Aussteiger Unser Kiez heißt Formentera

Sie flüchteten mit Stirnband und Sandalen auf die kleinste Baleareninsel. Was aus den Blumenkindern von einst geworden ist

Auch nach einer harten Nacht findet Thommy auf diesem Weg schnell wieder ins Leben zurück. Er steigt aus dem Taxi, schleppt sich zu seinem Pool und springt hinein in Hose und Hemd. Das macht die Haare glatt und den Kopf wieder klar. Vor allem weiß Thommy dann, was Sache ist, wie viel Geld er jetzt noch hat. Genau kann er sich das auch nicht erklären, aber all die Euro, die Münzen und die Scheine, treiben aus den Taschen und finden auf immer gleichem Weg durch das Wasser in das Sieb hinten links. »Is wohl Physik.« Also kratzt sich Thommy den Kopf, guckt nach und zählt die Kohle durch: »6,80 Euro sind noch da«, immerhin. Dann legt er die Barschaft zum Trocknen in die Sonne. Ab ins Bett.

Thomas Seifert, »der Thommy« aus Krefeld, hat in seinem Leben viel mit Phänomenen zu tun gehabt, die sich so leicht nicht erklären lassen. Dass er überhaupt auf der Insel gelandet ist. Bali, Goa, vieles kam infrage, Hauptsache, nicht Krefeld. Formentera ist es geworden. Er war 16, als es ihn auf die Insel verschlug, »mitgenommen von Freunden, die kurz mal runter in den Süden wollten«.

Die Trauerweiden des Niederrheins vergaß er damals schnell. Über ihm stand jetzt die Sonne im Zenit, der Duft von Thymian stieg ihm in die Nase, seine Augen erblickten türkisfarbenes Wasser und Mädchen mit bloßer, brauner Haut. Mein Gott, Thommy fand das damals alles »herrlich«. Und mit ihm so viele andere auch.

Niemand auf Formentera weiß genau, wie viele tausend es waren, die in den siebziger Jahren auf der Flucht vor der Zivilisation nach und nach auf die kleinste der Baleareninseln kamen und blieben. Niemand hat Buch geführt über all jene, die sich ein Stirnband besorgten, Sandalen überstreiften und – love, peace and happiness – nach ein paar Nächten im Freien jeden Gedanken an einen Rückflug verwarfen.

Drüben, auf Ibiza, zogen die Reiseveranstalter den großen Tourismus auf. Hotels, Appartements, Partymeilen – und woraus sich sonst ein Teufelswerk zusammensetzt. Formentera sollte das nicht passieren, darum wollten sich Thommy und all die anderen Aussteiger kümmern. »Bei aller Liebe, die wir verspürten, wir wollten kämpfen.« Und heute?

Noch immer kommt Formentera ohne Flughafen aus. Wer hin will, sich als Urlauber unter die rund 8000 Einheimischen mischen will, muss von Ibiza aus die Fähre nehmen. Frischt der Wind unterwegs auf, verteilt ein fürsorglicher Skipper transparente Spucktüten. Nach 40 Minuten endet das maritime Erlebnis in La Savina, Formenteras Hafen. Wer etwas auf sich hält, steigt jetzt auf ein vehiculo um, am besten auf einen jener blauen Motorroller, die vom Morgen bis zum Abend und vom Abend bis zum Morgen über die Pisten der Insel röhren. Beherzt den Gasgriff gedreht, es geht schnurgeradeaus, dann mal links und mal rechts in die Kurve gelegt, schon ist die Ortschaft Es Pujols erreicht, so etwas wie das touristische Epizentrum der Insel. Spätestens hier wird klar, wie grandios Thommy und die anderen Blumenkinder bei ihrem Kampf um das Reservat Formentera gescheitert sind.

Von Bob Dylan erzählen die Älteren mit glücklichem Schaudern

Mehr als 30000 Urlauber setzen mittlerweile in der Sommersaison auf die Insel über, die meisten nehmen ihr Bett im Großraum Es Pujols, eingedeutscht gern auch »Buchholz« genannt. In den Bierbars ist Bundesliga-Fußball zu gucken, auf den Speisekarten kommt das Schnitzel viersprachig daher. Ab und an biegt ein grobstolliger Geländewagen um die Ecke, der Fahrer trägt ein Stirnband, das Auto das Kennzeichen von Düsseldorf.

