RomanDichten bei minus 30 Grad

Christoph Ransmayrs eindrucksvolles Roman-Epos aus der Todeszone des Himalaya. von Ludger Lütkehaus

Ich starb 6840 Meter über dem Meeresspiegel am vierten Mai im Jahr des Pferdes. Der Ort meines Todes lag am Fuß einer eisgepanzerten Felsnadel, in deren Windschatten ich die Nacht überlebt hatte. Die Lufttemperatur meiner Todesstunde betrug minus 30 Grad Celsius, und ich sah, wie die Feuchtigkeit meiner letzten Atemzüge kristallisierte und als Rauch in der Morgendämmerung zerstob.«

So würde man den Anfang von Christoph Ransmayrs Roman Der fliegende Berg schreiben, wenn es sich um die übliche Romanprosa handelte. Ransmayr schreibt so:

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»Ich starb
6840 Meter über dem Meeresspiegel
am vierten Mai im Jahr des Pferdes.

Der Ort meines Todes
lag am Fuß einer eisgepanzerten Felsnadel,
in deren Windschatten ich die Nacht
überlebt hatte.

Die Lufttemperatur meiner Todesstunde
betrug minus 30 Grad Celsius,
und ich sah, wie die Feuchtigkeit
meiner letzten Atemzüge kristallisierte
und als Rauch in der Morgendämmerung
zerstob.«

Aus dem paradoxen Anfangssatz eines in der Todeszone des Transhimalaya angesiedelten Bergsteigerromans, der, wie öfter bei Ransmayr, »die Schrecken des Eises und der Finsternis« verheißt, wird ein Roman im Stil eines strophisch gegliederten Langzeilengedichtes, eines Epos oder einer Epopöe. Ich habe, Gott verzeih’ mir’s, manchmal an den Duktus von Klopstocks Messias gedacht. Ransmayr selbst spricht lieber mit gehörigem Understatement von seinem freien »Flattersatz« oder besser, mit Bezug auf den Titelberg, von seinem »fliegenden Satz«. Von einem Gedicht will er nichts wissen.

Die Erschwerung der Lektüre ist anfangs nicht unbeträchtlich. In der zeitgenössischen Romanliteratur handelt es sich um ein Unikum, ein risikoreiches formales Experiment. Gut möglich, dass sich etliche durch die Ankündigung eines Romans irregeleiteten Leser daran stoßen. Nicht alles wird man in versifizierter Form lesen wollen. »Ich verfügte über einen Eispickel und ein Paar Steigeisen«, das ginge auch in normaler Romanprosa. Doch dann gewöhnt man sich ohne Spannungsabstriche an den epischen Flattersatz. Und man gewöhnt sich nicht nur, sondern liest fasziniert die Poesie dieses Romans. Der Satz »Ich starb«, nach Wittgenstein und Derrida die »unmögliche Aussage« schlechthin, es sei denn, sein Sprecher spräche von der hohen Warte esoterischer Fortsetzungsromane des Lebens, wird zur unerhörten Anfangszeile des Epos vom Fliegenden Berg.

Freilich stellt sich der »unmögliche« Eingangssatz auch bald als falsch heraus. Nicht Pad, der Romanerzähler, den der drei Jahre ältere Bruder Liam nach einer Steinschlagverletzung mit den Bildern von Schmetterlingsschwärmen, von »Apollofaltern«, die es über die schneeverwehten Gletscher des Phur-Ri, des fliegenden Berges, herabschneit, ins Leben zurückholt, »zurückerzählt«, sondern Liam kommt in einer Eislawine um. Pad wird von einem Hirten gefunden und kann trotz der erlittenen Erfrierungen ins Lager des Khampa-Clans zurückgebracht werden. Hier hat Pad Nyema, seine Liebe, gefunden, die Witwe eines von den Chinesen umgebrachten Khampa.

Eine tödlich endende Bergsteigergeschichte, angesiedelt im chinesisch okkupierten östlichen Tibet, im Brennpunkt ein noch unerstiegener Berg. Darunter tut es Ransmayr, der Dichter notorisch »letzter Welten«, der Poet in extremis, nicht. Natürlich darf auch der Yeti nicht fehlen. Anklänge an die Nanga-Parbat-Geschichte Günther und Reinhold Messners (mit dem Ransmayr befreundet ist), auch an Joe Simpsons Bergthriller Sturz ins Leere sind hörbar. Aber Ransmayr ist nicht nur mit seinem epischen Flattersatz etwas ganz Eigenes geglückt.

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