Frauen Evas Waffen
Frauen sind mit Beruf und Karriere überfordert, sagt die ehemalige »Tagesschau«-Sprecherin Eva Herman. Sie selbst hat sich an diese These nie gehalten
Eva Herman ahnt es schon. Es wird eine ihrer letzten Tagesschauen sein. Nur die anderen wissen es noch nicht. Sie steht vor der Kamera. 20 Uhr. Gleich wird sie die Nachrichten lesen. Es hat sie viel Kraft gekostet, bis an dieses Stehpult zu gelangen. Vor ihr liegen die Blätter mit den Meldungen. Sie beginnt zu lesen, über die Wörter hat sie kleine Betonungszeichen gemalt. Sie trägt ein hellblaues Kostüm, ihre blonden Haare sind füllig toupiert. In jeder Sprecherpause schaut sie in die Kamera, minutenlang, und streicht ihre Haare glatt. Wieder und wieder. Je glatter die Haare, desto seriöser wirkt sie. Es ist, als verfolge man einen Exorzismus live. Eva Herman verschwindet vom Bildschirm, die Sprecherin Eva Herman erscheint. Am Ende der Tagesschau sind die Haare klein gestrichen. Sie ist jetzt »die Vorleserin«, ein Wesen ohne eigene Meinung, artig, neutral, verschmolzen mit ihrer Rolle. Aber Eva Herman mag nicht mehr brav sein. Und das ist gar nicht so einfach. Für sie.
Nach der Sendung stehen die Redakteure um einen ovalen Tisch herum. Es sind fast nur Männer, sie diskutieren über eine Meldung. Eva Herman lehnt an der Wand, abseits, schweigt. Der Chef wendet sich ihr zu, sagt: »Sie haben einen Fehler gemacht, haben statt eines ›und‹ ein ›der‹ gelesen.« Eva Herman nimmt es hin, versucht ein Lächeln. Nachher, auf dem Weg durch die langen Flure des Senders, sagt sie: »Versprecher passieren mir eher selten.« Der Fehler stört sie. Noch nie bekam sie einen Lachkrampf vor der Kamera wie Dagmar Berghoff. Eigentlich will Eva Herman alles richtig machen. Der Chefsprecher der Tagesschau, Jan Hofer, sagt über sie: »Sie erträgt Niederlagen schlecht.«
Im Mai dieses Jahres hat Eva Herman in einem Artikel in der Zeitschrift Cicero die Emanzipation für gescheitert erklärt, Frauen seien mit Beruf und Karriere überfordert, im »Stechschritt« würden sie durch ihr Leben eilen. Es helfe nur eine Besinnung auf die traditionellen Geschlechterrollen. Eine Rolle, die Eva Herman selbst nie gelebt hat. Damit hatte sie es in die Feuilletons geschafft. Eigentlich sind ihre Thesen zu Weiblichkeit und Feminismus nicht wirklich gewagt oder neu. Aber Eva Herman hat Bravheit als Waffe entdeckt. Je braver ihre These, desto provokanter und desto lauter die Reaktion.
Seitdem haben Feministinnen in Deutschland wieder ein Feindbild. Die Zeitschrift Emma schrieb in einem Newsletter an ihre Leserinnen: »Wenn eine oder einer so etwas über Schwarze schreiben würde, würde mensch noch am selben Tag gefeuert. Wir dürfen gespannt sein, welche Konsequenzen die sexistischen Sprüche von Tagesschau- Sprecherin Herman haben werden.« Darunter standen die E-Mail-Adresse und die Faxnummer des NDR-Chefredakteurs. »Sie haben versucht, mich als Tagesschau- Sprecherin zu liquidieren«, sagt Eva Herman. Wenn es um Feministinnen und besonders wenn es um Alice Schwarzer, die Emma- Herausgeberin, geht, verändert sich ihre Sprache. Kriegsvokabular. Herman drückt dann den Rücken gerade, presst Mund und Augen schmal, als ziehe sie in einen Kampf. In ihrem neuen Buch Das Eva-Prinzip, das Mitte September erscheint, führen Feministinnen eine Existenz als Dämonen, treten wahlweise als »schwarze Streiterinnen«, »Aufwieglerinnen«, »Scharfmacherinnen« oder »Einpeitscherinnen« auf. Der Streit um Eva Herman zeigt auch, wie schwer es sich Frauen immer wieder machen. Am liebsten bekämpfen sie sich gegenseitig. Die Frage bleibt: Wie wird eine Karrierefrau zur Antifeministin?
