»Wenn nichts mehr geht, werd ich ein Engel sein für dich allein«, singt die Teenieband Tokio Hotel, und wenn Sarah* dieses Lied hört, geht es ihr gut. Auch ihre große Schwester Pia* sei ein Engel, sagt die Zehnjährige. Pia kam bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Mehr als drei Jahre ist das nun her. Seither fühlt sich Sarah oft schlecht. BILD

Sie schien den Tod der Schwester einigermaßen verkraftet zu haben, dachte die Mutter. Doch irgendwann fiel ihr auf, dass das Kind sehr ruhig geworden war, sich in der Schule zurückzog. »Niemand hat was mitgekriegt«, sagt die Mutter. »Sie hat ja auch nicht darüber geredet, dass sie Probleme hat. Nur ich habe das irgendwann gemerkt.« Daran, dass Sarah oft auf stur schaltet, gereizt ist – und manchmal wegen einer Kleinigkeit in Tränen ausbricht und nicht aufhört zu weinen. Daran, dass sie immer wieder starke Bauchschmerzen hat. Die Ärzte tasteten sie ab, untersuchten sie mit Ultraschall, fanden aber nichts. Denn Sarahs Körper ist gesund. Krank ist ihre Seele.

Vielen Eltern ist nicht bewusst, dass auch schon Kinder psychische Beschwerden entwickeln – und dies nicht einmal selten: Knapp jedes fünfte Kind in Deutschland ist betroffen, jedes zwanzigste Kind gilt als dringend behandlungsbedürftig. Die Rate ist fast so hoch wie bei Erwachsenen. Neben hyperaktiven, verhaltensauffälligen oder aggressiven Kindern, deren Beeinträchtigung ins Auge fällt, weil sie ihre Klassenkameraden schlagen, ihre Lehrer nerven und ihre Eltern tyrannisieren, gibt es den großen Bereich der so genannten leisen Störungen. Depressive Symptome zählen dazu, wie Sarah sie zeigt, aber auch Angststörungen, zum Beispiel Phobien, Panikattacken oder Trennungsangst . Sie gehören sogar zu den häufigsten seelischen Erkrankungen im Kindesalter.

Bleibt die Kinderpsyche unbehandelt, wird jeder zweite Fall chronisch

Solche emotionalen Störungen fallen Eltern und Lehrern weniger auf. Sie spielen sich ja hauptsächlich im Innern des Kindes ab, in seiner Gefühlswelt. Zudem interpretierten Eltern die Anzeichen einer leisen Störung oft falsch, sagt Silvia Schneider, Kinderpsychologin an der Universität Basel. Ängstlichkeit zum Beispiel würde nicht selten für einen generellen Wesenszug des Kindes gehalten oder auf eine vorübergehende Phase in seiner Entwicklung geschoben. Deshalb werden Eltern mit ihren Kindern bei Angststörungen wesentlich seltener beim Psychotherapeuten vorstellig als etwa mit hyperaktiven Kindern, obwohl beide Störungen gleich häufig sind. Ähnlich bei der Depression: Wer hält es schon für möglich, dass auch ein Grundschulkind daran erkranken kann?

Sarahs Fall ist insofern eine Ausnahme, als dass die Mutter von sich aus psychische Ursachen für die Beschwerden ihrer Tochter in Betracht zog. Eine Bekannte riet ihr, eine Psychotherapeutin zu kontaktieren. Nun ist Sarah in Behandlung, bekommt professionelle Hilfe. Denn psychische Probleme im Kindesalter, gleich welcher Art, wachsen sich nicht aus, verlieren sich nicht, wenn das Kind heranwächst – eine Meinung, die lange weit verbreitet war, von der Wissenschaft inzwischen aber mit handfesten Zahlen widerlegt werden kann. In etwa jedem zweiten Fall verläuft eine kindliche Erkrankung der Seele chronisch, wenn sie nicht behandelt wird. Die Hälfte aller Angststörungen beginnt schon vor dem elften Lebensjahr. Und neun von zehn Menschen, die im Kindesalter unter Trennungsangst litten, sind als Erwachsene psychisch krank: Sie leiden zum Beispiel unter einer Panikstörung, einer manisch-depressiven Erkrankung oder sind alkoholabhängig.

Wie vielen Patienten hätte man seelische Qualen ersparen können, hätte man ihre Krankheit nur früher erkannt, ernst genommen und vor allem behandelt? Die Aussichten einer frühzeitigen Therapie gelten als besonders gut. Aber sollte eine Psychotherapie schon im Kindergarten- oder Grundschulalter beginnen? Günter Esser, Psychologe an der Universität Potsdam, bejaht diese Frage mit Bestimmtheit: »Der Veränderungsspielraum ist im Kindesalter einfach größer.« Kinder entwickelten sich ständig und in viel drastischerem Maße als Erwachsene weiter, entdeckten neue Seiten an sich und der Umwelt. Therapeuten hätten bei ihnen viel mehr Möglichkeiten als bei erwachsenen Patienten, diese Entwicklungsdynamik zu nutzen, sagt Esser.