Siebeck Eier, Brot und Teufel

Warum heißt Schwarzbrot Graubrot? Ist genetisch veränderter Fisch gefährlich? Wie ertrage ich Horrorfilme ohne Popcorn? Wolfram Siebeck stellt sich wichtigen Fragen seiner Leser

Während sich die Jüngeren (oder Unerfahreneren) unter meinen Lesern mit dem Sommerseminar beschäftigten, das Zwiebelschneiden lernten, das Ausnehmen eines Tintenfischs und das Backen eines Mahlberger Schlosskuchens, stellte der Rest der Leserschaft sich (und mir) ganz andere Fragen zum Thema Genuss und Lebensart. Meine Antworten auf ein paar der drängendsten Fragen will ich Ihnen nicht vorenthalten:

Nicht in jedem Hotel gibt es Eier im Glas zum Frühstück. Aber wenn es sie gibt, steht auf der Karte immer »2 Eier im Glas«. Warum ist das so?

Weil 1 Ei nicht im Glas, sondern im dafür vorgesehenen Eierbecher serviert wird, während 3 Eier zum Frühstück für die meisten Menschen zu viel sind. Allenfalls als Rührei verdrücken manche Sportsfreunde drei in der Pfanne verrührte Eier. Das habe ich jedenfalls in Frühstücksräumen großzügiger Hotels beobachtet, wo enorme Mengen Rührei auf dem Frühstücksbuffet warm gehalten werden. Dass man die nicht in Gläser abfüllen kann oder sein Frühstück nicht mit in Gläsern abgefüllten Rühreiern anreichern möchte, sollte unter Genießern selbstverständlich sein.

Unlängst war ich auf Städtetrip in Paris. Dort entdeckte ich in einer Konditorei die berühmten Madeleines. Ich kenne sie aus den Feuilletons unserer Zeitung, wo immer wieder der Dichter Proust zitiert wird, der die Madeleines in seinen Tee tunkte, worauf ihm ganz anders wurde: Es kam ihm die Erinnerung an seine Kindheit hoch sowie an den Duft irgendwelcher Rosenhecken und das Parfüm seiner Freundinnen.
Ich hatte also einen gehörigen Respekt vor diesem Gebäck. Ich kaufte 300 Gramm und nahm sie mit nach Hause, ich wohne in Wien. Nun muss ich gestehen, dass diese Madeleines nicht besser schmeckten als der Butterkuchen von Bäcker Barnstorff und keinerlei Erinnerungen an Parfüms oder Rosenhecken weckten. Ich habe sie in Tee getunkt und in Kaffee mit und ohne Milch. Sie waren gleichmäßig schwach an Aromen und erinnerten mich bestenfalls an den Anblick von Notre-Dame, wo unser Bus parkte und wir in den umliegenden Cafés ganz abscheulich übers Ohr gehauen wurden.


Ihre hoch interessante Frage lenkt meinen Blick auf zwei Phänomene. Da ist einmal die Welt der Globalisierung, die Sie so treffend beschreiben, zu der auch die der berühmten Torten und Gebäckstücke gehören. Als Wienerin werden Sie wissen, was mit der Sachertorte, den Mozartkugeln und den original Buchteln geschah. Warum sollte es den Madeleines des Monsieur Proust anders ergehen?

Was nun dessen häufige Erwähnung im Feuilleton Ihrer Tageszeitung angeht, so scheint es sich dabei um eine bemerkenswerte Anomalie zu handeln. Denn Wiener Feuilletons berufen sich fast ausschließlich auf Torberg, Kraus und Qualtinger. Woran sich – entschuldigen Sie! – meine zweite Frage anschließt: Wohnen Sie wirklich in Wien? Ihre Erwähnung des Bäckers Barnstorff und seines Butterkuchens lässt mich vermuten, das Sie eher im niedersächsischen Teufelsmoor beheimatet sind.

Warum heißt Schwarzbrot Graubrot, wo Graubrot in Wirklichkeit doch fast immer Weißbrot ist?