Ein paar Wochen später sitzt Eva Herman in ihrem Haus in Hamburg-Nienstedten. Ihr Buch ist noch nicht erschienen, noch arbeitet sie als Tagesschau- Sprecherin. Draußen regnet es, vor ihr stehen Kaffee und Croissants. Hinter ihr schwimmen orangefarbene Fische in einem Aquarium, sie kann links in den kleinen Garten blicken. Herman trägt eine rosa Hose, eine rosa Jacke, und auch ihre Lippen glänzen rosé. Sie sieht aus wie ein überdimensionierter Bonbon, und sie weiß das. Rosa ist ihre Kampffarbe. Herman erinnert sich an eine Geschichte aus ihrer Anfangszeit beim Bayerischen Rundfunk. Eine ältere Kollegin stellte sie in einer Sitzung als »dumm« bloß. Eva Herman musterte sie kurz: »Ich habe vielleicht nicht Ihren Bildungsgrad, dafür bin ich jünger und hübscher.«
Herman weiß schon, dass es Ärger geben wird mit dem neuen Buch und der Tagesschau. Sie hebt ihre Schultern, grinst, sagt nichts. Es sieht aus, als freue sie sich ein bisschen darauf. »Das Thema des Buches ist mir jetzt wichtiger«, sagt sie. Herman hat sich daran gewöhnt, dass Menschen ihr zuschauen. Immer wenn etwas in ihrem Leben passiert, bemüht sie sich, dass es auch möglichst viele Menschen mitbekommen. Die Trennung von ihrem dritten Mann verarbeitete sie in einer Art autobiografischem Roman Dann kamst du , der Geburt ihres Sohnes folgten Still- und Einschlafratgeber, und nun sollen alle die Entdeckung des Mutterglücks und der Weiblichkeit mit ihr teilen. »Ich weiß, dass es nicht für jedermann nachvollziehbar ist, dass ich dieses Buch schreibe. Aber es ist notwendig.« Vielleicht führen viele Jahre auf den Bildschirmen dieser Republik dazu, dass man selbst auf Sendung geht und irgendwie das Gefühl hat, für alle zu sprechen. Jedes Wort, das man sagt, wird zitiert, also muss es wichtig sein. Jeder Gedanke scheint so kostbar, dass er nicht unveröffentlicht bleiben darf.
Eigentlich sollte der Artikel schon vor zwei Jahren in Cicero erscheinen. Damals redete Herman lange mit ihrer engen Freundin Christine Eichel über den Feminismus. Eichel ist Ressortleiterin bei Cicero . Die beiden kennen sich seit Jahren, haben beim NDR zusammengearbeitet. Eichel trägt auch gern Pastelltöne, hat Karriere im Fernsehen gemacht und mit Ende 30 ein Kind bekommen wie Eva Herman. Bei dem Gespräch sei die Idee entstanden, »einen Gegenentwurf« zu formulieren, sagt Eichel. Sie fragte Herman: »Hättest du nicht Lust, das mal für uns aufzuschreiben?« Damals wollte aber kein Verlag ein Buch daraus machen. »Dann wäre das Thema verschossen gewesen«, sagt Herman. Und warum hat Christine Eichel den Artikel nicht selbst geschrieben? Wenn man sie trifft, sagt sie fast die gleichen Sätze wie Herman, bis in die Beispiele hinein ähneln sie sich. »Wenn Eva so was macht, dann ist das Teil der Botschaft«, sagt Eichel. Sie hält sie für »medienaffin«. Das heißt, Herman erreicht die maximale Aufmerksamkeit. Zwischendurch fragte Christine Eichel immer wieder einmal nach. Im April dieses Jahr war Eva Herman dann so weit. »So viele Zuschriften haben wir selten auf einen Text bekommen«, sagt Christine Eichel. »Eva entspricht dem typischen Bild des Weibchens, das erzeugt Aggressionen.« Herman meint, sie habe nicht mit einem solchen Wirbel gerechnet.
