Nahost Was darf Israel?
Ein Gespräch mit Daniel Barenboim und Joschka Fischer über die Bedrohung des Landes, die Grenzen der Selbstverteidigung und die Macht politischer Träume
DIE ZEIT : Herr Barenboim, Herr Fischer, war Israel schon einmal so bedroht wie heute?
Joschka Fischer : Der israelische Staatsbürger sollte diese Frage zuerst beantworten.
Daniel Barenboim : Israel muss stark sein, weil es sich nicht erlauben kann, einen Krieg zu verlieren. Aber tut Israel alles, was notwendig ist, dass es erst gar nicht zum Krieg kommt? Israel hat viele langfristige strategische Fehler gemacht. Vielleicht fühlt es sich auch deswegen jetzt so bedroht. Jeder militärische Sieg hat Israel in eine politisch und moralisch schwächere Position gebracht. Jedes Mal, wenn Israel geglaubt hat, mit Zerstörung etwas erreichen zu können, war der nächste Gegner noch viel radikaler. 1982 ist Israel in den Libanon einmarschiert, um Arafat und die PLO zu beseitigen. Was haben wir jetzt? Die Hisbollah, die noch viel radikaler ist.
Fischer : Die Bedrohung Israels hat es von Anfang an gegeben. Jetzt kommen neue Bedrohungen hinzu. Die Angriffe mit Raketen bedeuten eine neue Dimension, und im Hintergrund lauert die Gefahr einer nuklearen Bedrohung. Man kann lange über die Vorgehensweise im Libanon diskutieren. Ich glaube, dass Israels Position nicht unbedingt besser geworden ist. Umso wichtiger ist es, jetzt die Möglichkeiten zu nutzen, die der Krieg eröffnet hat. Es muss zu einem Ausgleich mit den Syrern kommen, und Israel muss an den Verhandlungstisch mit den Palästinensern zurückkehren.
ZEIT : Soll Israel auch mit denen verhandeln, die seine Existenz nicht anerkennen?
Barenboim : Man kann die Parteien, die aufgrund ihrer Interessen an dem Konflikt beteiligt sind, nicht von Gesprächen ausschließen. Erst hat die Regierung gesagt, dass sie mit Arafat nicht mehr sprechen will. Sie hat mit ihm gesprochen. Ich erinnere mich, als es hieß, Abu Masin sei irrelevant. Nach der Wahl der Hamas ist Abu Masin der Einzige, mit dem man noch sprechen kann. Jetzt sagen sie, dass sie mit Syrien und mit der Hisbollah nicht reden wollen. Irgendwann werden sie es tun müssen. Ich finde das keine glaubwürdige Politik. Man hat wirklich das Gefühl, dass die israelische Regierung in den letzten 60 Jahren nicht strategisch, sondern nur taktisch gedacht hat.
ZEIT : Das klingt, als habe nur Israel den Ausgleich blockiert und trotzdem nichts für seine Sicherheit erreicht?
Fischer : Ich erinnere an Oslo und das Angebot eines palästinensischen Staates durch Ministerpräsident Barak. Man kann manches daran kritisieren, aber es war im Kern das Angebot eines eigenen Staates. Arafat hat es abgelehnt. Selbst bei meinen taubenhaftesten Freunden von der israelischen Linken gibt es seit damals ein tiefes Misstrauen, ob die Araber Israel jemals akzeptieren werden. Das ist ein großes Problem, Daniel. Arafat und seine Politik hat viel dazu beigetragen, dass eine Position des Ausgleichs in der israelischen Öffentlichkeit weitgehend diskreditiert ist.
Barenboim : Ja, aber hätten wir in den letzten 60 Jahren nicht mehr versuchen müssen, die Palästinenser zu überzeugen? Haben wir nicht auch uns selbst gegenüber die Pflicht, die Lebensbedingungen der Palästinenser zu verbessern? Israel ist 1948 eine Nation geworden, für die Palästinenser gilt das nicht. Wir müssen ihnen doch aus einer Situation helfen, in der sie nichts mehr zu verlieren haben. In einer solchen Situation greifen sie natürlich zu Gewalt.
ZEIT : War der Libanon-Krieg, so wie er von Israel geführt wurde, legitim?
Fischer : Wenn ein souveräner Staat gegenüber seinem Nachbarn grenzübergreifend Terrorismus, Entführung und Angriffe von Soldaten zulässt, handelt es sich um feindliche Akte. Damit ist die Frage der Legitimation sehr schnell und sehr klar beantwortet. Inwieweit die israelische Reaktion klug war, ist eine andere Frage. Diese Debatte, ob die Strategie erfolgsorientiert war und ob man es moralisch rechtfertigen kann, wird in Israel gegenwärtig heftig geführt.
