DIE ZEIT: Die Buchmesse mit ihrem Schwerpunkt Indien beginnt am 4. Oktober. Welches Buch aus Indien oder über Indien würden Sie einem Europäer, einer Europäerin in die Hand drücken, das einen ersten Weg in diese näher rückende Fremde bahnt? Katharina und Sudhir Kakar BILD

Sudhir Kakar:(zögert) Vidiadhar S. Naipauls Land der Finsternis und Indien – eine verwundete Kultur . Oder Salman Rushdies Mitternachtskinder.

Katharina Kakar: Nein, auf die Mitternachtskinder käme ich nicht. Als Buch, das die Religiosität Indiens verständlich macht, würde ich Axel Michaels Der Hinduismus. Geschichte und Gegenwart nennen; als Einblick in das soziale Leben Anita Desais Clear light of the day. Und Roberto Calassos Ka ist eine fantasievolle Darstellung der indischen Mythologie.

Sudhir Kakar: Aber ich zögere, überhaupt ein Buch zu nennen, weil ich mich selbst am meisten für die Psychologie des modernen Inders interessiere, und die spielt in der indischen Literatur bisher fast keine Rolle.

ZEIT: Nun haben Sie ja aber selbst ein neues Buch über die Inder geschrieben. Was wollen Sie den nervösen Europäern nahe bringen, die gegenwärtig vor allem auf den unheimlichen ökonomischen Giganten Indien starren?

Sudhir Kakar: Wir wollen von den Menschen berichten, die in den Hochtechnologiezentren hinter den Computern stehen, und die sind keineswegs bedrohlich. Wir wollen erzählen, was die Inder glauben, wie sie leben, wie sie denken, also vom kulturellen Teil der Psyche berichten, der das Handeln und den Alltag bestimmt: von dem Umgang mit Kollegen und Vorgesetzten, den Rechten und Pflichten in Familien, den Beziehungen der Geschlechter, den Gewohnheiten, sich zu ernähren, dem Verständnis des Körpers, den religiösen Vorstellungen, den Legenden, die das Netzwerk der Erzählungen bilden. Wir wollten ein Buch schreiben, in dem sich die Inder wieder erkennen und von anderen wieder erkannt werden.

ZEIT: Das Buch ist wie von einer Hand geschrieben, aber Sie blicken aus zwei Perspektiven auf Ihren Gegenstand. Als europäische Anthropologin, Religionswissenschaftlerin und Frau zum einen, als indischer Psychoanalytiker, Schriftsteller und Mann zum anderen. Was sieht man aus diesen verschiedenen Blickwinkeln, wer hat welche Bausteine des Buchs geliefert?