Als ich in meiner ersten Berliner Woche morgens aus dem Haus trat, merkte ich erst, wie unglücklich ich fast überall sonst auf der Welt gewesen war. Ich hatte diese Entfremdung für den unvermeidlichen Preis des Großstadtlebens gehalten: die Glaswand, die zwischen mir und Hamburg stand, als ich dort studierte, und die mir das Gefühl gab, nichts mit der Stadt zu tun zu haben. Die Münchner Arroganz, die mich mit Anfang zwanzig, aus einem Dorf kommend, zwei Jahre lang mit dem Gefühl durch die Stadt laufen ließ, die falschen Schuhe zu tragen. Falsche Schuhe. S o nannte man das damals. Ich habe gar nicht erst versucht, am Türsteher vorbeizukommen. Blick vom Hochhaus der Deutschen Bahn am Potsdamer Platz BILD

Stattdessen bin ich nach New York gezogen. Dort fühlte ich mich wohler, nicht, weil dort alles so groß und aufregend war, sondern weil die Stimmung nett und unarrogant war. Die Stadt war zu unübersichtlich, um in drinnen und draußen eingeteilt zu werden. Weil ich keine Amerikanerin werden wollte und weil man für ein würdevolles Erwachsenenleben in New York viel Geld braucht, ging ich zurück nach Deutschland. Doch zu Hause habe ich mich erst wieder gefühlt, als ich vor sieben Jahren in Berlin ankam.

Es ist ein persönliches Gefühl, aber eines, das viele hier kennen: dass man nur in Berlin glücklich sein kann. Ich weiß, dass dieser Satz merkwürdig klingen muss in den Ohren von Leuten, die in Duisburg oder in Esslingen leben und die dort ganz zufrieden sind. Ich frage mich selbst manchmal, ob ich mir das nur einbilde, denn ich habe in all den Jahren noch immer nicht ganz umrissen, woher es kommt.

Es sind jedenfalls nicht »die verrückten Leute und das tolle Kulturangebot«, wie viele Eltern zu glauben scheinen, die ihre Söhne und Töchter hier besuchen. Verrückte Leute und ein tolles Kulturangebot gibt es schließlich auch in Kleinstädten in Deutschland. Außerdem geht man sowieso seltener ins Theater oder ins Programmkino, als man glaubt. Ich verbringe meine Berliner Abende ganz ähnlich wie meine Schwester, die in einem Dorf in der Nähe von Mannheim lebt: auf dem Sofa. Oder in den bequemen Schlafsesseln eines Cinemaxx. Mit dem Kulturangebot – oder dem Hype – hat mein Berlin-Glück nichts zu tun. Was ist es dann?

Es ist ein beliebtes Gesprächsthema hier, alle wissen, was gemeint ist, aber es ist schwer zu fassen. Fast jedem fällt sofort ein Moment ein oder ein Ort, den es so nur in Berlin geben könnte. In Kreuzberg gibt es ein – mittlerweile berühmtes – Schwimmbad, das aus einem Stahlcontainer besteht, der mit Wasser gefüllt in die Spree gesenkt wurde. Man hat dort das Gefühl, über den Beckenrand hinaus bis zum Fernsehturm schwimmen zu können. Schräg gegenüber, am anderen Ufer, liegt ein Restaurant, in dem feines Essen serviert wird, in einem morschen Holzschuppen, von dessen Decke sich manchmal Spinnen in Richtung der Ziegenkäsemousse herunterlassen (und wieder zurück). Bisweilen läuft Countrymusik, und dabei geht über dem Wasser die Sonne unter. Oder im Friedrichshain gibt es ein Blumengeschäft, in dem werden keine Blumen verkauft, sondern Fotos von Blumen. Oder dieses Theater in Wedding, zwischen Spielhallen und Pfandleihern, ganz in der Nähe von Schering (einem unserer wenigen Arbeitgeber). Dort spielen seit einiger Zeit ein paar Leute jeden Abend eine Boulevardsoap über die weiße Unterschicht namens Gutes Wedding, schlechtes Wedding . Der Humor ist rustikal und auch nicht wirklich komisch. Aber wenn man an der Abendkasse steht und vom Kassierer, der sich später als Hauptdarsteller entpuppen wird, erst mal persönlich durch sein Haus geführt wird, während die anderen Gäste geduldig warten, hat man gute Chancen, dass einen dort das Berlin-Gefühl einholt.

Es streift mich auch in Mitte, wenn ich an jenem Schaufenster vorbeikomme, in dem Holz-Clogs, Halstücher und bunt gemusterte Hemden ausgestellt sind. Ausgestellt ist das richtige Wort, denn ich habe noch nie etwas gekauft, weil das Geschäft jahrelang nur am Freitagnachmittag zwischen 16 und 17 Uhr geöffnet hatte, wenn alle potenziellen Kunden arbeiten.

Aber das macht nichts, entscheidend ist, was der Laden ausstrahlt: Mach, worauf du Lust hat. Es geht. So sieht Berlin an vielen Ecken aus: Als habe jemand in der Nacht einen Traum gehabt und gleich nach dem Aufwachen beschlossen, ihn in die Tat umzusetzen.