Das Trauma-Spiel

Die Vertriebenenverbände verschweigen allzu oft, dass unter den Verjagten auch Täter waren. Damit tun sie sich keinen Gefallen

Wie geht es weiter zwischen Deutschen und Polen? Das Verhältnis, das sich nach 1989 überraschend erfreulich entwickelt hatte, könnte allmählich in eine zerstörerische Krise geraten. Indizien dafür finden sich auf der politischen Ebene und vor allem in einigen Medien, in denen auf beiden Seiten Misstrauen und traditionelle Vorurteile neu bekräftigt werden. Jüngster Beleg: die empörten Reaktionen des polnischen Ministerpräsidenten, Jaroslaw Kaczyski, auf den Auftritt von Bundespräsident Horst Köhler am Tag der Heimat vor den Vertriebenenverbänden, die sich allein gegen den Besuch selbst richteten ohne auf den Inhalt der Rede auch nur einzugehen.

Bis zum heutigen Tag zeigen Umfragen, dass die Deutschen in den Augen der Polen an Respekt und sogar Sympathie gewinnen. Eine klare Mehrheit wünscht sich Deutschland als bevorzugten politischen und sogar nach den USA und Großbritannien als wichtigsten militärischen Partner.

Freilich entwickelt sich die Sympathie von deutscher Seite nicht symmetrisch, aber sie entwickelt sich. An Kenntnis, Interesse und Wohlwollen haben die Deutschen immerhin entschieden aufzuholen.

Dennoch ist mir klar: Auf der Ebene der Politik und der Medien sieht es komplizierter aus. Zwar hält die Behauptung, die Brüder Kaczyski hätten wegen ihrer antideutschen Positionen den letzten Wahlkampf gewonnen, seriösen Wahlanalysen nicht stand. Vielmehr haben vor allem die Bewohner der ländlichen Gebiete Ost- und Südpolens, die sich von Polens rasanter Modernisierung materiell und mental überfordert fühlen, die Partei Recht und Gerechtigkeit gewählt. Zudem tut die Erinnerung daran gut, dass die gegenwärtige Regierung aus einer Wahlbeteiligung von 40 Prozent hervorgegangen ist. Das ist niedrig, relativiert ihre Repräsentativität erheblich und ist nicht untypisch für Transformationsgesellschaften. Da die Polen überdies seit dem Ende des 18. Jahrhunderts die längste Zeit praktisch unter Fremdherrschaft lebten, haben sie sich angewöhnt, sich um ihre Regierungen möglichst wenig zu scheren und an ihnen vorbei zu handeln. Dies muss und wird sich vermutlich in den nächsten Jahren und Jahrzehnten ändern, aber Mentalitätswechsel brauchen Zeit.

Allerdings hat die polnische Regierung in den vergangenen Monaten in der Tat sehr uneinheitliche Signale an ihren westlichen Nachbarn gesendet. Besonders schwierige Folgen entstehen durch die Tendenz wichtiger polnischer Spitzenpolitiker, die Regierung für Positionen in der deutschen Gesellschaft zur Verantwortung zu ziehen, wie es etwa beim Streit um den (übrigens journalistisch misslungenen) taz-Artikel der Fall war. Das ist gegen die Regeln der repräsentativen Demokratie, die politische und gesellschaftliche Verantwortung bewusst unterscheidet, weil sonst eine potenziell totalitäre Zuordnung von Kompetenzen an die Regierung droht.

Wie gelangt man von deutscher Seite besser mit der polnischen ins Gespräch? Hilfreich wäre die schon längere Zeit anstehende Ernennung eines polnischen Koordinators für die polnisch-deutschen Beziehungen, nachdem Botschafterin Irena Lipowicz zusammen mit Außenminister Meller vor Wochen zurückgetreten ist. Schön wäre auch eine Neubesetzung des polnischen Moderators für das deutsch-polnische Forum, das Janusz Reiter bis zu seinem Weggang als polnischer Botschafter nach Washington im vergangenen Herbst betreut hatte.

Schließlich könnten wir einen großen Schritt vorankommen, wenn wir während der deut- schen Ratspräsidentschaft gemeinsame deutsch-polnische oder, noch besser: deutsch-polnisch-französische Initiativen präsentieren könnten. Wir kämen damit alle weiter als mit einzelnen nationalen Ideen, die auf Autarkie zielen.

Der erneute Versuch aber, das Thema im Sinne des Bundes der Vertriebenen bundesrepublikanisch sanktioniert zu präsentieren, birgt die Gefahr, die bisher von den politischen Turbulenzen unbe- helligte deutsch-polnische Verständigung nun auch auf der Ebene der Zivilgesellschaft gravierend zu beeinträchtigen. Die Schwierigkeiten würden sich vergrößern, wenn mit Erika Steinbachs Vertriebenenausstellung im Berliner Kronprinzenpalais der alte Streit wieder begänne und der mühsame, aber vernünftige Koalitionskompromiss zwischen CDU/CSU und SPD aufgekündigt würde. Die Initiatorin dieser Ausstellung ist so belastet, dass eine deutsch-polnische Verständigung in dieser persönlichen Konstellation ausgeschlossen erscheint. Während Frau Steinbach in Deutschland nach wie vor wenig bekannt ist, haben in Polen alle an der Diskussion beteiligten Bürger seit Jahren ihre Biografie und ihr Verhalten genauer verfolgt.

Geboren wurde sie als Tochter eines Unter- offiziers der deutschen Wehrmacht. Ihr Vater bezog nach dem deutschen Überfall auf Polen mit seiner aus dem hessischen Hanau kommenden Familie ein Haus im polnischen Ort Rumia bei Danzig. An der deutschen Besetzung Polens hatte die 1945 zweijährige Erika Steinbach wahrhaft keinen Anteil.