Nach dem Artikel meldeten sich die Verlage. Von allein. Ein Verleger schlug vor, dass Christine Eichel mitschreiben sollte. Das Eva-Prinzip liest sich nun ganz anders als die vorherigen Bücher von Eva Herman. In Dann kamst du geht es unter anderem um einen Chirurgen, den die Protagonistin mit einem Kosmetikköfferchen k.o. schlägt. Über ihn schreibt Herman Sätze wie: »Er drehte sich schnell zu mir und sah mir in die Augen. Himmel hilf. Sie waren blau.« In Das Eva-Prinzip geht es um Simone de Beauvoir, Alice Schwarzer, Vaterschaftsunsicherheit, Koedukation und »die Lüge der Gleichheit«.
Eva Herman rückt ein Stück auf ihrem Sofa nach vorn. Sie macht sich Sorgen darüber, dass die Deutschen keine Kinder mehr kriegen, dass »wir aussterben«. Das letzte Wort trifft wie ein Schlag, kurz, richtig betont, ihre Stimme geht nach oben. »Ich sehe, dass die Frauen mit Beruf und Kindern überlastet sind. Sie können es auch nicht schaffen, in Konkurrenz zu den Männern zu treten, denn ihr Platz ist hauptsächlich woanders.« Kurze Pause. Deshalb seien auch so wenige Frauen in Spitzenpositionen. »Wir sind nun einmal weicher. Die meisten Frauen können das nicht leisten, weil wir doch in erster Linie an unsere Kinder denken.« Der Feminismus habe die Frauen vermännlicht. Sie selbst sei so gewesen. Es folgt eines ihrer Lieblingsbeispiele, dabei variiert sie ihre Worte in jedem Interview ein wenig neu: »Wenn wir Frauen nach Hause kommen und der Mann ein Restaurant vorschlägt, dann haben wir oft einen besseren Vorschlag und watschen ihn einfach ab.« Am Ende ihrer Sätze, denkt man häufig, man habe irgendwas verpasst, da müsse noch was kommen. Aber da ist nichts.
Eva Herman weiß auf jede Frage eine Antwort, und bevor sie beginnt, etwas zu erzählen, schiebt sie gern Statistiken oder Studien vor wie Politiker in einer Talkshow. Es klingt, als müsse sie ihre eigene Meinung aufwerten, als sei sie allein nicht genug. Und das Gute an den Studien ist, dass sie immer genau zu ihren Thesen passen. Wenn man Studien nennt, die zu einem anderen Schluss kommen, zum Beispiel dem, dass Hausfrauen gar nicht glücklicher seien als arbeitende Frauen. Dann antwortet Herman, man müsse immer schauen, wer diese Studien in Auftrag gegeben habe und zu welchem Zweck.
Eva Herman beobachtet ihr Gegenüber, bietet noch ein Croissant an. Sie selbst nimmt keins. Sie lacht viel zwischendurch, manchmal auch über sich selbst. Sie kann Nähe herstellen bis zu einem bestimmten Punkt, dann entzieht sie sich. Es ist, als fange man in jedem Gespräch wieder von vorn an. Und sie will die Regeln bestimmen. Eva Herman spricht nicht gern über sich, aber gern über den Zustand der Welt. Innerhalb weniger Minuten kann sie von hormonverseuchten Tieren und unmenschlicher Viehhaltung auf das höher werdende Brustkrebsrisiko bei Frauen kommen. Alles geht immer ganz schlimm aus. Ihre Sätze füllen den Schreibblock, verstopfen die Seiten und lassen einen irgendwie ratlos zurück.
In ihrem Buch schreibt sie: »Es sind nun mal die Frauen, die durch soziale und emotionale Intelligenz ein menschlicheres Zusammenleben gestalten können.« Frauen als Weltretter. »Wenn wir uns zum Frausein bekennen und unserer Weiblichkeit folgen, werden viele Entscheidungen wesentlich einfacher, weil sie vorgezeichnet sind.« Was hat das eigentlich mit ihr zu tun? Eva Herman arbeitet nach wie vor, moderiert Galas, Quiz- und Talkshows, schreibt Bücher, ihren Sohn hat sie mit 38 bekommen und jahrelang eine Kinderfrau beschäftigt. »Ich bin noch ein wenig inkonsequent«, sagt sie.
