11. SeptemberWelt voller Lücken

Amerikas Außenpolitik kennt nur noch den Anti-Terror-Krieg. Das macht blind von Jedediah Purdy

Die Vorstellung, der 11. September2001 habe alles geändert, war eine Einbildung. Nicht weil diese Vorstellung die Bedeutung der Anschläge übertrieben hätte, sondern, merkwürdig genug, weil sie die Bedeutung unterschätzte. Die Angriffe auf New York und Washington D.C., so furchtbar ihr menschlicher Preis auch war, haben für sich genommen nicht viel verändert. Grundlegend gewandelt hat sich der Horizont der politischen Möglichkeiten. Der Schock jenes Morgens, gefolgt von den endlos wiederholten Bildern der einstürzenden Türme, rüttelten das Land aus nahezu einem Jahrzehnt der Behäbigkeit. Politik gewann mit einem Mal ungewohnte Dringlichkeit. Ein neues Gefühl von Gefahr lag in der Luft und verschaffte den Politikern plötzlich die Möglichkeit, Dinge auszuprobieren, die kurz zuvor noch unmöglich gewesen wären. Allerdings: Die seit dem 11. September 2001 vergangenen fünf Jahre waren eine Zeit ungeordneter, fehlge- leiteter und zerstörerischer Antworten auf die tatsächlichen Probleme. Und die vielen Fehler haben unsere, Amerikas Handlungsmöglichkeiten sehr eingeschränkt. Die Stimmung im Land, vor dem 11. September2001 noch geprägt von bequemer Distanz zu aller Politik, schreckte kurzzeitig auf und schlug dann in verletzten Zynismus um. Die vergangenen fünf Jahre waren eine furchtbare Zeit. Und wir stehen erst am Ende vom Anfang.

I. Gleich nach den Anschlägen erhoben sich die Prophezeiungen – und verklangen ebenso schnell wieder. Einige riefen das Ende der Ironie aus – als ob die Erinnerung an unsere Sterblichkeit zugleich das Vergnügen an Doppelsinnigkeiten und trockener Selbstbeobachtung minderte. Andere wiederum sagten als Folge ständiger Bedrohung eine neue kämpferische Stimmung voraus. »Jetzt sind wir alle Israelis«, schrieb Martin Peretz, Herausgeber der Zeitschrift New Republic, noch bevor sich der Rauch über der Wall Street verzogen hatte. Und es stimmt: Alles fühlte sich sehr ernst an in jenen Wochen. Viele Menschen meldeten sich als Freiwillige in den Rekrutierungsbüros der Armee. Andere sagten Reisen nach New York, Washington oder Los Angeles ab. Und manche im Süden und Mittleren Westen Amerikas verschoben sogar Fahrten in ihre örtlichen Einkaufszentren. Aber das Alltagsleben ist zäh. Dieselben Bürger, die im Kalten Krieg mehr oder weniger wohlgemut mit der täglichen Bedrohung nuklearer Vernichtung umgegangen waren, fühlten sich bald wieder sicher und verhielten sich entsprechend. Präsident Bush sagte den Bürgern, sie sollten einkaufen gehen, während er selbst den Krieg vorbereitete. Es war eine zynische, aber zugleich schlaue Entscheidung, der Bevölkerung in dieser Situation kaum irgendetwas abzuverlangen.

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Alle Vorhersagen einer auf magische Weise erneuerten Welt verschwanden rasch wieder. Tatsächlich gehandelt wurde hingegen in der Politik. Hier hatten sich die Möglichkeiten, die Welt zu verändern, plötzlich vergrößert. Es waren die besonders Fixen und Waghalsigen, die jetzt den Ton angaben. Politik wird niemals auf einer völlig leeren Tafel geschrieben, und Washington ist voll von eifersüchtigen und verdorbenen Charakteren – ihnen hat der 11. September neue Räume geöffnet. Sie wurden rasch mit längst bekannten Doktrinen und Konzepten gefüllt. Der berüchtigte USA Patriot Act, jenes gleich nach den Terrorangriffen verabschiedete Gesetz zur inneren Sicherheit mit weitreichenden Einschnitten in die bürgerlichen Freiheiten, stand zum Beispiel schon lange auf dem Wunschzettel von Polizei und Staatsanwälten. Viele der neuen Vorschriften entstammten Entwürfen, die Mitarbeiter des Justizministeriums bereits in der Amtszeit des demokratischen Präsidenten Bill Clinton verfasst hatten.