Barenboim : Ich finde, es geht nicht nur um die Klugheit, sondern auch darum, was für einen Krieg man geführt hat. Es ist klar, dass es sich zuerst um einen Angriff, eine illegitime Aktion von Seiten der Hisbollah gehandelt hat. Die Frage ist aber, ob man das mit einem Krieg beantwortet, mit der Zerstörung der Infrastruktur und der Zerstörung von so vielen Menschenleben. Ich sehe weder die strategische noch die moralische Begründung dafür.
Fischer : Daniel, gestatte mir zu sagen, dass ich bewusst die Frage der Klugheit angesprochen habe. Du sagtest eingangs zu Recht, dass Israel es sich nicht erlauben kann, einen Krieg zu verlieren. Alle anderen Völker bezahlen für einen verlorenen Krieg einen hohen Preis, aber man erholt sich. Das ist in Israel anders. Für Israel stellt sich deshalb aus seiner existenziellen Situation heraus die Frage eines präventiven Krieges. Damit ich nicht missverstanden werde: Das rechtfertigt nicht jeden Krieg, aber man muss das in die Beurteilung einbeziehen.
Barenboim : Ja, aber die Verteilung kollektiver Schuld, die Israel schon seit Jahren praktiziert, bringt uns nirgendwo etwas. Man hat mehr und mehr das Gefühl, dass der einzige Weg, den Israel im Moment wählt, der ist, alles niederzuschlagen. So werden wir es nicht schaffen.
ZEIT : Also hat der Krieg die Konfliktlage nur noch aussichtsloser gemacht?
Fischer : Es mag sein, dass ich mich täusche, aber die Beschießung von Haifa mit weitreichenden Raketen hat die strategische Bedeutung des Territoriums für Israel relativiert. Wenn mit Panzern und Armeen angegriffen wird, ist das etwas anderes. Mit Raketen kann man auch über Sicherheitszonen hinwegschießen. Das heißt, besetztes Gebiet bedeutet nicht mehr Sicherheit. Deshalb muss es jetzt auf der israelisch-palästinensischen, der israelisch-syrisch-libanesischen und der israelisch-arabischen Linie zu Verhandlungen kommen. Ich glaube, wenn es hier mutige Initiativen gäbe, wäre auch die moralische Herausforderung, die der Libanon-Krieg für die Beteiligten darstellt, geringer, als wenn man die Dinge jetzt einfach so belässt, wie sie sind.
Barenboim : Ich habe vorhin gesagt, dass jeder militärische Sieg Israel bisher politisch schwächer gemacht hat. Vielleicht kann man umgekehrt aus der Tatsache, dass es diesmal keinen klaren militärischen Sieg gegeben hat, politisch etwas Positives entwickeln. Die Zeit arbeitet nicht für Israel. Hätte Israel die besetzten Gebiete nach dem Krieg 1967 zurückgegeben, dann wäre es eine ganz großzügige Geste gewesen. Aber heute?
Fischer : Einspruch, Euer Ehren! Wie war es denn nach dem einseitigen Rückzug von Israel aus dem Libanon unter Ehud Barak im Jahr 2000? Die arabische Erzählung war, dass Nasrallah und die Hisbollah die scheinbar unbesiegbare israelische Armee zum Rückzug gezwungen haben. Nasrallah war der Held, und Arafat galt plötzlich als »Feigling«, der mit den Israelis verhandeln wollte. In der arabischen Erzählung werden einseitige Rückzüge weniger als große Geste und mehr als Ausdruck von Feigheit begriffen.
ZEIT : Entgegenkommen bedeutet nur weitere Eskalation?
Barenboim : Am 29. Dezember 1947 wurde durch die Vereinten Nationen das Land geteilt. Dann kam der Krieg, und Israel hat gewonnen. Damals haben die Palästinenser die Teilung nicht akzeptiert, weil sie der Meinung waren, dass das ganze Land den Nichtjuden gehört. Aber heute sind sie viel weiter. Ich glaube, dass es viele Menschen in der arabischen Welt gibt, die bereit sind, Israel zu akzeptieren, pragmatisch gesehen: Es ist da, und man muss damit leben.
Fischer : Aber es bleibt für die Palästinenser bis heute ein Riesenproblem, auf das Rückkehrrecht der Flüchtlinge in das Israel vor 1967 zu verzichten. Auf der palästinensischen Seite träumt man bis heute davon, nach Jaffa zurückkehren zu können. Wenn ich nach all den Jahren, die ich dort engagiert war, einen Strich unter meine Erfahrungen ziehe, dann glaube ich, dass Frieden nur möglich sein wird, wenn es auf beiden Seiten Mehrheiten und Führungen gibt, die die Grenze von 1967 akzeptieren. Gerade weil es die Grenze ist, die für beide Seiten sehr viele Schmerzen bedeutet. Den Traum von Judäa und Samaria muss man ernst nehmen.