Herman schaut auf die Uhr. Sie muss los, ihren Sohn von der Schule abholen. Vor ihrem Haus steigt sie in einen alten Käfer. Auf der Fahrt sieht sie auf die niedlichen Einfamilienhäuser von Nienstedten und Mütter, viele Mütter, die mittags ihre Kinder an der Hand nach Hause führen. Es wirkt wie eine Herman-Fantasie. Vor dem Supermarkt im Zentrum hält sie an. Ihr Sohn kommt ihr entgegen, gemeinsam betreten sie den Laden. Eva Herman hat über ihre enge rosafarbene Hose hohe Stiefel gezogen. Sie fällt auf. Ein paar kleine Mädchen umzingeln sie an der Kasse und himmeln sie an. Sie kennen sie aus dem Fernsehen. Herman lächelt zurück. Ihre jüngere Schwester Marina erinnert sich, wenn sie früher zusammen einkaufen gingen, nahm Eva immer sofort Kontakt zu anderen Menschen auf, sie präsentierte sich. Wie auf einer Bühne. Und ihre Schwester bewunderte sie dafür.
Hermans achtjähriger Sohn kauft ein paar Fußballklebebildchen. Später sitzt er im Auto und quengelt. Er mag nicht zu dem Schreibnachmittag in der Schule gehen, bei dem seine Mutter Schirmherrin ist. »Das ist voll peinlich«, sagt er. Am Ende gibt Herman nach, dann müsse er sich aber verabreden. Zu Hause sitzt der Sohn dann am Küchentisch und ruft bei einem Freund an. Der Freund sagt, er wisse nicht, ob er sich treffen dürfe. Seine Mutter sei Tennis spielen, und der Vater komme erst spät aus dem Büro. Eva Herman brät Hühnchen. Ihr Sohn betrachtet sie von der Seite. »Mama, wie alt bist du jetzt eigentlich?«, fragt er. Stille. »47«, sagt Herman. Er schaut die Journalistin an, dann wieder sie. »Und stimmt’s Mama, du glaubst an Wichtel und Elfen?« – »Hm.« Stille.
In ihrem neuen Buch beschreibt Eva Herman die Familie als nahezu mythischen Ort – das Heim, die Oase des Friedens. »Mit dem Bekenntnis zur Familie, zu einem Wir, ist die einzige Chance gegeben, der Kälte in unserer Gesellschaft etwas entgegenzusetzen.« Es klingt nach Sehnsucht. Sie selbst kennt es anders. Als Eva Herman sechs war, starb ihr Vater. Die Ehe ihrer Eltern war nicht harmonisch gewesen. Herman stand am Grab und beobachtete ihre Mutter und ihre Oma. Ihr Großvater lebte schon lange nicht mehr. Dominante Frauen prägten Hermans Kindheit, Männer starben oder verschwanden. In Hermans autobiografischem Roman Dann kamst du sagt die Großmutter der Protagonistin: »Der Mann ist des Weibes Untergang.«
Die Mutter heiratete wieder. Der Stiefvater kam mit den drei Kindern nicht gut zurecht. Die Familie zog in den Harz, die Eltern führten ein Ausflugslokal, und die Kinder mussten mitarbeiten. Es blieb keine Zeit für Urlaub, Partys oder Hausaufgaben. Dafür gab es ab und zu Schläge. Hermans Überlebenstaktik war es, zu gefallen. »Ich war ein richtiges Streberkind«, sagt sie. Sie gab das brave Evchen, das so schön Gedichte aufsagen konnte. Sie passte sich an. Ihre Schwester erinnert sich, dass Eva am wenigsten Prügel bezog. »Sie machte immer alles richtig.« Früher nannte sie Eva auch öfter »Oma«, weil sie manchmal so etwas Schulmeisterhaftes an sich hatte. »Unser Evchen macht das schon«, war der Lieblingssatz der Mutter.
In der 9. Klasse brach Eva Herman die Schule ab, obwohl sie gern studiert hätte, und begann eine Hotelfachlehre. Ihre Eltern meinten, Mädchen müssten nicht studieren, sie sollten was lernen. Eva Herman hat es gehasst. Im Stillen. »Welche junge Frau erntet heute noch Anerkennung, wenn sie bekennt, sie möchte einfach nur heiraten und Kinder bekommen?«, schreibt sie jetzt. Sie wollte es damals jedenfalls nicht.