Ebenso hatten die Machtansprüche des Präsidenten, die Bush und seine Hausjuristen nach dem 11. September geltend machten, ihre politische Vorgeschichte. Sie war weit prosaischer, als es die aufkommenden Anklänge an die Rechtslehren Carl Schmitts vermuten ließen. Kritiker fragten, wie das Weiße Haus darauf komme, »feindliche Kombattanten« unbefristet und ohne taugliches Verfahren gefangen zu halten. Sie wollten wissen, weshalb das Weiße Haus seine eigenen Verhörrichtlinien aufstellen wolle, die sowohl den Genfer Konventionen als auch amerikanischen Gesetzen gegen Folter zuwiderliefen. Und sie verstanden nicht, weshalb der Präsident ein gewaltiges Über- wachungsprogramm in Gang setzen wollte, das die vom Kongress festgelegten Prozeduren umging. Denn schließlich beherrschten die Republikaner doch bereits alle drei staatlichen Gewalten, und in den ersten zwei Jahren nach dem 11. September2001 hätte der Kongress dem Präsidenten ohnehin so gut wie jeden Wunsch erfüllt.

Die Lösung dieses Rätsels liegt zu guten Teilen in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Damals folgte Präsident Gerald Ford auf den in Schande gefallenen Richard Nixon und musste erleben, wie eine ganze Welle von Gesetzen verabschiedet wurde, die dem Kongress neue Kontrollrechte über die Kompetenzen des Präsidenten in Sachen Geheimdienste und Polizei einräumten. Zwei Mitarbeiter jenes im historischen Vergleich besonders schwachen und bedrängten Präsidenten Ford waren Donald Rumsfeld und Dick Cheney. Zeitzeugen berichten, die beiden seien schon damals entschlossen gewesen, die Autorität des Präsidentenamtes gegenüber dem Kongress wieder herzustellen. Womöglich begriffen sie, dass nur ein Krieg ihnen diese Chance einräumen würde. Sicher ist jedenfalls, dass Rumsfeld und Cheney mit dem Krieg, der ihnen schließlich in den Schoß fiel, sofort etwas anzufangen wussten.

Das Kernstück der schlimmen fünf Jahre seit dem 11. September 2001 bleibt der Einmarsch in den Irak. Er war zugleich der bedeutsamste Programmpunkt auf der bereits vor dem 11. September formulierten Agenda. Berichte über die Vorgeschichte des Krieges belegen, dass es Cheney und Bush waren, die auf den Sturz Saddam Husseins drängten. Hingegen traten die sagenumwobenen Neokonservativen mit ihren großen Visionen von einem neuen Nahen Osten, der Demokratisierung arabischer Staaten und ihrer besonderen Sorge um Israel sozusagen als verspätete Ideologen auf. Sie lieferten erst nachträglich die Begründung für einen Plan, der sofort nach dem 11. September gefasst worden war.

Leserkommentare
  1. Ich lebe in den USA und kann ihren Kommentar zum Freiheit und Demokratie nicht verstehen. Liberaler Faschismus scheint mir schon zutreffender. Die Deutschen haben aus der eigenen Geschichte gelernt, die Amerikaner schreiben gerade ihre eigene Geschichte.

    P.S. Als Demokrat sollte man sich nicht scheuen zu seiner Meinung zu stehen. Mit seinem Namen!

  2. Amerika ist kein Land, Amerika ist ein KONTINENT! Amerikaner sind Alle von Kanada bis Argentinien, und nicht nur die Kriegslustige Vereignigten Stattlern.

    • kb26919
    • 10. September 2006 21:19 Uhr

    bessere Arbeit geleistet,waeren die Bomben explodiert und Deutschland haette viele Tote und Verletzte zu beklagen dann wuerde diese Debatte auch in Deutschland ein bischen anders verlaufen.Aber Gott sei Dank waren es Amateure und das Unglueck wurde durch ihre eigne Unfaehigkeit verhindert -also scheint es okay zu sein wenn man sich behaebig zurueck lehnt und ueber das Trauma dass die USA erlitt als Bagatelle reden.Beim naechsten Mal,das sicherlich nicht lange auf sich warten laesst koennte auch Deutschland mal an erster Hand erleben wie traumatisch so ein Terror-Attentat ist.

