Eva Herman ahnt es schon. Es wird eine ihrer letzten Tagesschauen sein. Nur die anderen wissen es noch nicht. Sie steht vor der Kamera. 20 Uhr. Gleich wird sie die Nachrichten lesen. Es hat sie viel Kraft gekostet, bis an dieses Stehpult zu gelangen. Vor ihr liegen die Blätter mit den Meldungen. Sie beginnt zu lesen, über die Wörter hat sie kleine Betonungszeichen gemalt. Sie trägt ein hellblaues Kostüm, ihre blonden Haare sind füllig toupiert. In jeder Sprecherpause schaut sie in die Kamera, minutenlang, und streicht ihre Haare glatt. Wieder und wieder. Je glatter die Haare, desto seriöser wirkt sie. Es ist, als verfolge man einen Exorzismus live. Eva Herman verschwindet vom Bildschirm, die Sprecherin Eva Herman erscheint. Am Ende der Tagesschau sind die Haare klein gestrichen. Sie ist jetzt »die Vorleserin«, ein Wesen ohne eigene Meinung, artig, neutral, verschmolzen mit ihrer Rolle. Aber Eva Herman mag nicht mehr brav sein. Und das ist gar nicht so einfach. Für sie. BILD

Nach der Sendung stehen die Redakteure um einen ovalen Tisch herum. Es sind fast nur Männer, sie diskutieren über eine Meldung. Eva Herman lehnt an der Wand, abseits, schweigt. Der Chef wendet sich ihr zu, sagt: »Sie haben einen Fehler gemacht, haben statt eines ›und‹ ein ›der‹ gelesen.« Eva Herman nimmt es hin, versucht ein Lächeln. Nachher, auf dem Weg durch die langen Flure des Senders, sagt sie: »Versprecher passieren mir eher selten.« Der Fehler stört sie. Noch nie bekam sie einen Lachkrampf vor der Kamera wie Dagmar Berghoff. Eigentlich will Eva Herman alles richtig machen. Der Chefsprecher der Tagesschau, Jan Hofer, sagt über sie: »Sie erträgt Niederlagen schlecht.«

Im Mai dieses Jahres hat Eva Herman in einem Artikel in der Zeitschrift Cicero die Emanzipation für gescheitert erklärt, Frauen seien mit Beruf und Karriere überfordert, im »Stechschritt« würden sie durch ihr Leben eilen. Es helfe nur eine Besinnung auf die traditionellen Geschlechterrollen. Eine Rolle, die Eva Herman selbst nie gelebt hat. Damit hatte sie es in die Feuilletons geschafft. Eigentlich sind ihre Thesen zu Weiblichkeit und Feminismus nicht wirklich gewagt oder neu. Aber Eva Herman hat Bravheit als Waffe entdeckt. Je braver ihre These, desto provokanter und desto lauter die Reaktion.

Seitdem haben Feministinnen in Deutschland wieder ein Feindbild. Die Zeitschrift Emma schrieb in einem Newsletter an ihre Leserinnen: »Wenn eine oder einer so etwas über Schwarze schreiben würde, würde mensch noch am selben Tag gefeuert. Wir dürfen gespannt sein, welche Konsequenzen die sexistischen Sprüche von Tagesschau- Sprecherin Herman haben werden.« Darunter standen die E-Mail-Adresse und die Faxnummer des NDR-Chefredakteurs. »Sie haben versucht, mich als Tagesschau- Sprecherin zu liquidieren«, sagt Eva Herman. Wenn es um Feministinnen und besonders wenn es um Alice Schwarzer, die Emma- Herausgeberin, geht, verändert sich ihre Sprache. Kriegsvokabular. Herman drückt dann den Rücken gerade, presst Mund und Augen schmal, als ziehe sie in einen Kampf. In ihrem neuen Buch Das Eva-Prinzip, das Mitte September erscheint, führen Feministinnen eine Existenz als Dämonen, treten wahlweise als »schwarze Streiterinnen«, »Aufwieglerinnen«, »Scharfmacherinnen« oder »Einpeitscherinnen« auf. Der Streit um Eva Herman zeigt auch, wie schwer es sich Frauen immer wieder machen. Am liebsten bekämpfen sie sich gegenseitig. Die Frage bleibt: Wie wird eine Karrierefrau zur Antifeministin?

