Entführung In der Krise

Das Netzwerk rund um die Wiener Jugendanwaltschaft bot Natascha Kampusch Unterschlupf. Ein extremer Fall, der dennoch typisch ist für den Alltag des Expertenteams, das jährlich Tausende vor dem sozialen Abgrund rettet

Eben noch war die junge Frau einfach Natascha . Ein schnell hingeworfener Vorname, der so klingt, als sei mit acht Buchstaben alles gesagt. Jemanden so zu nennen, signalisiert Vertrautheit. Natascha , das ist jemand, über dessen Leben man Bescheid weiß, wenigstens aus den Sondersendungen im Fernsehen und den Sensationsberichten der Medien. Natascha gehört allen.

Aber Frau Kampusch will nicht mehr Natascha genannt werden, zumindest nicht von Menschen, die sie niemals persönlich kennen gelernt hat. Sie legt Wert auf ein Mindestmaß an Höflichkeit, Respekt und körperlicher Distanz. Sie sei, klagte sie ihrer Betreuerin, der Jugendanwältin Monika Pinterits, doch »kein Gegenstand, über den man einfach bestimmen kann«. Acht Jahre lang hat ihr Entführer über sie verfügt. Jetzt will sie nicht wieder in Besitz genommen werden.

Wer die Berichterstattung zum Fall Kampusch verfolgte, also fast jeder in Österreich, konnte beobachten, wie sich der Tonfall veränderte. Nach den wilden Spekulationen der allerersten Tage ist inzwischen viel vom Schutz der Intimsphäre des Entführungsopfers die Rede. Man hört, dass inzwischen Profis am Werk sind – nicht überforderte Polizisten, sondern Psychologen und Sozialpädagogen, die wissen, wie man mit traumatisierten Jugendlichen in akuten Krisen umgeht.

Geschichten über Abhängigkeit, Verwahrlosung und große Angst

Wer sind diese Leute? Und was bestimmt ihren Alltag, wenn sie ihre Arbeit abseits der breiten Öffentlichkeit verrichten?

Der Fall Kampusch mag einer der spektakulärsten seiner Art sein. Doch dass Kinder eingesperrt und misshandelt werden, kommt in Österreich jeden Tag vor. »Mit zugeschraubten Fenstern und versperrten Türen haben wir oft zu tun«, sagt Anton Schmid, Kollege der Kampusch-Betreuerin Pinterits in der Wiener Kinder- und Jugendanwaltschaft (KJA). Untypisch ist der Fall Kampusch, weil der Täter nicht aus dem Kreis der Familie kommt. Typisch ist er insofern, als »Eltern ihre Kinder oft nicht als eigenständige Wesen begreifen, sondern als ihr Eigentum. Bei Freiheitsberaubung haben die oft nicht einmal ein schlechtes Gewissen.«

Die KJA ist eine eher kleine Beratungs- und Betreuungsstelle der Gemeinde Wien, die mit öffentlichen und privaten Sozialeinrichtungen eng vernetzt ist und »die Interessen von Kindern und Jugendlichen wahren« soll, wie das Gesetz den Auftrag der Sozialstation formuliert. In der Praxis heißt das, dass den Mitarbeitern in dem unscheinbaren Neubaubüro im neunten Gemeindebezirk kaum eine Grausamkeit mehr fremd ist, die man Kindern antun kann.

Mit 4500 Fällen hat es die KJA in einem durchschnittlichen Jahr zu tun. Es rufen Lehrer an, wenn sie nicht mehr weiterwissen. Nachbarn, die Verdacht auf Misshandlungen geschöpft haben. Eltern, die mit ihren Kindern nicht mehr fertig werden. Kinder, die es daheim nicht mehr aushalten. Oder es ist die Polizei, die von einem Fall überfordert ist. Sexueller Missbrauch ist der häufigste Anlass, gefolgt von Konflikten um das Sorgerecht. Die Betreuer hören zu, begleiten Jugendliche auf Amtswegen und vor Gericht, helfen ihnen dabei, sich Schritt für Schritt aus einer gewalttätigen Umgebung zu lösen.

Es ist eine Arbeit, die ohne Aktenzahlen auskommt. Man blickt dabei tief in die Abgründe der Gesellschaft: Es sind Geschichten, die von Abhängigkeit und Überforderung, von Verwahrlosung und Angst erzählen. Liebe oder Hass spielen weit seltener eine Rolle als Gefühlsarmut und Gleichgültigkeit.

Anton Schmid, ein ausgebildeter Freizeitpädagoge, weiß, wie man mit Kids redet. Er will Eltern nicht entrechten und nicht die Supernanny spielen. Aber er hat schon einmal einem Vater ein Gewehr abgenommen. Er hat dafür gesorgt, dass ein Sporttrainer, der Buben begrabschte, gefeuert wurde, und er hat geheime Fluchtpläne für misshandelte Kinder ausgeheckt, wenn Gefahr in Verzug war. »Man muss überlegen, welche Sachen das Kind braucht und zu welchem Zeitpunkt niemand bei ihm zu Hause ist, damit es holen kann, was es benötigt. Nach der Schule geht es dann direkt ins Krisenzentrum. Ich rufe die Eltern erst an, sobald ich weiß, dass es dort in Sicherheit ist«, erzählt er.