  3. .... heute Morgen, hoerte ich mir im TV (nTV?) Prof Earnest Callenbach's langen, ausfuehrlichen Vortrag an der Freiburg UNI an. Mit "sanfter" Stimme und "ueberzeugender" Haltung, wie die ZEIT ihn wohl beschreiben wuerde, hat er in vielen Worten seinen Zuhoerern erzaehlt, was Jedediah Purdy zu sagen hat, in den sechs Zeilen des letzten Paragraphen seines Artikel in der ZEIT [zu dem dieser Kommentar gehoert].
    Ich vermute, mit Ueberzeugung, dass den ZEIT Redakteuren die Meinungen dieser zwei "eliten" Lehrkraefte passt. Ja, Herr Callenbach ist a.D., aber Mr. Purdy, als ein "politischer" Rechtsanwalt, der sich wohl mehr "Expert" denkt als andere, die sich z.B.in der Business School geplagt haben, da er noch ein Professor and der [wirklich guten] Duke Law School (mit tenure?) ist und dorthin wohl zurueckkehren will/wird.

    Natuerlich ist es gut, dass man in Deutschland Amerikaner sprechen laesst (wie Kleine-Brockhoff in "Englisch" auch bei der Washington Post auftaucht).

    Was sonderbar ist (und auch interessant und noch mehr schade!), dass Sie, die Redakteure der ZEIT, wohl kaum (in meinem Fall, nie) Professoren oder Journalisten in Amerika finden koennen oder wollen (well, I think I know why you don't want to!), die der gegenseitigen/nicht Ihrer Meinung sind.
    Warum ist das so?

    Sieht die ZEIT (und der deutsche TV) als Ihre Aufgabe re: die US, Deutschland vorzumachen, dass die "Idioten", die in Washington regieren, beinah niemanden mit einem Gehirn vertreten?
    Wenn nein, wo sind die anderen Stimmen?
    Wenn ja, wo ist die Grenze zu dem, was Goebbels erst lehrte und dann in die Praxis ueberfuehrt hat?

    Was besonders auffaellt fuer die Professoren, die man zitiert oder die Buehne gibt, dass die Artikel ueber mein Land mir so fremd auffallen, dass ich mich wundere, ob ich mich selbst und die US kenne.
    Aber ich finde auch, man ist verwirrt hier oder will mich absichtlich verwirren.
    Entweder sind die Schilderungen verbunden mit ein paar wenigen "Gaunern", weil die Mehrheit bei uns (wie natuerlich Sie) auf baldige Abloesung wartet.
    Oder man versucht, mich zu ueberzeugen, dass unser Benehmen, nur zu erklaeren ist, weil 51% auf der anderen Seite des Atlantik nur logisch als Esel bezeichnet werden koennen.

    Weder Ihr Bureau Chef in Washington, Kleine-Brockhoff, noch sein Mitarbeiter Schiffmann, noch Pritzke beim SPIEGEL sind bis jetzt erfolgreich [in meinem Fall!], obwohl die deutsche Presse (und die deutsche Bevoelkerung) mich mehr als in jeder anderer Zeit an die dreissiger Jahre (oder vielleicht das Jahrzehnt davor kam) erinnert. Was mir viel schlimmer und gefaehrlicher erscheint, als die Rueckkehr von Deutschland zu ihren "normalen" Beziehungen (seit Bismarck), mehr feindlich als freundlich, gegenueber Amerika.

    Irgendwie, seit ich hier auf Besuch bin, und ueber vieles Komisches stolperte, habe ich mich erinnert, was ein anderer meiner Professoren mir hinterlassen hat: "Wer es kann, macht es. Andere lehren es. Denjenigen, denen es ihr ganzes Leben braucht, die Haelfte, das Unsinn war, zu vergessen." [So aehnlich, wenn auch mehr elegant.]

    Waehrend ich diesen/meinen Kommentar (an die Redakteure der Zeit richten will, mehr als an alle andere) hoere ich mir einen TV N24 (?) Bericht an, der mich ueberzeugt hat, ich will nie wieder 100 Meter oder naeher an Amtrak oder/und amerikanische Schienen kommen. Das Netz ist eben zu gefaehrlich, die Angestellten nicht "professional" genug.