Sie haben vergessen, den Pumpernickel zu erwähnen, der Ihre Frage endgültig dem Surrealismus zuordnen würde. Aber im Ernst: Wenn sich Graubrot fast nicht von Weißbrot unterscheiden lässt, liegt das zweifellos daran, dass den Konsumenten das Gefühl für Zwischentöne abhanden gekommen ist, wohingegen den Bäckern vom Zwischenhändler die backfertigen Mehlmischungen fast immer unter der Bezeichnung Graubrot verkauft werden. Beim Konsumenten – vor allem, wenn der die Empfehlungen der Diätapostel ernst nimmt – hat sich der Glaube festgesetzt, dass weißes Mehl auch weißes Brot ergibt und alles, was weiß ist, die Potenz schwächt. Die Konsumentin hingegen fürchtet, von weißem Brot dick zu werden. So kam das Weiße in Verruf und Graubrot in die Hitparaden. Dass es sich um die gleiche Art von Brot handelt, fiel niemandem auf, weil sich alle darüber wunderten, wieso es kein Schwarzbrot gab, und wenn es das gab, wieso es aussah und schmeckte wie Graubrot, das eigentlich ein Weißbrot ist.

Wir Deutsche sind für unseren Reichtum an Brot bekannt und haben immer tief nachgedacht.

Wie kann ich sicher sein, dass der Fisch, den ich kaufen will, ein wild aufgewachsener Fisch, also kein Zuchtfisch ist?

Sie können sicher sein, dass fast jeder Fisch, den Sie bezahlen können, aus einer Fischzucht stammt. Und wenn Sie heute noch einen »wilden« Kabeljau kaufen und bezahlen können, so wird es damit in wenigen Jahren vorbei sein. Denn ausnahmslos alle Fische werden in zu großen Mengen gefischt und dadurch ausgerottet. Die industrialisierte Fischerei, die dafür verantwortlich ist und daran verdient, wird sich morgen der Fischzucht widmen und es auch dort weit bringen. Wir, die Konsumenten, dürfen immer nur das essen, was man uns vorsetzt. Dieser Trend wird sich verstärken und zu einer Sorten- und Geschmacksdiktatur führen.

Durch eine Fernsehdokumentation habe ich erfahren, dass in speziellen Forschungszentren Versuche mit genetisch veränderten Fischen gemacht werden. So soll es gelungen sein, Fische so zu verändern, dass sie dreimal so schnell wachsen wie normalerweise und auch dreimal so dick werden. Ist der Verzehr solcher Monstren für den Menschen ungefährlich?

Ich weiß es nicht. Das wird sich erst herausstellen, wenn wir uns alle eine Zeit lang von genetisch veränderten Fischen ernährt haben. Da der Mensch sehr anpassungsfähig ist, sehe ich keine dauerhaften Probleme. Vielleicht werden ein halbes Jahrhundert lang deformierte Menschen geboren, vielleicht entwickeln sich neue Krankheiten – gegen die die Pharmaindustrie auch neue Medikamente erfinden wird. Wenn diese wunderbare Fischvermehrung im großen Stil gelingt und großen Profit abwirft, werden wir ihr nicht entkommen, egal welche Konsequenzen das für unsere Gesundheit hat. Wir sind auch der Industrialisierung nicht entkommen, so ungesund sie auch war.

Meine Großmutter, die mit in unserem Haushalt wohnt, konterkariert meine Bemühungen, unsere Kinder (6 und 9 Jahre) zu Sauberkeit und Hygiene anzuhalten, mit der Redensart »Dreck reinigt den Magen«. Sie sei fast 90 Jahre geworden, ohne je so »pingelig« gewesen zu sein, wie mein Mann und ich es von unseren Kindern verlangten. Was tun?

Sauberkeit und Hygiene sind Bestandteil moderner Lebensweise und tragen sicherlich zur längeren Lebenszeit heutiger Menschen bei. Es gibt jedoch eine übertriebene Bazillenfurcht, die bei manchen Menschen zu Psychosen führt. Einem Zahnarzt sollte man es nachsehen, wenn er sich im Laufe seines Arbeitstages zwanzigmal die Hände wäscht, und seine Patienten verhalten sich korrekt, wenn sie sich vor einem Termin bei ihm zusätzlich die Zähne putzen. Ihre Großmutter hat zwar mit ihrem provozierenden Spruch nicht Recht, aber eine gewisse Gewöhnung an den uns umgebenden Schmutz stärkt vielleicht (!) das Immunsystem.

