Intergration Ein Opfer des Kulturkampfs

Die Berliner Anwältin Seyran Ates schließt ihre Kanzlei – nach Drohungen von Muslimen. Warum gibt es für sie keinen Platz in der Politik?

Die Möbel sind abgeholt, die Mitarbeiter anderswo untergekommen. Der Anrufbeantworter verweist Klienten an eine Kollegin. Die Überwachungskamera an der Tür wird nicht mehr gebraucht. Seyran Ates, die bundesweit bekannte Frauenrechtlerin, hat im August ihre Zulassung als Rechtsanwältin zurückgegeben und ihre Kanzlei aufgelöst. Dies ist mehr als eine persönliche Niederlage. Es ist ein Rückschlag für den deutschen Rechtsstaat.

Ates hat vor Gericht häufig Mandantinnen mit türkischem oder kurdischem Hintergrund vertreten, oft in Scheidungs- oder Sorgerechtsfällen. Sie war es gewohnt, mit der Wut und den Hassausbrüchen der Ehemänner, Brüder und Väter umzugehen, seit sie vor fast zehn Jahren begann, als Anwältin zu arbeiten. Doch in diesem Sommer häuften sich die Drohungen und Angriffe so sehr, dass sie schließlich aufgab. »Ich kann einfach nicht mehr«, sagt sie. »Ich muss nicht nur an meine Sicherheit denken, sondern auch an die meiner zweijährigen Tochter.«

Erst drohte der Noch-Ehemann einer Mandatin, diese zu töten, wenn sie sich scheiden lassen würde. Dann bekam Ates eine Serie von Hassbriefen eines anderen Betroffenen. Schließlich, Anfang Juni, wurde eine weitere türkische Mandantin nach einem Scheidungstermin von ihrem Mann erst beschimpft und dann in Anwesenheit der Anwältin brutal zusammengeschlagen. Und niemand griff ein.

Die beiden Frauen hatten gerade das Gerichtsgebäude verlassen und den U-Bahnhof Möckernbrücke in Kreuzberg betreten, da stürmte der Mann auf sie zu und begann sie auf Türkisch zu bedrohen: »›Du Hure‹, brüllte er mich an«, sagt Ates, »›was für Flausen setzt du meiner Frau in den Kopf?‹ Dann schlug er seine Frau immer wieder ins Gesicht. Während ich nach der Polizei rief, schauten die Leute einfach zu, als wäre es die normalste Sache der Welt, dass türkische Frauen öffentlich verprügelt werden.«

Dieses Erlebnis, so Ates, habe ihr vor Augen geführt, wie schutzlos sie am Ende sei. Es gelang ihr nun nicht mehr, Anfeindungen einfach wegzustecken und zu verdrängen. Im Jahr zuvor war Ates zum Opfer einer regelrechten Kampagne des größten türkischen Massenblattes Hürriyet geworden. Sie hatte den »Ehrenmord« an Hatun Sürücü zum Anlass genommen, die Rechtlosigkeit vieler türkischer Mädchen und Frauen anzuprangern. Hürriyet titelte: »Diese Anwältin ist verrückt geworden.« Und nachdem Ates im Frühjahr bei Sabine Christiansen über Ehrenmorde und Zwangsheiraten gesprochen hatte, wurde ihr anonym gedroht, jemand würde ihresgleichen mal »das Maul stopfen«.

Seyran Ates blieb trotz alledem nicht nur vor Gericht, sondern auch in den Medien eine unnachgiebige Kämpferin für die Rechte türkisch-muslimischer Frauen und Mädchen. Ohne sie und andere mutige Frauen – wie Necla Kelek und Serap Cileli –, die das Schweigen brachen und sich nicht damit abfinden wollten, dass Zwangsverheiratungen und patriarchale Gewaltverhältnisse aus Rücksicht auf kulturelle Eigenheiten der Migranten hingenommen wurden, wäre die befreiende Debatte über die Lage der muslimischen Frauen hierzulande nicht in Gang gekommen.

So war Seyran Ates in den vergangenen Jahren zu einer gefragten Stimme in der Integrationsdebatte geworden. Man hat sie mit dem Berliner Frauenpreis geehrt und 2005 zur Frau des Jahres gekürt. In ihrer 2003 erschienen Autobiografie Große Reise ins Feuer hat sie beschrieben, gegen welche Widerstände sie ihre Selbstständigkeit ertrotzen musste. 1963 in Istanbul geboren, kam sie mit sechs Jahren nach Berlin, wo die Eltern bei Siemens arbeiteten. Anders als ihre Brüder wurde sie gegen die fremde deutsche Umgebung abgeschirmt.

Die Schule wurde ihr zur Rettung. Sie war ein Freiraum für das neugierige Mädchen. Auf der Straße musste sie sich zwar als »Scheißausländerin« beschimpfen lassen, im Unterricht jedoch erkämpfte sie sich Anerkennung, auch wenn es lange dauerte, bis die gönnerhafte Vereinnahmung aufhörte (»Achtung, Kinder: Jetzt sagt euch eine Türkin die richtige Antwort«). Am Ende war sie Klassenbeste und Schulsprecherin. Die Außenseiterin wurde respektiert. Sie beschloss, Anwältin zu werden. Ihrer Familie blieb diese Unabhängigkeit bei allem Stolz unheimlich. Gegen den Willen des Vaters und des ältesten Bruders haute Seyran ab und entzog sich unter Todesängsten einer arrangierten Hochzeit. Sie engagierte sich in einem Frauenladen, der Migrantinnen bei Sprach- und Rechtsproblemen half. Eines Tages im Jahr 1984 erschien dort ein wütender Mann mit einer Pistole. Er traf Seyran Ates in den Hals und eine andere Frau in den Bauch. Ates überlebte schwer verletzt, die Kollegin starb. Der mutmaßliche Attentäter, der Verbindungen zu den nationalistisch-islamistischen Grauen Wölfen unterhielt, wurde wegen Verfahrensmängeln laufen gelassen.

Obwohl sie jahrelang traumatisiert war und ihren linken Arm nicht bewegen konnte, boxte Seyran Ates sich durch das Jurastudium. Ihr Traum, sagt sie, sei immer ein Anwältinnenbüro gewesen, in dem sie den Kampf gegen die Verhältnisse führen wollte, denen sie selbst fast zum Opfer gefallen wäre. Sie hat sich diesen Traum erfüllt und vielen anderen Frauen zu Recht, Freiheit und einem selbstbestimmtem Leben verholfen.

Seyran Ates sagt, sie sei »stolz, Deutsche zu sein«. Und sie kenne »einige Inländer, die mich darum beneiden, dass ich das geradeheraus sagen kann«. Mit ihrem Mut und ihrem Engagement ist sie selbst ein Grund, stolz auf dieses Land zu sein und auf das, was manche Zuwanderer hier – gegen Widerstände – erreichen. Statt ihr Personenschützer anzubieten, damit sie als Anwältin weitermacht – wie es jetzt Rita Süßmuth fordert –, sollte man überlegen, ob sich in der Politik nicht Verwendung für eine mutige Frau findet. Ates ist Mitglied der SPD, die derzeit in der Integrationspolitik keine eigene Stimme hat. Und nicht allein die Sozialdemokratie, das ganze Land braucht dringend mehr Migranten, die ihr Leben so wie Seyran Ates in die eigenen Hände nehmen und für sich selbst sprechen.



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