DIE ZEIT: Ihre Autobiografie Kokolores beginnt mit einer Szene, in der Sie als kleines Mädchen mitten in der Nacht in einer Berliner Kneipe singen. Warum hat Ihr Vater Sie an einen Ort wie diesen mitgenommen? BILD

Marianne Rosenberg: Aus Sehnsucht nach seiner Familie. Aus Sehnsucht nach dem Klang der Stimme seiner Mutter, die immer auf Festen gesungen hat und kurz nach dem Krieg gestorben ist. Er hat oft geweint, wenn ich gesungen habe.

ZEIT: Sie standen auf einem Tisch, drum herum saßen lauter ältere, zum Teil betrunkene Leute. Was haben Sie da gedacht als Fünfjährige?

Rosenberg: Die Erwachsenen waren mir suspekt, der Alkohol, das laute Gerede. Es waren verschiedene Lokale. Ich dachte damals, sie heißen alle Engelhardt; ich wusste nicht, dass das eine Bierreklame ist. Für mich war das als Kind aber etwas Selbstverständliches: Da ist der Vater und holt mich, stellt mich auf den Tisch, und ich singe. Ich hatte nur Angst, dass ich die Töne nicht treffe.

ZEIT: Wo war Ihre Mutter?

Rosenberg: Zu Hause bei meinen kleinen Geschwistern. Mein Vater rief immer von der Kneipe aus an, und meine Mutter bestellte ein Taxi für mich. Nach dem Singen bin ich mit ihm zusammen wieder im Taxi zurückgefahren.

ZEIT: Sehr ungewöhnlich für ein kleines Kind.