Nach der Lehre ging sie zum Bayerischen Rundfunk, machte eine Sprecherausbildung. Sie war sehr ehrgeizig, begann bald zu moderieren. Eva Herman hatte wieder alle Erwartungen erfüllt. Die Familie fand es toll: das Evchen im Fernsehen. Auch im Privatleben bemühte sich Herman stets, den Wünschen zu entsprechen. Sie heiratete viermal. Jede Ehe ist wie ein neues Versprechen, diesmal brav zu sein.
Ein Tag Ende August. Eva Herman sitzt auf der Terrasse des Hotels Louis C. Jacob an der Hamburger Elbchaussee. Sie hat die Beine übereinander geschlagen, schiebt unruhig ihre Armreifen zusammen und wieder auseinander, erzeugt so ein andauerndes Klimpern. Vor wenigen Tagen hat Eva Herman ihren Job bei der Tagesschau vorerst aufgegeben. Es war ihre Entscheidung. Die Bild- Zeitung orakelte, ob böse Feministinnen sie hinausgedrängt hätten. Sie drucken fast jeden Tag eine neue Geschichte zum Buch.
Eva Herman hat auch den Medien oft das gegeben, was sie erwartet haben. Mit der Bild- Zeitung redete sie über gesundes Kochen, das Stillen und ihre Therapie. In der Bunten sprach sie gemeinsam mit ihrem jetzigen Mann über den »ersten romantischen Abend«. Und vor etwa einem Jahr hatte Herman eine Affäre mit einem Millionär. Auch diese kurze Liebe und ihr jähes Ende wurde täglich von der Boulevardpresse begleitet. Einmal klagte Eva Herman gegen Dieter Bohlen wegen einiger Sätze über sie in seinem Buch Hinter den Kulissen. Das fand Bild nicht besonders gut. Inzwischen herrscht wieder Frieden. All die Artikel und Interviews zeigen, dass sich Herman gern zeigt. Vor allem aber sind sie Dokumente ungeheurer Bravheit. Eva Herman hat immer alles mitgemacht.
Nun müsste sie sich frei fühlen, sie könnte jetzt alles sagen, ohne Tagesschau- Neutralität. Aber sie ist nicht entspannt, sie schaut sich um. Auf der Hotelterrasse stehen Menschen mit Sektgläsern in den Händen, sie feiern etwas. Herman rückt ein Stück näher zum Tisch heran. Ihr Buch ist noch nicht erschienen, und trotzdem regen sich schon viele auf. Bald wird sie in den Talkshows sitzen und die böse Traditionalistin geben. Einige werden sie als Verräterin beschimpfen, ihr die Karriere vorwerfen und Opportunismus. Eigentlich ist es egal. »Die Debatte ist wichtig«, sagt sie. Aber noch wichtiger scheint ihr die Provokation. »Ich war immer die Brave«, sagt Eva Herman. Es klingt nicht gut. Diesmal will sie nicht das machen, was von ihr erwartet wird. Diesmal will sie nicht geliebt werden. Oder doch ein bisschen. Ihre Stelle bei der Tagesschau ruht nur. Für alle Fälle. Vielleicht liest Eva Herman in zwei Jahren wieder Nachrichten vor. Wenn sie wieder brav ist.
- Datum 08.09.2006 - 14:16 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 07.09.2006 Nr. 37
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Da gehen nicht nur mit Frau Hermann sondern mit vielen menschen die Phatansie durch: Jede Frau hat selbstredend das Recht, so zu leben wie sie will.
Aber diese Zuschreibungen, wie die 'politisch-korrekte' Frau auszusehen hat, sind teilweise geradezu albern. Realität ist, dass Frauen weder das schwache Geschlecht sind, dass Frauen das gleiche Maß von Komepetenz in die Waagschale zu werfen haben.
