Bayern Die Kreuzfahrer
Altötting ist der bedeutendste Marienwallfahrtsort Deutschlands. Der Papst kommt am 11. September im Helikopter. Viele Pilger kommen das ganze Jahr über mit dem Fahrrad
Einmal ist der Herrgott heruntergefallen«, erzählt Heinz Hutterer. »Weil ich nicht aufgepasst habe.« Vielleicht hat Heinz Hutterer sich einen Zentimeter zu weit aus dem Sattel erhoben. Vielleicht hat er aber auch alles richtig gemacht, und schuld war das Kopfsteinpflaster. Auf das ist der hölzerne Christus dann gekracht. Aber daran denkt der Mann mit dem schwarzen Schnurrbart und der gebräunten Haut nicht so gern. Lieber erzählt er, wie ihn die Gemeinde vor zehn Jahren zum Kreuzfahrer machte. Und dass diesen Job eigentlich niemand wollte, weil das Kruzifix aus massivem Eichenholz ist, gut einen Meter hoch und jede Lenkbewegung eine Herausforderung.
Heinz Hutterer aber, begeisterter Radfahrer und Kirchgänger, mag das Kreuz: Erhaben sieht es aus, wie es da in dem metallenen Halter knapp unter seinem Fahrradlenker steckt. Das Kreuz macht Heinz Hutterer zu dem, der den anderen den Weg zeigt, die frohe Botschaft verkündend.
Kein anderer Wallfahrer darf ihn überholen auf den 173 Kilometern von Cham in der Oberpfalz, zum Marienwallfahrtsort Altötting in Oberbayern. Zwei Tage werden die 60 Frauen und Männer auf ihren Fahrrädern hinter Heinz Hutterer und dem Kreuz herfahren, in Gedanken bei Maria, der Muttergottes.
Klamm sind die Finger am Lenker. Es ist noch früh, sechs Uhr, und kein Auto auf der Straße zu sehen, die steil abfällt zur katholischen Kirche Sankt Josef. Auf dem Kirchplatz steht Josef Triebenbacher, 55 Jahre alt, das volle Haar grau meliert, rote Outdoor-Jacke, graugrüne Trekkinghose. Man kann sich diesen Mann gut vorstellen in den Bergen; ein Tourguide, der seine Gruppe sicher über den Klettersteig führt. Nun aber hebt er die Hand und winkt die Gläubigen in seine Kirche. »Der Herr segne euch«, sagt Josef Triebenbacher und macht das Kreuzzeichen. Dann verliert seine Stimme den ehrfürchtigen Klang. Im breitesten Bayerisch spricht er von der Radlwallfahrt und davon, dass schon der Weg das Ziel sei. Dass man natürlich Anliegen und Wünsche haben dürfe, dass eine Wallfahrt aber nicht wie ein Automat funktioniere, der nach dem Geldeinwurf das ersehnte Produkt ausspuckt.
Das ersehnte Produkt heißt meist Gesundheit. Wolfgang pilgert, »damit meine Kinder gesund bleiben«. Schwer krank war die Mutter von Susanne im vergangenen Jahr, die Ärzte haben lange nichts gefunden. Susanne erhofft sich Kraft von der Muttergottes. Maria soll Gesundheit bringen und das Unglück von Familie und Freunden bannen.
Tief gläubig sind die Pilger, die meisten zwischen 30 und 50 Jahre alt, der Jüngste ist 14, der Älteste weit über 60. Und doch: Wären da nicht Heinz Hutterer und das Kruzifix, wenig würde an eine Wallfahrt erinnern. Die silbernen und goldenen Kreuze, die sie tragen, sind verborgen unter Radleranzügen und Windjacken, Sporthemden und Fleece-Westen. Fahrradhelme blitzen, die Räder sind gefedert an Sattel und Lenker, die Ketten geölt, die Gangschaltungen justiert.
Der Weg nach Altötting führt über Kopfsteinpflaster hinaus durch das Stadttor von Cham. Die kühle Morgenluft vermischt sich mit dem Duft von frisch gemähtem Gras. »Tor zum Bayerischen Wald« nennt sich das Städtchen. Ein idyllischer Fleck, umgeben von grünen Wiesen und sanften Hügeln, mehr Lederhosen als Laptop. Tradition ist wichtig, »Taufscheinchrist« in dieser Welt ein Schimpfwort. Geglaubt wird öffentlich, für die Wallfahrt gab es mehr Anmeldungen als Plätze.
Mehr als eine Million Menschen kommt jährlich nach Altötting, um die Schwarze Madonna in der Gnadenkapelle anzubeten. Altötting ist der bedeutendste Wallfahrtsort Deutschlands, ein Zentrum des Glaubens und der Volksfrömmigkeit. Rund 50000 Pilger radeln inzwischen dorthin, sie haben die Fußpilger fast schon überholt.
Heftig treten die Pilger in die Pedale, es geht bergauf, ein Waldweg nun, Tannen und Fichten spenden Schatten. »Hochholzkapelle« steht auf dem Schild, 500 Meter sind es noch bis zur ersten Station. Stationen heißen die Haltepunkte auf einer Wallfahrt. Dort sollen sich die Pilger mit Gebet und Gesang einstimmen auf das Ziel der Reise. Denn anders als bei den traditionellen Fußwallfahrten wird auf dem Rad kein Rosenkranz gebetet und kein Marienlied gesungen. Im hügeligen Bayerischen Vorwald fehlt dafür schlicht der Atem.
