Historik Papageno für Elise
Wolfgang Gecks «Kleine Geschichte der Musik»: ein Buch über die Geschichten hinter der Musikgeschichte
Musik ist so alt wie die Menschheit. Das macht es nicht leichter, ihre Geschichte zu erzählen. Denn diese Geschichte existiert nicht. Allenfalls gibt es Geschichten, Plural. Martin Geck, Musikhistoriker, Wagner-Editor, Bach- sowie Mozart-Biograf, unternimmt mit seinem flüssig erzählten Bändchen Wenn Papageno für Elise einen Feuervogel fängt, eine feine Kleine Geschichte der Musik, einen Balanceakt. Ausgehend von seinem fundierten Wissen eines winzigen Ausschnitts der Musikgeschichte, der europäischen Musik der vergangenen Jahrhunderte nämlich, forscht Geck den allgemeinen Wesenszügen der Musik nach. Vom Alltagsgesang zum Kunstlied, von der Lebensfreude der Tänzer zur streng organisierten Komposition, von der Ekstase der Gemeinschaft zum Glück des Hörers beim Erkennen struktureller Zusammenhänge: Irgendwo in diesen Spannungsfeldern lebt alle Musik, das unschuldige Hirtenlied wie die große Symphonie, der spontan gereimte Freestyle-Rap wie die sakrale Motette, der kaum spürbar modulierte Techno-Track wie der am Computer entworfene Pop-Hit.
Geck versteht es, den Rahmen seiner Darstellung so zu verschieben, dass die ursprüngliche Freude am Spiel, an der Musik, neben allen Bildungsansprüchen Bestand hat. Es geht bei seiner kleinen Geschichte der Musik nicht um die bloße Verehrung ihrer Helden – Händel, Bach, Mozart und Konsorten dienen ihm lediglich als Erzählanker für die Geschichten, die verschiedene Facetten der Musik erklären. Mit dem Jubel der Sänger und Orchestermusiker bei den vom Komponisten geleiteten Proben zur Wiener Uraufführung der Hochzeit des Figaro im Frühjahr 1786 leitet Geck eine Überlegung zu Triebkräften des Künstlerdaseins ein. Die sinfonische Wucht der letzten Klavierkonzerte Beethovens kontrastiert Geck mit der Entwicklung immer klangstärkerer Flügel. Clara Schumann, die mit vier noch nicht sprechen konnte und ein Jahr später von ihrer Mutter getrennt wurde, dient ihm als Beispiel für den fehlgeleiteten Hochleistungsehrgeiz übereifriger Väter, während sich am exzentrischen Auftreten des Violinenvirtuosen Niccolò Paganini schon die Verquickung von Image und Verkaufsförderung zeigt. »Nur ein Konzert musste er verlegen, weil im Tiergarten zu Schönbrunn zum ersten Mal eine Giraffe zu sehen war; eine Giraffe ging den Wienern doch noch über Paganini«, spottete ein Freund Franz Schuberts. Schon früh macht Geck deutlich, was Hanns Eisler mit seinem Diktum »Wer nur was von Musik versteht, versteht auch davon nichts« gemeint hat.
Gecks Geschichte der Musik steuert nicht linear auf ein Ziel zu. Das macht sie so reichhaltig und spannend. Eher vollzieht sie sich in Zickzacklinien, Rückwendungen, Sprüngen und Brüchen. Ihm geht es darum, so schreibt er, das Morgenrot für jugendliche Leser zu wecken, die älteren neugierig Gebliebenen profitieren ohnehin davon. Und den Weckton schlägt er auch gleich vor: selbst Musik machen. Darauf macht seine Kleine Geschichte der Musik tatsächlich Lust. Stefan Hentz
- Datum 23.10.2006 - 12:40 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 07.09.2006 Nr. 37
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