Ein paar Wochen später sitzt Eva Herman in ihrem Haus in Hamburg-Nienstedten. Ihr Buch ist noch nicht erschienen, noch arbeitet sie als Tagesschau- Sprecherin. Draußen regnet es, vor ihr stehen Kaffee und Croissants. Hinter ihr schwimmen orangefarbene Fische in einem Aquarium, sie kann links in den kleinen Garten blicken. Herman trägt eine rosa Hose, eine rosa Jacke, und auch ihre Lippen glänzen rosé. Sie sieht aus wie ein überdimensionierter Bonbon, und sie weiß das. Rosa ist ihre Kampffarbe. Herman erinnert sich an eine Geschichte aus ihrer Anfangszeit beim Bayerischen Rundfunk. Eine ältere Kollegin stellte sie in einer Sitzung als »dumm« bloß. Eva Herman musterte sie kurz: »Ich habe vielleicht nicht Ihren Bildungsgrad, dafür bin ich jünger und hübscher.«

Herman weiß schon, dass es Ärger geben wird mit dem neuen Buch und der Tagesschau. Sie hebt ihre Schultern, grinst, sagt nichts. Es sieht aus, als freue sie sich ein bisschen darauf. »Das Thema des Buches ist mir jetzt wichtiger«, sagt sie. Herman hat sich daran gewöhnt, dass Menschen ihr zuschauen. Immer wenn etwas in ihrem Leben passiert, bemüht sie sich, dass es auch möglichst viele Menschen mitbekommen. Die Trennung von ihrem dritten Mann verarbeitete sie in einer Art autobiografischem Roman Dann kamst du , der Geburt ihres Sohnes folgten Still- und Einschlafratgeber, und nun sollen alle die Entdeckung des Mutterglücks und der Weiblichkeit mit ihr teilen. »Ich weiß, dass es nicht für jedermann nachvollziehbar ist, dass ich dieses Buch schreibe. Aber es ist notwendig.« Vielleicht führen viele Jahre auf den Bildschirmen dieser Republik dazu, dass man selbst auf Sendung geht und irgendwie das Gefühl hat, für alle zu sprechen. Jedes Wort, das man sagt, wird zitiert, also muss es wichtig sein. Jeder Gedanke scheint so kostbar, dass er nicht unveröffentlicht bleiben darf.

Eigentlich sollte der Artikel schon vor zwei Jahren in Cicero erscheinen. Damals redete Herman lange mit ihrer engen Freundin Christine Eichel über den Feminismus. Eichel ist Ressortleiterin bei Cicero . Die beiden kennen sich seit Jahren, haben beim NDR zusammengearbeitet. Eichel trägt auch gern Pastelltöne, hat Karriere im Fernsehen gemacht und mit Ende 30 ein Kind bekommen wie Eva Herman. Bei dem Gespräch sei die Idee entstanden, »einen Gegenentwurf« zu formulieren, sagt Eichel. Sie fragte Herman: »Hättest du nicht Lust, das mal für uns aufzuschreiben?« Damals wollte aber kein Verlag ein Buch daraus machen. »Dann wäre das Thema verschossen gewesen«, sagt Herman. Und warum hat Christine Eichel den Artikel nicht selbst geschrieben? Wenn man sie trifft, sagt sie fast die gleichen Sätze wie Herman, bis in die Beispiele hinein ähneln sie sich. »Wenn Eva so was macht, dann ist das Teil der Botschaft«, sagt Eichel. Sie hält sie für »medienaffin«. Das heißt, Herman erreicht die maximale Aufmerksamkeit. Zwischendurch fragte Christine Eichel immer wieder einmal nach. Im April dieses Jahr war Eva Herman dann so weit. »So viele Zuschriften haben wir selten auf einen Text bekommen«, sagt Christine Eichel. »Eva entspricht dem typischen Bild des Weibchens, das erzeugt Aggressionen.« Herman meint, sie habe nicht mit einem solchen Wirbel gerechnet.