Vor rund zehn Jahren wurde Franz Westhues vom Biobauern zum Vermarktungsprofi. Achtzig Landwirte organisiert er heute in der Naturland-Genossenschaft von Lippetal-Lippborg, alle bauen ökologisch an – und haben Aldi als Kunden gewonnen. Westhues selbst verkauft Kartoffeln an den Discounter. »Verlässlich, fachkundig, konservativ im guten Sinne« seien die Leute von Aldi Nord, sagt er. »Das hat mich anfangs überrascht.« Doch zu seiner Freude würden sie anständig zahlen und große Mengen abnehmen. Es rechne sich eben, »wenn ich statt drei Laster voll Ware gleich ein Mehrfaches verkaufe«. Natürlich wachsen BILD

Andere Biolandwirte warnen vor den Discountern. »Möglicherweise mehr Verlierer als Gewinner« bringe die neue Geschäftsbeziehung mit sich, sagt Dietmar Groß. Der Gemüseproduzent aus Hessen ist Bio-Beauftragter der Arbeitsgemeinschaft bäuerlicher Landwirtschaft (AbL). Er fürchtet, dass dem Ökolandbau das gleiche Schicksal droht wie einst dem konventionellen: »agroindustrielle Strukturen«. Und irgendwann sei Bio dann kaum noch Bio. Bislang würden die Discounter zwar gut zahlen, gibt Groß zu. Das liege aber nur daran, dass die Nachfrage nach Bioprodukten derzeit größer sei als das Angebot.

Sonnenblumenkerne aus China, Milch aus Dänemark

Die Zahlen bestätigen zumindest Letzteres. Im vergangenen Jahr stieg der Verkauf von Biolebensmitteln um rund 15 Prozent, für dieses Jahr werden sogar 20 Prozent vorausgesagt. Die Anbaufläche hingegen wächst hierzulande nur um jährlich drei bis fünf Prozent. Deutsche Biobauern allein können den immensen Bedarf der Discounter nicht decken. Als Lidl Ende April ins Ökosegment einstieg, verkündete das Unternehmen, sein Sortiment demnächst zu einem Fünftel mit Bioware bestücken zu wollen. Zum Vergleich: Im deutschen Durchschnitt beträgt die Quote gerade einmal 3,2 Prozent. In der Branche heißt es, Lidl suche eine Menge Biomilch, die bis zu 40 Prozent der gesamten Inlandsproduktion ausmachen würde. So viel kann niemand ad hoc liefern, derartige Größenordnungen sind völlig neu für die eher von kleinen Strukturen geprägte deutsche Bioszene.

Und so findet die naturnahe Massenproduktion vor allem woanders statt. Biosonnenblumenkerne kommen mit dem Frachtschiff aus China, Biomilch aus Dänemark, Biotomaten aus Spanien. Dort wuchs die Anbaufläche für Bioprodukte im vergangenen Jahr um zehn Prozent auf 807.000 Hektar. In Osteuropa stieg sie sogar um 16 Prozent auf 1,2 Millionen Hektar, in Asien um 11 Prozent auf vier Millionen Hektar. Während in Deutschland die Subventionen sinken, setzt beispielsweise Polen gezielt Fördermittel für seine Biobauern ein. Die Lohnkosten sind dort ohnehin niedrig, und vielen polnischen Bauern fällt die Umstellung leicht. »Die haben vorher auch schon ohne Kunstdünger und Spritzmittel gearbeitet – weil sie sich die nicht leisten konnten«, sagt Markus Rippin von der Zentralen Markt- und Preisberichtstelle (ZMP) der deutschen Agrarwirtschaft. Künstlich ist nur die Bewässerung BILD

Mit dem Bio-Gedanken ist die globale Logistik durchaus vereinbar. »Es gibt gute Argumente für regionale Lebensmittel, aber die Transportemissionen sind es nicht«, sagt Ulrike Eberle vom Freiburger Öko-Institut. In der Energiebilanz von Zucchini macht der Transport nur etwa ein Zehntel der ökologischen Kosten aus, hat die Wissenschaftlerin errechnet. Wer das Gemüse daheim in einen modernen energiesparenden Kühlschrank lege, erklärt sie, der nutze der Umwelt mehr, als der Transport zuvor geschadet habe. Auch größere Höfe sind kein Problem, obwohl sie nicht dem Klischee des Ökokleinbauern entsprechen. »Mit großen Maschinen gibt es weniger Energieverbrauch«, sagt Alexander Hissting von Greenpeace.

Zwei Risiken aber wachsen, je größer der Biomarkt wird: die Gefahr des Betrugs und die der schlechten Qualität. So ziehen beispielsweise manche Treibhausbetriebe ihre Biotomaten nicht auf Erde, sondern auf Steinwoll-Substrat mit organischer Nährlösung. Das ist legal, zumal normaler Boden bei den angestrebten Mengen völlig auslaugen würde, wenn man – wie für Bioanbau vorgeschrieben – auf Kunstdünger verzichtet. »Aber das ist dennoch vom konventionellen Anbau kaum zu unterscheiden«, sagt ZMP-Fachmann Rippin, »auch geschmacklich.« Zwar arbeiten die meisten Erzeuger derzeit noch traditionell, doch das dürfte sich mit dem zunehmenden Druck zu mehr Größe ändern.