Barenboim : Den Traum der Palästinenser von Jaffa aber auch.
Fischer : Das sage ich ja. Diese Träume sind sehr kraftvoll und sehr mächtig. Die Grenze von 1967 birgt ja gerade deshalb Legitimität, weil sie von beiden Seiten Verzicht verlangt. Aber sie bedeutet weder die ausschließliche Niederlage der einen noch der anderen Seite.
Barenboim : Absolut. Wenn die Realität lebbar ist, dann kann man träumen, was man will. Aber wenn das nicht der Fall ist? Die Realität in Ramallah und in Nablus ist nicht lebbar. Ich sage das in vollem Bewusstsein unserer jüdischen Geschichte, des Holocaust, der spanischen Inquisition und vieler anderer leidvoller Erfahrungen: Ich glaube nicht, dass wir von den Palästinensern verlangen dürfen, auf ihr Rückkehrrecht zu verzichten. Wir können mit ihnen über die Bedingungen verhandeln, aber nicht über das Recht selbst.
ZEIT : Ist die Existenz Israels als jüdischer Staat unvereinbar mit dem Rückkehrrecht der Palästinenser?
Fischer : Wenn die Frage des Rückkehrrechts offen bleibt, wird es keinen Frieden geben. Es hätte auch die deutsche Einheit nie ohne eine Klarheit bezüglich der deutschen Ostgrenze gegeben. Ich weiß, wie schwer das ist. Aber letztendlich geht es hier darum, die Teilung des britischen Mandatsgebiets Palästina zu akzeptieren. Diese Teilung in zwei Staaten muss definitiv und endgültig sein.
Barenboim : Du hast natürlich vollkommen Recht, und du hast große Erfahrung in der Realpolitik, die ich nie im Leben haben werde. Ich denke mehr von der historischen Seite her. Während des Ersten Weltkriegs betrug der Anteil der Juden an der Bevölkerung in Palästina nur 15 Prozent. Ich kann nicht vergessen, dass die jüdische Siedlung eine jüdisch-europäische Idee ist, die man für Nahost entwickelt hat. Man muss verstehen, dass die Menschen, die dort leben, bis heute unglücklich mit dieser Sache sind.
Fischer : Daniel Barenboim hat keinen Grund, sich hier für irgendetwas zu entschuldigen. Realpolitik ist Realpolitik. Aber ich hatte vor wenigen Tagen die Gelegenheit, sein Orchester des westöstlichen Diwans hier in Berlin zu hören und am Abend zuvor mit den jungen Musikern zu diskutieren. Die Idee, dass es am Ende doch zusammen geht zwischen Israelis und Palästinensern, die er in der Musik realisiert, ist einfach großartig. Einen solchen Überschuss können vielleicht nur die Kunst oder großartige Einzelne hervorbringen, die alles Recht haben, sich über die Begrenzung der Realpolitik hinwegzusetzen, um eine positive Zukunftsidee zu formulieren.
Barenboim : Ja, aber das funktioniert, weil uns die Musik das erlaubt und weil die Assoziationen anders sind als bei Worten. Die Musik lehrt uns, dass wir uns gleichzeitig selbst ausdrücken müssen. Gleichzeitig, also simultan, muss man zuhören, was die andere Stimme spielt. Das ist das Prinzip. Es funktioniert aber auch, weil wir alle überzeugt sind, dass wir nicht nur in irgendeiner Weise zusammenleben müssen, sondern dass wir den anderen auch als wichtigen schöpferischen Partner sehen. Dann sind wir besser als nur die Israelis, nur die Palästinenser oder nur die Araber.
ZEIT : Ihre musikalische Arbeit nimmt einen israelisch-palästinensischen Ausgleich vorweg. In der politischen Realität sind die Palästinenser seit Wochen fast stumm. Eine neue Kraft ist auf dem Feld. Was kann Israel gegenüber Iran tun, der die Lage momentan anheizt?
Fischer : Ich bin da sehr pessimistisch. Diejenigen, die in Iran heute das Sagen haben, verfolgen hegemoniale Ziele in der Region und in der islamischen Welt. Und je unentschlossener sich der Westen präsentiert, desto konfrontativer wird die Politik Irans. Man muss sich vorstellen, wie der Nahe Osten aussähe, wenn Ahmadineschad Präsident einer Atommacht wäre.