Immer wieder werde ich aufgefordert, kein Fast Food zu essen, vor allem aber kein Popcorn. Nun bin ich aber ein Kinofan und gehe oft ins Kino. Wie kann ich ohne Popcorn die Horrorfilme ertragen?

Darauf kann ich nur im Stil von J. F. Kennedy antworten: Frage nicht, wie du Hollywood ertragen kannst, sondern wie andere Filmfans dich ertragen, wenn du im Kino Popcorn isst.

Das gilt auch für andere Formen von Fast Food, bei deren Verzehr man dich beobachtet hat. So haben dich viele gesehen, darunter auch Kinder und schwangere Frauen, wie du auf der Lindenallee einen Hamburger gegessen hast, von dem die Hälfte auf den Boden gefallen ist. Sogar dein geliebtes Popcorn hast du auf der Straße gegessen (Bushaltestelle Hauptpost), und zwar mit beiden Händen aus einer Tüte, wobei du die Körner um dich herum verstreut hast. Und wieso erträgst du den Gestank der Frittenbude, vor der du herumlungerst und Ketchup auf den Boden klackerst?

Vom Spargel sagt man immer, er dürfe erst am frühen Morgen gestochen worden sein, wenn er mittags gut schmecken soll. Warum verlangt man diese Frische nicht von Eiern?

Weil die tagesfrischen Eier zuerst nach Tunesien transportiert werden, wo das Abstempeln billiger ist als bei uns. Danach müssen sie in Brüssel vermessen werden, ob sie auch die geforderten EUMaße besitzen. Darauf folgt meistens ein Wochenende, an dem Lastwagen nicht fahren dürfen. Deshalb gibt es keine tagesfrischen Eier.

 
Leser-Kommentare
  1. Wie tief hatten Sie in die ökologisch an- und ausgebaute Riesling-Auslese geblickt als Sie die Leseranfragen (Eierkennzeichnung und Gentechnik bei Fischen) in der letzten Ausgabe der Zeit beantwortet haben? Seriöser Journalismus basiert bekanntlich auf solider Recherche und nicht aus einer Mischung von urbanen Legenden und Handgelenkschütteln!
    1. Wenngleich die Unbedenklichkeit von gentechnisch veränderten Lebensmitteln nicht zu 100 % erbracht ist, gibt es derzeit keinerlei Hinweise darauf, dass der Verzehr z.B. von entsprechendem Mais oder Lachs, gesundheitsschädlich ist. Folglich ist die Befürchtung einer deformierten Menschheit von Herrn Siebeck an den Haaren herbeigezogen und auf dem journalistischen Niveau der Bildzeitung.
    Übrigens: Der Kabeljau ist vom Aussterben bedroht, weil er noch nicht in Aquakultur gehalten werden kann – ein für den Kabeljau bedauerlicher Umstand!
    2. Viele Leistungen sind im Ausland günstiger zu erwerben – das Stempeln von Eiern aber können wir uns tatsächlich auch in Deutschland noch leisten. Das heißt, ein legefrisches Ei gibt es genauso wie frisch gestochenen Spargel – direkt ab Hof. Für den Weg in den Lebensmittelhandel benötigen sowohl Ei als auch Spargel ein wenig Zeit – auch ohne Umweg über Tunesien und Brüssel. Dank ausgeklügelter Kühl- und Lagertechnologie werden jedoch weder der belehrte Leser noch Herr Siebeck einen Qualitätsverlust feststellen können.
    Abschließend möchten wir dem Autor dringend empfehlen, sich mit der Beantwortung von Leserfragen zu beschäftigen, die in seine Kompetenzbereiche fallen. Sollte dieses Programm Herrn Siebeck nicht ausfüllen, kann er ja mit seinem Mercedes-Kombi Weinkartons durch Europa karriolen – oder auf ein vorindustielles Pferdegespann umsteigen…. reine Geschmacksache!

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service