50 Klassiker der Moderne (30) Der Ego-Verstärker
Wie eine Naturgewalt kam 1987 das Album Sign O’ The Times über die Menschheit. Der große Wurf des kleinen Prince spiegelt das Aufeinandertreffen von 80er-Exzentrik und Mainstream
Der Notruf kam vom Mutterschiff der jüngeren Funk-Geschichte, die Stimme da draußen flatterte zwischen den Beats. Sie berichtete von Kindesmord, Aids, Crack und dem Hurrikan Annie. Doch, das musste Prince sein, nach drei Minuten mahnte der Künstler zur Eile, macht Party, und zwar sofort: »Let’s fall in love, get married, have a child«. Prince hatte noch viel vor auf diesem Doppelalbum.
Dass ein solches ein größeres Naturereignis, wenn nicht einen generellen Umschwung annoncierte, galt seit Bob Dylans Blonde On Blonde und Songs In The Key Of Life von Stevie Wonder als beschlossene Sache. Prince hatte Sign O’ The Times ursprünglich sogar als Dreifachalbum konzipiert, doch das Pathos, das einem Triple vorauseilt, war wohl selbst dem gigantomanischen Musiker aus Minneapolis nicht ganz geheuer. Auf dem Cover der Erstauflage klebt ein riesiges hellblaues Herz mit dem Hinweis »specially-priced two record set«, es klebt da wie die Bitte des Autors Prince, mit ihm die herrlichen Mühen der nächsten 75 Minuten zu unternehmen.
1987 war Prince auf dem Gipfel der Popularität angelangt, als Plattenmillionär und Society-Liebling, als polysexuelles Objekt der Begierde, drapiert in den edlen Laken schöner Latino-Frauen. Er kontrollierte einen autonomen Staat im Weltreich des Pop, unerreichbar für die Mediokren und mit eigener Entourage und einem prächtigen Studio-Komplex namens Paisley Park. Diese Platte sollte dem attraktivsten und für ein paar Jahre am hellsten strahlenden Ego der Popmusik der Achtziger nun endlich allein gehören, damit er sich als multiple Persönlichkeit in den Auen seines Fürstentums noch einmal erfinden könne. Seine Begleitband The Revolution hatte Prince sicherheitshalber in den Ruhestand geschickt.
Mann, Frau? Schwarz, Weiß? Künstler, Kunstobjekt? Prediger, Fantast? Gewissheiten gab es auf diesem Album fast keine mehr. Und was hatte der Name seiner Heldin Joni Mitchell in einem Lied über die geheimnisvolle Nachtkellnerin Dorothy Parker zu suchen? Sign O’ The Times darf als größtmöglicher Vormarsch der Exzentrik in den Mainstream der Achtziger gewertet werden – zur Freude eines Millionenpublikums, das fünf Minuten vorher nichts Besseres zu tun gehabt hatte, als mit Whitney Houston ein laues Damenkränzchen zu besuchen (I Wanna Dance With Somebody). Prince wählte den Ego-Verstärker und stellte kurze, aber heftige Schaltungen vom Rock’n’Roll zur Soul- und Jazz-Eleganz her. Im Kleingedruckten auf der Albumhülle verriet er, wer der wahre Schöpfer der barocken Vielfalt war: »All praise & glory 2 god«.
Das Album stellte bereits die finalen Meter im Lebenswerk von Prince dar. Die Grammatik des Funk war mit Sign O’ The Times neu verabschiedet worden, sie gilt bis heute. Nach Sign O’ The Time obsiegte Kalkulation über Kreativität im Prince-Camp, die Symbole blieben leer. Frank Sawatzki
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- Datum 09.09.2006 - 11:05 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 07.09.2006
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