Barenboim : Ich möchte Joschka etwas fragen. Gibt es deiner Meinung nach einen Weg, der zwischen Entschlossenheit und Krieg verläuft? Kann man entschlossen sein, ohne Krieg zu führen? Hätte man entschlossener sein können?
Fischer : Ich meine ja, wenn man bereits beim G8-Gipfel in Sankt Petersburg Mitte Juli die Weichen für einen wirksamen Wirtschaftsboykott gestellt hätte. Wir sollten keine Angst vor einer explosiven Entwicklung des Ölpreises haben, sondern uns darauf vorbereiten. Ich bin mir sicher, dass Teheran dann mit Vorsicht reagieren würde. Die Dinge entwickeln sich aber gerade in die andere Richtung, und die Zeit läuft. Das ist keine Frage allein an Israel, sondern an uns alle.
ZEIT : Kann Israel in diesem Konflikt irgendeine Rolle spielen, oder muss es sich ganz zurückhalten?
Fischer : Israel ist mit seinen existenziellen Sorgen nicht allein. Hier in Europa leistet man sich noch den Luxus, nicht zu begreifen, welche Konsequenzen eine iranische Bombe auch für Europa hätte. Am schlimmsten ist es, dass diese Politik zu einer Herausforderung der USA als Weltmacht führen kann. Dann würden wir alle in einen dunklen Tunnel eintreten, dessen Licht am anderen Ende ich nicht sehe. Deshalb muss alles getan werden, was in unseren Kräften steht. Dabei gewinnen Syrien und auch der Ausgleich mit den Palästinensern eine nicht zu unterschätzende Bedeutung.
ZEIT : Ist für Sie der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern noch immer ein Schlüsselkonflikt?
Barenboim : Den Konflikt mit Iran kann Israel nicht lösen. Aber es wäre viel stärker, wenn der Konflikt mit den Palästinensern gelöst wäre. Doch wenn nur abgewartet wird, wenn nur furchtbare Kriege geführt werden und alles zerstört wird, können wir weder den einen noch den anderen Konflikt lösen. Eigentlich ist es schon jetzt fast zu spät. Wir brauchten einen dritten Weg: bei den Palästinensern weder Hamas noch Fatah und bei uns weder Likud noch Arbeitspartei. Denn die Mehrheit der Palästinenser will genau das Gleiche wie die Mehrheit der Israelis, nämlich eine friedliche Lösung.
ZEIT : Wer soll denn dann in Israel diese treibende Kraft sein?
Barenboim : Ich sehe niemanden. Ich meine, dieser Mensch in Israel ist noch nicht geboren. In Palästina gibt es eine solche Bewegung. In Israel fehlt der Wille dazu. Das ist wie in der Musik. Ich kann jedem Instrumentalisten im Orchester zeigen, dass er hier oder dort Crescendo spielen, also steigern muss. Wenn er den musikalischen Willen hat, diese Steigerung wirklich bis zum Ende zu führen, dann wird das geschehen. – Ein solcher Wille ist in der israelischen Politik nicht da.
ZEIT : Wie erklären Sie sich das?
Barenboim : Zwanzig Jahrhunderte lang waren wir überall auf der ganzen Welt eine Minderheit. Manchmal waren wir sehr gut aufgehoben, manchmal gab es unmenschliche Grausamkeiten. Nach zwanzig Jahrhunderten haben wir es geschafft, eine Nation zu bauen. Wir haben nach 1948 eine unglaubliche Übergangsphase geschaffen. Wir haben das Land aufgebaut und progressiv und positiv gedacht. Wir waren eine wirklich tolle Nation. Ich war damals – 1952, als ich nach Israel gekommen bin – sehr jung, zehn Jahre. Ich habe sehr viel von dieser positiven Art des Denkens mitgenommen. Es ging damals wirklich nur um das Wesentliche. Aber 1967, nur 19 Jahre nachdem wir selbst eine Nation geworden waren, haben wir plötzlich selbst eine Minderheit kontrolliert. Diesen zweiten Übergang haben wir nicht geschafft, wir haben es nicht einmal wirklich versucht.
ZEIT : Im Bild der Welt war Israel erst ein David und dann ein Goliath. Jetzt ist mit Iran ein neuer Goliath hinzugetreten. Das müsste wieder ein bisschen mehr Sympathie für Israel erbringen.
Barenboim : Wir dürfen nicht vergessen, dass das größte Kapital des jüdischen Volkes seine moralische Haltung und seine moralische Kraft sind. Darin waren wir so stark, weil wir eine Minderheit waren und weil wir unter uns gelebt haben. Aber wir haben nicht gewusst, wie das auf unser Land zu übertragen war. Deswegen sind die moralische Kraft und die ganze positive Art zu denken und zu leben nach 1967 langsam schwächer geworden. Die letzten sechs Wochen waren nur ein Accelerando in diesem Abbau unserer moralischen Kraft.