Zwölf Krisenzentren (oder »die Krise«, wie die Betreuer sagen) gibt es in Wien. Gut möglich, dass Frau Kampusch nach ihrer Flucht in einer derartigen Einrichtung eine Zeit lang gelebt hat oder gegenwärtig noch dort lebt. Es sind Wohngemeinschaften mit jeweils acht Kindern oder Jugendlichen, die rund um die Uhr von Sozialpädagogen betreut werden. Das Krisenzentrum ist eine Art erste Zuflucht, ein Ort, an dem Kids zur Ruhe und wieder auf die Beine kommen können. Höchstens sechs bis acht Wochen bleiben sie hier. In dieser Zeit wird die Lage geklärt, werden Gespräche mit Eltern und Behörden geführt. »Man versucht, die jeweilige Krise zu definieren, die Gefährdungen aus dem Weg zu räumen und einen Neuanfang in der Familie zu finden«, erklärt Daniela Attwood vom Jugendamt.

Wenn das gelingt, gehen die Kinder und Jugendlichen wieder zurück nach Hause. Wenn nicht, übersiedeln kleine Kinder zu Pflegeeltern, größere in eine dauerhafte Wohngemeinschaft. Das klassische »Erziehungsheim«, mit dem Kindern vor zwanzig Jahren noch gern gedroht wurde, gibt es längst nicht mehr. Es wurde überall in Wien durch betreute WGs ersetzt. 1266 Kinder und Jugendliche sind derzeit so untergebracht. Die Auslastung liegt bei 94,2 Prozent. Im Herbst, wenn die Schule beginnt, der Stress steigt, daheim die Konflikte eskalieren und die Lehrer wieder mehr Fälle melden, kann es eng werden.

Die Eltern drogensüchtig, die Wohnung voll Hundekot und Müll

Ein Krisenzentrum im dritten Wiener Gemeindebezirk: Es ist Montag, der erste Schultag, und dementsprechend groß ist das Durcheinander. Den Großteil der Fläche nimmt das Wohnzimmer ein. Bücher, Spielsachen und ein riesiges Sofa. In der Küche wird abends gemeinsam gekocht. Die drei kleinen Schlafzimmer wirken karg. »Die Kinder dürfen keine Poster an die Wand hängen«, erklärt die Koordinatorin Marlies Egle. Sie sollen hier keine Wurzeln schlagen und keine allzu starken Bindungen zu den Betreuern aufbauen. Denn in spätestens acht Wochen müssen sie wieder weg.

Hier wohnt Markus, 14 Jahre alt, ein körperlich großer Bub, der innerlich ein Kleinkind geblieben ist. Seine Mutter, »eine psychisch sehr einfach gestrickte Frau«, wie die Betreuerin sagt, wurde für erziehungsunfähig erklärt, tauchte aber letzten Sommer mit ihrem Sohn unter. Ein Jahr verbrachte Markus vor dem Fernseher, ernährte sich von Schnitzelsemmeln, schwänzte die Schule. Markus ist technisch begabt, weiß aber mit sich nichts anzufangen. Am Spielplatz geht er bloß auf und ab. Wenn er jetzt in eine betreute WG übersiedelt, kann er sich vielleicht ein bisschen aus der Umklammerung der Mutter lösen.

Daniel ist sieben und wurde eben schweren Herzens von seiner Pflegefamilie zurückgebracht. Sie betreute ihn, seitdem er ein Baby war. Es sind bemühte, pädagogisch kompetente Menschen, aber es ging einfach nicht mehr. Daniels leibliche Mutter, aus dem Gefängnis entlassen, hat sich zurückmeldet und vehement in sein Leben reklamiert. Der Junge geriet völlig außer Tritt. Er schlägt wild um sich, macht alles kaputt, was anderen wichtig ist, wirft mit Steinen nach seiner kleinen Schwester. »Er hat erst seine Mutter und jetzt auch die Pflegeeltern verloren«, sagt die Betreuerin, »das wird nicht leicht für ihn.«

Die vierjährige Miriam hingegen, die Jüngste in der WG, ist ein auffallend reifes Kind. Kein Wunder – musste sie sich doch um ihre schwer drogenkranken Eltern kümmern. Die Polizei nahm Miriam gleich mit, als sie die Tür zur Wohnung öffnete – dort lebten im Müll ein Rudel Katzen und mehrere inkontinente Hunde. Die Möbel waren voll geschissen, die Eltern meistens zugedröhnt und nicht in der Lage, dem Kind Essen auf den Tisch zu stellen oder es in den Kindergarten zu bringen. Die Mutter weinte verzweifelt, als man ihr sagte, man müsse ihr die Tochter wegnehmen. Miriam holte Taschentücher und tröstete sie. »Sie fühlt sich für alles verantwortlich. Sie muss erst wieder lernen, ein Kind zu sein«, erzählt die Betreuerin.