Also genauso für Berufstätigkeit geeignet sind wie Männer. Dass die Doppelrolle Hausfrau/Mutter und Berufstätige mitunter schwer zu bewältigen ist, steht auf einem ganz anderen Blatt. Daraus zu schließen, dass Frauen wieder an den Herd sollen, die gerne und qualifiziert arbeiten, (statt beispielsweise die Bedingungen für berufstätige Mütter zu verbessern) - das läßt sich nur mit allerlei idologischen Klimbim verbrämt plausibel machen.
Letztlich geht es ohnehin nur um knapper werdende Arbeitsplätze - weniger berufstätige Frauen,weniger Konkurrenz.
Dass die zumindest Mitarbeit der Frauen den Lebensstand aufrecht erhält, nicht selten das Familieneinkommen mitsichert, wird gerne vergessen genauso wie ganze Branchen, in den Männer kaum arbeiten. Man stelle sich vor, alle Krankenschwestern blieben auf einmal zu Hause oder die Sekretärinnen und Schreibkräfte.
Genauso, wie heute völlig egal ist, ob Günter Grass vor mehr als 60 als blutjunger Mann mal kurz in der Waffen-SS war, spielt auch Frau Hermans vorgeblicher Glaube an die Mär vom glücklichen Heimchen am Herd keine wirkliche Rolle. Es geht in beiden Fällen schlicht um PR für das jeweilige Buch. Je mehr darüber diskutiert wird, desto mehr Bücher werden verkauft. Und wenn Frau Herman dann damit ordentlich Geld verdient hat, verschwindet das Thema endlich wieder in der Versenkung. Ziel erreicht.
...oder auch die Ärztinnen, Lehrerinnen, Betriebwirtinnen, Juristinnen...eben, wenn die alle Zuhause blieben.
Und wer ist denn die breite Masse an Arbeitslosen? Fachkräfte oder eher Ungelernte?
Und so viele Frauen für viel Geld studieren lassen, wenn sie hinterher alle Zuhause bleiben? Macht das volkswirtschaftlich Sinn?
Und den Mànnern die Fähigkeiten Kochen, Wohnung nett einrichten und sich um Kinder kümmern absprechen? Also ich kenne da einige Herren, die sehen das ein bisschen anders ;-)
Es ist leider immer wieder das selbe Dilemma: Der Begriff Feminismus wird mit Vermännlichung verwechselt. Dabei steht der Begriff für die Aufwertung von Weiblichkeit. Ziel der starken Frau ist es doch sich selber nicht unter Wert zu verkaufen, indem sie sich durch mädchenhaftes Verhalten unglaubwürdig macht. Dafür muss sie nicht männlich, sondern souverän und fraulich sein. Souveränität schließt Weiblichkeit nicht aus. Sprich, sich selbstbewusst für ihre Ziele einsetzten können. Eine starke Frau hat auch erkannt, dass sie selber viel mehr in der Hand hat als ihr suggeriert wird und sie auch durch ihr eigenes Verhalten ihr Leben verändern kann. Dabei soll es nicht angestrebt werden eine Superfrau zu werden, die aufgrund der Doppelbelastung frühzeitlich zum nervlichen Wrack wird. Eines der vielen Ziele ist es, Frauen die Möglichkeit zu eröffnen ein Leben zu finden, das zwischen den zwei dichtonomischen Rollenbildern Hausmütterchen und zänkische Karrierebiest liegt.
Warum sollen wir die Augen mit Mitte zwanzig schließen und sie mit 40 wieder öffnenum festzustellen, dass wir in den vielen Jahren unseren Männern und unseren Kindern zugearbeitet haben und selber zurückstecken mussten? Sind nicht Ehemänner und Kinder zufriedener, wenn die Frauen mit ihrem ganz eigenen Leben zufrieden sind? Wenn sie einen abwechslungsreichen, gut bezahlten Job haben weil sie sich nicht zurückgestellt und blöd gestellt haben? Ist es nicht so, dass Frauen für viele psychische Krankheiten anfälliger sind?
Woher das wohl kommt?
Es ist in unsere Zeit nicht mehr angemessen, jemanden zu suchen der uns beschützt!
Ein Mann kann eine starke Schulter zu bieten haben, auch wenn seine Frau hart arbeitet. Das Eine hat nichts, aber auch wirklich nicht mit dem Anderen zu tun.