Fischer : Der israelisch-palästinensische Konflikt war immer in einen größeren Kontext eingebettet. Zu Zeiten der Ottomanen war es eine andere Situation als zu Zeiten des britisch-französischen Nahen Ostens. Er war in den Kalten Krieg eingebettet, und danach gab es in Oslo eine Hoffnungsphase. Jetzt findet der Konflikt in einem neuen Nahen Osten statt, der auf ziemlich chaotische und gefährliche Art und Weise entsteht. Meine ganzen Instinkte sagen mir, dass hier eine positive Chance liegt für entschlossene Führung. Ich wäre da nicht so pessimistisch wie du, Daniel. Ich würde nicht sagen, dass »der« noch nicht geboren ist.
ZEIT : Wächst den Europäern in diesem »neuen« Nahen Osten auch eine neue Rolle zu?
Fischer : Es ist das erste Mal, dass Europa – anders als auf dem Balkan – nicht von den USA angeführt wird, sondern seinen eigenständigen Beitrag in einer der gefährlichsten Regionen leistet. Die Europäer gehen mit ihren Soldaten im Libanon ein gewaltiges Risiko ein. Trotzdem finde ich es richtig, dass das getan wird. Aber die Europäer müssen ihren militärischen Beitrag in politische Initiative übersetzen. Sie müssen ihr Gewicht gegenüber den USA, aber auch gegenüber Israel und den arabischen Staaten einsetzen.
Barenboim : Seit Jahren gibt es eine israelische Ablehnung gegenüber Europa. Israel will nur die amerikanische Karte spielen. Ich glaube nicht, dass das eine dauerhaft sichere Karte für Israel ist. Ich sehe die Hegemonie der USA nicht auf alle Ewigkeit. Man muss sich anschauen, wie sich die Welt entwickelt, Iran, China, Indien… Wenn wir die Beziehungen zu den Europäern nicht verstärken, dann muss man fragen: Wer wird Israel in 40 oder 50 Jahren helfen, wenn die Erinnerung an das, was im 20. Jahrhundert geschehen ist – der Holocaust und anderes –, verblasst ist. Soweit ich weiß, gibt es weder in Peking noch in Neu-Delhi eine starke jüdische Lobby. Wer wird für Israel da sein?
ZEIT : Sie freuen sich also darüber, dass Israel jetzt einen Teil seiner Sicherheit in die Hände der Europäer legt?
Barenboim : Ja, aber es kommt ein bisschen spät. Better late than never.
Das Gespräch führten Matthias Geis und Bernd Ulrich; Textdokumentation: Olaf Rörtgen
Daniel Barenboim wurde 1942 in Buenos Aires geboren und ist israelischer Staatsbürger. Der Dirigent leitet das israelisch- palästinensische West Eastern Divan Orchestra und ist Generalmusik- direktor der Berliner Staatsoper. In seinem dortigen Büro fand auch das Gespräch statt.
Joschka Fischer, geboren 1948, war bis 2005 deutscher Außenminister und wird demnächst Gastprofessor in Princeton
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- Datum 09.09.2006 - 05:59 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 07.09.2006
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lieber @Kanalbauer und @redensart! Ich fühle mich als deutscher Muslim durch den Begriff Muselman in keinster Weise verunglimpft, heisst "musliman" auf Türkisch oder "musolman" auf Bangla doch nichts anderes als Muslim, und es ist mir auch herzlich egal, wenn einer Moslem schreibt statt Muslim. Also bitte nicht muslimischer sein wollen als die Muselmanen, ich meine natürlich Muslime!
Was mich aber auf die Dattelpalme bringt, ist daß vielfach soziale und ethnographische Misstände/Phänomene wissentlich als religiös bedingt hingestellt werden und versucht wird, mit Hilfe dieser unredlichen Argumentationen auf hinterfotzige Weise unsere Religion zu verteufeln. Das ist es, was ich Necla Kelek, Alice Schwarzer und Konsorten vorwerfe. Natürlich sind Migranten-Milieus nicht sakrosankt vor Kritik und strotzen von Misständen.
Aber sprechen Sie 'mal mit Sozialarbeitern, die mit Osteuropäern in Berlin zu tun haben. Würde jemand auf die Idee kommen, deren Abstauber- Mentalität im Fall etwa von Polen dem Katholizismus anzulasten?
Und wer orientalisch beeinflusste Milieus für tendenziell frauenfeindlich hält, hat in manchen Fällen wahrscheinlich sogar recht, sollte aber vielleicht 'mal "Volevo i Pantaloni" von Lara Cardella lesen (gibt's wohl auch auf Deutsch) um zu erkennen, daß Ähnliches auch im christlichen Süditalien bis vor ganz kurzem nicht unbekannt war - vielleicht sogar noch ist.