    Man ueberzeugt mich taeglich, dass was hier vorgeht, nicht ungefaehrliche Uebertreibung ist, sondern absichtliches Misinformation. Was nicht anders werden wird nach der Abloesung unserer heutigen Regierung.

    Deshalb, waere es nicht besser, wir wuerden uns alle etwas mehr vorsichtig benehmen? Wir wollen doch nicht wieder auf uns schiessen, mit richtigen Kugeln....oder?

    Ich kann Ihnen versicheren:
    "Die Welt waere schoen, waere es nicht fuer Amerika, fuer Bush, und fuer Kapitalismus (=Israel/die Juden?)" ist eine falsche Beschreibung, no matter how often you and your readers und Landsleute es uns sagen or sagen wollen.

    j/dgerbeth

    • Hotjock
    • 11. September 2006 0:55 Uhr

    Man moege sich vorstellen:
    Ein Teil der 9/11 Attentate haette sich in Deutschland ereignet, einfach so - genauso ueberraschend und unerwartet wie in NY, PA und DC. Schwer vorzustellen?
    Ein in Pakistan geheim operierendes BND Team (schwer vorzustellen, ohne Bundestagsbeschluss?) koennte kurzfristigst Zugriff nehmen auf die drei juengst nach Guantanamo ueberstellten Verdaechtigten und sie nach D entfuehren (!).
    Was sagen nun alle die um Rechtstaatlichkeit besorgten Musterdemokraten? Besser die pakistanischen Behoerden informieren? Die Gerichte muessten die drei sofort wieder freilassen. Welche Haftgruende haetten wir denn? Wessen koennten wie diese Leute beschuldigen? Dringender Tatverdacht, ohne Zugriff auf amerikanische Geheimdienstinformationen (die ja sowieso rechtswidrig erlangt sind)? Wuerden wir uns alle wohlfuehlen?
    Der Punkt: Koennen wir mit unseren Vorstellungen von recht-staatlichem Handeln, wie es sich gerade mal in 50 Jahren entwickelt hat, tatsachlich erfolgreich terroristischen Bedrohungen und Taten begegnen? Sind "Tot oder Unfrei" die einzige Option? Muessten wir den USA nicht mindestens konzidieren, dass sie versuchen, einen realistischen und akzeptablen Handlungsrahmen (sprich Kriegserklaerung) suchen?

  4. 6. Sorry!

    \N

  5. 7. Sorry!

    ...die Schlagzeile, haette "FREUDE" lesen sollen, nicht "Freunde"...... es ist nicht einfach in einer Sprache, die man selten spricht oder liest, zu buchstabieren.
    Was keine Entschuldigung, nur eine Erklaerung ist.....
    j/dgerbeth

    • hdchiba
    • 10. September 2006 23:19 Uhr

    Bush, wie engste Jünger (Cheney, Rice), weiss, wo es hoch geht. Und hoch oben auf amerikan. Bergesgipfel verkündet diese politische Trinität ihre alleinseligmachende Wahrheiten: Ihre Weisungen beginnen mit: "In God we trust" u. enden stets mit:"God bless Amerika". Zw. diesen biblischen "Urwahrheiten" steht eine Walmart-Einkaufsliste ihrer politischen Ziele. Wäre alles nicht so schlimm: Zarathustra hat auch zum "Höheren" aufgefordert, nur sein Ziel war nur spirituell. Tragisch ist, was bei Bush passiert, wenn Andersdenkende sich melden. Dann wird nicht lange mit Opposition diskutiert: Wer nicht hören will, muss fühlen o. wer nicht mit uns, der sei gegen uns! Und wie in christl. Kreuzzügen gegen die gesamte damalige arabische Welt stürzt sich heute die technisch-moderne U.S. Militärmaschine auf die neuen Heiden. In Europa hat es Jahrhunderte gedauert, ähnlichen Elitewahn zu untermauern. In den US dagegen hat der ideologische Kampf gegen die moderne Welt- u. Kulturvereinfachung erst begonnen. Der Weg aus dieser Sackgasse könnte noch ein langer sein.

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  • Quelle DIE ZEIT, 07.09.2006
  • Schlagworte Dick Cheney | Donald Rumsfeld | Ford | Richard Nixon | Anschlag | Gerald Ford
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