Vielleicht hat Eva Herman in ihre Ehen nie ein zuverlässiges Nestchen bauen können. Vielleicht waren ihre Beziehungen nie gut genug um BEIDES aushalten zu können. Sowohl das Regressionsbedürfnis, als auch den Freiheitsdrang.
Warum haben die deutschen Frauen so eine furchtbare Panik vor ihrer eigenen Unabhängigkeit? Warum sehen sie nicht, dass wenn sie unabhängiger sind sie sich auch schneller von gewalttätigen oder desinteressierten Männern abwenden können?
Was ist falsch daran, dass wir unsere Persönlichkeiten auf vielen Gebieten gleichzeitig weiterentwickeln?
Warum gibt es immer wieder Frauen, die uns den weg den unsere Mütter so zähneknirschend erkämpft haben verbauen wollen?
Warum gibt es immer wieder prominente Frauen, die dieses Thema für ihre eigene PR Campagne missbrauchen?
Wem spielt Frau Hermann einen Ball zu?
Eine Frau, die in glitzernd rosaroten Anzügen auf Showbühnen auftaucht, und für so viel Wirbel um ihre Person sorgt, kann nicht darauf aus sein, wein glückliches Hausfrauenleben zu führen. Diese Frau will verdammt noch mal, wie andere selbstbewusste Frauen beides: ein Eigenes Leben und eine stabile Familie.
Es begab sich aber vor einigen Monaten, dass Eva Herman und die Chefredakteurin des Cicero nach Redaktionsschluss bei einem Gläschen Prosecco zusammensaßen und vergangene Zeiten Revue passieren ließen. Und wie es der Teufel will, kamen sie warum, weiß keiner so genau auf Susan Stahnke und ihre mißglückte Karriere nach der Tagesschau zu sprechen. Nicht etwa, dass es sich hier um ein Beispiel mangelnder Solidarität unter Frauen gehandelt hätte und die beiden nur einfach ihrer Schadenfreude freien Lauf gelassen hätten, oh nein! Es wurde ernsthaft über das ironische bis hämische Echo in den Medien geredet, dass damals zu vernehmen gewesen war; aber man ist schließlich unter Fachfrauen! es wurde auch darüber gesprochen, wie Frau Stahnke diese Reaktionen noch verstärkt hatte: durch das völlige Fehlen jedes Moments der Selbstironie in ihren damaligen Auftritten.
Prost! sprach die Chefredakteurin des Cicero, offenbar ist die Tagesschau eine so ironiefreie Zone, dass man diesen Fehler verstehen muss Und dabei zwinkerte sie in Eva Hermans Richtung.
Ich bitte Dich! widersprach diese sofort, das war ein rein persönliches Versagen! Wenn ICH in der Öffentlichkeit selbstironisch sein wollte, könnte ich das ohne Probleme, und jeder würde mich richtig verstehen! Prost auch Dir!
Hick! Äh, wollte sagen: Hic Rhodus, hic salta! (Schließlich leben wir von den alten Römern ), konterte die Chefredakteurin. Ich besorge Dir einen Platz in unserer nächsten Ausgabe, und Du lieferst mir einen Aufsatz, in dem Du Deine eigene Situation selbstironisch glossierst. Wie Du das machst, bleibt Dir völlig freigestellt.
Gemacht! Prost! erwiderte die leichtsinnige Frau Herman
Wieder zu Hause, an der Tastatur ihres Computers nagend, wurde ihr dann klar, dass ein solches Unterfangen doch nicht ganz so einfach war. Dann aber kam ihr plötzlich die Erleuchtung: eine Glosse auf die berufstätigen Frauen aus ihrer Feder das konnte keiner ernst nehmen! Schließlich wusste ganz Deutschland, dass sie berufstätig war; und wenn sie diesen Zustand ironisierte, traf sie damit zugleich sich selbst, ohne sich unbedingt bis in die Steinzeit lächerlich zu machen. Gesagt, getan, und gedruckt!