Also bitte keine Pauschalisierungen - auch nicht gegen die einzige religiös - kulturelle Gruppe in der Welt, der man den Schutz der Political Correctness ganz offiziell entzogen hat (Schily: "Es muss möglich sein, den muslimischen Glauben als eine Verirrung zu bezeichnen").
@ redensart
Ob Etienne Balibar ein Soziologe ist, oder doch eher ein postmarxistischer Agitator, der die Welt aus dem Blickwinkel einer abgenutzten Weltanschaung beschreiben möchte, sollte man zumindest klären bevor man seine Begriffsbestimmungen wie "differenzialistischer Rassismus" universelle Gültigkeit zuschreibt.
Weshalb sprechen Sie überhaupt von Ethnien (Plural), wenn die eine sich nicht von der anderen unterscheidet? Versuchen Sie doch mal einen x-beliebigen Afrikaner oder Schotten klarzumachen, dass er sich in keiner Weise von einem x-beliebigen Ostfriesen oder Chinesen unterscheidet. Dieser Unsinn wird endgültig deutlich, wenn Ihnen klar wäre, dass fast jeder Schwarzafrikaner auf bloßen Augenschein sofort andere Schwarzafrikaner nach ihrer ethnischen Zugehörigkeit unterscheiden kann.
Die Idee, ethnische Unterschiede mit sozialen Merkmalen zu verbinden stammt demnach von Balibar, die er anderen unterstellt.
Stimmt, die Israelis bilden in der Nahostregion eine religiöse Minderheit. Ebenso offensichtlich ist aber, wer hier wen im eisernen Griff hält. Hätten die besagten Indianer in den Reservaten eine ähnlich starke militärische Rückendeckung vorzuweisen, wie die israelischen Siedler, sähe das politische Tagesgeschehen der USA heute komplett anders aus.
MfG
Danke für ihren Ansatz mir freundlich zu antworten. Es ist eben Heutzutage nicht einfach seine Meinung zu vertreten, ein falsches Wort und alles ist fort, nur fragt sich welches.
Die Geschichte wird es schon regeln, ich habe genug jüdische Freunde um nicht als Antisemit tituliert werden zu können und manche haben sich in früheren Kommentaren so entblösst dass sie sich schämen sollten das Wort Antisemit noch zu gebrauchen.
Ich gebe ihnen schon Recht wenn sie Religionen dessen bezichtigen, eine der letzten Religionen welche noch etwas bewirkte im Menschen war die Ägyptische: weil sie die Distanzierung vom Tierischen lehrte.
Nur kann man damit keinen Staat machen und nicht kriegerisch vorgehen, also wurden andere Religionen erfunden, mit mehr oder weniger wissenschaftlischer Basis.
Nun sind wir hier zu lernen, auch der Papst. Der Ehrendoktor der Universität Haifa auch, aber manche werden nie Weise, und verraten am Liebsten ihre Jugendideale.
Seid wie Kinder, sagte Jesus, also nicht wie Erwachsene, das wird wohl die Lösung sein, denn wenn ich manche Erwachsene lese und höre, denke ich dass in Kinderhirnen doch mehr drin ist und weniger Verdorbenes.
Manche Kommentare oder Artikel kann man gar nicht mehr zurechtbiegen, weil der Kommentar sonst gestrichen wird, das sind eben die Spielregeln der Zufallszensur.
Ich kann alles beweisen was ich argumentiere, nur das missfällt manchen Kommentatoren, ich wurde sogar bezichtigt Alibi Juden mit in die Debatte einzuschleichen.
Nur diese Alibi Juden sind hochwertige Uni Professoren, die auch verstanden haben wer ihre ware Freunde sind und wer Israel in den Welthass treibt.
Ach was könnte ich hier zitieren was mancher vom Tschetchenien Krieg vom Stapel liess oder von Serbien, und jetzt alles hinnimmt weil es so ist. Nur werden Serben und Russen mehr geliebt oder gemocht? Nein, die Vertrauensbasis ist weg.
Extrapoliert heisst dies ja nur dass die wahren freunde Israels die Militärlobby dort bremsen, und aufrichtig bemerken dass der krieg gerade losbrach als viele Israelische Politiker juristische Schwierigkeiten hatten, und zu dem Zeitpunkt als in Tel Aviv die Gay Pride stattfinden sollte.
Das wäre zwar die Arbeit des Journalisten hier zu hinterfragen, aber das ist auch passé.
