Ich möchte endlich eine Bringschuld begleichen. Marcel Reich-Ranicki und ich sind die letzten deutschen Intellektuellen, die sich noch nicht offiziell zum Fall Grass geäußert haben. Ein ostdeutscher Freund hat mir gesagt, dass er nicht versteht, worum es in dem Fall Grass geht. Das Einzige, was er verstünde, sei, dass alle westdeutschen Meinungsführer Nazis waren, alle ostdeutschen Meinungsführer aber waren in der Stasi, was weniger schlimm ist, weil die Stasi keinen Weltkrieg angefangen hat und so weiter. Ostdeutschland ist in dieser Affäre der große Sieger.

Wenn ich Günter Grass wäre, würde es mich am meisten ärgern, dass mein Buch wochenlang bei allen wichtigen Kritikern auf dem Tisch gelegen hat, und kein einziger Kritiker hatte Lust, es zu lesen. Manchmal denke ich: Grass hat vielleicht in Wahrheit seit 20 Jahren in all seinen Romanen, Essays und Gedichten immer wieder geschrieben, dass er in der Waffen-SS war, zuerst als leise poetische Andeutung, dann als starke Metapher, zum Schluss überdeutlich in Klartext mit Ausrufungszeichen. Es hatte aber kein Mensch Lust, es zu lesen. Am Ende war er so verzweifelt, dass er mit der FAZ sprach.

Schon vor der Affäre habe ich manchmal darüber nachgedacht, dass Günter Grass einen Scheitel und einen dunklen Schnauzbart trägt, dass er sich als Soldat freiwillig gemeldet hat, sich an Details seiner Soldatenzeit aber nicht mehr erinnern kann, dass er gern lange öffentliche Reden hält und politische Bekenntnisse abgibt, dass er bei Frauen immer gut ankam, dass er die Amerikaner für Rassisten hält, dass er den Katholizismus vehement ablehnt und dass er Hunde liebt. All dies trifft Punkt für Punkt auch für einen anderen deutschen Bestsellerautor zu. Ich möchte Günter Grass nicht zu nahe treten und ausdrücklich betonen, dass es auch Unterschiede gibt.

Dann habe ich die Süddeutsche aufgeschlagen und einen riesigen Artikel über Mein Kampf entdeckt. Darin stand, dass deswegen kein Mensch das Buch Mein Kampf gelesen hat, weil es so weitschweifig ist und weil Hitler sich in dem Buch pausenlos selbst lobt. Mein Kampf sei im Gefängnis auf Anregung von Mithäftlingen entstanden, denen Hitlers unaufhörliche Reden und sein Besserwissertum auf die Nerven fiel, sie dachten, wenn er autobiografische Literatur schreibt, ist er wenigstens ruhig. Hitler habe aber, sobald ein Kapitel fertig war, immer sofort eine Lesung im Gefängnis veranstaltet, an der die Mithäftlinge teilnehmen mussten. Das war Teil der Strafe. Außerdem sei das Buch so nebulös, dass die Intellektuellen unter den Nazis, Goebbels zum Beispiel, niemals daraus zitiert haben. Möglicherweise habe es selbst Goebbels nicht zu Ende gelesen. In keiner oder fast keiner Kritik des Buches wurde erwähnt, dass Hitler Antisemit sei. Das ist damals offenbar keinem Feuilleton-Kritiker aufgefallen.

Hitler musste nach der Veröffentlichung seines Buches regelrecht kämpfen, bis die Leute endlich zur Kenntnis nahmen, dass er Nazi war. Daran sieht man, wie wichtig es ist, dass man, wenn man schreibt, sich klar ausdrückt und nicht zu viele Nebensätze macht.