Einheimische meiden diesen Ort nach Möglichkeit. Es gibt Insulaner, die auf der Hochebene von La Mola im Osten wohnen und so gut wie nie von dort herunterkommen. Sie überblicken die ganze Insel, sehen das türkisfarbene Wasser vor den Sandstränden und wollen einfach nicht hin – sie sind noch nicht so weit. Aber auch andere, Jüngere haben ihre Schwierigkeit, wenn sie an Buchholz denken. Jemand wie die 36 Jahre alte Maya kriegt dann den Blues und will nicht ausschließen, dass früher wirklich alles besser war. Dabei ist Maya eine moderne junge Frau, weit gereist, auf Formentera bringt sie Immobilien an internationale Kundschaft. Normalerweise weiß sie, wie man auch einem Objekt in Schattenlage ein paar Sonnenseiten abgewinnt. Aber Orte wie Es Pujols?

Maya besitzt eine Finca in der Nähe einer Windmühle, Molins de sa Mirada, im grünen Westen Formenteras. Kaum Nachbarn, jedenfalls keine Touristen, nur diese Mühle, die mehr ist als eine Landmarke. An diesem Ort soll in den Siebzigern, magisch angezogen von all den Blumenkindern, Bob Dylan der Große für einige Zeit genächtigt haben. Blowing in the Wind, begleitet von einer dezenten Gitarre, habe seine Stimme aus der Mühle herausgeweht, erzählen sich die Älteren unter den Einheimischen noch heute mit glücklichem Schaudern. Einige schwören Stein und Bein, Dylan mit der Klampfe am Strand gesehen zu haben, andere meinen: Der doch nicht! Der bleichgesichtige Mann habe den Schatten gesucht, die Mühle nicht verlassen und zum Abend hin gesungen. Maya muss lächeln, wenn sie all das hört. Immerhin gehörten ihre Eltern damals zu jener Szene dazu, die sogar einen wie Bob Dylan zu elektrisieren schien.

Ihr Vater, ein Architekt, stammte aus New York, die Mutter, Fotomodell, aus Australien; 1980 zogen sie mit Maya und ihren drei Schwestern an den Strand von Formentera, »such a peacefull place«. Sie erinnert sich an »vier Telefonzellen, die es damals in den Straßen gab«, was im Grunde genommen eigentlich vier zu viel waren. Wen sollte man anrufen, wenn all die geliebten Menschen ohnehin auf der Insel waren?

»Eine verrückte Zeit. Jeder machte, was er wollte, es war niemand da, der die Schulpflicht kontrollierte.« Bücher, Musik, alles, was es im Rest der Welt an Neuem gab, auf Formentera kam es verlässlich Monate verspätet an. Doch niemand im Reservat, der sich deshalb beklagte. »Letztlich haben Fernsehen und Telefon für das Ende der bewegten Zeit gesorgt.« Mayas Vater hatte vorher schon genug gehabt und war nach New York zurückgekehrt, für immer. Ihre Mutter blieb länger, bis sie schließlich ins bürgerliche London zog, um fortan fremder Leute Babys zu hüten.

Nur Maya ist geblieben, mit ihrem Haus, ihrem Garten, »meine Lieblingsorte auf der Insel«. Die Touristen bringen sie hier nicht aus der Ruhe. Sie mag die Leute aus Deutschland. Wenn es überhaupt jemanden gebe, der so wie früher unten am Hafen ernsthaft nach Fahrrädern frage, dann seien es die Deutschen. »Sie sind alternativer als andere, zum Beispiel als die Italiener.«

Mit Italienern hat Maya ihre liebe Not. Italiener auf Formentera nehmen immer die blauen Motorroller und niemals ein Fahrrad. Weil sie Sardinien nicht mehr bezahlen könnten, »greifen sie nun auf Formentera zurück«. Immer eine Spur zu laut, immer etwas »so von oben herab« – Maya mag das nicht. Neulich rief in ihrem Büro jemand an, »aus Rom«, der wollte »was Ruhiges«. Das gefiel ihr. Aber dann habe der Italiener gefragt: »Haben Sie etwas außerhalb von Formentera?« Eine Wut könnte sie in solchen Momenten kriegen auf alle Italiener, überhaupt auf all diese Gäste, »die der Insel nichts geben, die sich nur nehmen«. Also ist Maya ganz schnell nach Hause gefahren, hat den Rechen genommen und sich in der Einsamkeit ihres Gartens um das dankbare Kartoffelbeet gekümmert.

Die Einheimischen mögen die raue Südwestküste über alles

Von solchen Missverständnissen bleibt »Danish Ellen« verschont. Ellen aus Dänemark. Danish Ellen wohnt irgendwo rechts der Straße zum Leuchtturm von Cap de Barbaria. »Ich kam als eine der Ersten.« Das war 1967. Heute tarnen Pinien und Eukalyptusbäume ihr Dreizimmerhaus an der Südwestküste, wo die Schotterpisten immer an Eselkarren erinnern. Ab und an ein Autowrack in den Büschen, wer hierher fährt, der braucht gute Gründe.

