Hamburg

Angeblich entspricht das alles Gottes Plan. Gott möchte, sagt Frauke Rudolph, dass sie ihre drei schulpflichtigen Töchter nicht zur Schule schickt. Und es sei auch Gottes Wunsch, dass die Hamburger Schulbehörde ihren Mann André dafür gerade eine Woche lang ins Gefängnis stecken ließ. Erzwingungshaft heißt das im Juristendeutsch. Erzwungen hat sie nichts, Rudolphs Kinder blieben zu Hause. Vergangenen Freitag hat die Behörde nun den Entzug des Sorgerechts beantragt. Das ist der vorläufige Höhepunkt eines langen Kampfes zwischen dem deutschen Staat und Familie Rudolph.

Die Rudolphs sehen sich in einem Gewissenskonflikt. Ihre zutiefst christliche Weltanschauung, sagen sie, vertrage sich nicht mit den Werten staatlicher Schulen schon gar nicht mit Sexualkunde und Evolutionstheorie. Außerdem fürchten sie, ihre Kinder könnten auf dem Schulhof verprügelt werden und im Klassenzimmer unter der Lernschwäche ihrer Mitschüler leiden.

Deshalb unterrichtet André Rudolph seine Kinder selbst. Heimunterricht aber ist in Deutschland verboten. Erst im Mai entschied das Bundesverfassungsgericht in einem ähnlichen Fall, dass der Staat seinen Erziehungsauftrag auch gegen die Religionsfreiheit durchsetzen müsse. Nur in einer Schule könnten verantwortliche Staatsbürger heranwachsen, die an den demokratischen Prozessen in einer pluralistischen Gesellschaft teilhaben. Auch das Wort Parallelgesellschaft kam in der Urteilsbegründung vor.

Anwältin war damals Gabriele Eckermann aus Dreieich in Hessen. Sie vertritt jetzt auch die Rudolphs. Ihr Mann Armin, ebenfalls Anwalt, hat vor sechs Jahren den Verein Schulunterricht zu Hause gegründet und auch schon beim politischen Aschermittwoch der Partei Bibeltreuer Christen gesprochen. Der Verein ist Teil des fundamentalchristlichen Netzwerks Home School Legal Defense Association (HSLDA) mit Sitz in Virginia, USA. Die HSLDA kämpft weltweit für das Grundrecht auf Heimunterricht und sieht in deutschen Gerichten Hitlers Geist spuken. Die Eckermanns stießen zu dieser Bewegung, als ihre drei Kinder schon aus dem Haus waren.

Andere europäische Länder gestatten Heimunterricht unter Auflagen. In Österreich müssen Heimschulkinder einmal im Jahr eine staatliche Prüfung ablegen. Fallen sie durch, kommen sie in eine öffentliche Schule. Deshalb findet Herr Eckermann die deutsche Position verbohrt - er zitiert Studien, die daheim unterrichteten Kindern eine höhere Sozialkompetenz zusprechen. Und er verweist auf die Glaubensgemeinschaft der Zwölf Stämme, die seit Februar in Bayern eine Ergänzungsschule betreiben darf. Das Anwaltspaar bereitet sich nun auf den Europäischen Gerichtshof vor. Sieben Streitfälle zum Heimunterricht hat die Kanzlei Eckermann dort mittlerweile eingereicht. Steter Tropfen höhlt den Stein, sagt Armin Eckermann.

In keinem der Fälle wurde der Vorwurf erhoben, die Eltern behandelten ihre Kinder schlecht. Auch dem Ehepaar Rudolph bescheinigte das Amtsgericht Altona im Februar einen liebevollen Umgang mit seinen Kindern und verurteilte es zu 840 Euro Bußgeld wegen Schulverweigerung. Ihre Kinder werden es im Leben später einmal sehr schwer haben, erklärte der Richter den Eltern.