Weil er ein Aufklärer ist. Wohl wahr, so steht es in jedem Lexikon. Karl Philipp Moritz, geboren vor 250 Jahren, am 15. September 1756 in Hameln, gestorben, noch keine 37, am 26. Juni 1793 in Berlin an einem Lungenleiden. Kleiner Leute Kind, wie so viele Große der Zeit, von Winckelmann bis Schiller. Zeitungsmann, Schulmann, am Ende Professor (und Professor sein ist ja oft das Ende, in Deutschland). Mitglied aller Berliner Akademien, im Kreis der wackeren preußischen Aufklärer, die von Friedrich II. freundlich toleriert und herzlich ignoriert wurden. "Mendelssohn, Sulzer, Abbt, Moritz, Garve, Engel und Biester", zählt Heinrich Heine sie ein halbes Jahrhundert später für seine französischen Leser auf, aber "Moritz ist mir der liebste".

Weil er also ein Aufklärer ist. Weil sein Werk auf ganz ungewöhnliche Weise zeigt, was Aufklärung heißt. In Moritz’ großem autobiografischem Roman Anton Reiser (1785 bis 1790), dem einsamen deutschen Gegenstück zu Jean-Jacques Rousseaus Bekenntnissen, übersetzt in alle Sprachen der Welt (und selbst als Penguin-Taschenbuch erhältlich), erlebt der Leser, wie der Held die berühmte Definition der Aufklärung von Immanuel Kant körperlich nimmt. Wie er hinausgeht aus der Unmündigkeit, durch düstere Handwerkerstuben und trübe Schulzimmer, immer weiter und weiter und oft auch, der sublime Ironiker Moritz weiß das recht kunstvoll zu gestalten, im Kreis. Einen melancholischen Hans im Glück zeigt er uns in dem jungen Mann Reiser, der eine Illusion gegen die andere eintauscht, bis er zuletzt im eigentlichen Sinne enttäuscht dasteht und die Theatertruppe, der er sich anschließen will, verschwunden ist, "eine zerstreuete Herde", wie der berühmte Schluss des Romans lautet.

Aufklärung ist eben nichts anderes als ein Wort für Illusionslosigkeit, Gewissheitsverzicht, für Freiheit. Oder, mit der renommierten amerikanischen Politologin Janis Joplin zu singen, for nothing left to lose. Anton Reiser hat sich befreit aus dem Gefrömmel seines Elternhauses, eine neue Herde, eine neue Religion aber hat Karl Philipp Moritz nicht gefunden, nicht einmal die der Aufklärer, die Religion der Vernunft.

Auch seinen Freund Salomon Maimon ermutigte er, die eigene Biografie niederzuschreiben, 1792, ebenfalls als die Geschichte einer Befreiung, in Maimons Fall aus der jüdischen Orthodoxie. Das ist ein Bockshorn, sagt der junge Maimon "ganz dreist" zu dem examinierenden Oberrabiner, als der ihn feierlich nach Wesen und Bedeutung des Schofars fragt. Und in seinem großen Italienbuch, Ergebnis des Rom-Aufenthalts 1786 bis 1788, erzählt Moritz die Geschichte vom neuen Papst, der zum ersten Mal auf den Balkon des Petersdoms tritt. Er erstaunte "über die Menge Volk und fragte, wovon sie lebten. Sie betrügen einer den andern, erwiderte ein Prälat; und ich sie alle insgesamt!, versetzte der Papst, indem er die Hände aufhob, um den Segen zu erteilen." Aber Moritz sieht auch die andere Seite. "Ein armer Bauer, der vor mir kniete, hatte eine Anzahl Rosenkränze in seinem Hute, die er durch den Segen des Papstes weihen ließ. Während der Pause zwischen dem ersten und dem zweiten Segen schüttelte er sie sorgfältig um, damit die untersten nach oben kamen und auch durch den Segenspruch geweiht werden möchten."

Moritz, der rabiate, Moritz, der zärtliche Aufklärer. Der das Glück der Freiheit kennt und das Glück der Beschränkung sieht. "Moritz", sagt Heine, "ist mir der liebste."

Weil er der erste deutsche Romantiker ist, nachtbegeistert, traumvertraut. In Moritz’ frühem Erfolg, dem Bändchen über seine Fußreise durch England, können wir sie miterleben, die Geburt der deutschen Romantik aus dem Geist der Experimentalphysik.