Viele Einheimische mögen gerade diese Gegend über alles. Sie sehen darin den Gegenentwurf zu Orten wie Es Pujols. Mehr noch, offenbar als Folge einer geografischen und gastronomischen Fehleinschätzung sprechen sie »von meinem Kiez«. Danish Ellen empfindet ähnlich tief.

Für sechs, acht Formentera-Monate im Jahr steuert sie ihren grauen VW Scirocco rüstig die 2000 Kilometer von Kopenhagen nach Spanien hinunter: »Anderthalb Tage, mit Pausen zwischendurch, mein Auto hat Liegesitze.« Ist sie am Ziel, dann legt sie an ihrer Werkbank im Wohnraum die kleinen Zangen und Lupen zurecht, aus Silberplättchen macht sie Silberschmuck für die Touristenmärkte in Es Pujols und anderswo. Ein geregeltes Leben, mit den Nachrichten im Fernsehen am Mittag, mit der Musik von Bob Dylan am Nachmittag und immer mal wieder mit dem Blick auf die Fotos an der Wand, sie zeigen ein sehr blondes Mädchen am Strand: Danish Ellen vor mehr als vierzig Jahren.

Niemand will klagen. Niederlagen sind hier kein Thema

Als junge Tänzerin – »Meine Vorliebe war der Underground« – war sie für Formentera wie geschaffen. Die Rolling Stones zum Urlaub auf der Insel und Danish Ellen nah dabei, sie habe in den Tag gelebt, »bis ich müde war«. Wie so viele wollte sie »Liebe, keinen Besitz«. Immerhin, 1986 kaufte sich die Tänzerin ein Grundstück – besser, sie hätte es nicht getan. Bald stellte sich heraus, dass es für das Objekt noch zwei weitere Käufer gab, die ebenfalls schon bezahlt hatten. Der abenteuerliche Rechtsstreit dauerte 15 Jahre, sie gewann, das Geld, das ihr blieb, reichte noch gerade für drei Zimmer. Aber deshalb hadern? Auf dem Kiez von Formentera will niemand klagen. Niederlagen sind hier kein Thema. »Es ist doch alles gut«, meint Danish Ellen, hier, wo sie wohne, passe jeder auf den anderen auf, »beruhigend fürs Alter«. Formentera sei eine Insel der Frauen: »Sie gehen zwar gebeugt, aber sie sind fit.«

Wer nicht weiß, was die Zukunft bringt, der kramt in Erinnerungen. Deshalb besucht sie bei Gelegenheit auch Bruce und Tony, die Zwillinge aus Guernsey, deren Haus knapp zwei Kilometer entfernt ist. Auch sie Formentera-Veteranen – es dauert nicht lange, dann kommen die Bücher auf den Tisch, all die Bildbände, die alten Fotos. Sie zeigen eifrige Polizisten, die damals die Nudisten jagten, sie zeigen Bruce an seinem Schlagzeug, Tony mit der Geige, Experimental Jazz, das ist nun mal ihr Ding.

Rund zwanzigmal pro Saison spielen die beiden vor den Touristen auf dem Marktplatz der Inselhauptstadt Sant Francesc Xavier. »Die Gage ist mies«, meint Tony, und Bruce ergänzt, »dass unsere Musik vielleicht nicht ganz das Richtige ist für das Formentera dieser Tage«. Wenn sie nach einem solchen Auftritt nach Hause fahren, sagen sie manchmal auf Tage kein Wort. Nein, keine Klagen.

Bringt Formentera besondere Menschen hervor? »Gute Frage«, meint Agni Laurent, »ich glaube schon.« Dann macht er das Schlauchboot klar. Wenn man so will, steht Agni an vorderster Front. Tiburon Beach Club, hinter den Salinen gelegen, hier ist er der Mann für alle Fälle. Wenn ein Champagnerglas am Boden zerschellt, kommt Agni mit dem Besen, notfalls schaut er auch nach den Toiletten. Und eben das Schlauchboot. Wenn zur Mittagszeit die großen Motoryachten von Ibiza herüberkommen, dann ist Agni gefragt, dann weist er die Ankerplätze zu. Dann bringt er all die Diven und Fußballstars an Land. Er kennt die Boote der Paparazzi, die den großen Schiffen hinterherfahren, manchmal stellt er sich ihnen in den Weg, Formenteras letzter Verteidiger.

