Abschiedsbücher zählen zu den traditionellen Mitbringseln deutscher Fernsehkorrespondenten, wenn sie aus den USA zurückkehren. In vielen Fällen hätten die Heimkehrer lieber darauf verzichten sollen; Bildschirmprominenz allein ist noch keine Garantie für sinnvoll gefüllte Buchseiten. Schon diese Erfahrung weckt Interesse daran, was denn wohl Tom Buhrow, künftig immerhin eines der TV-Monumente hierzulande, mitgebracht hat. Die Überraschung beginnt schon vor dem Lesen. Vom Umschlag strahlt nicht nur der neue Moderator der Tagesthemen, sondern auch seine Frau Sabine Stamer. Ein Ehepaar verarbeitet also gemeinsam seine amerikanischen Erlebnisse. Das spricht für geordnete Familienverhältnisse und sorgt wegen unterschiedlicher Temperamente für eine gewisse Spannung.

Weil sie als gemischtes Doppel auftreten, meiden die Autoren auch die gewohnten Themen. Wer über Amerikas Macht oder Ohnmacht lesen möchte, braucht die Schutzfolie des Buches gar nicht erst aufzureißen. Große Politik findet nicht statt; es sei denn, sie spiegelt sich in dem sehr sensibel beschriebenen Verhältnis zwischen Schwarz und Weiß oder – leider weniger aufschlussreich – in den Zeilen über die Auswirkungen permanenter Terrorismusgefahr. In erster Linie aber gibt Mein Amerika – Dein Amerika Anschauung davon, wie das Leben drüben so spielt.

In der O Street in Washington, D. C., zum Beispiel, wo die Autoren ihr Domizil hatten. Sie durchquert das teuer-bürgerliche Georgetown und endet im Osten der Stadt in heruntergekommenen, gefährlichen Vierteln der Afroamerikaner. Eine Straße, die von vielen der Gegensätze des Landes gesäumt wird: Wohlstand, Sicherheit, ja Luxus an einem Ende, Armut, Drogenhandel und Bandenmord am anderen.

Buhrow und Stamer bemühen sich, ohne Häme oder erhobenen Zeigefinger auszukommen. Eher belustigt beschreiben sie, dass auch die amerikanische Bürokratie ihre Tücken hat, wenn es beispielsweise gilt, einen Führerschein zu beantragen. Oder dass ein Autokauf durchaus zu einer Art Schmierenkomödie geraten kann, die dem Kunden gute Nerven abverlangt. Ebenso informativ wie amüsant geraten die Anmerkungen über das Verhältnis der Amerikaner zum Sex. Nach Präsident Clintons erotischen Eskapaden im Weißen Haus scheinen die Maßstäbe zumal bei der amerikanischen Jugend durcheinander geraten zu sein; selbst intimste Liebkosungen fallen inzwischen unter Bills Amnestie. Gleichzeitig benennen die Autoren Beispiele für übertriebene Prüderie, die sie zu dem Schluss leiten, dass »die natürliche, gar unschuldige Nacktheit … aus der amerikanischen Vorstellungswelt« verschwunden ist.

Amerika ist eben anders, in mancher Hinsicht. Auffallende Besonderheiten mitten aus dem Alltag anschaulich darzubieten macht den Charme des Buches aus. Es hilft, die Amerikaner besser zu verstehen. Buhrows/Stamers Mitbringsel bereitet Lesevergnügen, und zum Umgang mit der Politik wird der Moderator der Tagesthemen ohnehin noch oft genug gezwungen sein.
Dieter Buhl

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