Es ist schlimm, aber nicht tragisch, es ist wie mit Religionen, alles hat ein Anfang und ein Ende, dieses kann bitter oder süss sein, aber ein Ende wird es geben.
Die Neo-Platoniker sagten man sollte Gott in seinem Herzen aufbauen...nicht in seinem Hirn.
Mit freundlichen Grüssen
jedoch nur, wenn es kooperariv ist, Menschenrechte nicht mit Füssen tritt, nicht mordet und plündert und besetzt, wie es ihm gefällt. Ansonsten hat Israel als Staat, so wie er sich darstellt, mordet und plündert und alle Menschenrechte mit Füssen tritt und sogar die höchsten Gremien, wie die UN stigmatisiert, keine Berechtigung. Sicher werden viele Leser nicht meiner Meinung sein, wie auch immer: für mich war es ein langer Weg zu erkennen, dass der israelische staat zu den schlimmsten, perfidesten in der Menschengeschichte gehört.
DANKE HERR BARENBOIM! Vielen Dank, dass Sie zeigen, wie prominente Jüdische Mitbürger einen kritischen Blick auf die praktizierte Politik Israels werfen können, auch um den Preis, dass man wahrscheinlich als Nestbeschmutzer verunglimpft wird.
Was mir einfach unverständlich ist, wie kann man als ehemaliger Außenminister eine solche Diskussion noch führen kann. Es ist schlicht erbärmlich, welche Haltung Fischer in diesem Interview offenbart:
- während er sicher eine Wiedergutmachung für die Entrechtung der Juden durch die Deutschen befürwortet, lehnt er Rechte der von Israel entrechteten vertriebenen Palästinenser ab.
- er spricht davon dass sich Israel aus dem Libanon zurückgezogen hat, obwohl die Scheba-Farmen im Golan noch von Israel besetzt sind
- er legitimiert den Angriffskrieg Israels gegen den Libanon aufgrund einer Entführung von 2 Soldaten, und ist nicht in der Lage zu antizipieren, dass er damit der Hisbollah die Legitimation für Angriffe gibt. Israel hat ein Vielfaches der zwei Soldaten entführt. Dazu spricht er von einer existentiellen Bedrohung, als ob die Hisbollah in der Lage wäre, die Atommacht Israel (mit der stärksten Armee dieser Region, und der Schutzmacht USA mit der stärksten Armee) existentiell zu bedrohen.
- er spricht von den Grenzen von 1967, die die Palästinenser angeblich nicht anzuerkennen bereit wären, während selbst jeder Idiot mittlerweile aufgrund der illegalen israelischen Besiedelung des Westjordanlandes erkennen müsste, dass Israel die Grenzen von 1967 für Israel kein Verhandlungsgegenstand sind.
- er bezeichnet Oslo als ernst gemeintes Friedensangebot Israels, obwohl er genau weiß, dass Gegenstand dieses Angebots ein zerstückeltes nicht überlebensfähiges Palästina war.
- was wäre denn, wenn Ahmadineschad Präsident einer Atommacht wäre, Herr Fischer? Könnte der Iran dann nicht mehr von Israel oder der USA angegriffen werden?
Fischers Haltung in diesem Konflikt ist schlicht rassistisch, wenn man die Fakten betrachtet. Er gibt Israelis Rechte, die er Palästinensern nicht zu geben bereit ist. Er versucht den Konfliktgegnern Israels falsche Beschuldigungen anzuhängen und deckt dazu Israels Alibiargumentation, dass Verhandlungen mit der Hisbollah und der Hamas wegen der Nichtanerkennung der Grenzen von 67 scheitern, obwohl er genau weiß, dass Israel nicht die Grenzen von 67 anbietet.
NOCH MAL DANKE HERR BARENBOIM, DAß SIE ZEIGEN, WIE MAN ALS KÜNSTLER KRITISCHER UND WEITSICHTIGER SEIN KANN, ALS EIN SCHLEIMENDES FÄHNCHEN IM WIND, DER DAZU MINISTER WAR !!!
lieber @summersky liegt nicht im Süden, sondern im Westen des Sudan. Und die Bevölkerung dort sind genauso Muslime wie die Janjawid und die Mehrheit der Regierung in Khartoum. Allerdings nicht arabischsprachig. Wohingegend die christlich-animistischen Südsudaner nach dem Friedenschluss und halbwegs gerechter Aufteilung der Bodenschätze jetzt an der Regierung beteiligt sind.
Ohne das Leid der Menschen in Darfur um das Allergeringste mindern zu wollen, habe ich schon zu viele von außen angestachelte und alimentierte Bürgerkriege, Sezessionsbewegungen und Rebellionen in rohstoffreichen Regionen gesehen um glauben zu können, daß es in Darfur anders sei und nur um den Rassismus der arabischsprachigen gegen die nicht arabischsprachigen Muslime ginge, wie uns die westlichen Medien weis machen wollen.