In der Höhle von Castleton in Derbyshire, die der Wanderer besichtigt, spielt der Fremdenführer, eine wahre Charonsgestalt, mit dem Kerzenlicht. Der Effekt der simplen Vorführung ist überwältigend. Der dunkle Raum scheint alle Grenzen zu verlieren, scheint sich in süße Nacht aufzulösen. Tief unten, im Schoß der Erde, im Fels, verschmelzen Innen und Außen zum All. Und als der Mann von einer kleinen Erhebung innerhalb der Höhle sein flackerndes Lichtchen "hinunterschimmern" lässt zu dem Besucher, der unten stehen geblieben ist und die eigene Kerzenflamme verdeckt hält – da "war es, als ob in dunkler Mitternacht, durch dicke Wolken ein Stern hinunter glänzte: ein Anblick, der alles an Schönheit übertraf, was ich gesehen hatte".

Novalis? Nein, Moritz 1783.

Weil er ein Realist ist, ein Naturalist geradezu. Der Anton Reiser, das England- und das Italienbuch, aber auch die zehn Jahrgänge seines Magazins zur Erfahrungsseelenkunde, der ersten psychologischen Zeitschrift überhaupt, bergen einige der schönsten literarischen Fotografien aus dem Deutschland des 18.Jahrhunderts, die wir besitzen. So sehen wir Antons finsteren Braunschweiger Lehrherrn, den hochquietistischen Hutfabrikanten Lobenstein, in einem einzigen beiläufigen Satz festgehalten. "Seine Leute konnten ihm nie genug arbeiten – und er machte ein Kreuz über das Brot und die Butter, wenn er ausging." Ein Kreuz, um Brot und Butter zu segnen, wie es frommer Art geziemt. Und um später kontrollieren zu können, ob jemand heimlich davon genommen hat. So viel zum Zusammenhang zwischen Frömmigkeit und Kapitalismus.

Aber es ist nicht nur dieses Deutschland von unten, die "durch bürgerliche Verhältnisse unterdrückte Menschheit", nicht nur diese Wirklichkeit, die er festhält. Es ist die Wirklichkeit der Seelenzustände, wie sie niemand zuvor in deutscher Sprache erfasst hat. Es ist die Wirklichkeit des Schmerzes und der Angst, die Wirklichkeit der Einbildung und Sinnestäuschung, die Einmaligkeit der individuellen Erfahrung, der – in den Worten des Moritz-Verehrers Peter Handke – "wahren Empfindung".

"Aus dem wirklichen Leben" will der Anton Reiser erzählen. "Fakta" soll das Magazin zur Erfahrungsseelenkunde sammeln, "Fakta und kein moralisches Geschwätz". So ist diese einmalige Sammlung tatsächlich ein Magazin geworden, ein Seelenspeicher voller Fallgeschichten. Auf "Raisonnement" wird verzichtet. Schon dem Kind Anton bleiben sie fremd, die "Wörter, die sich auf heit und keit und ung endigten". Denn, schreibt Moritz in seinem Ideal einer vollkommnen Zeitung, das er 1784 entworfen hat, denn "nur das Einzelne ist wirklich".

Weil er ein Mystiker ist und wie jeder Mystiker von der Welt und dem Menschen als etwas Ganzem träumt. Es war ein bisschen Geist der Zeit. Bei Denis Diderot findet man Gedanken dieser Art oder bei dem philosophischen Arzt Ernst Platner, der in Leipzig lehrte und schwer in Mode war. Im Anton Reiser gewinnt dieser Entgrenzungstraum elementare Kraft: "Er stand oft stundenlang und sah so ein Kalb, mit Kopf, Augen, Ohren, Mund und Nase an; und lehnte sich […] so dicht wie möglich an dasselbe an, oft mit dem törichten Wahn, ob es ihm nicht vielleicht möglich würde, sich nach und nach in das Wesen eines solchen Tieres hineinzudenken – […] und zuweilen vergaß er sich [dabei] so sehr, daß er wirklich glaubte, auf einen Augenblick die Art des Daseins eines solchen Wesens empfunden zu haben."