Aber dass sie sich, als die deutsche Wehrmacht aus Polen zurückgeschlagen wird und die Familie Rumia wieder verlassen muss, als Vertriebene bezeichnet, dass sie von den Polen (als Bedingung für deren Beitritt zur EU, dem sie nur unter Vorbehalt zugestimmt hat) immer wieder ein Schuldbekenntnis gegenüber den Vertriebenen gefordert hat, dass sie persönlich es als Großzügigkeit präsentiert, den Polen die Hand zur Versöhnung reichen zu wollen, trotz des Traumas, das sie erlitten habe, we il sie ihre Heimat 1945 verlassen musste das dreht den Polen den Magen um, und nicht nur ihnen. Frau Steinbach wäre ihr Trauma doch nur dann erspart geblieben, wenn die deutsche Wehrmacht Polen weiter besetzt gehalten hätte! Es ging eben jahrelang nicht einfach um die Trauer oder um die innerdeutsche Anerkennung des Leids in der Vertreibung, sondern um die Vertauschung der Rollen von Tätern und Opfern und um daraus abgeleitete moralische Forderungen an Polen und Tschechen. Sie werden in der gegenwärtigen Berliner Ausstellung nicht mehr erwähnt.

Zudem: Für eine innerdeutsche wie für eine europäische Versöhnung scheint mir die Aus- stellung nicht geeignet zu sein, weil sie das Prinzip der individuellen Verantwortung vom Ansatz her ausblendet.

Zugleich gerät sie in einen Widerspruch zu sich selbst, weil sie ein Prinzip das der kollektiven Vereinheitlichung bekräftigt, das sie im Vorspann der Ausstellung als Hauptursache der Vertreibung verurteilt. Denn die Vertriebenen konstituieren sich als Gruppe und Thema der Ausstellung über die verschiedenen historischen Konstellationen hinweg lediglich durch Zuschreibung zu einer jeweiligen homogenisierten nationalen oder ethnischen Einheit.

Ebendieses Prinzip der nationalen Homogenisierung wird als Hauptgrund für die Vertreibung angeführt und bekämpft.

Dass Menschen verfolgt, vertrieben, getötet werden, nur weil sie zu einer nationalen Gruppe gehörten, obwohl die einzelnen Menschen sich sehr unterschiedlich verhalten haben können, das ist zu Recht das Skandalon. Umgekehrt aber unterminiert man gerade ihre Individualität und ihre Verantwortlichkeit, wenn man die Ver- triebenen als nicht verantwortliche Mitglieder eines Opferkollektivs definiert und gar nicht mehr nach ihrem Verhalten fragt. Die von Konrad Henlein geführte nationalsozialistische Sudetendeutsche Partei hatte zudem die in der Tschecho- slowakei lebenden Deutschen als antitschechisch und Hitler-freundlich diskreditiert, heißt es im historischen Begleittext zu den Bildern. Hatte die Partei keine Mitglieder, die diese Diskreditierung verursachten? Wie wenig diese Frage der individuellen Verantwortung der Deutschen im Allgemeinen und der Vertriebenen im Besonderen im Blick der Aussteller war, findet sich an verschiedenen Stellen belegt: Diktatoren beschlossen die Aufteilung Polens zwischen der Sowjetunion und dem Deutschen Reich. Die alte Lesart, dass Hitler und seine Clique zusammen mit Stalin das deutsche Volk ins Unglück gestürzt haben? In der gegenwärtigen Forschung ist sie längst überwunden.

Schließlich führt die Konzentration auf die Vertriebenen als Opfer zum Ausschluss anderer Opfer und zu Sätzen, die wohl kaum mit den Augen der anderen gelesen wurden: Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion am 22.6.1941 löste für die deutsche Minderheit in der UdSSR eine Katastrophe aus, heißt es lapidar. Von der Katastrophe für die Russen ist keine Rede, und die Flucht aus ihren verbrannten Dörfern gilt vermutlich nicht als Vertreibung. Vor diesem Hintergrund bin ich sehr froh, dass Horst Köhler sich vom Vertriebenenverband nicht für die Zentrumsidee hat vereinnahmen lassen, sondern bei der Linie der Präsidenten Rau und Kwaniewski geblieben ist.

Dass eine solche Geschichtsdarstellung bei unseren Nachbarn auch unqualifizierte pawlowsche Reflexe auslöst, ist so bedauerlich wie erwartbar. Es wäre nicht gut, wenn Ewiggestrige, die es natürlich in unseren Ländern gibt, sich in der nächsten Zeit gegenseitig hochschaukelten und die mühsame Vertrauensarbeit zunichte machten, deren Ergebnis Jahre gebraucht hat. Das alte Prinzip hat genug Unheil angerichtet und sollte begraben werden zugunsten eines aufgeschlossenen, pluralistischen Europa mit kulturell unvermeidlich immer vielfältigeren Gesellschaften.

Gesine Schwan ist Präsidentin der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) und Polenbeauftragte der Bundesregierung. 2004 kandidierte sie auf Vorschlag von Rot-Grün für das Amt der Bundespräsidentin

 
Leser-Kommentare
  1. Wenn es uns mit dem vereinigten Europa ernst ist, sollten wir diese BLUBO-Relikte mit Verachtung strafen, sie verursachen nur Ärger und bringen niemandem einen Gewinn -- am allerwenigsten den (letzten noch lebenden) Vertriebenen selber.

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