Aber Frau Hermans lebenskluge Berechnung hatte einen Fehler als erfolgreiche berufstätige Frau hatte sie keine Ahnung von der Engstirnigkeit der deutschen Feministinnen, auch wenn sie diese in ihre Kritik explizit einbezogen hatte. Das Problem ist nämlich: deutsche Feministinnen haben keine (auto-)irogenen Zonen (nein, erogene Zonen sind was anderes und ob sie die haben, weiß ich nicht). Versuchen Sie mal, einer deutschen Feministin zu erklären, dass dieser ganze Geschlechterkampf seine herrlich komischen Seiten hat Sie erzielen bestenfalls verständnislose Blicke (und schlimmstenfalls eine Anzeige wegen sexueller Belästigung am Arbeitsplatz siehe Henri Nannen).
Die böse Folge war: das ironische Einverständnis der Öffentlichkeit blieb aus. Stattdessen wurde Eva Herman (nach Dieter Bohlen) zum neuen Feindbild Nr. 1 von Emma: Die Verräterin an der Sache der Frauen! Und keiner sprach dagegen! Keiner auch kein Mann! - stand auf und sagte: Leute, das ist ein herrlicher Scherz; die will euch doch auf den Arm nehmen! ALLE nahmen sie ernst!!! Was war jetzt? Sollte SIE erklären, dass das alles ironisch gemeint sei? Wer glaubt denn einer Ironie, die man erklären muss???
Und da hatte die leichtfertige Frau Herman ihre zweite Eingebung: Wenn schon, dann richtig! Machen wir ein Buch daraus! Wozu kannte sie sich auch auf dem deutschen Literaturmarkt bestens aus (insbesondere in jenem badewannenseichten Teil, in dem frau ihre späte Erstgeburt genau so erfolgreich vermarkten kann wie man seine Penisbrüche)! Wenn schon keine Selbstironie, dann wenigstens Kohle! (Schließlich hatte die ganze Affäre auch noch unangenehmerweise begonnen, auf ihr berufliches Betätigungsfeld zurückzuwirken bald würde man sie nicht mehr auf dem Bildschirm sehen.)
Aber das hatte zur Konsequenz, dass Eva Herman SCHWEIGEN musste: Schweigen über den proseccco-feuchten Ursprung dieser ganzen Affäre; schweigen über ihr entsetzliches Missgeschick. Alles, was sie von nun an in der Öffentlichkeit verlautbaren ließ, musste den Eindruck aufrechterhalten, als sei es ihr tatsächlich um eine konservative Kritik am heutigen Frauenbild der deutschen Gesellschaft gegangen Und mit diesem Missverständnis wird sie auch in die nächste fröhliche Frauenrunde gehen wenn frau sie noch reinläßt
Billig, wie Zuender auf Hermann reagiert. Sie weiß doch selbst, dass sie sich nicht an ihre eigenen Thesen gehalten hat: das tut ihr ja gerade leid, sie hat auch nur ein Kind-
und das ist die wichtigste Frage, die sie aufwirft: wie kann es sein, dass emanzipierte Frauen genug Kinder bekommen, um die emanzipierte Gesellschaft am Leben zu halten?
So wie es jetzt aussieht, bei diesem anhaltenden Geburtsstreik, der auch ein Zeugungsstreik sein mag, gibt es ja in 100 Jahren keine Europäer mehr, jedenfalls keine deren Frauen emanzipiert wären, dann haben die Muslime das Feld übernommen, denen ein paar Mennoniten kaum standhalten können. Wahrscheinlich werden die Katholiken auch noch rechtzeitig das Ruder rumwerfen.
Oder gelingt es den Gesellschaften der Gleichberechtigung doch noch die Geburtenrat darstisch zu erhöhen?
ich fürchte nein, zu teuer.
Auch wenn ich zum Thema nur beschraenkt kompetent bin: Frau Herman's Thesen erscheinen zumindest bemerkenswert.
Man sollte vielleicht jede brauchbar begruendete Meinung gelten lassen. Es gibt keine "reine Wahrheit".
ich bin doch erschüttert. wer zum teufel bezahlt dafür, daß solch unsäglich unsägliche menschen solch unsäglichen dünnsinn nicht nur verbreiten, sondern auch noch diskutieren. bin schwer enttäuscht von frau demirkan, meiner heimlichen liebe.
warum macht sie PR für einen menschen, der uns außer erbärmlich dummen thesen nix zu geben hat? spätestens nach dem dritten dummen satz sollte man die diskussion aufgeben.
wenn man weder schön noch klug ist, hilft oft ein dummdreister coup.
muuh
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