Der Mensch ist ganz geboren, und überall wird sein Leben zerstückelt. Dieses Leidmotiv durchzieht Moritz’ psychologische, pädagogische, philosophische Schriften. Bis in die kühne Kunsttheorie hinein, die Goethe, den Freund, so beeindruckt hat. Jahre vor Kant ist es Moritz, der die Autonomie des Kunstwerks fordert, der es befreit sehen will vom Nützlichkeitsjoch, von der Aufgabe, zu erbauen, also religiös zu belehren oder aufklärend zu agitieren. "Daß wir selber sind", schreibt er 1788 in Rom, "ist unser höchster und edelster Gedanke. Und von sterblichen Lippen lässt sich kein erhabneres Wort vom Schönen sagen, als: es ist!"

Weil er ein Idylliker ist. Weil er, wie sonst vielleicht nur Jean Paul, den er entdeckt hat für die Literatur, alle Bitterkeit umschmelzen kann in einen leichten Stoff aus Witz, Melancholie und süßer Träumerei. Eine Art somnambuler Ironie liegt über vielen Szenen des wunderlichsten Buches, das er geschrieben hat: dem Andreas Hartknopf. Das kleine, zweiteilige Werk – Jean Paul nennt es sein "Schoos-Buch" – ist das Gegenstück zum Anton Reiser: freimaurerisch mystelnd und verrätselt. Darin erheitert sich Moritz über die wackeren Philanthropen und Reformpädagogen genauso wie über das deutsche Pfarrhaus. Doch mehr als die satirische Verfremdung bleiben dem Leser seltsam schwerelose Momente in Erinnerung, Traumszenen in einem dämmrigen Kunstlicht, Scherenschnitte. Ein wenig unheimlich weht es durch diesen Idyllenkranz. Stets spürt man eine Bedrohung, wenngleich der Erzähler sie mit leichter Hand rasch wieder im Komischen auflöst, etwa als der junge Hartknopf bei seiner ersten Predigt exaltös an die hölzerne Taube stößt, den Heiligen Geist, der über der Kanzel schwebt, und dieser krachend zur Erde saust.

Denn ein Katastrophiker, das ist er auch, und auch dieser Moritz lohnt die Lektüre. Eine Heidelberger Studententruppe hat 1986 sein Stück Blunt entdeckt und kühnen Muts auf die Bühne gestemmt – eine Uraufführung 206 Jahre nach der Veröffentlichung des Jugendwerks, laut Brockhaus "die erste dt. Schicksalstragödie". Inzwischen haben etliche Bühnen das Schauerstück um einen Familienmord nachgespielt.

Besonders geheimnisumwittert blieb bis heute allerdings eine Inszenierung, die nie zustande kam. Andrea Breth wollte Blunt 1994 auf der Berliner Schaubühne zeigen, mit Bernhard Minetti und anderen ruhmreichen Schauspielkünstlern. Nach Wochen des Hin und Hers wurde die Premiere kurzerhand abgesagt, das Programmheft war bereits gedruckt. Und doch ist dieses spektakuläre Scheitern vielleicht die sinnigste Hommage an das Werk, das, halb Strindberg-Grusical, halb Splatter-Film, den ewigen Bürgertraum von der heiligen Familie in Trümmer legt und aus der Keimzelle der glücklichen Gesellschaft eine groteske Tobsuchtszelle macht. Ein Jugendstreich, von dem aus Linien ins spätere Werk führen. Denn die Angst vor dem Einsturz, Absturz, die sich stets mit der heimlichen Lust an der Katastrophe verbindet, bleibt Moritz treu. Immer wieder tut sich da eine Untiefe auf, eine "Enge", dunkler Grund. Auch das gehört zu diesem Autor und den faszinierenden Klüften seines Werks.

Weil er ein Entdecker ist, ein Experimentierer. Ob er über das Phänomen der Erinnerung nachdenkt oder zusammen mit Goethe in Rom etymologische Übungen treibt ("Es ist das witzigste Spiel von der Welt und übt den Sprachsinn unglaublich", Goethe) – immer hören wir ihn mutmaßen und bei aller Abneigung gegen die "Abstracta" neue Theorien spinnen. Mit seinen "drolligen" Einfällen bezaubert er die Damen in den Salons von Berlin und in Weimar, wo er sich nach seiner Romreise für einige Wochen einquartiert hat. Wie ein Ethnologe beobachtet er sich selbst, seine Seelenzustände, macht sich zum Objekt seiner Versuche. Ja, manchmal scheint es so, als hätte er sein ganzes Leben sich selber zum Experiment gelebt bis hin zu der kuriosen Ehe, die er noch wenige Monate vor seinem Tod mit der Schwester eines Berliner Buchhändlers, mit der blutjungen Christiane Friederike Matzdorff, schließt.

