzweiflung die Umrisse einer großen Tragödie sichtbar werden. Es ist ein fast schon dokumentarischer Erkundungsgang durch das Unspektakuläre, der einen wunderbaren dramatischen Sog entwickelt.

Wie in ihrem Debüt Mein Stern , in dem Heranwachsende sich in den komplizierten Ritualen von Liebe und Beziehung erproben, hat Valeska Grisebach auch diesmal Darsteller in der Welt gesucht, von der sie erzählen will. Sie hat sich auf Dorffesten und Feuerwehrbällen in der Gegend von Neuruppin umgeschaut, mit 800 Männern und Frauen über ihre Lebensträume gesprochen oder über das, was davon übrig geblieben ist. Und ihr Ensemble – Andreas Müller als Markus, Ilka Welz als Ella und Anett Dornbusch als Kellnerin Rose – lässt mit schüchterner Intensität den ganzen Film über etwas durch die Oberfläche scheinen, was man wohl nur mit dem großen Wort Wahrhaftigkeit beschreiben kann.

Da ist ihre Sprache, die der Bewegung des Herzens kaum nachkommen kann. Die erst mit aller Kraft angeschoben werden muss, um dem Sehnen oder auch der Angst einen Ausdruck zu geben. »Ich begehre dich«, traut sich Ella einmal, schiebt noch leise ein »so« hinterher und reißt damit doch ein ungeheuerliches Loch in die Stille beim Abendbrot. Und Markus, der stumme Ritter mit der traurigen Gestalt, geht mit einem herzzerreißend hilflosen »Ich muss mal allein sein« in Deckung vor dem einstürzenden Glück.

Grisebach lotst die Verständigung ihrer Helden über andere Bahnen, über wortlose Selbstverständlichkeiten, eine gemeinsame Tasse Tee im Regen, eine Umarmung vor dem schwarzen Spiegel eines Sees oder auch über die geheimen Wege des Mystischen. So bricht Ella bei einer Chorprobe etwa zu dem Zeitpunkt unvermittelt in Tränen aus, als Markus und Rose im Nachbarort aufeinander treffen.

Immer wieder gibt es in Sehnsucht solche überhöhenden Bilder, Szenen, die die Geschichte von Ella und Markus aus Zühlen in den Olymp der ganz großen Erzählungen heben. Etwa den Chor der Kinder auf dem Spielplatz, die mit ihrer Mischung aus altkluger Urteilsfreude und kicherndem Staunen das Drama nach antikischer Manier zu Ende erzählen. Oder Aufnahmen von Ella, als sorgenvoll wartende Frau am Zaun, das kultivierte Land drum herum, der Mann irgendwo da draußen – einen Moment lang glaubt man, einen Western zu sehen.

Immer wieder wechselt die Kamera zwischen dem ganz Konkreten und der Abstraktion. Sie schaut genau zu, wie die Helden eine Hollywoodschaukel mit Rostschutzfarbe bepinseln, an einem Hasenstall werkeln oder sich beim Klimpern auf der Heimorgel in aufgekratzter Heiterkeit verlieren. Und dann, beim Ausflug der Feuerwehr, bei einem Tanz, feiert Sehnsucht seinen größten Moment. Wenn Markus die Augen schließt, sich stockbesoffen zu Robbie Williams’ Feel wiegt und sich schließlich in eine imaginäre Umarmung steigert, die ihn am Ende in ein fremdes Bett und die Katastrophe seines Lebens katapultieren wird. Neben Rose, die er so plötzlich wie aufrichtig liebt, auch wenn er ihren Namen am Tag danach erst beim Tischnachbarn erfragen muss.

Dieser Tanz gehörte bereits auf der diesjährigen Berlinale zu den bewegendsten Kino-Augenblicken. Weil sich in diesem Bild die titelgebende Sehnsucht mit entwaffnender Klarheit bündelt. Weil in diesem Moment diese Wirklichkeit des Films so klein und groß zugleich ist. Und so scharf gestellt, dass einem die Augen brennen.

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    • Quelle DIE ZEIT, 31.08.2006
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    • Schlagworte Film | Andreas Müller | Rose | Literatur | Filmrezension | Oder | Tanzen | Chor
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