Keine Frage, diesem Film wäre vor zwanzig Jahren mit Blaulicht und Sirene die Weiterfahrt verweigert worden. Strenge Kritiker hätten dem Regisseur von Cars den Führerschein entzogen und ihn in die Ausnüchterungszelle gesteckt. Denn wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass Amerika auf seiner Geisterfahrt durch die Weltgeschichte dem kulturellen Niedergang entgegenrast, dann wäre es dieser Trickfilm gewesen: ein Machwerk, in dem Autos wie Menschen sprechen und denken, lieben und leiden. Die Beseelung der Maschine – ist das nicht der Gipfel der Verdinglichung? Ein Skandal? BILD Altes Eisen bremst den neoliberalen Lightning McQueen aus.

In Cars gibt es keine Menschen, hier »leben« nur animierte Autos. Sie reden kein Blech, viele sind fürwitzig und klug. Ihre Hoffnungen glänzen in Chrom, und manchmal sind sie sogar die besseren Menschen. In der Haupthandlung erzählt der Regisseur John Lasseter, Vater des Computertrickfilms und Chef von Disney/Pixar (Findet Nemo), von der wundersamen Verwandlung eines schwer erziehbaren Rennwagens in ein anständiges Mitglied der automobilen Gesellschaft. Bei seiner Resozialisierung hilft ein durchgerosteter Abschleppwagen, der schon vor Jahren seine letzte Ölung erhalten hat. Doch sein Herz ist so groß wie sein Überbiss, und mit wem er einmal Freundschaft geschlossen hat, den lässt er nie wieder vom Haken. Natürlich gibt es auch fiese Typen und üble Vehikel, aber mit ihren Gemeinheiten erinnern sie eher an lebende Menschen.

Dass die menschlichen Träume in die Dinge ausgewandert sind – und das Lebendige in den Maschinen steckt –, das ist die beklemmende Idee des Films. Vom Menschen, verkündet Cars , ist nämlich der Lack ab. Er hat den Sinn des Lebens vergessen und sich an die Dinge verloren. Deshalb gibt es nur eine Hoffnung: Die unmenschlichen Dinge müssen dem verdinglichten Menschen noch einmal die Augen öffnen und ihm erzählen, was er mit seinem Dasein anstellen soll. In diesem Sinn ist Cars für den Regisseur die Fahrschule des Lebens. Er zeigt dem Menschen die alte Heimat, die er von allein nicht mehr findet.

Der schöne Porsche macht den Raser und Rempler zum Dichter und Denker

Für diese Lektion braucht es einen Helden, der geradewegs der menschlichen Dingwelt entstiegen sein könnte. Dieser Held ist Lightning McQueen (gesprochen von Daniel Brühl), ein junger Wilder, noch feucht hinter den Ohren, der neue Superstar auf der Rennpiste, ein rauflustiger Siegertyp, kess und ziemlich hochnäsig. Im menschlichen Leben wäre der Heißsporn ohne klar erkennbares Markenvorbild vermutlich ein smarter Investmentmanager mit gegeltem Haar, ein neoliberales Prachtexemplar der Ego-Shooter-Gesellschaft, die glaubt, man könne im Leben allein über die Runden kommen. Kurzerhand setzt Lightning McQueen sein Rennteam an die Luft, verzichtet beim Piston Cup tolldreist auf einen fälligen Reifenwechsel – und verpatzt im Vorgenuss seines künftigen Ruhmes dadurch den sicher geglaubten Sieg. Hochmut kam vor dem Fall. Nun muss der rote Bengel mit dem guten Kern zum Entscheidungsrennen antreten, ganz weit weg, in Kalifornien.

Damit beginnt der automobile Bildungsroman, die Erziehung des Lightning McQueen. Denn einmal dem Läuten der Siegerglocke gefolgt, ist es schon aus. Der kirschrote Jungspund kommt aus eigenem Verschulden vom Wege ab und landet in Radiator Springs, einem vergessenen Nest am Rande der legendären Route66. Vor dem Bau der Autobahn war die Kleinstadt voller Leben, nun blasen ihre kauzigen Einwohner Trübsal aus dem Auspuff, und am Himmel kreisen schon die Geier. Lightning McQueen weckt das Wüstenkaff aus dem Dornröschenschlaf und zerfurcht erst einmal die Hauptstraße wie einen Kartoffelacker. Ein 49er Polizei-Mercury schnappt sich das gestrandete Bürschchen und schleppt es vor Gericht. Das ist der Auftakt zu einem gründlichen Umerziehungsprojekt in der pädagogischen Provinz. Vor allem »Doc«, ein altersweiser, zu Unrecht aus dem Verkehr gezogener 51er Hudson-Hornet-Rennwagen (Friedrich Schönfelder) greift dem Karriereschnösel ins Lenkrad und unterweist ihn wie einst Gurnemanz den Parsifal. Hilfreich zur Seite springt ihm dabei Sally Carrera, ein himmelblaues Porsche-Fräulein (Bettina Zimmermann), nicht zufällig ein Import aus dem Land der Dichter und Denker. Mit blecherner Zärtlichkeit öffnet sie Lightning die Augen für die schöne Natur und die Liebe. In ihrem ersten Leben war Sally Anwältin in Los Angeles, ein Dasein auf der Überholspur. Sie kennt den Krieg in der vom Recht entzweiten Gesellschaft. Es war die Hölle, und nun sucht der Sechszylinder an der Wärmequelle Radiator(!) Springs den Frieden. An ihrem säuselnden Idealismus, an ihrem deutsch-romantischen Wesen wird Lightnings innere Welt genesen.

Kurzum: Arbeit, Liebe und Bindung bringen den Draufgänger auf den Asphalt der Tatsachen zurück. Aus dem Raser und Rempler wird ein Dulder und Denker. Er lernt, dass es noch andere Werte im Leben gibt, als beim kapitalistischen Rattenrennen im Kreis herumzujagen und Rivalen mit Vollgas das Licht auszupusten. Recht interessant ist der Vorschlag, durchgedrehte New-Economy-Rabauken wie Lightning McQueen sollten erst einmal im Schweiße ihrer Kühlerhaube eine Straße teeren, bevor sie in die automobile Gemeinschaft aufgenommen werden. Das riecht ein bisschen nach Tugendterror, und erst am Schluss, beim Entscheidungsrennen, wird sich klären, ob die Kommunitaristen von Radiator Springs ihrem Zögling den Turbo auf immer abgeregelt – oder ob sie sein überdrehtes Wesen bloß in menschenfreundliche Bahnen gelenkt haben.