Weil er ein wundersamer Pädagoge ist. Durch sein "originelles Genie" lernten wir "Geschmack im eigenen Denken zu finden", erinnerte sich einer seiner Schüler. Nur "Sachkenntnisse" habe der Lehrer leider keine vermittelt.

Phantasie bleibt Moritz stets wichtiger als Wissen, Intuition geht ihm über Konstruktion. Doch schlagen wir sein Neues A. B. C. Buch von 1790 auf – Großes Welttheater und Sendung mit der Maus in einem –, dann finden wir sehr wohl auch die "Sachkenntnisse", die ihm wichtig sind. "Ungleichheit" lautet ein Stichwort, und Moritz erklärt dem kleinen Fibelanten, warum sich die Welt der Pflanzen in diesem Punkt nun tatsächlich von jener der Menschen unterscheidet. "Die Pflanzen sind einander ungleich." Die Menschen aber sind das nicht: "Die armen und niedrigen Menschen sind eben so gebildet [geschaffen] wie die Reichen und Vornehmen. Ein jeder Mensch ist der Hilfe bedürftig. Wenn die armen und niedrigen Menschen schwach und krank sind, so bedürfen sie der Hilfe. Und wenn die Reichen und Vornehmen schwach und krank sind, so bedürfen sie auch der Hilfe. Kein Mensch muß den andern gering schätzen. Denn es ist die höchste Würde, ein Mensch zu sein."

Die Brüder Humboldt gehörten zu seinen Schülern und Studenten, Schadow, Tieck und Wackenroder.

Weil er ein Moderner ist, ein Zeitgenosse. So lesen wir ihn heute. Wir entdecken Proust und Kafka, Robert Walser, Freud und Beckett in Moritz’ Schriften, es ist uns gar nicht anders mehr möglich. Hat man das Unglück, gleich nach dem Anton Reiser den Wilhelm Meister zu lesen, so erscheint dieser plötzlich tönern und just in seiner angestrengten Zeitlosigkeit seltsam altbacken. Anton Reiser dagegen wird zum Zeitgenossen, in seiner Enttäuschungsarbeit, mit seiner Fremdheitserfahrung, seiner narzisstischen Selbsterhöhungs- und Selbstzerstörungslust, seiner Hypochondrie, seiner Hysterie, seiner Angst, seinem zähen Lebenswillen, seiner Einsamkeit, vor allem aber in seiner gewissenhaften Unfähigkeit, das eigene Leben in höherem Sinne zu deuten.

Weil er ein Klassiker ist (denn nur ein Klassiker kann, in welchem Jahrhundert er auch immer gelebt und gearbeitet haben mag, zum Zeitgenossen werden). Ein später Klassiker, der jüngste deutsche Klassiker. Erst im 20. Jahrhundert verbreitete sich die Kunde vom genialen Moritz, erst jetzt, im 21., gehört er zum Kanon, lesen ihn die Schüler, das ist brav. Und erst jetzt erscheint der erste Band der großen kritischen Werkausgabe der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften – das inspirierte Buch über die Feste und Bräuche der antiken Römer, Anthusa oder Roms Alterthümer, fast 800 Seiten, liebevoll ediert von Yvonne Pauly.

Ein "Grenz-Genie" hat Jean Paul seinen Entdecker Karl Philipp Moritz einmal genannt, vielleicht nicht ohne eine Spur sanfter Abschätzigkeit. Doch genau das ist dieser Autor, wenn auch in einem ganz anderen Sinne: ein Genie der Grenzüberschreitung, der Entgrenzung. Als Aufklärer und Romantiker, als Idylliker und Katastrophiker, als Realist und als Mystiker. Und der ganze Moritz, der sollte es schon sein.

Neuausgaben von Karl Philipp Moritz' Werk