Kino Die Wahrheit und der Fleischwolf

Ein Lungenzug für die Freiheit: Jason Reitmans Filmsatire »Thank you for smoking«.

Gesundheit ist eine ernste Sache. Gesundheit ist etwas, das mehr bedeutet als eine gute körperliche Verfassung. Gesundheit ist eine Idee, eine Vision, ist die Vorstellung von einem besseren Leben. Schließlich sind wir in den USA, und da ist alles auf den festen Boden solcher wolkigen Ideen gebaut.

Gesundheit ist eine Form des Glücks, dieser beherrschenden Doktrin Amerikas, eine verzuckerte Variante jener Freiheit, die Amerika gern exportiert, mal mit und mal ohne Gewalt. Gesundheit kann aber auch das Gegenteil von Freiheit sein, und wer wüsste das besser als all die Raucher, die nicht besonders glücklich wirken, wenn sie sich in New York, Atlanta oder Bloomington oder zu ihren Schmachversammlungen vor den Türen der Bars und Restaurants treffen und hastig eine Zigarette wegsaugen. Gesundheit ist also durchaus etwas, an dem sich das Kräfteverhältnis von Idee und Wirklichkeit messen, justieren oder nachverhandeln lässt – und genau an diesem Punkt setzt Jason Reitmans Film Thank you for smoking an, eine zärtlich zynische Komödie über einen Mann, der seinen Job ganz einfach so beschreibt: »Michael Jordan spielt Basketball. Charles Manson bringt Leute um. Ich rede.«

Blond ist dieser Mann und mit einem breiten Unterkiefer und einem Lächeln ausgestattet, wie es sonst nur die Quarterbacks und Hollywoodstars haben, all-american boys wie er. Er ist ein freundlicher Vertreter der Meinungsfreiheit – die in diesem Fall vor allem dazu dienen soll, die Interessen seiner Arbeitgeber voranzubringen. Denn Nick Naylor ist Lobbyist. Er ist ein Teufelsadvokat. Er ist der Mann, der Amerika erklären soll, dass Rauchen vielleicht gar nicht so ungesund ist, wie alle denken.

Deshalb setzt er sich in Fernsehshows mit krebskranken Jungen; deshalb fährt er hinaus zum todgeweihten Marlboro-Mann und bringt ihm einen Koffer Schweigegeld; deshalb trifft er sich mit seinen Freunden von der Alkohol- und der Waffenlobby, um darüber zu diskutieren, wer denn nun den härtesten Job hat, wer die mächtigsten Feinde hat, wer die meisten Toten zu verteidigen hat.

Es ist eine ziemlich brutale Komik, die diesen Film antreibt – es ist die Komik der Freiheit, und wie jede gute Farce ist auch Thank you for smoking deshalb gelungen, weil er der einfachen, moralisierenden Scheinwahrheit des guten und richtigen Denkens etwas entgegenhält, das funkelt und leuchtet und das so genannte Böse so attraktiv macht.

Denn dieser Nick Naylor, dem Aaron Eckhart die Würde und den Witz eines amerikanischen Antihelden gibt, ist im Grunde auch nur ein sympathischer Mann, der seinen Sohn (Cameron Bright) nicht verlieren will und in dem Drinks schwenkenden und einsam vor sich hin sterbenden Zigarettenmogul (Robert Duvall) einen Ersatzvater sucht – es ist immer noch der Umweg über die Familie, auch so eine beliebte Glücksmogelpackung, der gesellschaftliche Probleme im Film fassbar macht.

Regisseur Jason Reitman hält die Balance zwischen der souveränen Satire, die so lange mit dem Witz hantiert, bis er sich gegen die Figuren wendet, und dem Spiel mit der durchaus ernst zu nehmenden demokratischen Annahme, dass man die Wahrheit ruhig einmal durch den Fleischwolf jagen kann, wenn man nur die richtigen Argumente hat.

Und so ist Thank you for smoking ein Film, der so sehr von seinen guten Schauspielern lebt (neben Eckhart und Duvall vor allem Rob Lowe als immer wacher Hollywood-Player und William H. Macy als ewig frustriert kämpfender Senator) wie von der eleganten Konsequenz, mit der er seiner Logik treu bleibt: Wahrheit ist in der Demokratie keine gültige Größe, sondern eine rhetorische Konstruktion und ein Instrument, um Interessen zu befördern. Es hilft dabei sehr, wenn man noch die absurdeste Wahrheit mit einem gewinnenden Lächeln präsentieren kann.

 
Leser-Kommentare
    • bierus
    • 01.09.2006 um 14:58 Uhr
    1. Tja

    Wenn man schon über Amerika schwadroniert sollte man wenisgtens wissen wovon man spricht. Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung kennt nicht das Glück als solches sondern nur das Recht danach zu streben. Was jeder Einzelne unter Glück versteht oder zu verstehen hat überließen die Verfasser der Unabhängigkeitserklärung demjenigen, dessen Recht nach Glück zu streben sie für ein unveräußerliches Menschenrecht hielten. Es mag Sie ja befremden daß es schon vor 230 Jahren Leute gab die dem gemeinen Bürger zugetraut haben zu wissen was für ihn gut ist. Aber gottlob dürfen sie ja in Deutschland leben wo sie vor derartigen Gedanken bewahrt werden.

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