Solche Geschichten lassen ahnen, was »Traumatisierung« bedeutet. Es gibt aber auch Überraschungen. »Starke Kinder, bei denen man sich wundert, was sie alles wegstecken können und unbeschädigt überstehen«, sagt die Sozialarbeiterin Attwood. »Andere wiederum werden schon von Kleinigkeiten aus der Bahn geworfen.«

Die Profis sagen, dass es eine »klassische Klientel« gebe, die öfter Hilfe braucht als andere. Das sind »Multiproblemfamilien«, in denen die Erwachsenen nicht einmal mit sich selbst zurande kommen. Es sei unübersehbar, dass Jugendliche, die als Täter auffällig werden, oft in anderem Zusammenhang gleichzeitig Opfer sind. Und dass Kinder, die Vernachlässigung und Gewalt erlebt haben, oft später selbst als Eltern scheitern.

Gibt es in den Familien mehr Gewalt als früher? Da sind sich die Profis nicht so sicher. In die Klage, früher sei alles besser gewesen, stimmen sie jedenfalls nicht ein. »Vieles, wie sexueller Missbrauch, wurde lang einfach verschwiegen«, sagt Anton Schmid von der KJA. »Anderes, wie körperliche Züchtigung oder Einsperren, hat man als normale Erziehungsmethoden betrachtet. Brutal war es trotzdem.«

Über die Jahre hinweg ließe sich jedoch beobachten, dass die Hemmschwellen sinken und die Ungeduld steigt. »Alles muss schnell, schnell gehen«, sagt Schmid. Kinder ziehen sich ein Happy-Slapping-Video rein, dann das nächste Computerspiel, immer auf der Suche nach dem schnellen Kick. Sich hinzusetzen, um zu reden, sei eine Sache, zu der viele gar nicht mehr fähig sind. »Das kann man ihnen allerdings kaum zum Vorwurf machen«, gibt Schmid zu bedenken. »Die Kinder machen nur nach, was ihnen vorgelebt wird: schneller Konsum, schnelles Reisen, schnelles Essen, schnelles Geld. Es sind eigentlich die Erwachsenen, die gestört sind.«

Dieser Artikel wurde für die wöchentliche Österreich-Ausgabe der ZEIT geschrieben

 
Leser-Kommentare
  1. Jemanden beim Vornamen zu nennen, signalisiert Vertrautheit. So weit so richtig. Dass Vertrautheit aber gleichzeitig Vereinnahmung und Respektlosigkeit bedeutet, wie das Natascha Kampusch nach Aussage der Wiener Jugendanwältin auffasst, ist eine unzulässige Verallgemeinerung. Wenn Frau Kampusch das so sieht, kann man ihr das nicht verdenken, sie ist von einer Extremsituation als Entführungsopfer in die nächste als Gegenstand öffentlicher Debatte geraten. Die zahlreichen Kommentatoren, die ins gleiche Horn stoßen, machen sich die Sache jedoch zu einfach, wenn sie die Formulierung "Frau Kampusch" als "politisch korrekte" Anrede fordern. Ganz abgesehen davon, dass ich Sprachvorschriften, hinter denen politisch-ideologische Absichten stecken, grundsätzlich ablehne, wird hier übersehen, dass es bei den Anredekonventionen soziokulturelle Unterschiede gibt.

    Benutzt ein Amerikaner den Vornamen als Anredeform, bedeutete das weit weniger Vertrautheit als bei einem Europäer. Während bei Politikern "Frau Merkel etc." in Deutschland als neutral und höflich gilt, wirkt "Herr Schüssel" in Österreich polemisch-sarkastisch. Dort sagt man in der Öffentlichkeit entweder "Bundeskanzler Schüssel" oder "Wolfgang Schüssel", wenn man ihm neutral bis wohlwollend gegenübersteht. Bei Künstlern des klassischen Fachs ist "die Netrebko" oder "der Domingo" keineswegs unhöflich oder anmaßend, sondern drückt Vertrautheit und zugleich Respekt aus. Im Alltag hingegen wäre eine solche Anrede eindeutig ein Mangel an Höflichkeit. Ferner kommte es auch auf die Kommunikationssituation an: die kollektive Anredeform in Medienberichten und die Anrede im konkreten persönlichen Kontakt sind zweierlei Paar Stiefel.

    Wenn in den Medien von "Natascha Kampusch" oder "Natascha" die Rede ist, ist das für mich ein Ausdruck des Mitlebens und Mitfühlens mit einem Schicksal, ein Zeichen, dass einem die betreffende Person eben nicht mehr fremd ist.

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