Abschüssig steht die Hochholzkapelle auf einer Lichtung im Wald. Drei Birken wachsen vor dem kleinen Bau und erinnern an Gottvater, den Sohn und den heiligen Geist. Die fünf Bankreihen im Innern reichen nicht aus für die Gläubigen, die sich, Fahrradhelm an Fahrradhelm, zum Morgenlob in die Kapelle gedrängt haben und nun ihren Herrn im Kanon preisen: »Lobet den Herren, alle die ihn ehren«. Vaterunser, Schriftlesung, Marienlieder. Die Liturgie ist festgelegt. Der Priester steht mit gelb-blau gestreiften Turnschuhen vorn am Altar
Vor elf Jahren wurde Josef Triebenbacher Pfarrer der Gemeinde. Mit der Fahrradwallfahrt wollte er Menschen ansprechen, die »das ganze Jahr über keine Kirche von innen sehen«. Das ist ihm nicht geglückt. Es braucht eine Bindung an den Glauben, den katholischen – ohne ihn verliert eine Marienwallfahrt ihren Sinn. Eine Wallfahrt ist kein Ausflug ins Grüne, sie ist mehr als Radsport. Natürlich ist es Plackerei, körperlich gesehen: 112 Kilometer am ersten Tag. Doch vor allem muss sich der Geist einlassen auf diese Reise. Fünf Stationen gibt es am ersten Tag.
Ein Bauer steht am Rand des Radwegs. Für einen Augenblick senkt er die Sense und hebt die Hand zum Pilgergruß. Der Weg ist eben; rechts und links liegen faustgroße Schottersteine. Vor 20 Jahren noch fuhr hier eine Eisenbahn, verband die Orte Miltach und Bogen im Bayerischen Vorwald. Die Schienen sind längst verschwunden. Den Weg entlang des Baches, durchs Tal und an Streuobstwiesen vorbei gibt es noch.
Die gerade Strecke lässt Zeit für Gespräche. Brigitte steht Tag für Tag im Stall. Sie füttert Kühe, bedient die Melkmaschine, mistet aus. Zusammen mit den Eltern bewirtschaftet sie den Bauernhof. Die Eltern aber sind alt, die Verantwortung trägt die Tochter. Die Wallfahrt ist für die körperlich arbeitende junge Frau eine Auszeit, die sie sich gönnt, ganz bewusst und Jahr für Jahr. Kraft wünscht sich Brigitte. Das vergangene Jahr war hart. Die Geschichten der Pilger gleichen sich: Nicht für einen Platz im Himmelreich wird da geradelt, sondern um das Leben zu ertragen.
Josef Triebenbacher hat den Pilgerweg nicht nach dem Kriterium Schönheit ausgewählt. Kapellen und Kirchen müssen den Weg säumen. So führt die Route über den Pilgerort Bogenberg, die kleine Kapelle in See, die Teisbacher Kirche, das ehemalige Kloster bei Seemannshausen, die Wallfahrtskirche Heiligenstadt, auf Feldwegen und Landstraßen zwei Tage lang durch den Vorwald, die Donauebene und den Gäuboden.
Und nun: ein Industriegebiet, eine Wohnsiedlung, ein steiler Berg. Die Gasse ist eng, schwer scheint das Rad, schwer auch der Körper, der 173 Kilometer auf sich genommen hat, nur für diesen einen Augenblick. Für diese grüne Turmspitze, die über den Ahornbäumen ragt, die den höchsten Punkt der kleinen Kapelle bildet, die sich Gnadenkapelle nennt und in der die Schwarze Madonna auf die Sorgen der Pilger wartet. Susanne weint. Die Tränen fließen über die Wangen, unaufhörlich. Kein Ton aber kommt über ihre Lippen. Susanne, 39 Jahre alt, verheiratet, drei Kinder, ist angekommen. Nach 173 Kilometern steht sie im Schatten eines Ahornbaumes, lacht und weint und sagt: »Ich bin so dankbar.« Dass nämlich der Weg das Ziel ist, wie der Josef Triebenbacher verkündete, ist falsch. Das Ziel ist das Ziel. Und das Ziel heißt Altötting.
INFORMATION
Wallfahrt: Radwallfahrten in Bayern werden von katholischen Pfarrgemeinden oder kirchlichen Verbänden organisiert
Unterkunft in Altötting: Hotel Plankl (Tel. 08671/928480, www.hotel-plankl.de ), 4 Sterne, DZ ab 72 Euro; Altstadthotel Schex (Tel. 08671/92640, www.altstadthotel.schex.de ), 3 Sterne, DZ ab 70 Euro; bei Pilgern beliebt ist der Braugasthof Weißes Bräuhaus (Tel. 08671/96140, www.graminger-weissbraeu.de ), etwas außerhalb, DZ ab 38 Euro
AUSKUNFT: Wallfahrts- und Verkehrsbüro, Tel. 08671/506219, www.altoetting.de
- Datum 09.09.2006 - 14:16 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 07.09.2006
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