Wäre die Welt ein besserer Platz, wenn es Israel nicht gäbe? Seltsame Frage. Möchte erinnern an die Behauptung von Blair/Bush, Iraq und by extension die Welt sei ein beserer Platz nun da Saddam Hussein nicht mehr an der Macht ist. Wenn Sie das bejahen, werden Sie auch akzeptieren können, daß jemand die Frage bezüglich Israels analog beantwortet.
Ich finde beides Quatsch. Saddam H. war ein großes Problem - nun haben wir im Iraq andere, ich würde sagen eher größere Probleme. Ähnlich wäre es mit Israel. Wäre es nicht da, hätten wir das Palästina- Problem nicht. Dafür hätten wir andere Probleme.
Ausdrücklich zustimmen kann ich all denjenigen Mitdiskutanten, die Schimpf und Schande auf unseren Alt-Außenminister schütten! Der ist ja bei Gott zionistischer geworden als viele Israelis! Aber anders kann man wahrscheinlich in Bush's USrael nicht Professor werden.
Empfehle Studium der Geschichte des Zionismus in Theorie und Praxis! Ich glaube bei solch netten Mitbewohnern im Heiligen Land würde jedem ein gewisses Schiller- Zitat in den Sinn kommen (nein, nicht das von Götz von Berlichingen, das mit den bösen Nachbarn!)
Auch ich wundere mich immer wieder über das Geschwafel der Grenzen von 1967. Diese stehen von Israel/USA aus nicht zur Debatte - fullstop. Wie heisst es so schön, wenn irgendwo in Deutschland eine Synagoge eröffnet wird: wer ein Haus baut, der will bleiben. Und wie viele zehntausend Häuser hat Israel in den letzten Jahren in den besetzten Gebieten gebaut?
Überhaupt reden die Israel-Freunde immer gerne in abstrakten Ausdrücken wie "Israel hat das Recht, sich zu verteidigen". Das muss dann fairerweise wohl auch für die Opfer der israelischen Vorwärts-Verteidigung gelten, oder? Aber wie sich Israel verteidigt, spielt auch eine Rolle. Und wenn man da etwas genauer hinsieht, zum Beispiel wie die Menschen in Gaza und Westbank derzeit vegetieren, oder wie Libanon zum wiederholten Male zerstört wurde, dann kann es einem nur schlecht werden.
Und warum der demokratische Rechtsstaat Israel mit strengeren moralisch- politischen Masstäben gemessen wird als die korrupten Familiendiktaturen der arabischen Welt? Die Frage stellen heisst sie beantworten: eben darum, weil Israel den Anspruch erhebt, ein demokratischer Rechtsstaat zu sein.
Und dann heisst es, aber haben nicht die USA gezeigt, wie sich ein demokratischer Rechtsstaat mit völkerrechtswidrigen präemptiven Kriegen gegen die vermeintliche Bedrohung durch muslimische Terroristen wehrt und dabei im Feindesland möglichst ein Vielfaches der eigenen Opferzahlen produziert? Und Israel soll das nicht dürfen?
Tja, hier wird es knifflig. Hier steht die axiomatisch behauptete moralische Oberhoheit des Westens auf der Kippe.
Und noch so ein abstrakter Spruch: "Israel kann es sich nicht leisten, einen Krieg zu verlieren." Aber sehr geehrter früherer Herr Antimilitarist Fischer, Israel hat den letzten Krieg verloren, weil es kein einziges seiner Ziele militärisch erreicht hat. Die zwei bewussten Soldaten werden jetzt wohl durch einen Gefangenenaustausch freikommen, und die Shebaa- Farmen wird Israel möglicherweise auch räumen, wenn deren Abtretung von Syrien an Libanon völkerrechtlich gültig beurkundet wird.
Dies hätte man auch ohne diesen Krieg haben können. Aber dann hätte man sich der kindlichen Freude beraubt, sein haushoch überlegenes Zerstörungspotential mal wieder auf die Bösen loslassen zu können. Jedoch mit Zerstörung alleine erreicht man offensichtlich immer weniger.
Diese Lehre aus Afghanistan, Iraq, Palästina und Libanon sollten Sie in den Mittelpunkt Ihrer Lehrtätigkeit stellen, Herr Professer, dann hätte die Welt vielleicht 'was davon!
lieber @Germanow. Die Frage ist nur, wie stellt man sich hierzu? Andererseits können wir uns diese Diskussion eigentlich sparen, denn das interessiert die betreffenden Herrschaften ungefähr so sehr wie wenn in China ein Sack Reis umfällt.
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