Sitzen endlich alle im Tiburon beim Lunch, sitzt er bei seinem Boot. Er zeigt auf den Hubschrauber, der gerade am Hafen startet und Kurs auf die Klinik von Ibiza nimmt. Auch Agni wurde schon geflogen: »Ein Motorradunfall vor knapp zwei Jahren, meine Freundin saß hinter mir, sie wäre fast gestorben.«

Thommys brasilianische Frau verließ ihn soeben in Richtung Ibiza

Geboren wurde Agni irgendwo auf einem Feld von Formentera. Seine Mutter fand nichts dabei, sie biss die Nabelschnur einfach durch. Später mochten ihn die Mädchen, gegen Italienerinnen hatte er nie was einzuwenden. Jahrelang hätte es so weitergehen können. Dann der Unfall. Operationen, Angsttherapie bei einem Psychologen. Die Gespräche halfen ihm, sie änderten aber nichts daran, dass Agni jetzt den falschen Job hat. Wer Frakturen überstand, der braucht festen Boden, der meidet den weichen Sand, der entlastet den Rücken, der macht alles, der hebt nur keine Touristen von Bord. Wie es weitergeht? Nein, keine Pläne. »Erst mal muss ich die Saison schaffen.«

Und Thommy aus Krefeld? Vor ein paar Wochen ist er fünfzig geworden. Die Falten seines Gesichts weisen einen Mann aus, der weiß, dass man im Leben nicht alle Kämpfe gewinnen kann. Seine brasilianische Frau, mit der er einen Sohn hat, verließ ihn soeben in Richtung Ibiza, ein freier Mann ist er deshalb aber noch nicht geworden.

Unternehmerschicksal. An der Inselhauptstraße in Richtung La Mola, auf dem Gelände einer ehemaligen Tankstelle, hat er investiert und mit eigener Hand alte Garagen in »Studios« verwandelt. Rastlos hat er angebaut und umgebaut und soeben die ehemalige Waschstraße als Appartement längerfristig an einen Apotheker aus Limburg vermieten können. Schon erstaunlich, was aus ihm auf Formentera geworden ist. Das sagt Thommy selbst.

INFORMATION

Anreise: Mehrmals wöchentlich zum Beispiel mit Hapag Lloyd ( www.hapagfly.com ) oder Air Berlin ( www.airberlin.com ) direkt oder via Mallorca nach Ibiza. Weiter mit der Schnellfähre nach Formentera, Fahrzeit circa 30 Minuten, Preis pro Person und Strecke knapp 17 Euro ( www.balearia.com )

Unterkunft: Riu La Mola. An der Playa Migjorn, Formenteras »Traumstrand«, gelegen. Die weitläufige Anlage besteht aus zwei Hoteltrakten plus Reihenbungalows. Diverse Sportmöglichkeiten, Animations- und Kinderprogramme, Show-Abende. Tel. 0034-971/327000, www.riuhotels.de . Arrangements bei TUI: Zwei Wochen mit Flug von 756 bis 1319 Euro pro Person. Hostal Can Rafalet. Am kleinen Hafen von Es Caló mit Postkartenblick aufs Meer, Fischspezialitäten im Restaurant. Tel. 0034-971/327077. DZ ab 55 Euro. Strandbungalows und Appartements in Es Caló vermietet Astbury Formentera. Zum Beispiel Studios für zwei Personen ab 225 Euro pro Woche. Informationen und Preisliste unter: www.formentera.co.uk . Hilfreich bei der Suche nach Privatzimmern und Appartements außerhalb der touristischen Regionen: www.formentera-island.de

Restaurants: Fonda Pepe, Calle Mayor 68, San Fernando, Telefon: 0034-971/328033 ( www.fonda.de ). Legendäre Hippiekneipe der späten Sechziger, bis heute der In-Treffpunkt Formenteras. Blue Bar, San Fernando, Telefon: 0034-971/187011 ( www.bluebarformentera.com ). Cocktails und Live-Musik mit Meerblick. Umfangreiche Speisekarte im Restaurant. Wie das Fonda perfekt zum Leutegucken

Sehenswert: Der Hippiemarkt in La Mola mit Kunst und Kunstgewerblichem, Kleidung und Kulinarischem. Geöffnet zwischen Mai und Mitte Oktober Mittwoch- und Sonntagnachmittag von 16 bis 21 Uhr

Literatur: Niklaus Schmid: »Formentera«. Der etwas andere Reiseführer; Reise Know-How Verlag, Westerstede 2005; 312 S., 14,90 €. Viel Lesestoff mit Essays, Anekdoten und Geschichten über Künstler, Lebenskünstler und die letzten Hippies

Auskunft : Spanisches Fremdenverkehrsamt, Myliusstraße 14, 60323 Frankfurt am Main, Tel. 069/725033, www.tourspain.es

 
Leser-Kommentare
  1. Der Artikel trifft es, und es gibt eine weitere, in jedem Fall erwähnenswerte Location mit über 20 Jahren Tradition, nämlich das Strandrestaurant El Tiburon (Arnold's), wo zum Sonnenuntergang die Party abgeht. Sehr schön zu sehen auf deren Webseite www.tiburon-formentera.com

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